
Mythen und Wirklichkeiten


Auf dem alten Anwesen der Benders spukt es. Bereits zehn Jahre nach den grausamen Morden war nichts mehr von den Haupt- und Nebengebäuden auf dem Grundstück zu sehen. Das Einzige, was blieb, war ein leeres Loch, das einmal ein Keller gewesen sein könnte. Aus dessen Tiefen steigen die Seelen von denjenigen empor, welche auf dem Gelände ermordet wurden. Sie wandern über das Anwesen, stöhnen und machen Geräusche, die von jedem Passanten gehört werden. Man will auch eine leuchtende Erscheinung auf dem Grundstück gesehen haben – Futter für sensationslünsternde Berichterstatter, die ständig auf der Suche nach längst verlorenen Erinnerungen an die grausamen Morde sind. Einer Legende nach durchstreift Kate Bender selbst das Land. Andere wiederum sind der Auffassung, dass es diejenigen sind, die für die Benders gehalten, durch Bürgerwehren gelyncht wurden und auf Rache suchend durch den Südosten von Kansas streifen.
Durch die Flut europäischer Einwanderer war es den Osage unmöglich geworden, ihr Land zu verteidigen. Obwohl den Osage im ersten Vertrag von 1808 das Land in Kansas unbefristet zugeteilt wurde, »solange der Wind weht und das Gras wächst«, sahen die Osage für sich in diesem Gebiet keine Zukunft mehr und kapitulierten bereits vor 1870 im Herzen und im Verstand, wenn auch nicht schriftlich. Auf der Grundlage des Drum-Creek-Vertrages vom 15. Juli 1870 wurde das Osage-Land in Kansas verkauft und der Erlös dafür verwendet, dass sich der Indianerstamm im Cherokee Outlet ansiedeln konnte.
Ende 1870 reisten John Bender, Sr. und sein Sohn John, Jr. entlang des Osage Trail. Sie verbrachten die Nacht in einer Handelsniederlassung. Am nächsten Morgen besichtigten sie Landstücke, welche beide zu kaufen gedachten. Der alte Bender wählte ein160 Acres Stück aus, sein Sohn ein langes schmales Stück Land nördlich seines Vaters. Sie kauften eine Ladung Steine vom Nachbarn Hieronymus, darunter ein riesiger Felsen, drei Zentimeter dick, der als Platte für den Boden des geplanten Kellers unter dem Haus benötigt wurde. Im Herbst 1871, als das Haus fertig war, schickte Pa Bender eine Nachricht an seine Frau und Kate, dass sie nach Ottawa mit dem Zug anreisen sollten. In Ottawa wurden Hausrat und Verbrauchsmaterialien gekauft und auf den schweren Holzwagen geladen. Die gesamte Familie Bender traf im Frühjahr 1872 in der Osage Gemeinde ein. Sie schien nicht etwas Besonderes zu sein, nur eine der vielen anderen Immigranten, welche aus den östlichen Städten geflohen waren, um ihr Glück im Westen zu suchen. So wie viele andere wollten sich die Benders ein neues Leben aufbauen, mit dem Ziel, zu Reichtum im ungezähmten Westen zu kommen. Doch ihre Methoden wichen stark von denen der anderen Siedler ab.
Es war an sich ein einfaches, schlichtes Gebäude, ein Geschäft und ein Gasthaus am Wegesrand, das sowohl Essen als auch ein Bett für Reisenden bereithielt. Das Haus bestand aus einem großen Raum, der von einem Leinenvorhang geteilt wurde. Dieser trennte den Lebensmittelladen und das Gasthaus von den Wohnräumen der Familie im hinteren Bereich ab. Über dem Eingang des Hauses hing ein grobes Holzschild mit der Aufschrift »Groceries«. Unmittelbar nördlich des Hauses legten Kate und ihre Mutter einen Garten an und pflanzten Obstbäume, um sich mit frischem Obst und Gemüse versorgen zu können.
Der alter Bender, seine Frau und ihr stumpfsinniger Sohn sprachen wenig. Fremden gegenüber erwiderten sie gelegentlichen einen Gruß oder verkauften ihnen Konserven und Kaffee. Bender und seine knochige Frau, im Alter zwischen 50 und 60 Jahren, waren vermutlich Einwanderer aus Deutschland, aber sie sprachen mit einem solchen gutturalen Akzent, dass niemand dies bestätigen konnte.
Das Gelände, welches heute noch den Namen »Benders Mound« trägt, schien zu jener Zeit eine friedliche Idylle zu sein, wenn da nicht die grausame Geschichte über die BLOODY BENDERS wäre.
Zwischen 1872 und Frühjahr 1873 betrieben die Benders den kleinen Gasthof inmitten der Prärie. Oft wurde er von Reisenden aufgesucht, um eine Übernachtung zu bekommen. Meist handelte es sich dabei um gut betuchte alleinreisende Personen, die auf dem Weg waren, um Maschinen, Rinder oder Pferde zu kaufen. Aus diesem Grund hatten sie eine große Barschaft bei sich. Keiner von ihnen ahnte, was auf sie zukommen würde. Auch das Verschwinden ihrer Pferde, Wagen und persönlicher Gegenstände bemerkte kein Mensch.
Im Laufe der Zeit wurden Berichte von verschollenen Personen immer häufiger. Im späten Frühjahr 1873 verstärkte sich die Verbitterung im Südosten von Kansas aufgrund der Vorkommnisse. Die Osage Gemeinde berief eine Versammlung ein, um zu beraten, was getan werden sollte. Über 75 Personen aus den umliegenden Gebieten kamen zu der Sitzung. Die Empörung war groß, Verleumdungen und Unterstellungen machten die Runde, die von den benachbarten Orten gegen die Osage Gemeinde in Umlauf gebracht wurden. Die Spannung während der Versammlung erreichte ihren Höhepunkt, als berichtet wurde, dass der weithin bekannte Arzt Dr. William H. York von einer Reise nach Fort Scott nicht zurückkehrte und im Bereich der Osage Gemeinde verschwunden sei. Ein Beschluss wurde gefasst, dass jedes Gehöft in der Gegend zwischen dem Oberlauf des Big Hill Creek und Drum Creek durchsucht werden sollte. Der alte Bender und sein Sohn John waren bei dieser Sitzung anwesend. Als drei Tage nach der Versammlung der Nachbar Billy Tole seine Kühe am Anwesen der Benders vorbeitrieb, sah er das ausgehungerte Nutzvieh und entdeckte ein verhungertes Kalb im Pferch. Nach weiteren Untersuchungen fand er das Gasthaus verlassen wurde. Er berichtete über die Neuigkeiten, die sich schnell verbreiteten.
Mehrere Tage vergingen, bis ein Suchtrupp unter Führung des Township Officer LeRoy Dick gebildet wurde. Sie machten sich auf den Weg hinauf zum Anwesen der Benders und fanden dieses verlassen vor. Lebensmittel, Kleidung und andere Besitztümer waren zerstört oder entfernt worden. Beim Betreten des Wohnhauses stellte Dick einen widerlichen Gestank fest. Er entdeckte im Boden eine Falltür, die vernagelt war. Der Officer ließ diese aufbrechen, sah den Zugang zum Keller mit geronnenem Blut verschmiert, welches den schrecklichen Geruch erzeugte. Eine Suche unter dem Haus ergab nichts.
Oberst Ed York, der Bruder des Dr. William York, sah auf dem Gelände des Anwesens der Benders im Licht der untergehenden Sonne eine seltsame Vertiefung. Schweigend gruben die Männer des Suchtrupps an dieser Stelle und fanden den Leichnam des Dr. York. Sein Schädel war von hinten mit einem Hammer zerschlagen worden, die Kehle durchschnitten. Am nächsten Tag wurde mit Spaten, Schaufeln und Pflügen an weiteren neun Stellen gegraben. Man fand Leichen mit eingeschlagenen Schädeln, abgetrennten Hälsen und zerstückelten Körperteilen. Ein grausamer Fund erhitzte die Gemüter: Ein Mann war mit seiner kleinen Tochter verscharrt worden. Untersuchungen ergaben, dass das Kind offenbar lebendig begraben wurde, um einen Zeugen loszuwerden. An ihrem Körper fand man keine Spuren von Gewalt.
Alexander M. York, Rechtsanwalt und Senator des Staates mit Wohnsitz in Independence, setzte eine Belohnung von 1000 Dollar für Hinweise zur Ergreifung der Benders aus. Am 17. Mai 1873 erhöhte Gov Thomas Osborn den Betrag um weitere 2000 Dollar.
Im »Prärieschlachthaus für Reisende« fand man 10 Leichen. Viele glauben, dass die Benders über 21 Menschen getötet haben. Nachdem die Benders geflohen waren, hinterließen sie eine legendäre Spur von Gerüchten, Halbwahrheiten, Erzählungen und angeblichen Augenzeugenberichten über ihren Untergang. Teilnehmer von Verfolgungstrupps behaupteten, dass sie die Familie gefunden und getötet haben. Eine Bürger-Posse erklärte, sie ergriff die Benders auf der Flucht in den Süden, lynchte sie und warf ihre Leichen in den Verdigris River. Der Verdigris River hat nie diese erstaunliche Tatsache aufgedeckt. Eine weitere rachsüchtige Posse wollte die Benders während einer Schießerei getötet und in der Prärie begraben haben. Noch eine andere behauptete, dass sie die Benders töteten, während sie über Nacht lagerten. Ihre Leichen wurden verbrannt. Personen, die angeblich als die Benders identifiziert wurden, gerieten in die Fänge der Strafverfolgungsbehörden viele Städte und wurden verurteilt.
Keiner dieser Geschichten scheint den Tatsachen zu entsprechen.
Doch Folgendes hört sich schon plausibler an: Der Zugführer der Leavenworth, Lawrence & Galveston Railroad, Captain James B. Ransom, sah die Beschreibung der Familie und gab an, dass diese Tickets nach Humboldt gekauft hätten. In Chanute sollen seinen Beobachtungen nach die jungen Benders ausgestiegen sein und mit dem MK&T Train in Richtung Texas gefahren sein. Die alten Benders zog es angeblich nach St. Louis.
Viele Geschichten könnten möglicherweise als eigennützige Spekulation und Effekthascherei abgetan werden. Die Geschichte der Benders bleibt eines der größten ungelösten Rätsel des Good Old West.
Text- und Bildquellen:
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