
Mythen und Wirklichkeiten

Aberglauben im Lebenskreis
Von fast vergessenen Sitten und Gebräuchen von der Geburt bis zum Tod
In früheren Zeiten war das Leben eines Menschen von seiner Zeugung bis zum Tod von bestimmten Sitten und Gebräuchen begleitet, auf deren Einhaltung man sorgfältig achtete. Böse Geister, Dämonen oder gar der Teufel selbst waren allgegenwärtig und versuchten einem die Seele zu entreißen oder auf ewig zu verdammen.
In diesen Zeiten ist der Ursprung des Begriffs Aberglauben zu suchen, denn alles, was damals dem religiösen Glauben gegenüberstand, wurde abschätzig als solcher bezeichnet. Aberglauben gilt heute noch als irrational, nutzlos, unvernünftig und unwissenschaftlich.
Doch selbst in einer modernen Welt wie der unseren finden wir noch viele dieser Rituale und Bräuche, gerade in ländlichen Gegenden, bei streng gläubigen Menschen oder solchen mit geringer Bildung.
Teil 2
Geburts- und Namenstage
Auch Geburtstagsriten haben wie viele andere Sitten und Gebräuche einen alten, magischen Ursprung.
Je früher am Tag ein Glückwunsch überreicht wurde, desto sicherer wirkte er, weil er ja den bösen Geistern zuvorkam. Ein Geschenk multiplizierte die gute Wirkung ungeheuer. Die bösen Geister flüchteten sich erst recht ins Dunkel zurück, wenn Menschen miteinander aßen, feierten und die Kerzen, die dabei brannten, Zauberkraft ausstrahlten und die guten Wünsche zu den Göttern emportrugen.
Solcherart entstanden Geburtstagseinladungen und Feste.
Nichts anderes als eine Schutzgeste, vermeintliche Garantie und Sicherheit für das kommende Lebensjahr. Selbst Spiele, die damals nur von Kindern gespielt wurden, dienten einst dazu, die allgegenwärtigen Dämonen und Geister zu verjagen.
Eine große Rolle fiel dabei auf Reihenspiele, bei denen sich alle anfassten und einen Kreis bildeten. Diese Kreisspiele, bei denen einer im Kreis, und damit geschützt steht, und von anderen außerhalb des Kreises gejagt wird, wiederholen das alte Spiel vom ewigen Kampf zwischen Gut und Böse.
Wurde einst nur bei Hochgestellten und Adligen der Geburtstag gefeiert, so entstand in Deutschland der Kindergeburtstag und wanderte in die Welt hinaus.
Wohl bekannt ist die Tatsache, dass ein Wunsch in Erfüllung geht, wenn man es schafft, alle Kerzen auf dem Geburtstagskuchen auszublasen.
Weniger bekannt ist hierzulande, dass die rote Lebenskerze in der Mitte auch wieder ein althergebrachtes Symbol ist, wie Ring und Kette als Kreissymbole weiteren Schutz vor Unheil bieten.
Von Land zu Land sind deshalb folgende Bräuche verschieden, obwohl sie sich genauer betrachtet irgendwie ähneln.
In England gehören Lärminstrumente ebenso zu einem Geburtstag wie Orakelspiele. Besonders gerne wird ein Geburtstagskuchen mit verschiedenen Gegenständen darin gebacken. Ein Knopf bedeutet Armut, eine Münze Reichtum, ein Fingerhut verheißt, dass man unverheiratet bleibt.
In Holland werden ungerade Geburtstage als Halbkronenjahre bezeichnet, die geraden als Kronenjahre, welche besonders aufwendig gefeiert werden.
Im Land von Irish Stew, Whisky und Butter geht es etwas derber zu. Auf der grünen Insel soll ein Besuch im Puff, oder genauer gesagt der Geburtstagsstoß die bösen Geister vertreiben. Und in Belgien schließlich verstecken sich die Familienangehörigen vor dem Geburtstagskind, um es dann mit einem Geschenk zu überraschen oder es mit einer Nadel zu stechen, was seltsamerweise ebenfalls Glück bringen soll.
Daneben gibt es auch Geburtstage mit besonderer Bedeutung.
Bricht der erste Zahn bei einem Kind durch, wird mancherorts ein sogenannter Bannock aus Hafermehl, Butter und Sahne geformt, in dem ein Ring eingebacken wird. Das Kind darf mit dem Gebäck spielen und wenn es den Bannock zerbricht, dürfen die Familienmitglieder den Teig essen, während das Kleine den Ring zum Beißen behält.
Zum 50ten Geburtstag, an dem man hoffentlich ein halbes Jahrhundert glücklich und gesund gelebt hatte, wurde in manchen Gegenden im Geburtstagskuchen eine goldene Bohne eingebacken, die jenem Glück versprach, der sie fand.
In streng katholischen Gegenden wurde dem Feiernden eine dicke rote Kerze, also ein Lebenslicht geschenkt. Dort war es Sitte, die Freunde seines Lebens einzuladen und mit ihnen groß zu feiern.
Noch heute hält sich in diesen Regionen der Brauch, dass Namenstage aufwendiger oder gleichermaßen gefeiert werden wie der eigentliche Geburtstag.
In Italien ist es noch Sitte, dem Kind den gleichen Namen eines Heiligen zu geben, an dessen Tag es geboren war.
Solcherart gibt es noch genügend andere Beispiele. Mal ehrlich, wer kennt nicht jene alte Bauernregel, wonach das Wetter sieben Wochen lang so bleiben wird, wie es an Siebenschläfer war, die Geschichte von der schwarzen Katze oder dass es Unglück bringt, wenn Glas zerbricht?
Text- und Bildquellen:
- Das große Buch der Feste und Bräuche von Sybil Gräfin Schönfeld, Ravensburger Verlag
- Handbuch des Aberglaubens von Dr. Ulrike Müller Kaspar, Tosa Verlag
- Die Götter und Mythen des alten Europas von J. Simpson, Kaiser Verlag
- Carl Johann Lasch: Wir gratulieren zum Geburtstag, aus www.wikipedia.de, gemeinfrei
Der Kreis des Aberglaubens von der Geburt bis zum Tod wird sich schließen mit:
- Teil 3 - Die Hochzeit
- Teil 4 - Sterben und Tod
Danach wird wahrscheinlich so mancher überrascht sein, welche Bedeutung dem Wort Aberglauben selbst in unserer Zeit noch zukommt und es wird klar, warum gerade das Unheimliche, das Unerklärliche und nicht Greifbare noch heute eine solche Faszination auf uns ausübt.
Copyright © 2010 by C.C. Slaterman
|