
Mythen und Wirklichkeiten

Aberglauben im Lebenskreis
Von fast vergessenen Sitten und Gebräuchen von der Geburt bis zum Tod
In früheren Zeiten war das Leben eines Menschen von seiner Zeugung bis zum Tod von bestimmten Sitten und Gebräuchen begleitet, auf deren Einhaltung man sorgfältig achtete. Böse Geister, Dämonen oder gar der Teufel selbst waren allgegenwärtig und versuchten einem die Seele zu entreißen oder auf ewig zu verdammen.
In diesen Zeiten ist der Ursprung des Begriffs Aberglauben zu suchen, denn alles, was damals dem religiösen Glauben gegenüberstand, wurde abschätzig als solcher bezeichnet. Aberglauben gilt heute noch als irrational, nutzlos, unvernünftig und unwissenschaftlich.
Doch selbst in einer modernen Welt wie der unseren finden wir noch viele dieser Rituale und Bräuche, gerade in ländlichen Gegenden, bei streng gläubigen Menschen oder solchen mit geringer Bildung.
Teil 1
Schwangerschaft und Geburt
Schon in der Schwangerschaft wurde die Mutter wegen dem Ungeborenen vorsichtig und aufmerksam behandelt. Sie durfte sich des Nachts nicht aus dem Haus begeben, denn wie leicht hätten sich Hexen und Dämonen ihres schutzlosen Kindes bemächtigen können. Aus diesem Grund werden heute noch in Mexiko Schlüssellöcher und Türritzen verstopft. Selbst in Frankreich war das bis zum vorigen Jahrhundert gang und gäbe, nur durfte man dort nichts verschließen, da der Geburtsweg ja auch offenbleiben sollte. Um die Geburt nicht zu erschweren, sollte die Mutter auch nichts Hässliches sehen, nicht über Kreuzwege gehen und schon gar nicht unter Stangen einher, damit sich das Ungeborene nicht mit der Nabelschnur umwickelte. Die These, es bringt Pech, unter einer Leiter durchzugehen, ist darauf zurückzuführen.
Weil man hoffte, dass ihre Fruchtbarkeit ansteckend sei, durften in manchen Gegenden werdende Mütter überall Obst in den Gärten pflücken und man bot ihnen auch immer etwas zu essen an, wenn sie vorüberkamen.
War das Kind geboren, wurde es auf den nackten Boden gelegt, damit es die Kraft der Erde empfinge - ein Brauch aus vorchristlicher Zeit stammend, der sich bis heute gehalten hat. Um ihre Fruchtbarkeit zu segnen, erhielt die Mutter die kräftigende Kindbettsuppe, deren Zutaten nicht nur besonders nahrhaft waren, sondern auch viele Fruchtbarkeitssymbole wie Eier und Getreide enthielten. Auch das Kind wurde mit einem Ei beschenkt.
In Regionen besonders gläubiger Menschen galt eine Mutter in den sieben Tagen zwischen Geburt und Aussegnung der Wöchnerin nicht als richtige Christin. Nicht selten musste sie bei ihrer ersten Messe nach der Niederkunft über eine Axt steigen, wenn sie die Kirche betrat, damit die bösen Geister, die sich in ihr eingenistet hatten, ihr nicht in die Kirche folgen konnten. In ländlichen Gegenden wurden diese von den jungen Burschen mit Peitschen und Dreschflegeln vertrieben, wenn das Kind zur Taufe gebracht wurde.
Anderswo bestimmte das Verhalten der Taufgesellschaft die spätere Entwicklung eines Kindes mit. Eilte diese schnell zur Kirche, so lernte das Kleine auch schnell laufen und waren die Paten nicht gerade reinlich, so drohte auch das Kind unsauber zu werden.
In anderen Regionen Europas wurden die Taufkerzen aufbewahrt, um sie anzuzünden, wenn das Kind krank oder in Gefahr war. Ein weiterer Brauch war das Mitbringen von Schmalz, Zucker, Semmeln, Brot und Kaffee durch die Taufgäste, wobei am Schluss der Feier immer zwei Semmeln übrig bleiben mussten, damit das als gutes Omen für die künftige Haushaltsführung des Kindes gelten konnte.
Reichlich geben, aber doch immer noch etwas bewahren.
In Deutschland wurde für einen Jungen ein Apfel- und für ein Mädchen ein Birnbaum als Lebensbaum gepflanzt. Andernorts kam dem Rosmarin, der sogenannten immergrünen Lebensrute eine besondere Bedeutung zu. Schützte er doch wegen seines starken Duftes gegen das Böse und wurde daher oft von den Paten getragen oder dem Kind in die Wiege gelegt.
Sehr oft kommt der Zahl 7 in diesem Lebensabschnitt des jungen Menschen eine besondere Bedeutung zu. So bekommt das Kind im siebten Monat Zähne, verliert im siebten Jahr die Milchzähne und kommt zur Schule. Mit 2 x 7 Jahren verlässt es diese wieder und es heißt auch, das Kind erbe den siebten Teil der Charaktereigenschaften seines Paten.
In gewissen Regionen in Thüringen trieb der Aberglaube bis in die 60er Jahre hinein noch seltsame Blüten. So wurde dort behauptet, dass Leberflecke bei dem Kind durch Kneifen und Zwicken der werdenden Mutter entstehen, dass wenn die Frau sich in der Schwangerschaft oft übergibt, das Kind ein Mädchen wird und dass man ein Kind im ersten Lebensjahr nicht auf den Friedhof mitnehmen darf, da es sonst stirbt. In manchen asiatischen Ländern ist es heute noch Brauch, im ersten Monat nach der Geburt eines Kindes permanent ein Feuer brennen zu lassen.
Soweit der Überblick zum Thema Aberglauben, Schwangerschaft und Geburt. Wer sich eingehender mit dem Thema beschäftigen will, dem sind folgende Bücher zu empfehlen, die auch der Autor als Quellen genutzt hat.
- Das große Buch der Feste und Bräuche von Sybil Gräfin Schönfeld, Ravensburger Verlag
- Handbuch des Aberglaubens von Dr. Ulrike Müller Kaspar, Tosa Verlag
- Die Götter und Mythen des alten Europas von J. Simpson, Kaiser Verlag
Mein Dank gilt auch Christel Scheja und ihrem 2001 verfassten Bericht, der im Februar 2005 in der Ausgabe 257 des BWA (Fanzine des Science Fiction Clubs Baden Württemberg) erschienen ist.
Der Kreis des Aberglaubens von der Geburt bis zum Tod wird sich schließen mit:
- Teil 2 - Geburts- und Namenstage
- Teil 3 - Die Hochzeit
- Teil 4 - Sterben und Tod
Danach wird wahrscheinlich so mancher überrascht sein, welche Bedeutung dem Wort Aberglauben selbst in unserer Zeit noch zukommt und es wird klar, warum gerade das Unheimliche, das Unerklärliche und nicht Greifbare noch heute eine solche Faszination auf uns ausübt.
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