Christian Endres
Sherlock Holmes und das Uhrwerk des Todes
Titelillustration von Timo Kümmel
Krimi, düstere Phantastik, Paperback
Atlantis Verlag, Stolberg, Dezember 2009
246 Seiten / 12,90 €
ISBN: 9783941258167
Inhalt:
- Viktorianische Magie
Eine Einleitung von Dr. Watson.
- Londons verlorene Kinder
In London verschwinden mehrere Straßenkinder spurlos. Sherlock Holmes und Dr. Watson kommen einer Kreatur der Nacht auf die Spur, die einen unstillbaren Durst nach frischem Blut hat. Holmes sieht nur eine Möglichkeit das grausige Treiben zu stoppen …
- Rigor Mortis
Dr. Watson gerät in helle Aufregung als plötzlich eine hübsche, junge Frau in Begleitung eines sprechenden Löwen in der Baker Street auftaucht. Sherlock Holmes und sein treuer Gefährte sollen einen Anschlag auf den Herzog des Landes Oz vereiteln. Kein leichtes Unterfangen, wie der britische Meisterdetektiv bald feststellen muss …
- Ratten im Gemäuer
London wird von einer unheimlichen Rattenplage befallen und Sherlock Holmes sieht nur einen Ausweg, um das Heer des Grauens zu stoppen. Er greift zur Violine des Musikers Erich Zann …
- Watson im Wunderland
Dr. Watson macht in der Bibliothek seines alten Freundes eine unglaubliche Entdeckung …
- Das Geschenk der Freiheit
Sherlock Holmes wird beauftragt, das verschwundene Geschenk des Prinzen von Thule für die Königin Viktoria zu finden. Doch wie macht man ein entlaufenes Tier in einer Riesenstadt wie London ausfindig? Holmes macht das Unmögliche möglich, nur um dann gänzlich anders zu handeln, wie sein treuer Gefährte Dr. Watson vermutet hätte …
- Muse mit sieben Prozent
Im Angesicht stagnierender Kreativität zeigt Sherlock Holmes, dass er trotz seiner Exzentrik ein echter Freund ist, der mit Dr. Watson durch dick und dünn geht …
- Regenfall
Sintflutartiger Regen zerrt schon seit Wochen an den Nerven der braven Londoner. Eine Strafe Gottes? Ein seltenes Wetterphänomen? Oder gar das Wirken finsterer Mächte? Die Krone und die Regierung vermuten Letzteres und ein Erpresser-Schreiben, verfasst auf dem edelsten Briefpapier, das die Königin zuletzt im Jahr 1884 verwendet hat, unterstützt diesen Verdacht. Dort fordert der unbekannte Magier nicht weniger als die Kronjuwelen, andererseits würde London im Regen ersaufen. Mycroft Holmes erteilt seinem Bruder persönlich den Auftrag, den Hexer zur Strecke zu bringen. Keine leichte Aufgabe ...
- Der Fall der verschwundenen Katzen
In London verschwinden immer mehr Katzen auf mysteriöse Art und Weise. Niemand hat etwas gesehen und keines der Tiere ist seitdem wieder aufgetaucht, weder lebendig noch tot. Auch Watson vermisst seinen Stubentiger Merlin, der ihm nach dem letzten Fall hinterhergelaufen ist. Sherlock Holmes nimmt sich des Problems an ...
- Pelz und Kokain
Im Land des Königs Oberon soll Sherlock Holmes ein Massensterben in London aufklären, und das mit Ermittlungsmethoden, die selbst für einen unkonventionellen Detektiv wie ihn ungewöhnlich sind ...
- Detektiv im Dutzend
Als Dr. Watson seinem Freund eines Abends einen unverhofften Besuch abstattet, glaubt er seinen Augen nicht zu trauen, denn Sherlock Holmes begrüßt ihn nicht allein, sondern gleich im Dutzend ...
- Schatten aus dem Meer
Sherlock Holmes und Dr. Watson in einem ihrer brisantesten Fälle. Ihr Auftraggeber ist niemand anderes als der berühmt-berüchtigte Kapitän des größten Unterseebootes, und wenn es dem Meisterdetektiv nicht gelingt, die Baupläne für diese Maschine zurückzuerobern geht die Menschheit dunklen Zeiten entgegen ...
- Verschollen in den Weiden
Mr. Toad ist verschwunden. Dr. Watson ist kurz davor die Beherrschung zu verlieren, als eine aufrecht gehende Ratte, ein Dachs und ein Maulwurf den großen Sherlock Holmes um Hilfe bitten ...
- Stille Brunnen sind tief
Sherlock Holmes und Dr. Watson ermitteln in Rom im Auftrag der italienischen Regierung. Ein bestialischer Mörder tötet seine Opfer in der Nähe großer Brunnen. Auffallend ist, dass sämtlichen Opfern die Augen, sowie die Finger- und Zehennägel fehlen. Holmes kommt dem Täter schnell auf die Spur, obwohl es Watson nicht behagt den Köder für die Bestie zu spielen …
- Der Schrecken der Mancha
Niemals wieder wird Watson nach diesem Alptraum seinem Freund Sherlock Holmes gestatten, den gemeinsamen Urlaub zu planen ...
- Sherlock Holmes und das Uhrwerk des Todes
Holmes wird von Lestrade zu einem bizarren Mordfall hinzugezogen. Merkwürdig an dem Vorfall ist, dass lediglich die Uhr des Opfers gestohlen wurde. Und die Kette der grauenhaften Taten reißt nicht ab. Als das Londoner Wahrzeichen Big Ben in den Fokus der gewissenlosen Täter gerät, ergreift Sherlock Holmes Gegenmaßnahmen. Doch gegen diese Gegner benötigt man mehr als Mut und Entschlossenheit ...
- Eisige Verlockung
Dr. Watson und Sherlock Holmes werden vom britischen Königshaus beauftragt, das Verschwinden des Kriegsschiffs HMS Victoria aufzuklären. Doch wie soll Holmes seine deduktiven Fähigkeiten auf die unergründlichen Tiefen des Ozeans anwenden?
- Der Rabe
Ein alter Mann, den Watson im Park kennengelernt hat, bittet Sherlock Holmes um Hilfe. Einer seiner Raben ist verschwunden. Gewiss ein ungewöhnliches Problem und daher genau nach dem Geschmack des Meisterdetektivs ...
- Nemesis
Dr. Watson ist wegen der derzeitigen emotionalen Verfassung seines langjährigen Freundes Sherlock Holmes aufs Höchste alarmiert und folgt dem Detektiv zu einem Treffen, das Holmes direkt zu der einzigen Frau führt, die jemals einen Platz in seinem Herzen gefunden hat. Doch aus ihr ist mittlerweile Holmes' größte Nemesis geworden ...
- Der Fluch
Mrs. Ackroyd, die Schwägerin von Mrs. Hudson, ist zutiefst über ihren Untermieter, Mr. Lupescu, empört. Kein Wunder, denn der Rumäne scheint ein ausgewachsener Werwolf zu sein. Für Holmes ist der Fall klar, doch der Meisterdetektiv muss schmerzhaft erkennen, dass auch er sich bisweilen irren kann – mit tödlichen Folgen ...
- Abschied aus London
Ein kurzer Abriss der Zukunft von Sherlock Holmes und Dr. Watson.
- Entfallene Szenen
Für die Story Schatten aus dem Meer gibt es ein alternatives Ende, und für den Fall der verschwundenen Katzen existieren zwei umfangreiche Szenen, die es jedoch nicht in die endgültige Fassung geschafft haben.
Sherlock Holmes, ein Name, den wohl jedes Kind mittlerweile kennt, und dessen literarischer Träger auch heute noch Tausende Leser und Anhänger findet. Doch nicht nur das lesende Publikum folgt begeistert den deduktiven Gedankengängen des geistigen Kindes von Sir Arthur Conan Doyle, auch Schriftsteller entdecken in zunehmendem Maße das gewaltige Potenzial hinter dieser Figur und ihrem steten Begleiter Dr. Watson. Beide gehören längst zum kulturellen Allgemeingut und dürfen für eigene Interpretationen und Pastiches verwendet werden. Christian Endres, freier Autor, Redakteur und Rezensent, ist selbst bekennender Holmesianer und darf als Experte des originalen Kanons angesehen werden. Bereits in der liebevoll gestalteten Anthologie Das Geheimnis des Geigers, herausgegeben von Alisha Bionda, hat er eine Kurzgeschichte mit dem Meisterdetektiv veröffentlicht. Der große Reiz eines Pastiches von Sherlock Holmes liegt aber darin, den rationalen Denker mit Vorfällen zu konfrontieren, die jenseits der Logik liegen und mit menschlicher Vernunft nicht zu begreifen sind. Christian Endres setzt dem Ganzen noch eins drauf, indem er die Fälle von Sherlock Holmes mit den märchenhaften, abenteuerlichen und unheimlichen Welten von Lyman Frank Baum (Der Zauberer von Oz), Jules Verne, H.P. Lovecraft, Edgar Allan Poe und vielen anderen verknüpft. In dieser abwechslungsreichen und spannenden Storysammlung tritt Sherlock Holmes, gemeinsam mit seinem treuen Freund Dr. Watson, gegen Vampire, Werwölfe, Ghouls, Schwarzmagier und sogar gegen Windmühlenflügel an. Zweiseitige humoristische Shorties (Detektiv im Dutzend, Der Schrecken der Mancha) sind dabei ebenso vertreten wie ausgefeilte und umfangreiche Erzählungen (Regenfall, Sherlock Holmes und das Uhrwerk des Todes), die in Stil und Umsetzung sehr eindringlich an die Werke von Conan Doyle selbst erinnern. Allerdings darf man bei diesem Buch nicht vergessen, dass der beratende Detektiv durchweg mit übernatürlichen Phänomenen konfrontiert wird, die eben nicht, wie weiland der Vampir von Sussex als logisch erklärbares Ereignis entlarvt werden, von dem Holmes so treffend bemerkte: »Mumpitz, Watson, Mumpitz! Was haben wir mit umgehenden Leichnamen zu schaffen, die es nur dann in ihren Gräbern hält, wenn man ihnen einen Pfahl durchs Herz stößt? Das ist doch purer Wahnsinn.«
Und eben dieser Wahnsinn begleitet Holmes und Watson in jedem einzelnen ihrer bizarren Fälle, die Christian Endres in diesem umfangreichen Werk schildert. Das Buch ist sicherlich nichts für Holmes-Puristen, obwohl die Stereotypen dieser schillernden Figur ebenso vertreten sind, wie viele bekannte Figuren aus dem Kanon. Angefangen bei Inspektor Lestrade, über Mrs. Hudson und Mycroft Holmes, bis hin zu dem Straßenjungen Wiggins und dem Bluthund Toby. Und doch gelingt es Endres nicht gänzlich, das enorme Potenzial eines solchen literarischen Experiments zu nutzen. So originalgetreu die Charakterisierung von Holmes und Watson auch sein mag, so einseitig und konservativ wird die Freundschaft auch dieses Mal geschildert. Holmes ist in jedem Fall Herr der Situation, der sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt. Egal ob ein sprechender Löwe in dem gemeinsamen Wohnzimmer der Baker Street sitzt oder gar ein Gott persönlich ihn um Hilfe ersucht. Immer obliegt es Dr. Watson, naiv wie ein Kind die Wunder der übernatürlichen Welt zu bestaunen und von seinem Mentor Holmes aufgeklärt zu werden. Doch wie reizvoll wäre es einen Sherlock Holmes zu sehen, der angesichts eines nicht erklärbaren Phänomens die Fassung verliert und von seinem sonst immer unterlegenen Kompagnon geführt werden muss? Schließlich dürfte Watson während seiner Zeit in Afghanistan ebenfalls mannigfaltige Erfahrungen gesammelt haben. Wenn Holmes abgebrüht und mit einem Schulterzucken jeden noch so abstrusen Klienten oder Täter abtut, stellt sich schnell ein gewisser Gewöhnungseffekt ein. Die Erzählung Eisige Verlockung bildet in dieser Hinsicht die rühmliche Ausnahme, was aber nicht bedeutet, dass die anderen Geschichten nicht lesenswert wären. Ganz im Gegenteil, denn dafür ist der Geist von Sir Arthur Conan Doyle in den Storys viel zu präsent. Dass die einzelnen Fälle stellenweise aufeinander aufbauen und in sich chronologisch veröffentlicht wurden, macht diesen Band umso reizvoller. Schade ist allerdings, dass der Autor bei manchen Fällen so zurückhaltend war und sich nicht die Mühe gemacht hat bestimmte Plots auszuarbeiten. Insbesondere Nemesis wirkt irgendwie unfertig und die Beziehung zwischen Holmes und Irene Adler wäre sicherlich einer genaueren Betrachtung Wert gewesen.
Das Cover von Timo Kümmel ist ein echter Hingucker und zeigt das berühmteste Duo der Literaturgeschichte in typischer Pose vor den bedrohlichen Zahnrädern der titelgebenden Story. Auf Innenillustrationen wurde leider verzichtet, dafür sieht man die oben erwähnten Zahnräder auf jeder Seite, auf der eine neue Geschichte beginnt. Die Papierqualität ist hervorragend, die Schriftgröße ein wenig zu klein geraten. Auch der Buchumschlag hätte laminiert sein können, so ist das Cover bedauerlicherweise zu anfällig gegenüber Abrieb und Wasserspritzern.
Fazit:
Nichts für Holmes-Pruristen und doch im Geiste mit dem Original verbunden. Eine abwechslungsreiche, bunte Storysammlung, in der Sherlock Holmes und Dr. Watson mit all dem konfrontiert werden, was jenseits unserer Vorstellungskraft liegt. In der Charakterisierung manchmal zu konservativ, in der Ausarbeitung der Plots äußerst kreativ aber auch zurückhaltend.
Copyright © 2011 by Florian Hilleberg |