
Mythen und Wirklichkeiten

Die Schlacht von Ligny, 16. Juni 1815 - Teil 5
Der Beginn der Schlacht von Ligny

Als die Kirchturmuhr 15 Uhr schlug, wurden ihre Schläge von drei dumpfen Schlägen der französischen Kaiserlichen Gardeartellerie beantwortet, »ganz im Stile der Europäer, die stets die Angewohnheit haben, ihre Schlachten mit drei Schlägen zu beginnen, um ihnen einen möglichst theatralischen Anstrich zu verleihen«. Während Grouchy’s Kavallerie erste Ausfälle gegen die preußischen Truppen unter Thielemanns auf der rechten französischen Flanke unternahmen, entsandte Vandamme die Division von General Lefol gegen das Dorf Saint Amand auf der linken Seite. Obwohl Napoleon kein echter Musikfreund und Experte war, so hatte er dennoch erkannt, welchen positiven Effekt Musik auf die Moral der Soldaten haben konnte. Daher war jedem Regiment eigene Spielleute zugeteilt, die ein festes Repertoire an mitreißenden Märschen wie zum Beispiel: Veillons au Salut de l’Empire, La Grenadier and Marche a Marengo schmettern konnte. Begleitet von einer solchen Kriegsmelodie rückte ein französisches Bataillon in drei Linien, geführt von einer Gruppe von Scharmützlern, durch das hochstehende Korn nach vorn. Lefols Truppen wurden sogleich von mehreren Garben preußischer Kanonen begrüßt, die entlang der Bergrücken in Stellung gegangen waren und von nicht abreißen wollendem Musketenfeuer dreier Bataillone des 29. Regimentes, die das Dorf verteidigen sollten, niedergemäht. Trotz hartnäckiger Verteidigungsversuche konnten diese drei Bataillone dank einer Überzahl zurückgedrängt werden. General Steinmetz, dem das Oberkommando der preußischen Brigaden im Rücken von Saint Amand oblag, warf nun das 12. und 24. preußische Regiment in den Kampf, welche die Franzosen zurückdrängen konnten und das Dorf zurückeroberten. Während Lefol seine Division für einen weiteren Angriff neu aufstellte, verdoppelten die französischen und preußischen Artelleriebatterien ihr Feuer auf die Frontlinien, wodurch das kleine Tal des Linge Stroms mit dicken Wolken wabernden Rauches gefüllt wurde.
Vandamme schickte nun die noch frischen Brigaden von General Gengoult und General Dupeyroux aus Haberts Divison nach vorne, um Lefols Angriff zu unterstützen.
Diese frischen Massen erhöhten den Druck auf das 12. und 24. Preußische Regiment, die zusammen mit den ursprünglich drei Bataillonen, die das Dorf besetzt hielten, große Schwierigkeiten hatten, Saint Amand halten zu können. Steinmetz warf, in dem hehren Versuch, die Situation im Dorf zu stabilisieren und das Halten des Ortes zu erleichtern, sein 1. und 3. Westfälisches Landwehr Bataillon, die er nur noch in Reserve hatte, in die Schlacht. Während ihres Vormarsches wurden binnen weniger Minuten die meisten ihrer Offiziere getötet oder schwer verwundet, besonders das 3. Bataillon erlitt lähmende Verluste, ehe es auch nur das Dorf erreicht hatte. Steinmetzs Brigade wurde gezwungen, sich auf eine Position zwischen Brye und Sombreffe zurückzuziehen und 46 Offiziere sowie 2300 Männer tot, verwundet oder gefangen zurückzulassen. Die Franzosen rückten nun weiter vor, um ihre Geländegewinne zu sichern und ihre Kanonen in Saint Amand in Stellung zu bringen, um so etwaigen preußischen Gegenangriffen vorzubeugen.
Auf Vandammes rechter Flanke rückte das IV. französische Korps unter General Gerard auf das Dorf Ligny vor, dessen Verteidiger unter dem Kommando von General Henkel und General Jagow, die zum einen von starken Mauern und erhöhten Hecken geschützt waren und zum anderen auf jeder Flanke von Artelleriebatterien unterstützt wurden. Als die Angriffswellen der Franzosen sich dem Dorf angenähert hatten, wurden sie von mörderischen Salven in Empfang genommen, die ihren Vormarsch für einen Moment ins Stocken geraten ließen, ehe sie sich wieder gesammelt hatten und den Vormarsch fortsetzten. An den äußersten Ausläufern des Dorfes bemühten sich die Franzosen, ihre Kräfte für einen zentralen Angriff zu konzentrieren, wurden jedoch letztendlich zurückgeschlagen und hinterließen die Ebene gesäumt von einem Teppich aus Verwundeten und Gefallenen. Nichts konnte die französischen Bataillons- und Regimentsoffiziere einschüchtern, sodass sie sich neu gruppierten und wieder vormarschierten, allerdings nur, um erneut das Schicksal der ersten Welle zu teilen. Zu diesem Zeitpunkt standen bereits die meisten Häuser in Flammen, sodass der Rauch der abgefeuerten Kanonen und der Qualm der Flächenbrände die Sicht der Kanoniere auf beiden Seiten derart einschränkte, dass sie nahezu blind feuerten, immer darauf hoffend, nicht die eigenen Truppen zu treffen. Schließlich unternahmen die Franzosen einen »zweizackigen« Angriff auf das Dorf, erzwangen sich den Einzug in die Ortsmitte und konnten den Kirchhof erobern, während eine weitere Angriffswelle die Verteidigungslinien am unteren Ende des Dorfes zu durchdringen begann. Inmitten zusammenstürzender Gemäuer und brennenden Holzes kämpften die preußischen und französischen Truppen Mann gegen Mann, von Haus zu Haus und von Straße zu Straße, bis schließlich die überragende Übermacht der Angreifer obsiegte. Siborne hat hiervon ein romantisches und blumiges Bild dieses speziellen Teils der Schlacht hinterlassen, geschrieben in der theatralischen Prosa seiner Zeit:
»Die Schlacht, in diesem Teil des Feldes, offenbarte sich hier in einem schrecklich großartigen und lebendigen Spektakel und die Hoffnung beider Seiten wurde zu einem höchsten Maße an Aufregung gesteigert. Vermischt mit dem schnellen und unregelmäßigen Ausstoß kleiner Waffen, welches durch das kleine Dorf wallte, hörte man alternativ im Wechsel das Rufen von »En avant« und das jubelnde Frohlocken »Vive l’Empereur«, sowie auch das emphatische »Vorwärts« und das wilde Schreien »Hourrah« während die Batterien entlang der Hügelketten unaufhörlich ihr atemberaubendes Brüllen von sich gaben und Zerstörung unter die Massen branden ließen, die auf beiden Seiten ihren Weg in das Tal suchten, in dem der verzweifelte Kampf stattfand. Aus dem Tal wiederum entstiegen, vor allem aus dem Schloss von Ligny, Rauchfontänen, gefolgt von strahlenden Flammen, die dem Bild zusätzliche Erhabenheit verliehen.«
Den Franzosen wurde keine Zeit gegönnt, sich in dem Dorf festzusetzen, da die Preußen unversehens einen Vorstoß aus der Rückzugsposition heraus wagten. Die 4. Westfälische Landwehr unter Major Graf von Gröben, zusammen mit dem 13. und 19. Infanterieregiment der Brigade von Oberst Schüttler, warfen die Franzosen wieder aus dem Dorf heraus und eroberten zwei Kanonen, die von den fliehenden Franzosen zurückgelassen worden waren. General Jagows 3. Brigade wechselte nun auf die linke Seite der Front und erreichte so das Dorf; das 3. Bataillon des 7. und 29. Regiments war auf die rechte Seite abkommandiert worden, um die Fußtruppen No. 3 und 8 zu verteidigen, die zur Reserve standen; die vier verbliebenden Bataillone wurden als Verstärkung in das Dorf »geworfen«.
Obwohl die Franzosen gezwungen waren, ihren Griff um Ligny aufzugeben, verblieb zumindest Saint Amand in ihrem Besitz, aber es gestaltete sich sehr schwer für sie, dank des massiven Feuers der Artelleriebatterien von Ziethen, die die Ausgänge des Dorfes beharkten, auszubrechen. Napoleon befahl daraufhin der Division von General Girard, einen Angriff auf Saint Amand la Haye zu unternehmen, was dazu geführt hätte, die preußischen Kanonen auszumanövrieren und damit einen erneuten Angriff auf Saint Amand zu unterbinden.
Girards zwei Brigaden unter General Devilliers und Piat stießen in zwei massierten Marschkolonnen vor und konnten recht bald Saint Amand la Haye von dessen Verteidigern räumen. Blücher sah sofort, dass dies seine rechte Flanke bedrohen würde, woraufhin er General Pirch II mit seiner Brigade entsandte, um das Dorf zurückzuerobern. Zur gleichen Zeit wurde das 1. Bataillon des 6. Preußischen Regiments von seiner bisherigen Position nahe der Windmühle von Bussy in jene Lücke geschickt, die durch Pirchs Vorstoß gerissen worden war, während das 2. Bataillon des 23. Regimentes (Boses 8. Brigade) wiederum zum Füllen der Lücke des 6. Regiments in Marsch gesetzt wurde. Da Blücher erkannte, dass die Franzosen nicht nur den Versuch unternehmen konnten, durch einen direkten Vorstoß durch Saint Amand und Saint Amand la Haye einen direkten Angriff zu führen, sondern vor allem, dass sie nun in der Lage waren, seine Kommunikationsverbindung mit Wellington zu bedrohen, entschied er sich, das Dorf Wagnele zu erobern, da von hier aus seine Truppen nicht nur die vorher erwähnten Kommunikationswege zwischen den Preußen und Belgiern sichern konnten, sondern darüber hinaus auch in die Lage versetzt wurden, einen Flankenangriff auf die linke französische Seite zu unternehmen. Nun war es General Pirch I, der das II. Preußische Korps befehligte, und den Befehl erhielt, die 5. Brigade unter General Tippelskirchen zu entsenden, um Wagnele zusammen mit der Kavalleriebrigade von Oberst Sohr und zwei Regimentern der 7. und 8. Ulanen von Oberst Marwitz (Thielemanns Korps) zu erobern und zu halten. Die 7. Brigade unter General Brause (Pirch I Korps) wurde nach vorne verlegt, um die Ebene zu erobern, die durch Tippelskirchens Manöver frei geworden war. Wie man anhand dieser Umgruppierungen auf dem Schlachtfeld deutlich erkennen kann, waren die preußischen Reserven zu diesem Zeitpunkt bereits stark ausgedünnt.
Um 16 Uhr griff General Pirchs II Brigade Saint Amand la Haye an, wurde aber schwer von der französischen Artellerie getroffen, die große Lücken in ihren Reihen riss. Die Überlebenden ließen sich nicht einschüchtern und marschierten weiter, nur um bei dem Versuch, das Dorf zu betreten, vom Musketenfeuer der Verteidiger durchlöchert zu werden. Die Angreifer konnten nicht weiter in das Zentrum des Dorfes vorstoßen, obwohl sie vom 1. Bataillon des 6. Preußischen Regimentes verstärkt worden waren, da sie bei dem Versuch, ein Schwenkmanöver zwischen den beiden Dörfern vorzunehmen, unter heftiges Feuer der Franzosen genommen wurden, die sich in einem Bauernhof verschanzt hatten, aus dem man sie auch nicht hatte hinauswerfen können.
Einmal mehr wurden die Preußen gezwungen, sich ungeordnet auf ihre Ausgangsposition zurückzuziehen. Der Jubel der Franzosen darüber, die Preußen erneut aus dem Dorf vertrieben zu haben, wurde vom Verlust ihres Divisionskommandeurs General Girard getrübt, der im Zuge dieses Angriffs gefallen war. Nie hätte man Blücher infrage gestellt, daher ordnete er einen erneuten Angriff auf Saint Amand la Haye an, um Girards Division zu binden, während er einen Angriff auf Wagnele unternahm.
Während sich diese Ereignisse entwickelten, beobachtete Napoleon von seinem Adlerhorst bei der Windmühle von Fleurus aus, dass die Preußen offenbar fest entschlossen waren, ihre Position zu halten. Nur wenige Minuten nach 15.15 Uhr befahl er Marschall Soult, Ney folgenden Befehl zu schicken:
Geehrter Marschall,
Ich habe Ihnen vor etwa einer Stunde geschrieben, um Ihnen zu sagen, dass der Kaiser den Feind um halb zwei in seiner Position zwischen Saint-Amand und Brye anzugreifen gedenkt. Derzeit ist das Gefecht in einer heißen Phase. Seine Majestät hat mir befohlen Euch zu sagen, dass Ihr unverzüglich Eure Truppen so verlegen sollt, dass Ihr die rechte Seite des Feindes umsäumt und ihm eine ordentliche Abreibung in seinem Hinterland verpasst. Seine Armee ist verloren, wenn ihr energisch vorgeht. Das Schicksal Frankreichs liegt in Euren Händen. Zögert daher keinen Augenblick, so zu handeln, wie der Kaiser es befohlen hat, auf den Anhöhen von Brye und Saint-Amand zu ruhen und auf diese Art an dem Sieg teilzunehmen, der maßgebend sein könnte. Der Feind wurde auf frischer Tat ertappt, als er versuchte sich mit den Engländern zu vereinigen.
Duc de Dalmatie
Ergebnisse von Recherchen lassen vermuten, dass »... das Verzeichnis des Stabschefs (Soult) den Versand dieser Nachricht für 15.15. Uhr vermerkt hat. Ein Durchschlag wurde um 15.30 Uhr verschickt und ebenfalls um 15.30 Uhr wurde eine Nachricht an Lobau entsandt, in der ihm befohlen wurde, das VI. Korps nach Fleurus hochzubringen. Diese letzte Nachricht war eine Antwort auf eine Nachricht von Lobau, in der dieser mitteilte, dass der Feind in einer Stärke von circa 20.000 Mann den Truppen von Ney bei Quatre-Bras gegenüberstand. Nachdem Napoleon eingesehen hatte, dass es unter Umständen Ney vor diesem Hintergrund unmöglich sein würde, seine Truppen wie gewünscht zu verlegen, entschied sich Napoleon dafür, das VI. Korps auf den Plan zu rufen, da er es ggf. noch brauchen würde.«
Das Geheimnis der mit Bleistift geschriebenen Nachricht, von der angenommen wird, dass Napoleon an Marschall Ney geschickt haben soll, nachdem er um 15.15 Uhr obige Depesche entsandt hatte, in welcher der Kaiser Ney befahl, d’Erlons I. Korps Richtung Ligny zu entsenden, verwirrt noch heute Historiker und hat zu nicht enden wollenden Spekulationen geführt. Napoleon selbst hat nie eine derartige handgeschriebene Nachricht erwähnt, weder, dass sie von ihm selbst geschrieben worden wäre - wobei sie dann dank seiner schlechten Handschrift unleserlich gewesen wäre - noch dass er sie einem seiner Aide de camp ADC (Adjutanten) diktiert hätte. Wenn Napoleon gerade erst die Information erhalten hätte, dass Ney durch feindlichen Angriff bei Quatre-Bras in arge Bedrängnis geraten war, hätte er niemals dessen Truppen um ein ganzes Armeekorp beraubt. Wie und wer den eigentlichen Befehl gegeben hat, d’Erlons Division nach Ligny marschieren zu lassen, bleibt eines der großen Rätsel dieser Schlacht.
An jenem Morgen war d’Erlons Korps um Jumet herum versammelt. Neys Befehl, nach Frasnes vorzurücken, kam mittags an, aber da Reilles sein Korps in die ihm vorgegebene Position rücken musste, war d’Erlons dazu verurteilt, zu warten, bis diese Truppen die Straßen freigemacht hatten. Zu Beginn des Kampfes bei Quatre Bras war d’Erlon erst bis Gosselies vorgedrungen. Um 16 Uhr war der General seinen Truppen vorangeritten, um zu melden, dass sein Korps in Kürze auf dem Schlachtfeld eintreffen werde. Just in dieser Zeit seiner Abwesenheit traf jener ominöse »Bleistiftbericht« ein, der das gesamte Korps beorderte, die Richtung zu wechseln und auf Ligny vorzumarschieren. Der ADC, der diesen Befehl zugestellt hat, überzeugte d’Erlons Divisionskommandeure davon, dass die Befehle vom Kaiser höchstpersönlich kamen, und unverzüglich änderte das gesamte Korps die Richtung und rückte nach Villers Perwin vor. Der Nachrichtenüberbringer ritt nun zu d’Erlon selbst, der sich Frasnes näherte. Als er ihn erreicht hatte, zeigte der Bote die Nachricht vor und informierte d’Erlon, dass das Korps Richtung Ligny marschiere. D’Erlon selbst behauptete, dass es Labedoyere gewesen sei, einer von Napoleons liebsten ADCs, der die Nachricht überbrachte, und wenn überhaupt jemand einen aus Napoleons Stab erkennen konnte, dann war es d’Erlon. Danach sagte der »Phantombote« zu d’Erlon, dass er weiterreiten und Marschall Ney die Notiz zeigen und ihn von Napoleons Vorhaben in Kenntnis setzen wolle, danach war von diesem Mann nichts mehr zu hören und zu sehen. Er verschwand vollkommen von der Bildfläche.
Zurück auf dem Schlachtfeld von Ligny waren die Franzosen und Preußen noch immer verwickelt in Angriffen und Gegenangriffen auf das brennende Dorf. Die Hitze des Tages verband sich mit den Feuern und dem Rauch der brennenden Gebäude und machte die Atmosphäre in diesem begrenzten Raum nahezu unerträglich. Geschwärzt vom Pulverrauch und Ruß bekämpften sich die Soldaten mit einer wilden Entschlossenheit und gaben keinen Quadratmeter preis.
Blüchers Vorbereitungen für einen erneuten Angriff auf Saint Amand la Haye waren abgeschlossen. Kurz nach 16.15 Uhr rückte einmal mehr das Bataillon von Pirch II gegen das Dorf vor und »säuberte« es von den Franzosen mit aufgepflanztemem Bajonett. Major Quandt, Kommandeur des 28. Regimentes, gelang es zusammen mit Einheiten von Tippelskirchens Brigade, die französischen Einheiten, die den Bauernhof besetzt gehalten hatten und von hier aus die vorhergehenden preußischen Angriffe vereiteln konnten, aus ihrer Stellung zu vertreiben.
Gleichzeitig begann General Tippelskirchen einen massiven Angriff auf Wagnele. Obwohl es ihnen gelang, das Dorf ohne allzu große Gegenwehr zu besetzen, wurden die Truppen, als sie versuchten, weiter gegen die französischen Linien vorzurücken, von heftigem Infanteriefeuer geplagt, welches von Einheiten kam, die sich in den hochstehenden Kornfeldern verborgen hielten. Dies brachte derartig große Verwirrung in die Reihen der preußischen Soldaten, sodass ihre gesamte Angriffstruppe wieder auf eine Position jenseits des Dorfes zurückfiel. Als die Franzosen sahen, dass sich die Preußen in einem Zustand vollkommener Verwirrung befanden, nutzen sie ihre Chance und lancierten einen erneuten Gegenangriff, indem sie Infanterieeinheiten zu beiden Seiten des Dorfes aufmarschieren ließen und gleichzeitig das Dorf direkt von vorne angriffen. Blücher verstärkte die Verteidigung des Dorfes, indem er das 3. Bataillon des 23. Regimentes von Oberst Langens 8. Brigade und kurze Zeit später das 3. Bataillon des 9. Regimentes zusammen mit drei Bataillonen des 26. Regimentes (alle von General Kraffts 6. Brigade) in Richtung des Dorfes entsandte. Diese frischen Einheiten ermöglichten es Pirch II, sein angeschlagenes Bataillon zurückzuziehen und in eine Reserveposition nahe Brye zu verbringen und so den französischen Angriff abzuwehren.
Um Ligny herum hielt General Henkels 4. preußische Brigade unterstützt von General Jagows 3. Brigade das Dorf und seine Zugänge. Ein Gegenangriff des 1. und 2. Bataillons des 7. Regiments (Jagows Brigade) gegen die Franzosen, die sich einmal mehr auf einen Vorstoß vorbereiteten, wurde befohlen. Dies führte auf beiden Seiten dazu, dass man sich gegenseitig auf kurze Distanz mit Salven beharkte bis immer mehr Bataillone der französischen Division von Percheux nach vorne geworfen wurden, welche die Preußen zwangen, in das Dorf zurückzufallen. Hier wurde der Kampf zu einer neuen Stufe der Wildheit intensiviert, indem Männer sich gegenseitig mit Gewehrkolben niederschlugen, blanken Stahl zogen und sich mit bloßen Händen angriffen. Wie Siborne so anschaulich schreibt:
Der Kampf in ganz Ligny war nun in seiner heißesten Phase: der Ort war wortwörtlich vollgestopft mit Kämpfern und die Straßen und diversen Hinterhöfe waren vollgepfropft mit Verwundeten, Sterbenden und Toten: jedes Haus, welches davon verschont geblieben war, angezündet worden zu sein, wurde zum Schauplatz eines erbitterten Kampfes: die Truppen kämpften nun nicht mehr in geordneten Formationen, sondern in wild zusammengewürfelten Gruppen, nur getrennt entweder durch brennende Häuser oder durch besetzte Behausungen, die entweder von der einen oder anderen Seite gehalten wurden; und in einigen Fällen kam es vor, dass wenn ihre Munition versagte oder wenn sie sich in einer nahezu ausweglosen Lage befanden; wurden Bajonette und sogar Gewehrkolben zu jenen Werkzeugen, die es ihnen ermöglichte ein grausames Blutbad auszuführen. Die Erde erzitterte nun unter der Detonation der Geschütze, und als die Flammensäulen, die von den diversen brennenden Häusern ausgingen und sich mit dem dichten Rauch vermischt hatten, und direkt durch die graue, das gesamte Dorf umgebende Masse hindurchstießen und sich scheinbar unnachgiebig verdichteten, erinnerte die ganze Atmosphäre mehr an einen Zusammenstoß von Naturgewalten, denn an einen menschlich generierten Konflikt – es war, als wenn das Tal auseinandergerissen worden sei und als wenn Ligny zum Zentrum eines brennenden Kraters geworden wäre.
Zum Schluss gelang es den Franzosen, den Kirchhof zu besetzten und die Stellung zu sichern, indem sie zwei Artelleriegeschütze hier in Stellung brachten, die Kartätschen in die Reihen des 7. preußischen Regimentes und des 1. Bataillons der 3. Westfälischen Landwehr (beide von Jagows Brigade) spukten. So sehr sich die Preußen auch bemühten, die Franzosen aus dem Dorf zu vertreiben, so gelang es ihnen doch nicht, und nach drei weiteren misslungenen Anläufen zogen sich die Preußen schließlich an die Außenränder des Dorfes zurück.
Kurz nach 17 Uhr, als Napoleon sah, dass die preußischen Reserven stark ausgedünnt waren, und wissend, dass er für einen solchen Fall noch einige Truppen in der Hinterhand besaß, befahl er der Kaiserlichen Garde, zusammen mit den Kürassieren der Division von General Milhaud in das preußische Zentrum vorzustoßen. Während nun also diese Truppen ihren Vormarsch begannen, kam General Vandamme vom linken Flügel angeritten und brachte die Neuigkeit, dass starke gegnerische Truppenverbände auf Fleurus vormarschierten und nur noch 3 Meilen von ihrem Ziel, die linke französische Flanke auszumanövrieren, entfernt waren. Ney und d’Erlon waren beide instruiert worden, dass sie, wenn sie sich an einem vernichtenden Schlag gegen die Preußen beteiligen könnten, sie in diesem Falle von Saint Amand aus vorstoßen sollten. Vandamme war überzeugt davon, dass Teile von Wellingtons Armee durchgebrochen waren, um den Preußen beizustehen. Als ein Offizier seines Stabes, den er als Späher entsandt hatte, zurückgeritten kam mit den Worten auf den Lippen: »Es sind die Feinde, es sind die Feinde.« verbreite sich allgemeine Panik innerhalb der Reihen der Franzosen wie ein Lauffeuer. General Lefols Division zog sich panisch zurück und Girards Division (nun unter dem Kommando von Oberst Matis, die beiden anderen Generäle der Brigade waren verwundet) wurde gezwungen, Saint Amand la Haye zu räumen, um sich der Gefahr durch die Flankenattacke entgegenzustellen. Lefol drehte seine Kanonen in Schussrichtung auf die eigenen Leute, um sie an einer Flucht vom Schlachtfeld zu hindern.
Napoleon blieb ruhig, brach aber den Angriff der Garde ab, während sich die Situation etwas aufklärte. Nachdem er einen seiner eigenen Adjutanten entsandt hatte, um dieses mysteriöse Truppenaufgebot auszuspähen, unterstützte er Vandammes schwankendes Korps, indem er die »Junge Garde« unter General Duhesme auf den linken Flügel verlegte. Der Adjutant, den Napoleon entsandte, kehrte nach etwa einer Stunde zurück und brachte die Nachricht, dass diese mysteriöse Truppenformation eine französische sei, aber aus einem nicht nachvollziehbaren Grund nicht mehr zum Schlachtfeld marschiere, sondern sich von diesem abwenden würde.
Diese Truppen waren selbstredend d’Erlons Division, die den Befehl befolgten, der ihnen von besagtem »geheimnisvollen ADC« überbracht worden waren, der diese mysteriöse Bleistiftnotiz mit sich geführt haben soll. Der Grund für diese Marschrichtung wird wohl eine Namensverwechslung der Ortsbezeichnungen gewesen sein. Seit man annimmt, dass d’Erlon sich mit der linken Flanke des französischen Angriffs bei Wagnelee hatte verbinden sollen, man ihn aber sah, wie er gegen Fleurus vorrückte, kann die Antwort auf dieses Mysterium nur sein, dass er den Ort Wangenies, der nahe Fleurus liegt, mit Wagnelee verwechselt hat.
Der arme d’Erlon befand sich einmal mehr in einer verzwickten Lage. Als er in Sichtweite des Schlachtfeldes von Ligny gekommen war, erreicht ihn ein neuer Befehl, diesmal von Marschall Ney, der erbost, da er um große Teile seiner ursprünglichen Kräfte beraubt worden war, eine Dringlichkeitsnachricht schickte, in der er ihm befahl, seine bisherigen Manöver zurückzunehmen und sich nach Quatre Bras zurückzubegeben. Dieser Befehl diente nicht nur dazu, Napoleon eines überwältigenden Sieges über die Preußen zu berauben, dennoch ist er auch schwer zu rechtfertigen, da in Anbetracht der zu überwindenden Distanz die Truppen von d’Erlon niemals vor Einbruch der Dunkelheit hätten in der befohlenen Position ankommen können. Die Tatsache, dass Ney und d’Erlon beide wussten, dass der Befehl an das I. Korps, nach Ligny vorzustoßen, von Napoleon selbst stammte, macht es fraglich, dass beide Männer gleichzeitig einen direkten Befehl ihres Kaiser verweigert haben sollen. Dass d’Erlon von Zweifeln geplagt worden ist, wird ersichtlich aus dem Umstand, dass ehe er sich wieder nach Quatre-Bras wandte, er seiner Truppe Durettes Division und seine Kavallerie abspaltete und bei Wagnelee zurückließ, im Falle, dass man sie dort noch brauchen würde.
Napoleon selbst kann dafür verantwortlich gemacht werden, dass er keinen weiteren ADC mit entsprechend dezidierten Instruktionen geschickt hatte, um die Truppen, von denen er ja nun wusste, dass es Franzosen waren, auf die rechte preußische Flanke zu bringen. Demnach sind die Tatsache, dass Lobau nicht zum richtigen Zeitpunkt ins Schlachtfeld geführten worden ist, um den Preußen einen vernichtenden Schlag zu versetzen, gepaart mit unzureichenden Befehlen an d’Erlon, als dieser sich in Reichweite der Feinde befunden hatte, scheinbar ein Indiz dafür, dass Napoleon zu diesem Zeitpunkt den Überblick über die Situation verloren hatte. Nach eingehender Analyse muss man zu dem Schluss kommen, dass er keine nennenswerte Kontrolle mehr über seine Truppen hatte, sowie dass ihm das nötige Urteilsvermöge fehlte, um die Situation richtig zu bewerten. Beides kostete ihn den vernichtenden Sieg, den er so dringend gebraucht hätte.
Viel Zeit war vergangen; es war noch nicht ganz 19 Uhr, als die Ordnung auf der linken französischen Flanke wieder hergestellt worden war. Vandamme, mithilfe der »Jungen Garde«, die von Napoleon geschickt worden war, hatte seine ursprüngliche Position zu guter Letzt wieder einnehmen können, während gleichzeitig die Truppen der Preußen um Ligny herum immer mehr durch die anhaltenden Kampfhandlungen dezimiert wurden. Die Franzosen hatten so sehr auf diesen Teil der Frontlinie eingedroschen, dass es nur der Entsendung frischer Truppen bedurft hätte, um die Frontlinie an dieser Stelle zu zerreißen. Als sich der Himmel mit schwarzen Gewitterwolken verdüsterte, begann die Kaiserliche Artilleriegarde zusammen mit weiteren Batterien ein »Höllenfeuer« aus 200 Kanonenschlünden auf das Schlachtfeld auszuspeien.
Um 19.45 Uhr rückte die Kaiserliche Garde mit dem Ruf »Vive l’Empereur« und begleitet von Donnerschlägen und zuckenden Blitzen durch den warmen Regenschauer zu einer weiteren Attacke vor. Als sie in das Lingetal abstiegen, verstummten die französischen Batterien. Alles vor sich hertreibend säuberte die Garde den Ort Ligny mit vorgehaltenem Bajonett und erklomm schon bald die Anhöhen in Richtung Brye.
Blücher, der auf der rechten preußischen Flanke gewesen war, kam zurückgeritten, nur um sein Frontzentrum in Trümmern liegend vorzufinden. Nichtsdestotrotz war der Widerstandswille des alten Husaren ungebrochen. Als der Regen aufgehört hatte und die Strahlen der untergehenden Sonne das Land in einen Schimmer tauchten, rief er die 32. Schwadronen Kavallerie von General Röder auf den Plan, setze sich an deren Spitze und ritt mit ihnen gegen die Marschkolonnen der französischen Garde. Inmitten des Chaos und der Verwirrung wurde Blüchers Pferd getroffen und begrub seinen Reiter so unter sich, dass dieser aus eigener Kraft nicht mehr aufstehen konnte. Graf Nostitz, einer von Blüchers ADC, versucht ohne Erfolg ihn zu befreien, als die preußische Kavallerie von Milhauds Kürassieren zurückgedrängt wurde. Diese berittenen Giganten merkten gar nicht, welcher Schatz sich in ihrem Besitz befand, denn sie ritten in der Dämmerung an dem preußischen Kommandeur vorbei und wurden kurz darauf, bei ihrem Schwenkversuch durch einen beherzten Gegenangriff preußischer Ulanen zurückgeschlagen. Nachdem zweimal feindliche Kavallerie an ihm vorübergeritten war, konnte Blücher endlich befreit und in Sicherheit gebracht werden.
Das preußische Zentrum war vollkommen eingebrochen und befand sich auf einem unorganisierten Rückzug. Allein der zähe Widerstand, der von den beiden Flügeln der Armee aufrechterhalten wurde, verhinderte, dass es zu einer Niederlage wurde. Auf der rechten Seite ließ sich General Ziethen allmählich hinter Brye zurückfallen und konnte hierbei das Gros seiner Artellerie mit sich führen und Vandammes abgekämpften Divisionen eine ernste Front bieten, während auf der linken Seite General Thielemann sich unbehelligt zurückziehen und eine starke Rücksicherungsfront bei Sombreffe zurücklassen konnte.
Die Schlacht hatte die Preußen 16,000 Mann, die verwundet oder gefallen waren, sowie 21 Kanonen und 8000 Mann, die in der Nacht nach der Schlacht desertiert waren, gekostet. Die Verluste der Franzosen lagen zwischen 11.000 - 12.000 Mann und Girards Division war so von Verlusten heimgesucht worden, dass sie bis zum Ende der Schlacht in Fleurus verblieb.
Napoleon hatte seinen Sieg, aber es war kein entscheidender. Sein Versäumnis, Lobaus Korps früher am Tag auf den Plan gerufen zu haben sowie der Fehler, d’Erlon keine direkten Befehle geschickt zu haben, als dessen Truppen nahe dem Schlachtfeld sich befanden, zeigen einen vollkommenen Verfall seiner normalen militärischen Prinzipien. Indem er nicht seine Kräfte auf dem Schlachtfeld bündelte, nutze er die Kräfte, die er eingesetzt hatte, unnötig ab und ignorierte jene, die ihm noch zur Verfügung gestanden hätten. Die Tatsache, dass er seine Armee nach der Schlacht von Ligny ein weiteres Mal aufteilte, indem er 30.000 Mann entsandte, um jene Kräfte zu verfolgen, die er als einen »geschlagenen Feind« betrachtete, machen nur allzu deutlich, dass Selbstüberschätzung und militärische Fehler sich am Ende gegen ihn aussprachen.
Quellen:
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William Siborne: History of the War in France and Belgium, in 1815: Containing Minute Details of the Battles of Quatre-Bras, Ligny, Wavre, and Waterloo
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Volker Wacker: Die alliierte Besetzung Frankreichs in den Jahren 1814 bis 1818
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J.F.C. Fuller: The Desisive Battles of the Western World
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Edith Saunders: The Hundred Days
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