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Mythen und Wirklichkeiten

Die Geister der Ehefrauen Heinrichs VIII

Am Ufer der Themse ließ Kardinal Wolsey 1525 einen prächtigen Palast erbauen, Hampton Court Palace, in dem er in verschwenderischem Luxus residierte. Als es ihm nicht gelang, den Papst zur Annullierung der Ehe von Heinrich VIII und seiner Ehefrau Catherine von Aragon zu überreden, wusste er, dass er die Gunst des Königs verloren hatte. In einem verzweifelten Versuch bot er Heinrich sein Juwel an der Themse. Dieser nahm das Geschenk an und forderte den Kardinal auf, sich einer Anklage wegen Hochverrats zu stellen. Wolsey starb im Herbst 1530, noch bevor er angeklagt wurde.

Heinrich VIII wurde 1491 in Greenwich geboren und starb 1547 in Westminster. Er war der zweite Sohn Heinrichs VII und Elisabeth von York. Nachdem sein älterer Bruder Arthur 1502 starb, wurde er offizieller Thronfolger und bestieg als 18-jähriger nach dem Tod seines Vaters 1509 den Thron. Er heiratete die Witwe seines Bruders, Catherine von Aragon, die nach mehreren Tod- und Fehlgeburten ein Mädchen zur Welt brachte, Maria.

Heinrich verlangte vom Papst in Rom die Annullierung seiner Ehe mit Catherine, mit dem Argument, die Ehe sei nie gültig gewesen, da sie die Witwe seines Bruders sei. Der wirkliche Grund war jedoch, dass sie ihm keinen männlichen Thronfolger schenkte und er sich in die Hofdame Anne Boleyn verliebt hatte. Der Papst verweigerte dies unter dem Druck des Kaisers des Heiligen Römischen Reichs, ein Neffe Catherines. Im Jänner 1533 heiratete der König in einer heimlichen Zeremonie die schwangere Anne Boleyn. Der von Heinrich ernannte Erzbischof Thomas Cranmer erklärte die Ehe mit Catherine für ungültig und bestätigte rückwirkend die Eheschließung mit Anne. Als der Papst daraufhin Heinrich exkommunizierte, sagte sich der König vollends von Rom los. Zu seinem Leidwesen war das Kind, das im September zur Welt kam, ein Mädchen, Elisabeth.
Drei Jahre später hatte Heinrich noch immer keinen männlichen Nachkommen, den er dringend brauchte, um das Haus Tudor auf dem Thron halten zu können. Um eine Scheidung zu umgehen, war dem König keine Tat zuwider. Anne wurde wegen angeblichen Ehebruchs und einer inzestuösen Beziehung zu ihrem Bruder beschuldigt und in einem Schauprozess zum Tode verurteilt. Sie wurde mit dem Schwert enthauptet. Ihr Geist blieb im Schloss zurück und wandelt seither einsam durch die Flure.

Elf Tage nach Annes Hinrichtung, heiratete er die 28-Jährige Jane Seymour. Der tyrannische Herrscher war zufrieden, als sie am 12. Oktober 1537 den lang ersehnten Sohn gebar, doch Jane starb. Alljährlich am Geburtstag ihres Sohnes Eduard, schwebt ihr Geist mit einer Kerze in der Hand durch das Schloss.

Auf Drängen seiner Minister heiratete er die deutsche Prinzessin Anne von Kleve. Beide waren entsetzt, als sie sich bei ihrer ersten Begegnung gegenübertraten. Der Braut stand ein dicker, rotgesichtiger Mann gegenüber, der Bräutigam sah in das Antlitz einer unattraktiven Frau. Die Ehe wurde nie vollzogen und sechs Monate später, von der englischen Kirche für ungültig erklärt.

Catherine Howards Geist, Heinrichs fünfte Frau, tritt am Öftesten in Erscheinung. Sie war sehr jung, als der König sie heiratete. Der dicke, ältere Mann stieß sie körperlich ab und sie flüchtete in die Arme des Höflings Thomas Culpeper. Durch den Klatsch der Bediensteten kam ihr Seitensprung ans Licht, ebenso ihre Affären vor der Heirat mit dem König. Heinrich war erbost, ließ Culpeper und zwei ihrer früheren Liebhaber hinrichten, die untreue Königin wurde in ihre Gemächer in Hampton Court Palace eingesperrt. Sie muss wohl geahnt haben, dass ihr Leben in Gefahr war. Eines Tages entwischte sie ihren Wachen, rannte über den heute als Spukgalerie bezeichneten Durchgang und flehte vor des Königs verschlossenen Türen um Verzeihung. Ihr Flehen war vergebens. Am 4. November 1542 schritt die Zwanzigjährige zu ihrer Hinrichtung. Stolz lächelnd sagte sie: »Ich sterbe als Königin, aber lieber wäre ich als einfache Frau von Thomas Culpeper gestorben.«
Viele wollen ihren Geist in einem weißen Gewand gesehen haben, der über die Spukgalerie wandelt, den Mund zu einem Schrei geöffnet.
Auch Wachmänner in jüngster Zeit. An der Eingangstür zum Schloss empfinden viele Besucher eine eisige Kälte und verspüren das Gefühl von Verzweiflung, einige haben sogar eine beringte Hand an die Tür klopfen sehen. 1999 fielen zwei Besucherinnen bei unterschiedlichen Führungen in der Spukgalerie an genau derselben Stelle in Ohnmacht. Sie berichteten, sie hätten kurz zuvor einen kalten Schauer und einen Schlag verspürt.

Seine letzte Frau, Catherine Parr, überlebte den König und dessen Kinder Eduard VI, Maria I und Elisabeth I, die ihm nacheinander auf dem Thron folgten.

Der prächtige Palast beherbergt viele Geister von Menschen, die einst hier lebten und in diesem Gebäude viel Freude und großes Leid erfahren haben.

Einer der steinernen Wächter des Hampton Court Palace

Und wer nun reist auf jenen Wegen,
sieht durch der Fenster rot Geglüh
Gebilde sich fantastisch regen
Zu einer schrillen Melodie;
Und durch das fahle Tor stürzt schwellend
ein Spukhauf her,
auf und davon – sie lachen gellend,
doch lächelnd nimmermehr.

Aus: Das Geisterschloss von Edgar Allan Poe (1809–1849)

Quellen:

Copyright © 2010 by Andrea Hoch


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