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Mythen und Wirklichkeiten

Ein Findling namens Caspar

Historische Ereignisse regen Regisseure, Künstler und Autoren an, die Begebenheiten in Theaterstücken, Filmen und Büchern in verschiedenster Weise darzustellen. Menschen, die in der Vergangenheit litten, mordeten oder die Geschichte veränderten, hatten zu dieser Zeit keine Ahnung, dass sie einmal Protagonisten und Darsteller sein würden. So auch ein junger Mann, Anfang des 19. Jahrhunderts in Nürnberg, dessen Leben in vielen Theaterstücken, Filmen und Büchern dargestellt wird.

Nürnberger Unschlittplatz, Pfingstmontag 1828

Ein junger Mann tauchte auf, der weder richtig gehen noch zusammenhängend sprechen konnte. Zuerst warf man den Jüngling, der sich Caspar Hauser nannte und den man auf ca. 16 Jahre schätzte, ins Gefängnis. Da er nur Brot und Wasser vertrug und von alltäglichen Dingen keine Ahnung hatte, kam schnell der Verdacht auf, dass er den Großteil seines Lebens gefangen gehalten wurde. Der Arzt der ihn untersuchte war der Meinung, dass er weder dumm noch verrückt sei, er aber von gesellschaftlicher Bildung ferngehalten wurde.
Der Jurist Paul Johann Anselm Feuerbach wurde als sein Vormund bestimmt. Die Erziehung übernahm der Gymnasialprofessor Georg Friedrich Daumer, der dem Jüngling auch psychologischen und pädagogischen Experimenten unterzog. Caspar erwies sich als gelehrig. Er berichtete von einem Verlies und zwei hölzernen Pferden, mit denen er seine einsamen Tage verbracht hatte. Bis auf einen einzigen Mann hatte er keinerlei menschliche Kontakte. Das Verlies wurde sauber gehalten. Manchmal schmeckte das Wasser bitter. Danach sank er in tiefem Schlaf, und wenn er aufwachte, war er gewaschen, sauber gekleidet und man hatte ihm Haare und Nägel geschnitten. Er erzählte von Träumen, von denen man annahm, dass es Erinnerungen an seine Vergangenheit waren, vom Inneren eines riesigen Hauses mit großen Räumen und Ahnengallerie und einem Springbrunnen im Hof. Es konnte sich nur um ein Schloss gehandelt haben.

Im Oktober 1829, nur eineinhalb Jahre nach seinem Auftauchen, wurde ein Attentat auf ihn verübt. Hatte er die Geister der Vergangenheit geweckt? Viele Publikationen erschienen, in denen Caspar als Schwindler und der Anschlag als Inszenierung dargestellt wurden.
Eine undurchsichtige Figur in diesem Fall war der englische Abenteurer Lord Stanhope, der am Tag des Attentats in Nürnberg ankam. Er setzte alles daran, Caspar Hauser persönlich kennenzulernen. Er war ein Freund Großherzog Leopolds und erkläre öffentlich, dass der Findling ungarischer Abstammung sei und in keiner verwandtschaftlicher Beziehung mit dem Hause Baden stehe.

Feuerbach forschte mit Eifer über Caspars Herkunft. In einer streng geheimen Memoire schrieb er an die Königin Karolin von Bayern, dass er vermutete, die an Caspar begangenen Verbrechen können nur von Personen mit Einfluss und den nötigen finanziellen wie räumlichen Mitteln begangen worden sein. Caspar sei der Sohn fürstlicher Eltern, welcher weggeschafft wurde, um anderen den Weg freizumachen. Alle Verdachtsgründe, die er zusammengetragen hatte, zeigten auf das Haus Baden. Seine stichhaltigen Beweise für die Abstammung Caspar Hausers, die er angeblich gesammelt hatte, konnte er niemanden zeigen, denn er verstarb im Mai 1833. Manche behaupteten, man habe dem Ableben nachgeholfen. Hatte auch er die Geister der Vergangenheit gerufen? In seinem Nachlass wurden keine Dokumente gefunden.

Am 14. Dezember 1833 wurde Caspar durch einen Messerstich schwer verwundet und erlag drei Tage später seiner Verletzung. Einer Einladung zufolge war er in den Hofgarten gegangen, wo ihn ein Mann niedergestochen hatte. Obwohl wie bereits beim ersten Anschlag Zeugen einen Unbekannten gesehen hatten, verlief die Suche ergebnislos. Die Ärzte hielten einen Selbstmord für unwahrscheinlich aber nicht für ausgeschlossen.

Man sollte meinen, mit Caspar Hausers Tod wäre der Fall erledigt. Irrtum. Begannen die Spekulationen bereits mit seinem Auftauchen, rief sein Ableben weitere Fragen auf.

Der einzige Sohn des badischen Erbprinzen Karl Ludwig wurde 1786 geboren. Sein Vater starb, als Karl von Baden 15 Jahre alt war. Sein Großvater Marktgraf Karl Friedrich und seine Mutter Amalie bereiteten ihn auf sein zukünftiges Amt vor. 1806 heiratete er Stephanie de Beauharnais und 1811 bestieg er den badischen Thron.
Karls ältester Sohn erkrankte kurz nach seiner Geburt und verstarb am 16. Oktober 1812. Bei einer vorgenommenen Nottaufe wurde seltsamerweise kein Name vergeben. Sein zweiter Sohn Alexander wurde 1816 geboren und verstarb im Folgejahr - einige vermuten, dass er ermordet wurde. Karl starb im Jahr darauf. Bereits vor seinem Tod kamen nach einer plötzlichen schweren Erkrankung, Gerüchte in Umlauf, er sei vergiftet worden. Schwer erkrankt bestätigte er beim Fürstenkongress von Aachen die Erbfolge der Nachkommen aus der Ehe seines Großvaters mit Luise Karoline Geyer von Geyersberg. Er verstarb 1818. Karls unverheirateter Onkel Ludwig bestieg als letzter Zähringer den Thron, bis 1830 Großherzog Leopold aus der Linie der Geyersberg, des neuen Hochberg-Zweiges den Thron übernahm.

An den Tod des ältesten Sohnes Karls glaubte Feuerbach nicht. Angeblich glaubte Stephanie, die Mutter des verstorbenen Kronprinzen, ebenso wenig, dass ihr Sohn gestorben war. Wie die Säugamme durfte sie ihr totes Kind nicht sehen. Als sie von Caspars Auftauchen und den Gerüchten hörte, reiste sie im April 1832, unter strengster Geheimhaltung, nur mit einer Hofdame begleitet, nach Ansbach. Als die Großherzogin Caspar Hauser erblickte, soll sie von der Ähnlichkeit mit ihrem Mann tief betroffen gewesen sein. Als Frau besaß Stephanie nicht die Macht, sich zu Caspar Hauser zu bekennen und ihm den Thron zu verschaffen. Ihr Ehemann war verstorben und sie hatte niemanden, der ihr geholfen hätte. Die Ähnlichkeit Hausers mit Mitgliedern der großherzoglichen badischen Familie blieb auch anderen nicht verborgen und nährte den Verdacht, der vermeintlich verstorbene Thronfolger zu sein.

Ein Jahr später verbrachte Großherzogin Sophie, Ehefrau des Großherzogs Leopold, eine Woche in Caspar Hausers Heimat. Es wird vermutet, dass sie sich ein Bild von dem Jüngling machen wollte. Wenn er wirklich ein Zähringerprinz war, wie gemunkelt wurde, dann war es um den Thron ihres Mannes geschehen. Großherzog Leopold musste sich mit den Gerüchten auseinandersetzen, dass seine Frau die Auftraggeberin von Caspar Hausers Ermordung gewesen war.

Mysteriös ist die Tatsache, dass ein Kind so lange gefangen gehalten wurde. Wurde es von jemand eingesperrt, um es vor dem sicheren Tod zu bewahren, oder wollte man es als Corpus Delicti aufbewahren, sollte man es jemals benötigen? Nur wer reich war, wer einen großen Vorteil daraus zog, verfügt über die nötigen Mittel, eine solche Tat zu vollbringen. Das entwendete Kind musste durch ein anderes ausgetauscht werden.
Am 26. September 1812 wurde Johann Blochmann, der Sohn eines Arbeiters geboren, aus dem Umfeld der Hochberg Gräfin. Während neben den Taufdaten seiner Geschwister auch die Sterbedaten vermerkt sind, fehlt bei Johann das Datum seines Todestags. Liegt er in der Fürstengruft anstelle des männlichen Zähringer-Thronfolgers? Das Haus Baden gewährt keinen Zutritt für DNA-Analysen.

Bei Umbauarbeiten im Schloss Pilsach in der Oberpfalz wurde ein kleines Verlies entdeckt, dass die Besitzer als Hausers Gefängnis interpretierten. Es soll auch ein Holzpferd geben, das die Besitzer unter Verschluss halten und nicht auf sein Alter untersuchen lassen. Somit bleibt es nur eine Vermutung.

Kaspar Hauser wurde am Stadtfriedhof Ansbach begraben. An der Stelle, wo das Attentat im Hofgarten geschah, steht eine Gedenktafel mit folgender Inschrift:

HIC OCCULTUS OCCULTO OCCISUS EST
XIV DEC: MDCCCXXXIII

Hier wurde ein Geheimnisvoller geheimnisvollerweise getötet. 14. Dezember 1833

Es gab mehrere Untersuchungen, die weder eindeutig bestätigen, noch dementieren, dass Hauser ein Mitglied der Badener war. Der Mythos Caspar Hauser wird weiterleben. Viele wollen damit profitieren. Diejenigen, deren Ahnen damit zu tun haben, wollen davon nichts wissen. Vielleicht sollte man manche Geheimnisse im Verborgenen ruhen lassen.

Quellen:

Copyright © 2012 by Andrea Hoch


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