
Mythen und Wirklichkeiten

Die Schlacht von Ligny, 16. Juni 1815 - Teil 3
Manöver im Vorfeld der Schlachten bei Ligny und Quatre-Bras, 16. Juni
Napoleon war bereits um 4 Uhr morgens am 16. Juni im Sattel. Guten Mutes und beseelt von dem Wunsch, Brüssel so schnell wie möglich zu erreichen. Natürlich wusste er nichts von den Schritten, die Wellington unternommen hatte, doch hatte er bereits einkalkuliert, dass sich die britisch-belgischen Verbände vor Brüssel verschanzen und eine Schlacht suchen würden. In diesem Falle wollte er diese bis nach Antwerpen zurückschlagen, genau entlang ihrer Kommunikationslinien, um sie so noch weiter von ihren preußischen Verbündeten zu separieren. Doch ehe er diesen Plan in die Tat umsetzen konnte, musste er sicherstellen, dass Blücher den alliierten Verbänden nicht zur Hilfe eilen konnte. Das preußische Korp unter General Ziethen musste daher nach Gembloux zurückgetrieben werden, um Blücher den Zugang zur Verbindung Namur-Wavre-Brüssel zu versperren. Unglücklicherweise erhielt Napoleon um 8 Uhr die Nachricht von General Grouchy, dass sich die Preußen bei Sombreffe zusammenzogen. Da Napoleon nicht glauben konnte, dass Blücher in solch vorgerückter Stellung seinen Widerstand aufbauen wollte, setzte sich Napoleon in den Sattel und ritt nach Fleurus, um sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen. Hierher hatte Ziethen vier Brigaden seines Korps zurückgezogen und deckte damit die Zugänge nach Sombreffe ab, seine Truppen waren entlang der Hochebene zwischen der Farm und der Windmühle von Bussy in Stellung gegangen, während vorgelagerte Truppenverbände die Dörfer Brye, Saint-Amand und Ligny, durch die und in deren Vorfeld der kleine Strom Ligne mäandrierte, besetzt hatten.
Um 11 Uhr unter sengender Sonne erreichte Napoleon mit seinem Generalstab und seiner Eskorte die Ortschaft Fleurus. Kaum angekommen, befahl Napoleon seinen Ingenieuren, aus der dortigen Windmühle eine Beobachtungsplattform zu machen, was diese erreichten, indem sie der Mühle ihr Dach nahmen, sodass Napoleon von hier aus die Situation ungehindert in Augenschein nehmen konnte. Obwohl er nur Ziethens Truppen sehen konnte, gelangte er bald zu der Erkenntnis, dass sich diese hier nur festgesetzt hatten, da sie auf Verstärkungen warteten. Diese Verstärkung konnte entweder ein Teil von Wellingtons Armee sein oder die Hauptstreitmacht der preußischen Armee oder gar beide zusammen. So kam Napoleon zu dem Schluss, dass die Alliierten versuchten, eine vorwärtsgerichtete Zusammenfassung ihrer Truppen zu erzielen, um sich geballt gegen ihn werfen zu können. Zu diesem Zeitpunkt stand ihm lediglich Vandammes III. Korps zur Verfügung, welches mit Blickrichtung Saint-Amand in Stellung gegangen war, von Gerards IV. Korp wusste er, dass es sich noch ein gutes Stück entfernt vom Schlachtfeld auf dem Vormarsch befand. Ehe diese Truppen nicht zu ihm gestoßen waren, sah sich Napoleon nicht imstande, einen Angriff zu wagen. So ging Zeit ins Land, währenddessen das preußische Korps unter Pirch I und Thielmann ankam und seine Position auf dem Schlachtfeld einnahm. Napoleon, der nicht dazu neigte, in schwierigen Situationen unruhig zu werden, freute sich darüber, hierdurch einen alles entscheidenden Schlag gegen die preußische Armee führen zu können.
General Fuller berichtete über Napoleons Plan wie folgt:
»Ein wirklich brillanter Plan. Zunächst Blüchers linke Flanke mit Pajols und Excelmans Kavallerie in Schach zu halten (Thielmanns Korp) und zweitens seine rechte Flanke und das Zentrum (Ziethen und Pirch) auszuradieren. Die letztgenannte Operation wollte er folgendermaßen durchführen: Das Zentrum der preußischen Verteidigung wollte er durch einen Frontalangriff beschäftigen und damit Blücher dazu zwingen, seine Reserven auszuschöpfen, währenddessen sollt Ney von Quatre-Bras aus gegen die hinteren Linien von Blüchers rechter Flanke vorrücken, während die Garde wiederum durch das Zentrum vordringen sollte. Unter diesen Umständen glaubte Napoleon 2/3 von Blüchers Armee vernichten zu können und das verbliebene Drittel wäre gezwungen gewesen, sich nach Liege zurückzuziehen, was weit weg von Wellingtons Truppen gewesen wäre.«
An dieser Stelle sollte gesagt werden, dass sich keinerlei Erwähnung von Lobaus VI. Korps findet, welches sich zu diesem Zeitpunkt in Charleroi befand. Es scheint nur schwer vorstellbar, dass Napoleon am Morgen des 16. Juni nicht nach diesem Korps geschickt haben soll, um es bei Fleurus in Stellung bringen zu können, jedoch ist bis heute kein derartiger Befehl aufgetaucht und belegt worden. Daher scheint dieser Mann gegen seine eigene Maxime verstoßen zu haben, die da lautete, dass man alle verfügbaren Truppen immer massiert in die Schlacht werfen sollte. Dieser Fehlgriff erscheint aus heutiger Sicht der schwerwiegendste von allen Fehlern, die ihm Rahmen der Kommunikation und strategischen Koordination gemacht worden sind, gewesen zu sein und war wohl maßgeblich für Napoleons letztendliche Niederlage.
Während Napoleon noch damit beschäftigt war, das Auskundschaften der preußischen Truppen zu organisieren, waren Wellington und Blücher im Hauptquartier in der Windmühle von Bussy gegen etwa 13 Uhr zusammengekommen. Der Graf brachte seine Unzufriedenheit die preußische Truppenaufstellung betreffend zum Ausdruck, da sich die Bataillone und Schwadronen in direkter Reichweite und gut sichtbar für die französische Artillerie befanden. Der alte Blücher war hingegen sehr zufrieden mit seiner Aufstellung und teilte dem englischen Attache, Sir Henry Hardinge mit: Die preußischen Soldaten werden nicht Schlange stehen.
Wellington blieb eine Weile vor Ort und versichert dem preußischen Oberkommandierenden, dass er seine Truppen heranführen würde, um die französische Linke anzugreifen, auf dass ein Angriff gegen sie selbst verhindert werden konnte. Nach diesem Gespräch verließ er Blücher und ritt zu seinen eigenen Linien zurück. Da hörte er plötzlich das dumpfe Grollen von Kanonenschüssen, die aus Richtung Quatre-Bras zu ihm drangen.
Um 14 Uhr hatte Marschall Ney nun endlich damit begonnen, gegen die Kreuzwege vorzurücken und hatte Graf Reilles Division (16.000 Mann stark) nach vorne geschickt, in ihrer gewohnt engmaschigen Angriffsformation. Nur noch die zweite belgisch-niederländische Division von Perponchers war im Gebiet um Quatre-Bras in Stellung und schon bald begann die französische Division unter General Bachelu, einen heftigen Schlag gegen diese nur leicht befestigte Linie zu führen. Die Farm von Piraumont wurde eingenommen, während eine andere französische Division unter General Foy die Gemioncourt Farm und deren Wirtschaftsgebäude eroberte. Um 15 Uhr machte die Division unter dem Kommando von Napoleons Bruder, Prinz Jerome Bonaparte gute Fortschritte und Landgewinne in Richtung der Pierrepont Farm und trieb somit die Verteidiger vor sich her in Richtung des Waldes von Bossu. Als Wellington zum Schlachtfeld zurückritt, sah die Lage düster aus und schon bald wurde offensichtlich, dass sich seine gesamte Position in Auflösung befand.
Ähnlich dem Timing in einem Hollywood Cowboy Film erschien wie aus dem Nichts die Hilfe durch die holländisch-belgische Kavallerie Brigade, dicht gefolgt von der tapferen Division von Sir Thomas Picon, zusammen also 8.000 Mann. Diese Auffrischungskur durch neue Truppen half dabei, die Position zu halten, und obwohl Wellingtons Truppen noch immer im Verhältnis 2 zu 1 in der Minderheit waren, war er doch guten Mutes, nun die Position so lange halten zu können, bis auch der Rest seiner Armee als Verstärkung eintreffen würde.
Quellen:
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William Siborne: History of the War in France and Belgium, in 1815: Containing Minute Details of the Battles of Quatre-Bras, Ligny, Wavre, and Waterloo
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Volker Wacker: Die alliierte Besetzung Frankreichs in den Jahren 1814 bis 1818
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J.F.C. Fuller: The Desisive Battles of the Western World
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Edith Saunders: The Hundred Days
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