
Mythen und Wirklichkeiten

Aberglauben im Lebenskreis
Von fast vergessenen Sitten und Gebräuchen von der Geburt bis zum Tod
In früheren Zeiten war das Leben eines Menschen von seiner Zeugung bis zum Tod von bestimmten Sitten und Gebräuchen begleitet, auf deren Einhaltung man sorgfältig achtete. Böse Geister, Dämonen oder gar der Teufel selbst waren allgegenwärtig und versuchten einem die Seele zu entreißen oder auf ewig zu verdammen.
In diesen Zeiten ist der Ursprung des Begriffs Aberglauben zu suchen, denn alles, was damals dem religiösen Glauben gegenüberstand, wurde abschätzig als solcher bezeichnet. Aberglauben gilt heute noch als irrational, nutzlos, unvernünftig und unwissenschaftlich.
Doch selbst in einer modernen Welt wie der unseren finden wir noch viele dieser Rituale und Bräuche, gerade in ländlichen Gegenden, bei streng gläubigen Menschen oder solchen mit geringer Bildung.
Teil 3
Die Hochzeit
Über das Heiraten als solches und der Hochzeit im Allgemeinen, jenem besonderen Tag im Leben junger Menschen, gibt es viele alte überlieferte Weisheiten und so manche abergläubische Regel.
Beispielsweise soll der Bräutigam das Hochzeitskleid nicht vor der Trauung sehen.
Wirft die Braut ihren Hochzeitstrauß nach der Trauung in die Menge, so wird jene als nächste heiraten, die ihn auffängt. Oder die These, dass, wenn ein Stück des Hochzeitskuchens umfällt, man eine böse Schwiegermutter bekommt, ist auch heute noch tief in unseren Köpfen verwurzelt.
Ebenso, dass man auf einer Hochzeit keine Perlen tragen sollte, denn Perlen bedeuten Tränen. In ganz Europa werden übrigens Perlen mit Tränen in Verbindung gebracht.
Dies ist mit den nachfolgend aufgeführten Beispielen ein weiterer Beweis, wie tief der Aberglaube hierzulande immer noch verwurzelt ist.
Noch heute finden sich in gewissen ländlichen Gegenden am Montag vor der Hochzeit die Freundinnen der Braut, der Hochzeitslader, der Bräutigam und die Patin zum Schräppen ein. Dies bedeutet, dass die Blumenkränze, Girlanden und Laubbögen gefertigt und mit roten Bändern und Tüchern geschmückt werden - einer wichtigen Farbe zum Schutz vor Hexen, Geistern und Dämonen - die von der Braut am Kleid oder als Schmuck getragen wurden. Ein rotes Tränentuch, das die Mutter der scheidenden Tochter bei der Hochzeit überreicht, soll sorgsam aufbewahrt werden, damit es auf dem Sterbebett und dem Weg zum Grab zusätzlichen Schutz bieten kann.
Nicht selten begleitet eine rote Wachskerze die Braut in die Kirche und wird dort neben ihr aufgestellt.
Auch Blumen und ein Kranz gelten heute noch als magische Zeichen, Symbole des Lebens und als Schutz vor bösen Geistern. Wie bei der Geburt spielt der Rosmarin dabei als Lebenspflanze in ganz Europa immer noch eine große Rolle.
Das Wachsen und Welken des Rosmarinstocks, der für die Hochzeit gepflanzt wurde, bedeutet Gedeih und Verderb in der Zukunft.
Vielerorts geht das Paar selbst heute nicht alleine zur Kirche und die Braut darf am ersten Tage nicht die Schwelle ihrer neuen Heimat betreten, sondern muss sie überspringen oder wird über diese getragen. In manchen Gegenden saß die Braut während des Hochzeitschmauses in der besonders geschützten Ecke, im sogenannten Herrgottswinkel.
Im südlichsten Zipfel unserer Republik, in Baden, war es Sitte, dass die Braut selber mit einem Korb am Arm im Dorf herumging, um die Gäste zur Hochzeit zu laden. Sie bekam in jedem Haus ein Stück Brot, das sogenannte Glücksbrot, damit es ihr in ihrem zukünftigen Hausstand nie ausgehen sollte.
Dort war auch die sogenannte gelbe Frau anzutreffen, eine Art Patin der Braut, die über alle Hochzeitsvorbereitungen die Oberaufsicht hatte. Ihr Name wird mit den gelben Schuhen der Ostara, der Frühlingsgöttin der Germanen, in Verbindung gebracht, welche als Ehrenmutter der Braut den Hochzeitskranz abnimmt, um ihn ins Herdfeuer zu werfen. Verbrannte dieser rasch, so galt es als glückliche Vordeutung, sprühte er Funken oder fing er nur langsam Feuer, war es ein besorgniserregendes Zeichen.
Am Polterabend wird nicht nur in Baden noch einmal gründlich Lärm gemacht, um die bösen Geister von dem Brautpaar fernzuhalten.
Allerdings muss das so genannte Poltergut aus Stein oder Porzellan sein und nicht aus Glas, denn dieses bringt dem zukünftigen Paar nichts als Unglück. Man denke nur an den entsprechenden Aberglauben in Bezug auf Spiegel. Als Zeichen des künftigen Ehefriedens ist es auch heute noch Brauch, dass das Paar am Ende des Festes die Scherben gemeinsam aufkehrt.
Um die letzte Jahrhundertwende war es auch noch Sitte, die Hochzeit vor und nicht in der Kirche abzuhalten und da der Friedhof meist nicht weit entfernt war, den Segen bereits verstorbener Familienmitglieder zu erbitten. Hierzu besuchte das Brautpaar ihre Gräber und lud die Verstorbenen symbolisch ein.
Der Kuss, den sich die Jungverheirateten nach der Trauung geben, beruht übrigens auf dem Brauch des Friedenskusses, den der Bräutigam in alter Zeit vom Priester als Segen erhielt und ihn hernach an seine Braut weitergab.
Bei der Feier als solches kommen auch heute noch, in unserer modernen, aufgeklärten Zeit, viele Anzeichen von Aberglauben und Götzendienst zum Tragen.
Man denke nur an die Erbsen oder den Reis, welche man dem Brautpaar nachwirft, den mit drei Goldstücken gespickten Apfel vor dem Sitzplatz der Braut oder an die Ähren, die sich das Paar in die Schuhe steckt. Auch der Hochzeitskuchen, damals eher ein teigartiger Fladen anstatt der heutigen aufwendigen Creme- oder Sahnetorte, hatte damals noch eine wichtige Bedeutung.
Der englische Wedding Cake beispielsweise wurde in drei Lagen gebacken, die angeblich erst nach drei Monaten gut schmeckten. Na ja, die englische Küche gilt ja immer noch als ziemlich suspekt.
Rezept gefällig?
Die erste Lage hat aus Zucker zu bestehen, süß und als Zeichen für die Liebe.
Die zweite Lage besteht aus Marzipan, als Symbol für den Brautstand, deshalb werden unter die süßen auch ein paar bittere Mandeln gemischt, und die dritte Schicht ist ein Plum-Cake, eine Art Rosinenkuchen, der den Ehestand darstellen soll. Gebacken, in die Speisekammer gestellt und nach drei Monaten angeschnitten … na ja, wem´s schmeckt.
Kuchen, insbesondere Brot oder auch Gewürze wie Salz spielen ohnehin eine große Rolle im Aberglauben.
Wird doch mit Brot und Salz die junge Braut in vielen Landstrichen in ihrer neuen Heimat begrüßt, und das gemeinsame Brotabbrechen als Zeichen von Zugehörigkeit betrachtet, weil in vorchristlicher Zeit dieser Brauch bedeutete, dass das Paar in der Sippe aufgenommen wurde. So gelten auch Schwein und Huhn heute noch zum Bestandteil eines jeden Hochzeitsessens, weil diese als glücksbringende Tiere gelten. Und wie überall in unseren Kulturkreisen gilt: ist das Mahl erst vorüber, muss ausgiebig getanzt und gefeiert werden, um mit dem Lärm die bösen Geister von dem jungen Glück fernzuhalten.
Sicherlich gab und gibt es auch zu diesem Thema noch viele Ausführungen, aber unsere kleine Reihe soll lediglich zu Denkanstößen anregen.
Text- und Bildquellen:
- Das große Buch der Feste und Bräuche von Sybil Gräfin Schönfeld, Ravensburger Verlag
- Handbuch des Aberglaubens von Dr. Ulrike Müller Kaspar, Tosa Verlag
- Die Götter und Mythen des alten Europas von J. Simpson, Kaiser Verlag
- Carl Johann Lasch: Wir gratulieren zum Geburtstag, aus www.wikipedia.de, gemeinfrei
Der Kreis des Aberglaubens von der Geburt bis zum Tod wird sich schließen mit:
Danach wird wahrscheinlich so mancher überrascht sein, welche Bedeutung dem Wort Aberglauben selbst in unserer Zeit noch zukommt und es wird klar, warum gerade das Unheimliche, das Unerklärliche und nicht Greifbare noch heute eine solche Faszination auf uns ausübt.
Copyright © 2010 by C.C. Slaterman
|