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Mythen und Wirklichkeiten

Die Frauen der Riegersburg

Die Riegersburg thront auf einem Vulkanfelsen im oststeirischen Hügelland in Österreich und wurde 1138 erstmals urkundlich als »Ruotkerspurch« (Burg eines Rüdigers) erwähnt. Von drei Seiten durch schroffe Felsen geschützt galt die Burg als unbezwingbar. Durch Erbschaften und Gerichtsprozesse ging sie an verschiedene Linien von Grafen und Herzoge und wurde in den Jahrhunderten weiter ausgebaut.

Markgraf Otakar III. ließ um 1140 am Fuße des Bergs eine weitere Burg errichten, um die Macht der Riegersburg-Wildonier einzuschränken. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts gelangte Reinprecht II. in den Besitz der Burg und ließ einen Steig (Eselssteig) in die Westwand des Felsens herausmeißeln, um das obere Hauptschloss unabhängig vom alten Hauptzugang zu machen.

Wann folgende Legende um den Eselssteig entstand, ist ungewiss: Einst lebten zwei Ritter auf dem Berg. Der ältere und sanftere der beiden Brüder, bewohnte die obere Burg, der jüngere die untere. Dem jüngeren passte es nicht, dass die Gefolgschaft seines Bruders stets seine Burg durchschritt, wenn sie ins Tal hinunterstiegen, und verweigerte den Durchlass. Mangels eines Brunnens in der oberen Burg herrschte oft bittere Not. Daraufhin ließ der ältere einen Steig in den Felsen hauen, auf welchem mittels Mauleseln Lebensmittel und Wasser hinauf geschleppt wurden. Seit dieser Zeit nennt man den Saumweg Eselssteig.

Als Sigmund, Freiherr von Wechsler 1648 starb und keinen männlichen Erben hinterließ, erbte die Burg seine einzige Verwandte, seine Nichte Elisabeth Katharina Wechsler, verehelichte Freifrau von Galler. Die »Gallerin« oder »schlimme Liesl«, wie sie genannt wurde, war zu diesem Zeitpunkt ungefähr 41 Jahre alt. Aus der Ehe mit dem Hofkriegsratspräsidenten Freiherr Hans Willhelm Galler entstammt die einzige Tochter Regina Katharina. Nach damaliger Rechtslage war die Gallerin als verheiratete Frau weder herrschaftsberechtigt, noch durfte sie über ihr Vermögen verfügen. Doch sie unterwarf sich nicht den Konventionen ihrer Zeit. Schon bei ihrer Heirat hatte sie sich in einem Vertrag das Recht gesichert, über ihren Besitz zu verfügen und am Gesellschafts- und Wirtschaftsleben teilzunehmen. Sie investierte viel Geld in die Renovierung der Burg, die sich in desolatem Zustand befand. Ihr verschuldeter Ehemann lebte aus beruflichen Gründen aus Graz und bat seine Frau oft um Geld. Die geschäftstüchtige Gallerin schloss mit ihm einen Vergleich. Sie zahlte ihm einen beträchtlichen Betrag, für den er ihr die alleinige Herrschaft überließ. Nach seinem Tod ließ man sie spüren, dass man einer Frau eine herrschende Funktion nicht zutraute. Sie hegte die Befürchtung, die Befehlsgewalt über die Burg zu verlieren. Vermutlich nicht ohne Eigennutz wählte sie für ihre 16jährige Tochter als Bräutigam den Freiherrn Johann Ernst Graf von Purgstall. Der Graf unterzeichnete einen Verlobungsvertrag mit der Klausel, dass die Hochzeit und das »Beilager« zu einem von der Mutter gewählten Zeitpunkt stattfinden würden. Auch dieser Vertrag war nicht ohne Eigennutz, denn am Tag nach dem Vollzug der Hochzeitsnacht war die Zahlung der Mitgift fällig. Im Jänner 1659 fand die Hochzeit statt.

1660 heiratete die Gallerin den Oberst Freiherr Detlef von Kapell. Dadurch machte sie sich ihren Verwalter Urban von Grattenau zum Feind; ob aus verschmähter Liebe oder Gier nach der Burg ist ungewiss. Grattenau begann mit ihrer Tochter und deren Ehemann gegen die Gallerin zu intrigieren. Ihr Ehemann fiel 1664 in der Schlacht bei Mogersdorf gegen die Türken.

Zwei Jahre später heiratete sie ein drittes Mal, Hans Rudolf von Stadl, 25 Jahre alt. Nach drei Jahren reichte die Gallerin die Scheidung ein. Für die damalige Zeit ein ungewöhnlicher und skandalöser Schritt.

Sie zerstritt sich mit dem Klerus, der ihr alleiniges Patronatsrecht über die Pfarre Riegersburg nicht anerkannte. Als sie vom Verhältnis des Pfarrers mit seiner Köchin erfuhr, stürmte sie das Pfarrhaus und ließ die Köchin verhaften. Die Auseinandersetzungen dauerten acht Jahre, in die auch der Salzburger Erzbischof und der Kaiser verwickelt wurden. Als die Prozesse gegen ihre eigene Familie begannen und sie um ihren Besitz bangte, schloss sie mit dem Pfarrer einen Vergleich. Sie verzichtete auf das Patronatsrecht und entschädigte ihn für die Übergriffe.
Elisabeth Katharina Freifrau von Galler starb am 12. Februar 1672 und wurde in der St. Martins-Kirche in Riegersburg bestattet. Da sie laut Testament auf einen Grabstein verzichtete, ist der genaue Platz nicht bekannt.

Die Gallerin war ihrer Zeit weit voraus. Sie kämpfte für ihre Rechte als Frau in einer männerdominierten Welt und wurde schon zu Lebzeiten zu einer Legende. Vieles ist durch die Jahrhunderte verfälscht wiedergegeben worden, doch sie war eine bemerkenswerte Person.

Eine andere Frau, die auf der Riegersburg gelebt hatte, war Katharina Paldauf, die Blumenhexe. 1645 trat die 20jährige Katharina Fondell in den Dienst der Gallerin und heiratete den Burgpfleger Paldauf, mit dem sie mehrere Kinder hatte.
1675 wurde sie als Hagel- und Wettermacherin angeklagt. Zu dieser Zeit, als die Menschen Schuldige für Missernten, Unwetter und Todesfälle suchten, war niemand vor diesen unsinnigen Anschuldigungen gefeit. Unter Folter denunzierten Beschuldigte Freunde und Verwandte. Auch Katharina Paldauf lernte die Grausamkeit des Gerichts kennen und nannte Personen, die mit ihr gemeinsam am Hexensabbat teilgenommen hatten, unter anderem einige Pfarrer. Das Schicksal der Pfarrer ist nicht bekannt, da Teile der Gerichtsakten verloren gegangen sind. Angeblich hat Katharina im Winter Blumen zum Blühen gebracht, doch in ihren Prozessakten ist nichts darüber vermerkt. Möglicherweise ist diese Legende erst später entstanden. Sie starb vermutlich am 23. September 1675.

Schicksale und Tragödien, die sich vor Jahrhunderten zugetragen haben, bilden Nährboden für Legenden, in denen sich Wahrheit und Erfindung mischen.

Quellen:

Copyright © 2010 by Andrea Hoch

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