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Mythen und Wirklichkeiten

Der Zauberprozeß gegen Elias Grassinger

Wer schließlich formell Anzeige erstattete, ist unbekannt. Jedenfalls wurde Elias Grassinger, Halter von St. Veit, genannt »Halter-Ließl«, wegen des Verbrechens der verbotenen Wahrsagerei vom Landgericht Baden verhaftet. Von Februar bis August 1726 verhörte Stadtrichter Georg Reinwald Zeugen und sammelte schriftliche Berichte, bis er zu einem Urteil kam. Im Stadtarchiv Baden sind insgesamt zwölf Protokolle erhalten, aus denen sich folgendes Bild ergibt.
Grassinger war seit etwa 30 Jahren für verschiedene Herrschaften im Piesting- und Triestingtal als Halter tätig. Die erste nachweisbare Stellung hatte er in Dreistetten, etwa um die Jahrhundertwende. Dort beredete er einmal zwei Freunde, den Halter zu Wopfing und den Torwartl von Starhemberg, zu einer reichlich mystischen Schatzbeschwörung. Am Dienstag, Donnerstag und Samstag einer Woche fasteten die drei Freunde den ganzen Tag bei Wasser und Brot und trafen sich dann um elf Uhr nachts in einem abgelegenen Zimmer der Burg Starhemberg. Die Beschwörung dauerte jeweils bis Mitternacht, wobei Grassinger ein gedrucktes Gebet, das sogenannte »Kronen-Gebet«, las, während die beiden anderen Rosenkranz beteten.[1] Es kam aber nichts heraus, weder Geld noch sonst etwas, und der Halter von Wopfing war darüber so verärgert, daß er jeden Verkehr mit Grassinger abbrach.
Für diese Beschwörung konnte sich Michael Riedl, der ehemalige Halter von Wopfing, bei seiner Zeugenaussage verbürgen. Es waren aber noch ganz andere Geschichten im Umlauf. Zunächst einmal wurde die mißlungene Beschwörung im Volksmund gewaltig aufgebauscht, man behauptete sogar, es seien dabei Gespenster erschienen, die die Teilnehmer bei den Haaren gepackt hätten. Das sei aber nicht wahr!
Dann wurde beobachtet, daß öfters Herren aus Wien auf zwei, drei Tage zu Grassinger kamen. Da wurde dann »brav gegessen und getrunken«, denn angeblich hatte Grassinger einen »spiritus« (eine Art Geist oder Teufel in der Flasche) und zeigte ihn auch einmal her. Tatsächlich häuften sich die verdächtigen Ereignisse. Einmal z.B. verschwand Grassinger auf acht Tage und kehrte dann ohne Haar und Bart, nur mit einer Leinenhose bekleidet, von oben bis unten blau geschlagen nach Hause zurück. Er versuchte, den Vorfall geheimzuhalten, niemand hat je erfahren, was passiert war. Ein andermal kamen zwei Kavaliere mit Pistolen, um ihn zu erschießen. Grassinger mußte sich damals bei einem Freund verstecken, die Nachbarn hielten Wache, um den Mord zu verhindern.
Als solche Geschichten bei der Herrschaft bekannt wurden, wurde Grassinger entlassen, obwohl eine Untersuchung keines der Gerüchte bestätigen konnte.

Nach einem Zwischenspiel in Waidmannsfeld kehrte Grassinger ca. 1716 wieder nach Dreistetten zurück. Gerade damals wurde dem Dreistettener Untertanen Georg Steinmetz bei einem Lederer in Wr. Neustadt eine Kuhhaut gestohlen. Sofort schickte er einen »Buben« um den »Halter-Ließl«. Er selbst machte sich auf den Heimweg. In Fischau (wo er wahrscheinlich im Wirtshaus eine Rast einlegte - Anm. Maurer) erzählte er von seinem Verlust und hörte, daß »die Schusterin« mit einer Kuhhaut gesehen worden sei. Kaum war er zuhause, erschien auch schon der Halter-Ließl und verlangte ein Sieb und eine Schafschere. Er ließ sich dann die Ereignisse des Tages und vor allem die dabei beteiligten Personen genau aufzählen, und immer wenn die Schusterin erwähnt wurde, begann sich das Sieb zu drehen (es wurde also vermutlich mit dem Mittelpunkt auf die Spitze der Schafschere gelegt, sodaß es leicht beweglich war - Anm. Maurer). Der Bestohlene hatte zwar ohnehin schon einen Hinweis auf die Täterin, freute sich aber über die Bestätigung und gab dem Ließl eine Maß Wein und Brot.
Sogleich machte sich Steinmetz auf den Weg zur Schusterin, aber die stritt alles ab, auch als er ihr androhte, am nächsten Tag mit ihr zum Lederer zu gehen. In der Nacht jedoch wurde die Haut heimlich zurückgestellt ...

In den folgenden Jahren gab es für Grassinger mehrere Dienstwechsel zwischen Waidmannsfeld und St. Veit, wo er 1722 von Lorenz Postl wegen des schon besprochenen Truheneinbruchs konsultiert wurde. Durch den Erfolg in dieser Sache wurde Grassinger offensichtlich auch in Baden zur ersten Adresse bei Problemen mit der täglichen Kleinkriminalität. Noch im selben Jahr 1722 verschwanden dem Türmergesellen der Pfarrkirche St. Stephan sechs Gulden aus einem versperrten Kästchen. Grassinger meinte, der Türmerlehrling sei der Täter, aber es sei schon zu spät, von dem ganzen Geld sei nur noch ein Gulden übrig. Genauso war es dann auch.

Obwohl Grassinger offiziell weiterhin als Halter von St. Veit bezeichnet wurde, dürfte er in den Jahren 1724/25 zumindest zeitweilig auch in Baden gearbeitet haben. Gerade da verschwand im Gasthaus »zum Goldenen Hirschen« auf dem Hauptplatz auf einmal ein großer Teil des Salzvorrats. Den Knecht Hans Hemmerlein ging das zwar gar nichts an, doch fürchtete er, das Personal (und damit auch er selbst) könnte verdächtigt werden, und lief gleich zum Halter hinaus, um ihn um Rat zu fragen. Der ließ sich genau erzählen, wer im Haus aus und ein gehe, und bat schließlich den Knecht, auf seine Herde zu achten, bis er wieder zurück sei. Schon eine halbe Stunde später war er wieder da und verkündete, daß die Wäscherin die Diebin sei. Für diese Auskunft verlangte er einen Gulden, doch hatte Hemmerlein nur 47 Kreuzer mit, und die gab er ihm. Zuhause bezichtigte er dann die Wäscherin des Diebstahls, doch konnte dieser nie nachgewiesen werden.

Ende 1725 verlor der 16jährige Bräuknecht Paul Pogenrieder seine silberne Tabakdose. Zufällig kam abends der Halter ins Bräuhaus, und Pogenrieder fragte ihn, wer sie gestohlen haben könnte. Der Halter war schon berauscht und vertröstete ihn auf morgen. Am nächsten Tag bezeichnete er dann die »Aufräumerin« als Täterin. Zur Rede gestellt, leugnete die Bedienerin und hatte einen fürchterlichen Zorn auf den Halter, aber in der Nacht lag die Tabakdose in Pogenrieders Bett. Dafür zahlte Paul dem cleveren Detektiv »einen Siebener« in bar und »eine halbe Bier«.

Natürlich machte sich Grassinger durch seine Tätigkeit nicht nur Freunde, und es wird wohl eine der so schmählich überführten Diebinnen gewesen sein, die ihn wegen Wahrsagerei anzeigte - wahrscheinlich anonym, denn weder in den Verhörsprotokollen noch im Ratsprotokoll ist ein Kläger genannt. Stadtrichter Georg Reinwald holte nun bei allen Herrschaften, die den Angeklagten je beschäftigt hatten, Informationen ein. So erfahren wir, daß Grassinger in Dreistetten insgesamt etwas über sechs Jahre Halter war. In Waidmannsfeld war er zwei Mal angestellt, insgesamt 16 Jahre lang, in St. Veit ebenfalls zwei Mal, insgesamt 5 Jahre. In allen Fällen hatte er seinen Dienst zur Zufriedenheit der ganzen Gemeinde versehen, war aber wegen der unheimlichen Gerüchte entlassen worden, ohne daß je eine Verfehlung nachgewiesen werden konnte. Die Gemeinde St. Veit rühmte sogar seinen erbaulichen Lebenswandel (»erpeulich aufgefihrt«): Im Sommer sei er natürlich auf der Weide gewesen, und was dort vielleicht geschah, entziehe sich der Kenntnis; im Winter aber habe er an Sonn- und Feiertagen keinen Gottesdienst ausgelassen und immer andächtig seinen Rosenkranz gebetet. Ein ähnlich zweideutiges Bild ergab eine Untersuchung der konfiszierten Besitztümer des verdächtigen Halters. Es fand sich darunter ein Evangelienbuch. War das als Ausdruck seiner religiösen Gesinnung zu werten oder hatte es für abergläubische Praktiken gedient?

Der Stadtrichter, unterstützt vom Stadtschreiber und den Herren des Inneren Rates, fällte einen Schuldspruch. Elias Grassinger, ehem. Halter von St. Veit, galt nun als Malefikant (Schwerverbrecher). Das Strafausmaß, das von der Regierung im Februar 1727 bestätigt wurde, unterscheidet sich wohltuend von dem anderer Hexen- und Zauberprozesse, obwohl es für den alternden Ließl natürlich eine Katastrophe bedeutete. Er wurde zu drei Jahren Zwangsarbeit in Raab (heute Györ, Ungarn) verurteilt und dann auf ewig aller kaiserlichen Erbländer verwiesen.

Die Geschichte stellte uns freundlicherweise Herr Dr. Maurer, Leiter des Rolletmuseum und Stadtarchives Baden zur Verfügung. Aus seinem in der Reihe erschienenem: Katalogblatt des Rollettmuseums Baden »Bürger im Wörth« Geschichte einer Badener Vorstadt, Rudolf Maurer, 116 Seiten (erschienen 2004)

© Andrea Hoch

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