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Mythen und Wirklichkeiten

Begegnung mit der Kaiserin

Wer von uns hat sich nicht schon das ein oder andere Mal die Frage gestellt, ob an Geistererscheinungen etwas Wahres dran ist? Ist es Segen oder Unglück, diesen Wesen aus der anderen Welt zu begegnen? Sensible Menschen behaupten, die Anwesenheit dieser geisterhaften Schemen zu sehen. Es gibt zahlreiche Berichte von solchen Erscheinungen, doch viele Menschen scheuen sich, an die Öffentlichkeit zu treten, aus Angst, als Spinner abgetan zu werden.

Schloss Schönbrunn, ehemalige Sommerresidenz der Habsburger, wird jährlich von mehreren Millionen Menschen aus der ganzen Welt besucht. Das Schloss, einst weit draußen vor den Stadtmauern errichtet, bildet heute eine Insel inmitten einer blühenden Parklandschaft neben dem Häusermeer von Hietzing im 13. Bezirk.
Kaiser Leopold I. wollte ein Wiener Versailles, das in Prunk und Glanz dem seines Erzfeindes, des Sonnenkönigs in Paris, in nichts nachstand. Geldmangel erlaubte nur ein Jagdschloss, der Mittelteil der heutigen Anlage. Seine Enkelin Maria Theresia besaß die nötigen finanziellen Mittel, um den Prunkbau zu errichten.

Einer, der mit dem Geist einer Persönlichkeit Bekanntschaft gemacht hat, ist ein ehemaliger Führer des Schlosses Schönbrunn. Er möchte namentlich nicht erwähnt werden, nennen wir ihn Heinz. Täglich führte er zahlreiche Besucher durch die prunkvollen Räume und erzählte Anektoten und historische Ereignisse aus vergangenen Tagen.
Es war im Aprill 2001.
Wie immer war er schon vor Beginn der Führung vor Ort, genoss die Stille und einzigartige Atmosphäre, die die luxeriösen Räumlichkeiten ausstrahlten und fühlte sich in eine andere Zeit versetzt. Er schritt durch die majestätisch anmutenden Gemächer, als er plötzlich stehenblieb. Zu einer Zeit, als sich niemand im Schloss aufhalten sollte, nahm er aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr. Spielten ihm seine Sinne einen Streich? Ihm wurde mulmig zumute. Es war schier unglaublich. Zwei nahezu transparente Frauengestalten schwebten über dem Boden im Toilettenzimmer der Kaiserin Elisabeth. Die Herrin im weißen Spitzenkleid wurde von der anderen frisiert. Die Dienerin, deren Kleid blassgelb schimmerte, steckte ihr eine kunstvolle Frisur. Die dunklen Haarstränen hoben sich aus dem sonst fast farblosen Szenario hervor. Die beiden unterhielten sich mit vergnügter Miene und schienen auch zu lachen, jedoch war kein Ton zu hören. Nur wenige Meter und eine Glaswand trennten Heinz von dieser seltsamen Erscheinung. Irgendwo schlug klappernd ein Fensterflügel und die Schemen lösten sich auf. Lange starrte er auf die Stelle hinter der Glaswand. Er kannte die beiden Frauen von Gemälden, Kaiserin Elisabeth und ihre Friseurin Fanny Feifalik.

Heinz zweifelte an seinem Verstand und obwohl er Bedenken hatte, zog er am nächsten Tag zwei Kollegen ins Vertrauen. Schweigend hörten sie seinen Bericht und ein Kollege gestand, auch selbst diese Erscheinungen gesehen zu haben. Der andere bestätigte, dass Touristen schon mehrmals von denselben Beobachtungen erzählt hatten. Amerikaner und Briten, die solchen Dingen gegenüber sehr offen sind. Die drei beschlossen, in der Direktion der Schlossverwaltung vorzusprechen. Dort ernteten sie nur Gelächter und als sie bei ihren Behauptungen blieben, wurden sie zu absolutem Stillschweigen ermahnt, denn man wolle keine Spinner und Verrückte. Wenn sie ihren Job behalten wollten, mussten sie sich den Anordnungen fügen.

Die schöne Kaiserin ging Heinz nicht mehr aus dem Sinn. In jeder freien Minute wanderte er zu den Toilettenräumen. Als Führer wusste er natürlich, dass sich Sisi zu Lebzeiten die Haare nicht hier frisieren ließ. Der Raum war für Besucherzwecke hergerichtet worden. Ihre privaten Gemächer lagen, heute für Besucher unzugänglich, im Nordtrakt des Schlosses, die sie über eine Wendeltreppe erreichen konnte. Warum zog es Sisi ausgerechnet hierher? Waren es ihre persönlichen Gegenstände, die hier ausgestellt waren? Das Schloss war für sie nie Heimat gewesen, sondern ein goldener Käfig.

Seine Geduld wurde belohnt. Wieder erschienen die beiden Frauen. Fanny umrundete ihre Herrin mit zwei Handspiegeln, damit sich diese von allen Seiten bewundern konnte, doch an ihrer Miene konnte Heinz erkennen, dass sie ganz und gar unzufrieden mit der Arbeit ihrer Friseurin war. Gestikulierend forderte sie das Mädchen auf, sie neu zu frisieren. Die negativen Schwingungen nahm Heinz als eisige Kälte wahr. Geräusche aus angrenzenden Gemächern lösten den Spuk auf. Heinz sah die beiden Frauen noch öfter, doch nie in Gegenwart von anderen. Es gab nie Zeugen, denen das Schauspiel zuteil wurde und sobald Lärm zu hören war, verschwanden die Feinstofflichen. Er versuchte Kontakt mit den Geistern aufzunehmen, doch die Wesen schienen ihn nicht zu hören.
Zwiespältige Gefühlte wühlten in Heinz. Noch nie zuvor war er mit übernatürlichen Dingen konfrontiert worden, er hatte auch nie so recht daran geglaubt. Sein Interesse war geweckt und er befasste sich näher mit der Biografie der Kaiserin.

Helene, die Tochter von Herzog Max in Bayern und Ludovika war als Ehefrau des österreichischen Kaisers Franz Joseph vorgesehen. Doch der Kaiser verliebte sich in ihre jüngere Schwester Elisabeth. Im Alter von 16 Jahren verließ Elisabeth ihre bayrische Heimat, um den österreichischen Kaiser zu heiraten. Sie litt unter dem steifen Zeremoniell, auf das ihre Schwiegermutter, Erzherzogin Sophie, großen Wert legte. Trotz Vorbereitung kam die junge unerfahrene Sisi mit dem Hofleben nicht zurecht. Man ließ sie spüren, dass sie keinem Königshaus entstammte, weder Vermögen noch die Bildung einer Prinzessin besaß. Die Erwartungen an ihre Ehe wurden schnell zerstört. Es gab keine Intimssphäre. Franz Joseph liebte seine Frau sehr, aber er war ein nüchterner, disziplierter Mann, den die Regierungsgeschäfte in Anspruch nahmen. Pflichterfüllung hatte oberste Prorität. Auch hatte Sisi als junges Mädchen nicht das Selbstbewusstsein, sich ihre Position an der Seite ihres Mannes und am Hof zu erkämpfen. Zu stark war der Einfluss seiner Mutter. Franz Joseph konnte oder wollte sich nicht gegen seine Mutter auflehnen. Er stand seiner Frau auch nicht bei, als Erzherzogin Sophie die drei Kinder Sisis Obhut entzog. Vielleicht war der Kaiser genau so einsam wie seine Frau, der er seine tiefgreifenden Gefühle nicht zu zeigen vermochte. Er hatte dies nie gelernt. Mit den Jahren entwickelte Sisi ihre eigene Strategie, sich dem Protokoll zu entziehen. Streitereien mit ihrem Ehemann entfloh sie ebenso wie ihren Pflichten als Kaiserin durch ausgedehnte Reisen. Ansonsten widmete sich Sisi ihrer Schönheit. Sie wurde als schönste Frau Europas bezeichnet. Mit eiserner Disziplin betrieb sie täglich Sport, für ihre Wespentaille nahm sie Hungerkuren in Kauf. Besonderen Kult trieb sie mit ihrem Haar, das bis zu den Fersen reichte und ihr Kopfschmerzen bereitete. Eine einzige Haarwäsche dauerte einen ganzen Tag. Die Flechtfrisuren, die man von den drei berühmten Winterhalter-Gemälden kennt, wurden in einer dreistündigen Arbeit gefertigt. Eine Künstlerin für ihr Haar fand sie in Fanny Angerer, die damals am Burgtheater als Friseurin tätig war. Die Kaiserin holte das Mädchen an den Hof. Fanny frisierte die Haare der schönsten Frau Europas und wurde dadurch die berühmteste Friseurin der Monarchie. War das Mädchen krank, weigerte sich Sisi, an gesellschaftlichen Veranstaltungen teilzunehmen, denn mit den Leistungen anderer Friseurinnen war sie nie zufrieden. Fanny errang in dieser Hinsicht einige Macht über ihre Herrin.

Eine Anekdote, die die Führer gerne zum Besten geben: Um ihre Herrin bei Laune zu halten, deren Stimmung sich dramatisch verschlechterte, wenn Teile ihrer Haarpracht ausfielen, überlistete Fanny sie mit einem Trick. Ausgekämmte Haare ließ sie in ihrer Schürze verschwinden. Die Kaiserin war zufrieden, wenn sie einen sauberen Kamm sah.
Das Mädchen verliebte sich in den Bürgerlichen Hugo Feifalik. Eine Heirat mit ihm hätte der Hofordnung widersprochen, doch Sisi intervenierte bei ihrem Ehemann und erwirkte für Fanny eine Ausnahmegenehmigung. Feifalik wurde Privatsekretär der Kaiserin und stieg in den Ritterstand auf. Das Paar begleitet Sisi auf zahlreichen Reisen.

Als Sisi sich Anfang der 1860er Jahre von einer Lungenkrankheit auf Korfu und Madeira erholte, war das der Beginn einer Odysee der gemütskranken Kaiserin, die durch halb Europa hetzte und nie lange an einem Ort verweilte. Ihre Gedichte spiegeln das Bild einer einsamen und unglücklichen Frau. Ihre Melancholie und Todessehnsucht verstärkte sich nach dem Freitod ihres Sohnes, Kronprinz Rudolph.
Am 10. September 1898 erstach der italiensiche Anarchist Luigi Lucheni die Kaiserin in Genf mit einer Feile. Der Tod beendete ihre Angst vor dem Älterwerden. Schon lange bedeckte sie ihr Gesicht mit Schleiern und sehnte in ihren Gedichten den Tod herbei.

Mittlerweile arbeitet Heinz nicht mehr dort. Er hat mehrmals das Schloss besucht, in der Hoffnung, der Kaiserin zu begegnen, jedoch ohne Erfolg. Es ist nicht belegt, wie viele Mitarbeiter des Schlosses die Erscheinungen gesehen haben. Vielleicht schweigen sie, aus Angst, ausgelacht zu werden.

An meinen Haaren möcht’ ich sterben,
Des Lebens ganze, volle Kraft,
Des Blutes reinsten, besten Saft
O ginge doch mein Dasein über,
In lockig seid’nes Wellengold,
Das immer reicher, tiefer rollt,
Bis ich entkräftet schlaf hinüber!

Elisabeth, Kaiserin von Österreich

Quellen:

  • Bieberger, Gruber, Hasmann, Spuk in Wien - von verborgenen Geistern und Spuren ins Jenseits
  • www.wien-vienna.at

Copyright © 2010 by Andrea Hoch


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