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Mythen und Wirklichkeiten

Die Waffen des wilden Westens

Das wohl bekannteste und auch am weitesten verbreitete Gewehr im Wilden Westen ist in Kennerkreisen und darüber hinaus das Modell "Winchester 1873".
Als Winchester-Gewehr oder kurz Winchester wird umgangssprachlich eine Konstruktion bezeichnet, die sich schrittweise seit den späten 40er Jahren des 19. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten entwickelte.

In jenen Jahren wurde ein junger Mann auf erste Versuche mit Hinterlader-Gewehren und mit frühen Metallpatronen aufmerksam. Als Mitarbeiter der Firma Hunt&Jennings begann Benjamin Tyler Henry mit der Konstruktion eines neuen Repetiergewehrs. Charakterisierend und für die damalige Zeit neuartig waren: - der Verschluß, welcher horizontal durch einen „Unterhebel“, einem verlängerten und zum Handschutz umgeformten Abzugsbügel, vor- und zurückbewegt wird
- der außenliegende Hahn, der durch die Verschlußbewegung bei gleichzeitigem Auswurf der abgeschossenen Patronenhülse niedergedrückt und gespannt wird
- das lange, unter dem Lauf angeordnete Magazin in Form einer Blechröhre, in der die Patronen hintereinander liegen sowie
- der löffelartige Hebel, welcher, mit dem Unterhebel gekoppelt, beim Schließen des Verschlusses eine neue Patrone vor den Verschlußkopf hebt.

Die Henry-Rifle, nach ihrem Konstrukteur Benjamin Tyler Henry benannt, kam in den Jahren des amerikanischen Bürgerkriegs auf den Markt, als in den USA ein enormer Bedarf an Waffen sowie eine entsprechende Investitionsbereitschaft bestanden.
Benjamin Tyler Henry war bereits 1861 eine Partnerschaft mit dem Textilfabrikanten Oliver Winchester eingegangen. Winchester hatte weitaus bessere Verkäuferqualitäten als Henry und vertrieb die Waffe schließlich unter seinem eigenen Namen. Und mit der Gründung der Winchester Repeating Arms Company trat der Name Henry-Rifle schließlich in den Hintergrund.
Die Winchester wurde bald zum Verkaufsschlager. Die Modelle 1866 und 1873 brachten Winchester den eigentlichen Durchbruch. Dabei blieben die erhofften Aufträge der US-Armee nach dem Ende des Bürgerkrieges aus. Winchester blieb nichts anderes übrig, als Waffen zu exportieren. Ab 1870 lieferte er rund 50.000 1866er Gewehre und Karabiner in die Türkei. In der neuen Welt konnten sich damals die wenigsten solch eine Waffe leisten. 1878 kostete z.B. ein Modell 1866 20 US-Dollar und ein 76er Jagdgewehr sogar 35 Dollar, wobei ein Cowboy damals nur ca. 30 Dollar im Monat verdiente. Als Jagd- und Militärgewehr war sie zunächst weniger geeignet, da sie aufgrund der vergleichsweise leichten Konstruktion keine starken Gewehrpatronen verschoss.

Die Schwäche der Winchester war zugleich ihre Stärke. Üblicherweise verschoss sie Patronen, die auch in den gebräuchlichsten Revolvermodellen des Wilden Westens Verwendung fanden. Der Schütze war so in der Lage, eine Patronensorte im Gewehr und seiner Faustfeuerwaffe zu verwenden. Die Typen vieler populärer Revolverpatronen lassen noch heute die Doppelverwendung erkennen (z.B. .44-40 WCF = Winchester Centre Fire). Kennzeichnend für die vielen Typen von Unterhebelrepetierern, die Winchester seit den 1860er Jahren auf den Markt brachte, ist die Benennung nach dem Jahr der Einführung. Auch die Konstruktion der Vorderschaft-Repetierflinte (die Pump-Action Flinte oder Pump-Gun) geht auf Winchester zurück. Die Winchester 1897 wurde ein beachtlicher kommerzieller Erfolg und von der U.S. Army noch in den Weltkriegen in den Schützengräben als sogenannte Trench-Gun zum Nahkampf eingesetzt.
In der Folgezeit produzierte die Firma Winchester vor allem hochwertige Jagdgewehre - Repetierbüchsen und Flinten - in allen gängigen Konfigurationen und Kalibern. Als einzige, klassische Winchester wurde die Winchester 94 nahezu unverändert gebaut. Regelmäßig brachte Winchester hochwertig ausgestattete “Commemorative“ Modelle für Sammler heraus, die zumeist historischen Persönlichkeiten oder Ereignissen gewidmet sind: z.B. die Winchester 94 Bicentennial 1976 zum 200. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung.

Das berühmteste Winchester-Modell der Geschichte war die Winchester 73. In dem gleichnamigen Western mit dem Schauspieler James Stewart wird die Geschichte eines dieser Gewehre erzählt. In Deutschland wurde der „Henry Stutzen“ zuerst durch Karl May bekannt gemacht, der in seinem ersten Roman der Winnetou-Reihe die Begegnung seiner Romanfigur Old Shatterhand mit dem Konstrukteur der Waffe beschreibt. Zu dieser Zeit war Karl May weder in Amerika gewesen, noch kannte er eine Henry-Rifle aus eigener Anschauung. Entsprechend phantasievoll und waffentechnisch absurd fällt auch seine Beschreibung des Mechanismus aus. Karl May verwandelte in seinem Roman den Konstrukteur Benjamin Tyler Henry kurzerhand in einen alten und leicht kauzigen Eigenbrötler. Auch mit der Wahl des Ortes St. Louis lag der Schriftsteller voll daneben.
Im Februar 2006 endete die Ära der Winchester, die Winchesterproduktion wurde eingestellt.

Technische Details:

  • Länge: 39 Inches
  • Gewicht: 6 1/2 pounds
  • Kaliber: 46 (.451")
  • Kugelgewicht: 300 grains
  • Ladungsgewicht: 40 grains
  • Mündungsgeschwindigkeit: 1200 feet per second
  • Mündungsenergie: 900

Text- und Bildquellen:

  • „Winchester Eine Amerikanische Legende“ von R.L. Wilson
  • „Die Waffen des Amerikanischen Bürgerkrieges“ von Jan Boger
  • www.filmposter-archiv.de

© Copolymer

 

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