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Mythen und Wirklichkeiten

Eine verhängnisvolle Ehe

Eine Frau kämpft in den Tiefen der Donau um ihr Leben und ruft um Hilfe. Als sie dem Ufer zu nahe kommt, nimmt der Henker, der sie von der Brücke gestoßen hat, eine Stange, wickelt sie um das lange Haar der Frau und taucht sie unter.

Ungefähr neun Jahre später verfasste der Chronist Andreas von Regensburg eine kurze Notiz über die Hinrichtung der nicht standesgemäßen Frau Herzog Albrecht III.

Um 1410 wurde Agnes als Tochter des Baders Kaspar Bernauer in Augsburg geboren. In der mittelalterlichen Gesellschaft gehörten Bader vielfach zu den ehrlosen Ständen, ab dem 15. Jahrhundert begannen sie in der Augsburger Gegend gesellschaftlich aufzusteigen.

Der bayrische Erbprinz Albrecht III., einziger legitimer Sohn von Herzog Ernst I. von Bayern-München, wurde 1433 zum Statthalter des Straubinger Landes eingesetzt. Wo und wann Herzog Albrecht, der später den Beinamen der Fromme trug, Agnes kennenlernte, darüber informieren zeitgenössische Quellen nicht. Möglicherweise besuchte er eine Badestube während seines Aufenthaltes 1428 in Augsburg. Man nimmt an, dass er sie bald nach München holte, da Ende der zwanziger Jahre am herzoglichen Hof eine Bernawerin erwähnt wurde. Eine Affäre wie diese hätte kein Aufsehen erregt, da eine Geliebte einer standesgemäßen Heirat nicht im Wege stand. Doch Agnes nahm sich mehr heraus, als ihr die Gesellschaft zubilligte. Im Sommer 1432 veranlasste sie, dass Boten an den zu diesem Zeitpunkt abwesenden Herzog gesandt wurden und ersuchte um Herausgabe eines festgenommenen Pferdediebes. Möglicherweise waren die beiden zu diesem Zeitpunkt bereits heimlich verheiratet und sie sah sich in ihrem Verhalten berechtigt. Offizielle Bestätigungen einer Eheschließung liegen nicht vor, ebenso wenig über Nachkommen. Albrechts Schwester Beatrix reagierte bei ihrem Besuch in München empört über diese Anmaßung und äußerte sich öffentlich über die hoch und grosfaiste Bernawerin.
Eine mit 7. Jänner 1433 datierte Urkunde belegt den Kauf einer Hube und Hofstatt in Niedermenzing durch Agnes Bernauer. Es wird als Morgengabe Albrechts interpretiert. Dies ist kein Beweis einer Eheschließung, da solche Käufe zu den üblichen Versorgungsleistungen für eine Geliebte gehörten.

Michael Wenning, Kupferstich um 1700

Nachweislich lebte Albrecht mindestens zwei Jahre mit Agnes auf Schloss Blutenberg.
Offensichtlich fühlte sich Agnes als legitime Gemahlin, da sie sich das Kloster der Karmeliten zu Straubing als letzte Ruhestätte wünschte. Das Kloster mit Kirche diente als Grablege für die Straubinger Wittelsbacher, bayrischen Adel und wohlhabende Bürger. In Straubing trat Agnes als Herzogin an der Seite Albrechts auf.
Eine solche Ehe verstieß gegen alle Konventionen der Gesellschaft. Selbst innerhalb des Adels gab es Heiratsschranken, die unüberwindbar galten. Herzog Albrecht bekam die Verachtung zu spüren, indem ihm die Teilnahem an einem Turnier in Regensburg im November 1434 verwehrt wurde.

Albrecht strebte im Straubinger Land ein eigenes Regiment an und verweigerte seinem Vater den nötigen Gehorsam. Die Situation löste zunehmend Missfallen bei Herzog Ernst I. aus. Hinter all dem vermutete er den Einfluss der Geliebten seines Sohnes, außerdem sah er die Erbfolge gefährdet. Durch den unerwarteten Tod seines Bruders und Mitregenten Herzog Wilhelm III. der nur einen schwächlichen Sohn hinterließ, verschärfte sich die Situation zur Sicherheit des Herzogtums Bayern-München. Albrecht musste standesgemäß heiraten und legitime Erben zeugen. Dem stand seine nicht standesgemäße Frau im Wege.
Am 14. Oktober 1435 nahm Albrecht die Einladung zu einer Jagd an. Während seiner Abwesenheit ließ Herzog Ernst Agnes Bernauer in der Donau ertränken. Aufzeichnungen einer Gerichtsverhandlung liegen nicht vor. Ertränken war eine gebräuchliche Hinrichtungsart für Frauen. Wo die Tote verscharrt wurde, ist nicht bekannt.
Am 15. Oktober trug der Münchner Stadtschreiber in die städtische Chronik ein, »... daß man die Bernawerin gen hymel gefertigt hett.«
Albrecht verfeindete sich mit seinem Vater und verbündete sich mit den Feinden der Bayern-München. Kriegsgefahr zwischen den bayrischen Teilherzogtümern bestand seit Jahren. Herzog Ernst wandte sich an Kaiser Sigismund und legte seine Beweggründe für sein Tun dar. Ungefähr ein Dreivierteljahr später versöhnte sich Albrecht mit seinem Vater, möglicherweise auf Anweisung des Kaisers. Als Wiedergutmachung stiftete der Vater eine ewige Messe zum Gedenken an Agnes Bernauer. Auf dem St. Peterfriedhof zu Straubing wurde eine Gedächtniskapelle für sie errichtet. Vor dem Altar ist ein roter Marmorgrabstein mit einem lebensgroßen Bildnis Agnes‘ in den Boden eingelassen.
Im November 1436 heiratete Albrecht standesgemäß Anna von Braunschweig-Grubenhagen, aus deren Verbindung zehn Kinder hervorgingen. Die drei Söhne regierten später als Herzöge.

Wie es scheint, konnte Albrecht seine verstorbene Frau nicht vergessen, denn 12 Jahre nach ihrem Tod erweiterte er die Stiftung. Die heilige Messe ihr zu Ehren wird bis zum heutigen Tag jährlich im Oktober, ihrem Sterbemonat, zelebriert. Die Kosten trägt der Freistaat Bayern.

Albrecht, der nicht zu den eindrucksvollsten Herrscherpersönlichkeiten zählt, wäre ohne diese tragische Liebesgeschichte wohl in Vergessenheit geraten. Er starb 1460.
Das Schicksal der beiden interessiert nicht nur Historiker sondern auch Künstler und Literaten. Seit 1935 finden im Schloss zu Straubing die Agnes-Bernauer-Festspiele statt.

Textquellen:

Bildquellen:

  • www.blutenburg.de
  • Stahlstich von Johann Poppel, 1843, der Agnes Bernauer Kapelle im Friedhof St. Peter
  • Plakat der Bernauer Festspiele von 1960 stellte das Stadtarchiv Straubing freundlicherweise zur Verfügung
  • www.straubing.de

Copyright © 2011 by Andrea Hoch


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