
Mythen und Wirklichkeiten

Die Geister des Londoner Towers
Die geschichtsträchtige Festung liegt direkt an der Themse und gilt als eine der berühmtesten Burgen der Welt. Wilhelm der Eroberer (William the Conquerer) begann 1066 mit dem Bau des ersten Turms »White Tower«. In den folgenden Jahrhunderten wurde ein Wassergraben errichtet und die Festung erweitert. Der Gebäudekomplex ist von gewaltigen Mauern umgeben und sollte Macht demonstrieren. Heute ragen insgesamt 21 Türme gen Himmel. Er diente nicht nur als königliche Residenz, sondern auch als Waffenkammer, Gefängnis, Folterkammer und Hinrichtungsstätte. Heute sind die britischen Kronjuwelen hinter seinen Mauern verwahrt und können besichtigt werden.
Die Geschichte des Towers ist geprägt von vielen Gräueltaten, von berühmten Gefangenen und ihren tragischen Schicksalen und gehört zu den spukreichsten Gebäuden Englands. Ein Denkmal erinnert an die unglücklichen Seelen, die am Schafottplatz, im Inneren der Festung enthauptet wurden. Unzählige wurden am Green Tower öffentlich hingerichtet. Die Menschen, deren Schicksal sich hier entschieden hat, die gelitten und um ihr Leben gebangt hatten, kehren als Geister zu den Stätten der Grausamkeit zurück und warten auf ihre Erlösung.
Viele der Unglücklichen wurden per Kahn durch das Traitor‘s Gate in den Tower gebracht. eine direkte Verbindung von der Themse in die Burg. Wer das Verrätertor passierte, vorbei an den auf Speeren aufgespießten, abgeschlagenen Köpfen der Hingerichteten, der verlor die Hoffnung, die Sonne als freier Mensch wieder zu sehen.

Im Wakefield Tower spukt der Geist von Henry VI.
1421 geboren, bestieg Henry bereits als Baby nach dem Tode seines Vaters den Thron von England. Während seiner Minderjährigkeit regierte ein Rat. Henry war labil, lebte für seine Frömmigkeit und machte sich nicht all zu viel aus Regierungsgeschäften. In zeitlichen Abständen zeigte sich eine Geisteskrankheit. Im Mai 1471 wurde er ermordet. Der Legende nach war der Mörder der Duke of Gloucester (später Richard III.) Mit der Ermordung von Henrys einzigem Sohn starb die Line der Lancester aus. Am Jahrestag seines Todes soll Henrys trauriger Geist in der Stunde vor Mitternacht, seiner angeblichen Todesstunde, erscheinen und im Tower umher wandeln. Beim letzen Glockenschlag zu Mitternacht verblasst er.
Der White Tower ist das schaurigste Gemäuer der Anlage. Dort spukt die weiße Frau. Ihr beißender Duft durchdringt die Luft zum Eingang der St. John Kapelle und erschwert das Atmen. Besonders oft erscheint sie in der Galerie, wo die Rüstung Heinrichs VIII. ausgestellt ist. Wachmänner berichteten, dass sie einen schrecklichen Druck verspürten, der nachließ sobald sie die Galerie verließen. Ein Wachmann, der seinen Kontrollgang machte, überkam ein beängstigendes Gefühl, als werfe jemand einen Umhang über ihn. Der Umhang wurde von hinten ergriffen und um seinen Hals gezogen. Der Mann konnte sich aus dem unsichtbaren Griff befreien und taumelte in den Wachraum zurück. Würgemale an seinem Hals zeugten vom Kampf mit dem unsichtbaren Gegner.
Auch Lady Jane Greys Geist wurde hier mehrfach gesehen. Sie war Königin von England für neun Tage, bevor sie von der katholische Prinzessin Mary, die Anspruch auf den Thron erhob, abgelöst wurde. Lady Jane war siebzehn, als sie durch Beil des Henkers starb, wenige Stunden nachdem ihr Ehemann hingerichtet wurde.
Der Geist von Margaret Pole, Gräfin von Salisbury tritt besonders schauerlich in Erscheinung. Im Alter von 72 Jahren wurde sie ungerechterweise zur Zielscheibe der Rachegelüste von Henrys VIII. Ihr Sohn, Kardinal Pole missbilligte den Anspruch des Königs, das Oberhaupt der katholischen Kirche zu sein. Da Pole in Frankreich weilte, ließ Henry die Mutter des Kardinals im Mai 1541 zum Schafott bringen. Die energische Dame weigerte sich niederzuknien, denn ihrer Meinung nach taten das nur Verräter. Daraufhin hob der Henker sein Beil und jagte die Dame so lange um den Richtklotz, bis er sie zu Tode gehackt hatte. Am Jahrestag ihres Todes wiederholt sich das makabre Schauspiel unter lautem Gekreische ihres Geistes.
Tragisch ist die Geschichte der beiden Prinzen Eduard und Richard. Nach dem unerwarteten Tod von Eduard IV. sollte sein zwölfjähriger Sohn Eduard V. seine Nachfolge antreten. Er und sein jüngerer Bruder Richard wurden vom Parlament für unehelich erklärt und in den Tower gebracht. Ihr Onkel, der Duke of Gloucester bestieg den Thron als Richard III. 1674 wurden unter einer Treppe im White Tower zwei Kinderskelette gefunden, bei denen es sich vermutlich um die Überreste der Prinzen handelte. Sie erhielten fast 200 Jahre nach ihrem gewaltsamen Tod ein königliches Begräbnis in der Westminster-Abtei. Die wimmernden Geister der beiden erscheinen in weiße Nachtgewänder gehüllt, ängstlich aneinander geklammert. Sobald man sich ihnen nähert, verschwinden sie im Mauerwerk.
Guy Fawkes Geist wurde ebenfalls gesehen. Er war ein überzeugter Verfechter des Katholizismus, was ihm im protestantischen England des späten 16. Jahrhundert mehrmals in Schwierigkeiten gebracht hatte. Aufgrund des extremen Antikatholizismus plante er einen Anschlag auf das Parlament. Mehr als zwei Tonnen Schwarzpulver lagerte er im Keller des Parlamentsgebäudes, den er als Lagerraum gemietet hatte. Die Kenntnisse im Umgang mit Sprengstoff hatte er sich als Soldat angeeignet. Eine anonyme Nachricht vereitelte den Plan. Die Keller des Gebäudes wurden inspiziert und der Sprengstoff gefunden. Unter Folter verriet Fawkes den Plan und seine Mittäter. Im Jänner 1606 starben seine Komplizen durch erhängen, ausweiten und vierteilen. Eine schmerzliche Prozedur. Der Verurteilte wurde am Strick hochgezogen und kurz bevor er sterben konnte, wieder heruntergelassen, danach wurden ihm bei lebendigem Leib die Eingeweide entfernt und der Körper dann gevierteilt. Fawkes kürzte sein Sterben ab, indem er vom Galgenpodest sprang und sich das Genick brach. Noch heute erinnert alljährlich im November die Bonfire Night an diesen vereitelten Plan.

Die Legende der Raben des Towers, reicht bis ins Mittelalter zu König Bran zurück. Bran ist das walisische Wort für Krähe, Rabe.
König Bran befahl, nach seinem Tod seinen Kopf abzuschlagen und zu vergraben, als Schutz vor möglichen Angriffen. Wann die Legende der Raben entstand, ist nicht genau überliefert. Sollte der letzte Rabe den Tower verlassen, dann sind das Königreich und seine Menschen dem Untergang geweiht.
König Charles II. befahl, mindestens sechs Raben im Tower zu halten. Die Legende ist für die Londoner so wichtig, dass noch heute mehrere Raben gehalten werden. Den Tieren werden die Flugfedern gestutzt, um zu verhindern, dass sie wegfliegen. Im Durchschnitt werden Raben 25 Jahre alt, können aber durchaus bis zu 45 Jahren alt werden. Das Rabenhaus befindet sich neben dem Wakefield-Tower.
Quellen:
- www.grossbritannien.de
- www.london.de
- www.castles.me.uk
- Verwunschenes England und Irland, Richard Jones, Weltbild 2002
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