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Perry Rhodan Romanrezension Band 2604

Wim Vandemaan
Die Stunde der Auguren

Perry Rhodan Nr. 2604
Rastatt, 15.07.2011
Romanlänge: 59 Seiten/ 1,95 €
Titelbild: Oliver Scholl
Innenillustration: Dirk Schulz/Horst Gotta
Beilage: Perry Rhodan-Quartett, Teil 4
Standards: Perry Rhodan-Report Nr. 448, Kommentar, Leserkontaktseite, Glossar

Das Solsystem befindet sich nicht mehr an seinem angestammten Platz in der Milchstraße, es wurde komplett von einer unbekannten Macht versetzt. Langsam kommen die Bewohner Terras wieder zu sich, erwachen aus tiefster Dunkelheit und anfänglicher Orientierungs-losigkeit. In der Solaren Residenz beruft Reginald Bull, der Terranische Resident, die erste Krisensitzung ein, der noch viele weitere folgen werden.
Informationen werden gesammelt, Schlüsse gezogen, Erkenntnisse erarbeitet.
Im Zuge der räumlichen Versetzung des Solsystems kam es wohl auch zu einem Zeitverlust von noch unbekannter Größe. Zudem hat sich die Struktur des Sonnensystems verändert und zwar insofern, dass sogar Teile der Oortschen Wolke (auch: zirkumsolare Kometenwolke) in das Innere des Systems verlagert wurden. Auf den Planeten herrscht allgemein Chaos. Es kommt zu Phänomenen, die der bekannten Physik, den herrschenden Naturgesetzen widersprechen: Gravospaltung, Nirvana-Phänomen (Auflösen von Materie). Manche Bewohner sind von einer Art Demenz betroffen und die Verdunkelung des Geistes wurde vermutlich ebenfalls gezielt herbeigeführt. Das Solsystem befindet sich in einer Art Miniatur-Universum, einer Raum-Zeit-Blase von 150 Lichtjahren im Durchmesser und gemeinsam mit 47 weiteren Sonnen. Zu allem Überfluss kann der Kristallschirm (auch TERRANOVA-Schirm) nicht mehr aufgebaut werden, womit das Sonnensystem quasi schutzlos ist. Dann dringen unbekannte Raumschiffe in das Solsystem ein und steuern auf die Sonne zu.

Parallel zu diesen Ereignissen ist der Journalist Shamsur Routh auf der Suche nach seiner Tochter Anicee, deren Mutter übrigens die Erste Terranerin Henrike Ybarri ist, und deren Freundin Auris. Seine Suche führt Routh von Terrania nach Hamburg, wo er auf einer der Ebenen der Reeperbahn Anicee und Auris findet. Mit ihnen wird er Zeuge der Rede des Auguren Stradnaver. Routh verfolgt Stradnaver und erlangt Kenntnis von einem geheimnisvollen Projekt der Fremden. Routh fliegt zurück nach Terrania, wo der Augur Stradhaird zu den - überwiegend jungen - Terranern spricht. Auch bei ihm geht es um die Sonne. Die erneute Begegnung von Routh, Anicee und Auris endet in einer Katastrophe.

Nimmt man PR # 2604 zur Hand, fällt als Erstes der andere, abweichende, neue Stil der Titelillustration ins Auge. Zwar ist das nicht das erste Titelbild, das der ehemalige Risszeichner, Oliver Scholl, zur Perry-Rhodan-Serie beisteuert (eine Vierer-Staffel gab es bereits beim TERRANOVA-Zyklus), aber stilistisch hebt er sich deutlich von den Stamm-Zeichnern Schulz, Papenbrock und Kelsner ab. Die verwaschenen Pastelltöne, die Retrooptik, das Motiv könnten glatt einem Modejournal entstammen und in einer Mall, wie sie auch heute bereits existieren, aufgenommen sein, wären da nicht die Explosionen im Hintergrund. So spielt das Cover auf die Kaufhaus-Szene gegen Ende des Romans an und kombiniert die dargestellte, vordergründige Szenerie mit der Stahlorchidee, dem terranischen Regierungssitz, in der sich Bull, Ybarri und weitere wichtige Würdenträger befinden.

Dem Autor Wim Vandemaan gelingt es, die Phasen von Traum und Erwachen, das Empfinden der Menschen in der Solaren Residenz wie auch auf Terra, nach der Versetzung des Solsystems, wunderbar in Worte von surrealistischer Kraft zu kleiden und den Übergang von absoluter Finsternis zu Licht eindrucksvoll und bildhaft zu beschreiben. Ein Roman, bei dem einen schon die ersten Zeilen zu fesseln vermögen, man unbedingt mehr erfahren will und einfach weiterlesen muss.

Das Solsystem steht zum wiederholten Male im Zentrum der Ereignisse. Räumliche und temporale Versetzungen gab es ebenfalls bereits in der Geschichte Perry Rhodans. So fanden sich Erde und Mond einst im Mahlstrom der Sterne wieder und das Antitemporale Gezeitenfeld versetzte, während des Falls Laurin, das Solsystem 5 Minuten in die Zukunft und während des Konzilszyklus lässt es das Solsystem quasi in der Zeit pendeln.
Auch der Kristallschirm fällt nicht zum ersten Mal aus. Das geschah schon einmal beim Anstieg der Hyperimpedanz.

Die im Titel genannten Auguren waren, laut Wikipedia, römische Beamte, die zu ergründen hatten, »ob ein vom Staat oder von einem Familienoberhaupt geplantes Unternehmen den Göttern genehm sei.« Die Auguren verkündeten den Willen der Götter, den sie »beim augurium aus dem Flug und dem Geschrei der Vögel und anderer Tiere« lasen. Bei Perry Rhodan steht der Augur für eine »in die Zukunft eingeweihte Person«. Vandemaan verleiht den Auguren etwas Geheimnisvolles, Prophetisches und gibt ihnen Züge von Verführern. Sie sind seltsam gesichtslos, unangreifbar, ihr Gebaren gleicht denen von Sektierern.
Schriftstellerisch sehr gut gelungen ist Vandemaan in diesem Zusammenhang die Wiedergabe der Rede(n) der Auguren, wo inhaltlich geschickt mit Begriffen wie Freundschaft und Sehnsucht operiert wird. Der von ihm geschaffene Stradhaird, der sich selbst als Botschafter bezeichnet, bedient sich exemplarisch der terranischen Geschichte und hebt auf Gerechtigkeit, Solidarität und Freiheit ab.
Gelungen und interessant finde ich auch die Schilderungen von Alltäglichem und die damit verbundenen Einblicke in die Wohnkultur der Terraner, ihren Kleidungsstil, ihren Musikgeschmack, die der Autor hier dem Leser gewährt.
Mit Verweisen z. B. auf das Rote Universum oder den PULS bindet Vandemaan die laufende Handlung geschickt in den Überbau des Perryversums ein.
Und er hat sogar noch Zeit und erlaubt sich den Spaß, einen wahrhaftigen Schlumpf als »Vitaminkobold« einzubauen.
Oder einen Aphorismus wie den folgenden zu integrieren: »Die Toten stört das nicht. Die haben keine Eile. Es läuft ja alles auf sie zu.«
Eine Ungereimtheit gibt es dennoch: Die Fahrt des Journalisten Routh an den Klein-Goshun-See beschreibt Vandemaan als recht einsam, die Halte- und Umsteigestationen als verlassen und menschenleer. Dabei stellt sich allerdings die Frage, wie denn die übrigen Zuhörer der Auguren-Rede, deren Zahl in die Tausende geht, an den See gelangt sind?
Und einmal, nur für einen Satz, lässt er Bull plötzlich in der Ich-Form agieren.

Doch diese beiden minimalen Kritikpunkte können nicht den mehr als positiven Gesamteindruck des vorliegenden Romans schmälern. Ein Roman, der mich begeistert hat und der ganz sicher zu den Höhepunkten dieses Zyklus zählen wird.

Quellen:

Copyright © 2011 by Stefan Bellack

 

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