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Mythen und Wirklichkeiten

Lavinias Geist

1670 wurde Charleston auf der sumpfigen Halbinsel South Carolinas gegründet. Direkt an der Küste gelegen, war es für das britische Königreich ein Umschlagplatz des Sklavenhandels. Das alte Slave Mart auf der Chalmers Street ist eines der Relikte, das an diese grausame Zeit erinnert. Auch auf dem Platz, wo das alte Gefängnis steht, das 1802 erbaut wurde und bis 1939 als Gefängnis diente, sind schlimme Dinge geschehen. Im Laufe der Jahrhunderte dienten die Gebäude als Krankenhaus, Armenhaus, Arbeitshaus für entlaufene Sklaven und Gefängnis. Während des amerikanischen Bürgerkriegs waren Kriegsgefangene inhaftiert. Viele Schicksale nahmen an diesem Platz ihren Lauf. Verbrecher wurden auf verschiedenste Weise gefoltert. Auspeitschungen, Brandmarkungen, Entzug von Nahrung und Wasser sowie Hinrichtungen fanden statt. Krankheiten forderten weitere Opfer. Man nimmt an, dass in über 200 Jahren an die 10.000 Menschen eines gewaltsamen Todes starben. Viele Einwohner berichten von übernatürlichen Erscheinungen und seltsamen Geräuschen, die sie mit der langen und grausamen Geschichte ihrer Häuser verbinden.

Der berühmteste Geist ist der von Lavinia Fisher.
Man weiß, dass Lavinia 1793 geboren wurde, Geburtsort und Informationen über ihre Kindheit sind unbekannt. Sie wuchs in der Nähe von Charleston, South Carolina auf und heiratete einen Mann namens John Fisher. Die beiden betrieben das Hotel Six Mile Wayfarer House, sechs Meilen außerhalb von Charleston.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verschwanden in der Gegend um Charleston viele Menschen auf mysteriöse Weise. Die Untersuchungen der Behörden ergaben, dass alle zuletzt beim Hotel der Fishers gesehen wurden. Die intensiven Ermittlungen der Polizei blieben jedoch ergebnislos. Als die Zahl der Vermissten stetig anstieg, brodelte die Gerüchteküche. Die Popularität der charmanten und hübschen Lavinia schwand. Die Einheimischen stellten eine Bürgerwehr zusammen und teilten einen Mann zur Bewachung der Fishers ein. Der Wächter David Ross wurde zusammengeschlagen, konnte jedoch entkommen und die Behörden informieren. Zur selben Zeit fragte John Peeples aus Georgia im Six Mile Wayfare House nach einem Zimmer. Lavinia stellte ihm eine Menge Fragen und bot ihm Tee an. Peeples schüttete ihn heimlich weg, da er keinen Tee mochte und es unhöflich fand, das Angebot abzulehnen. In seinem Zimmer beschlich ihn ein ungutes Gefühl, als er sich an die vielen Fragen der Besitzerin und an den unheimlichen Blick ihres Mannes erinnerte. Um sich vor einen Überfall zu schützen, schlief er in einen Stuhl neben der Tür und ließ sein Bett unbenutzt. Mitten in der Nacht wurde er von Lärm geweckt. Dort, wo sein Bett gestanden hatte, klaffte ein großes Loch. Er sprang aus dem Fenster und floh zu den Behörden, die schnell reagierten und das Ehepaar Fisher sowie zwei ihrer Helfer verhafteten. Bei der Durchsuchung des Hotels wurden viele Gegenstände von vermissten Personen gefunden sowie eine Teemischung, die den Genießer für viele Stunden in tiefen Schlaf versetzte. Des Weiteren fanden sie eine Konstruktion mit einem Mechanismus in den Bodendielen, der dazu diente, die Opfer in den Keller zu befördern.

Als das Ehepaar trotz Beteuerung, unschuldig zu sein, inhaftiert blieb, schmiedeten die beiden einen Fluchtplan. Mithilfe von zusammengeknüpfter Bettwäsche wollten sie flüchten. Als John aus dem Fenster kletterte, riss der Stoff. Da er seine Frau nicht alleine lassen wollte, stellte er sich wieder. Künftig wurden sie besser bewacht. Das Gericht sprach die beiden schuldig und verurteilte sie zum Tode durch Hängen.
Manche Quellen behaupten, dass es in South Carolina zu jener Zeit gesetzlich verboten war, eine verheiratete Frau zu richten und so wurde John einen Tag vorher gehängt. Als Witwe konnte Lavinia hingerichtet werden. Mit dem Referent, der ihnen für die letzten Stunden zur Seite gestellt wurde, wollte Lavinia nichts zu tun haben. John ging betend am 18. Februar 1820 vom Gefängnis zum Galgen. Er bat den Referent einen Brief vorzulesen, in dem er sich als unschuldiges Opfer der Justiz darstellte und um Vergebung für seine Richter bat. Vor versammelten 2000 Menschen, die sich die Hängepartie nicht entgehen lassen wollten, beharrte er auf seine Unschuld. Kurz vor seinem Tod bat er um Vergebung.

Lavinia hatte gefordert, ihr Hochzeitskleid zu tragen und weigerte sich zum Galgen zu gehen. Die Tobende wurde zur Richtstätte geschleppt. Bevor der Henker die Schlinge um ihren Hals festzog, schrie sie zur Menschenmenge: If you have a message you want to send to hell, give it to me – I’ll carry it! Dann sprang sie vom Gerüst und erhängte sich selbst. Zuschauer meinten, sie hätten selten einen so höhnischen und bösartigen Gesichtsausdruck wie den der Delinquentin gesehen.
Einige Quellen behaupten, Lavinia wurde auf dem Unitarier Friedhof begraben, doch das ist unwahrscheinlich, da Kriminelle am Potter’s Field gleich neben dem Gefängnis beerdigt wurden.

Weiter behaupten einige Quellen, Lavinia sei nicht wegen Mordes sondern wegen Straßenraub verurteilt worden. Sie war Mitglied einer großen Bande von Wegelagerern, die außerhalb von Charleston im Five Mile House und im Six Mile House ihren Unterschlupf hatten. Die Banditen raubten Händler und Reisende aus. Da keines der Opfer sie identifizieren konnte, waren die Behörden machtlos. Bürger von Charleston schlossen sich zusammen, brannten das Fife Mile House nieder und ließen Dave Ross als Bewacher des Six Mile House zurück, der nächsten Tag von Bandenmitgliedern angegriffen wurde. Der Reisende John Peoples, der mit seinem Wagen nach Charleston fuhr, machte zur selben Zeit Bekanntschaft mit der Bande, als ihm Geld geraubt wurde. Nach seiner Anzeige bei den Behörden wurde die Polizei aktiv. Lavinia und einige Bandenmitglieder wurden verhaftet und angeklagt. Sie wurden des Straßenraubes für schuldig gesprochen, in jener Zeit ein Kapitalverbrechen. Als Ehepaar wurden sie in einem gesonderten Stockwerk untergerbacht, nicht streng bewacht. Die Erzählung über die Flucht ist identisch mit anderen Erzählungen. Ein Antrag auf Wiederaufnahme wurde abgewiesen. Als sie zum Galgen geführt wurden, trugen beide ein weißes Gewand über ihrer Kleidung. Wahrscheinlich stammt daher der Mythos vom Hochzeitskleid. Während John ruhig zum Galgen ging, flehte Lavinia um Gnade, tobte und schrie und verfluchte den Gouverneur, der eine Frau hängen ließ.

Unmittelbar nach Lavinias Tod erschien ihr Gesicht hinter den Gefängnisfenstern, berichteten Einheimische. Nach dem großen Erdbeben 1886 sah man ihren Geist in der Nachbarschaft und am Unitarier Friedhof. Als im Jahre 2000 die Restaurierungsarbeiten zur Erhaltung des Gebäudes begannen, häuften sich seltsame Erscheinungen. Arbeiter fanden Fußspuren in einem abgeschlossenen Trakt, im dritten Stockwerk wurde der Geist eines Kerkermeisters mit Gewehr gesichtet. Andere sahen einen schwarzen Mann in zerlumpter Kleidung. Aus dem Gebäude dringen seltsame Geräusche, Alarmanlagen schlagen grundlos an. Mitarbeiter und Besucher werden aus dem Nichts tätlich angegriffen und klagen über Würgegefühl und Atemnot, andere werden von unsichtbaren Kräften gekratzt. Geschlossene Türen öffnen sich, die Besucher fühlen sich beobachtet und nehmen schlechte Gerüche wahr, deren Ursache unerklärlich ist. In den Kellerräumen erscheinen aus dem Nichts Nebelfetzen. Im Theater in der Dock Street spukt eine gutgekleidete Frau, im Battery Carrieage House geht ein kopfloser Geist mit lautem Stöhnen herum.

Sollte ich jemals nach Charleston reisen, werde ich mich selbst überzeugen, wie viel Wahrheit in den Geistererscheinungen steckt.

Text- und Bildquellen:

Copyright © 2011 by Andrea Hoch


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