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Mythen und Wirklichkeiten

Die Schlacht von Ligny, 16. Juni 1815 - Teil 2

Bewegungen und Aufstellungen am 15. Juni

In den frühen Morgenstunden des 15. Juni begannen die französischen Truppen mit den Worten Napoleons im Gepäck auf breiter Front vorzurücken, jedoch liefen die Dinge bei der Umsetzung von Napoleons Plänen nicht so glatt wie gedacht. Um 7 Uhr desertierte der General der Division von Ghaisnes, Graf von Bourmont, Kommandant der 14. Division des IV. Französischen Armeekorps (Gerard) samt seines Stabes zu den Preußen. Dieser Schritt versetzte die Division des Generals in vollkommene Panik, welche nur durch die Bemühungen von General Hulot, dem Kommandanten einer der Brigaden, sowie von General Gerard höchstpersönlich beruhigt werden konnte, und so konnte der Truppe wieder Selbstvertrauen gegeben werden. Die Neuigkeiten erreichten sehr bald den alten Blücher in seinem Hauptquartier in Namur, doch ließ er nichts an seinen bisherigen Befehlen ändern, auch wenn er bedachte, dass er nun wusste, dass Napoleon die Initiative ergriffen hatte. Stattdessen stieg er auf sein Pferd und machte sich auf den Weg zu seiner Armee, der er befohlen hatte, sich bei Sombreffe zu sammeln.
Ein weiterer Fehler hatte sich in den reibungslosen Vormarsch der französischen Armee im Zentrum eingeschlichen, denn das III. Korps, welches bereits seit 3 Uhr morgens auf dem Marsch hätte gewesen sein sollen, erhielt erst zwischen 4 und 5 Uhr morgens den Marschbefehl. Man sagte, der Flügeladjutant, welcher die Befehle Napoleons General Vandamme überbringen sollte, war vom Pferd gefallen und hatte sich ein Bein gebrochen, deshalb waren die Befehle nicht zugestellt worden. Das Ergebnis dieses Ereignisses war ein Flaschenhalseffekt, da die Truppen, die dem III. Korp folgen sollten, neue Marschinstruktionen erhalten mussten, währenddessen Vandamme versuchte, seine Männer auf die Straße zu kriegen. Napoleon schickte nach General Duhesme mit seiner »Jungen Garde«, auf dass sie Charleroi und die dortige Brücke sichern sollten. Diesen Truppen, zusammen mit den Pionieren und den Marineinfanteristen, gelang es, allmählich die Preußen zum Rückzug zu zwingen, sodass französische Einheiten die Stadt gegen 12 Uhr besetzen konnten.
Die Brücke über die Sambre bei Marchienne wurde, obwohl sie von den Preußen schwer verbarrikadiert worden war, gegen 10.30 Uhr von Teilen des Reilles Korps »gesäubert«, die den Fluss überquert hatten, dicht gefolgt von d’Erlons I. Korps. Die Preußen ließen sich Richtung Gilly und Fleurus zurückfallen und zogen sich nach Nord-Osten zurück. Hierdurch wurde eine von Ziethens Brigaden unter dem Kommando von General Steinmetz auf der rechten Flanke allein gelassen, nahe Binche. Diese Truppen wurden überstürzt nach Gosselies zurückgezogen. Währenddessen bezog die 2. preußische Brigade unter General Pirch bei Gilly eine Verteidigungsposition.
Während dieser Manöver gelang es Marschall Ney, der aufgefordert worden war, sich den französischen Truppen anzuschließen, für sich und seinen Flügeladjutanten Pferde zu organisieren und bei Charleroi gegen 15 Uhr zu Napoleon zu stoßen. Obwohl Napoleon sicher noch argwöhnisch war wegen Neys Verhalten, als Napoleon aus Elba zurückgekehrt war und Ney damals dem König Ludwig XVIII versprochen hatte, Napoleon in einem Käfig nach Paris zurückzuschleifen, begrüßte Napoleon Ney sehr freundlich, übergab ihm direkt das Kommando über das I. und II. Korps sowie über die Kavallerie Division von General Lefebvre-Desnouettes, versehen mit den Instruktionen: Gehen Sie und jagen Sie unsere Feinde.
General J.F.C. Fuller schreibt in seinem Buch »The Desisive Battles of the Western World«:

»Es kann Zweifel darüber bestehen, dass er mehr als nur das gesagt haben wird. Laut Gourgaud (einen von Napoleons Flügeladjutanten) wurde Ney instruiert, den Feind von der Charleroi-Brüssel-Straße hinwegzufegen und Quatre-Bras zu besetzen. Die Glaubwürdigkeit vorstehender Aussage kann dadurch gefestigt werden, dass im Tagesbefehl vom 15. Juni geschrieben steht: Der Kaiser hat das Oberkommando der linken Flanke dem Prinzen von Moskau übergeben, der an jenem Abend sein Hauptquartier entlang der Brüsselerstrasse bei Quatre-Chemins eingerichtet hat. Obwohl Ney nichts Entsprechendes getan hat, legt diese Aussage den Schluss nahe, dass Napoleon gewollt hatte, dass Ney dies tue. Kommandant Lachoque behauptet jedoch: … was konnte er (Napoleon) schon von der Bedeutung Quatre-Bras wissen? Als er nach Belgien am 15. Juni vordrang, hing dichter Nebel über dem Land. Er wusste, dass Wellington in Brüssel und Blücher in Namur standen. Es wäre für ihn vollkommen unmöglich gewesen, eine eindeutige Einschätzung der Lage zu treffen.«

Das Problem mit Lachoque Einschätzung wiederum ist, dass er vergessen zu haben scheint, dass Napoleon durchaus Karten lesen konnte. Quatre-Bras lag an wichtigen Straßenkreuzungen und die Tatsache, dass der französische Kaiser dies nicht wegen des Wetters sehen konnte, war unerheblich für seinen Plan, zunächst die eine Armee zu stellen und die andere zurückzuhalten. Deshalb scheinen die Debatten, die Ney’s Befehle Quatre-Bras zu erobern betreffen, das Argument zu begünstigen, dass sie Teil des großen Gesamtplanes des Kaisers waren.
Während Ney sich auf den Weg machte, um das Kommando über die linke Flanke der Armee zu übernehmen, traf Marschall Grouchy in Napoleons Hauptquartier ein und erhielt das Kommando über die rechte Seite, welche aus dem III. und IV. Korps sowie der Kavallerie Division von Pajol und Excelsmans bestand. Mit diesen Truppen sollte er die Preußen bis nach Sombreffe zurückschlagen. Grouchy tappte ähnlich im Dunkeln wie Ney, was die wahre Position seiner Truppen anbelangte, und zauderte lange, sodass Napoleon gegen 17.30 Uhr, unruhig wurde, was nun endlich geschehen würde, da er noch immer nicht Grounys Kanonen hörte, höchstpersönlich zur Front ritt, um die Truppen anzustacheln. Nachdem dies geschehen war, konnten die Preußen unter Ziethen bis Fleurus zurückgedrängt werden. Auf der linken Flanke hatte Ney eine Abteilung Preußen aus Gosselies rausgeworfen, doch dann blieben seine Truppen stehen. Wahrscheinlich war dies das erste Mal in seinem Leben, dass er Vorsicht walten ließ, was wiederum dazu führte, dass Ney die wichtigen Verbindungen von Quatre-Bras nicht einnehmen konnte. Wellington hatte nicht einen einzigen Mann entsandt, um den Vormarsch der Franzosen aufzuhalten, und obwohl Prinz Bernhard von Sachsen-Weimar es sich nicht hatte nehmen lassen, seine Nassauer Brigade selbst anzuführen, die schon bald von drei weiteren Bataillonen, welche von General Preponcher entsandt worden waren, verstärkt wurde, hätte ein stark geführter Angriff diese Truppen vom Schlachtfeld hinweggefegt. Wie auch immer, man sollte dabei bedenken, dass Ney in Spanien gegen die Engländer gekämpft hatte und vor diesem Hintergrund wahrscheinlich glaubte, dass die kleine Anzahl von sichtbaren Truppen bei Quatre-Bras nur ein Köder waren und die eigentlich schlagkräftige Armee, verdeckt von Bäumen und dem unwegsamen Gelände, auf der Lauer lag. Was auch immer Ney’s Gründe für einen Angriff an jenem 15. Juni gewesen sein mögen, so hatte er jedenfalls eine großartige Chance, Wellington und Blüchers zusammengeführten Truppen vernichtend zu treffen, ungenutzt verstreichen lassen. Die französische Armee schlug ihr Feldlager in einem Bereich 10 mal 10 Meilen auf. Zur Linken war Lefebvre-Desnouettes’s Kavallerie nahe Frasnes mit Reilles II. Korps zwischen ihm und Gosselies in Stellung gegangen. Girards Division dieses Korps war in Wagenies, nahe Fleurus, während d’Erlons I Korp die Ebene von Marchienne nach Gosselies absicherte. Auf der rechten Seite lagerte Marschall Grouchy mit Pajols und Exelmans‘ Kavallerie Division südlich von Fleurus, während das IV. Korps von Gerard an beiden Ufern des Flusses Sambre nahe Chatelet kampierte. Im Zentrum und unter direktem Befehl Napoleons war die Garde um Charleroi und Gilly in Stellung gegangen und in deren rückwertige Raum, jedoch noch diesseits des Flusses, hatten Lobaus VI. Korps und das Kavallerie Korps von Milhaud und Kellermann ihre Zelte aufgeschlagen. In der Tat hatte Napoleon sein erstes Etappenziel erreicht. Er hatte seine eigenen Truppen so in Stellung bringen können, dass die Armeen der Alliierten voneinander getrennt worden waren. Dennoch ahnte er noch nicht, dass Blücher für den folgenden Tag vorgesehen hatte, seine Truppen zusammenzufassen und einen direkten Angriff zu wagen.

Neys Befehle und Aufenthaltsorte

Nachdem Napoleon um 21 Uhr in sein Hauptquartier zurückgekehrt war, ging er vollkommen erschöpft zu Bett. Um Mitternacht weckte man ihn und teilte ihm mit, dass Marschall Ney zum Rapport eingetroffen war. Es gab nur einen Zeugen, der von diesem Treffen berichtet, Oberst Heymes:

»Der Kaiser drängte Ney dazu, zu einem Nachtmahl zu bleiben, gab ihm neue Befehle und breitete vor Ney seine Pläne und Hoffnungen für den 16 Juni aus …«

Hierzu sagt Fuller: »Vor diesem Hintergrund müssen wir davon ausgehen, dass Ney Napoleon berichtete, weshalb er Quatre-Bras nicht eingenommen hatte, und letzterer muss ihm genaue Instruktionen gegeben haben, dies am 16 Juni nachzuholen. Es ist einfach eine Frage des gesunden Menschenverstandes, denn wenn Napoleon weiter an dem Plan festhalten wollte, nur einen Feind zu bekämpfen, ehe er sich dem anderen zuwandte, so musste Wellington daran gehindert werden, Blücher zur Hilfe eilen zu können, und das wiederum konnte nur erreicht werden, indem man die Straße zwischen Nivelles-Namur vollständig abschnitt. Wer anderes behauptet, würde damit Napoleon zu einem strategischen Trottel degradieren.«

Damit hat Fuller sicherlich nicht ganz unrecht. Das Problem ist allerdings:
1. War Oberst Heymes wirklich anwesend bei der Besprechung von Napoleon und Ney?
2. Wenn nicht, hat dann Ney Heymes über das Gespräch informiert?
3. Hat dieses Treffen überhaupt je stattgefunden?

Baron Fain, Napoleons Chefsekretär schrieb in der Nacht vom 15 Juni an Prinz Joseph Bonaparte:

Monseigneuer, es ist neun Uhr abends. Der Kaiser, der seit heute Morgen um 3 Uhr im Sattel gesessen hat, ist zurückgekehrt; vollkommen erschöpft. Er hat sich für einige Stunden aufs Bett gelegt, um zu ruhen. Um Mitternacht wird er wieder sein Pferd besteigen …

Wenn Napoleon tatsächlich vorgehabt hat, um Mitternacht erneut auszureiten, wieso sollte er dann Ney zu einem Treffen einbestellt haben?
Edith Saunders berichtet: »Spät in der Nacht, stand Napoleon auf, um etwas zu essen und sich die Tagesberichte durchzulesen, u.a. einen von Marschall Ney.«
Doch was in diesem Bericht stand, bleibt ein Rätsel. Es könnte sein, dass es sicher hierbei lediglich um die Bestätigung Neys handelte, der das Kommando der linken Flanke übernommen hatte, oder aber es könnte eine Stellungnahme zu seinen Handlungen (oder auch den ausgebliebenen Handlungen) vom Nachmittag des 15. Juni gewesen sein. Man darf jedenfalls nicht vergessen, dass Ney bereits seine Befehle, Quatre-Bras einzunehmen, seit seinem vorhergehenden Treffen mit Napoleon im Laufe jenes Tages hatte. Saunders geht sogar weiter und behauptet, dass Ney auch um 5 Uhr morgens am 16. Juni noch keine Befehle erhalten hatte … Oberst Heymes soll die Regimenter inspiziert haben und deren Nummern sowie ihre kommandierenden Offiziere notiert haben. Graf Reilles Truppen waren zum Abmarsch bereit. Gegen 7 Uhr ging er zu Ney, um seine Befehle zu erhalten, ihm wurde aber gesagt, dass Ney seinerseits noch Befehle vom Kaiser erwartete. Das Einzige, was Ney bis zu diesem Zeitpunkt erhalten hatte, war eine Depesche von Soult, die ihn davon in Kenntnis setzte, dass Kellermann nach Gosselies entsandt wurde, und Ney wurden Informationen über die Lage des Feindes und die Position des I. und II. Korps gebeten. Es erscheint doch mehr als merkwürdig, dass Ney von Mitternacht bis 2 Uhr morgens auf einem Treffen mit Napoleon gewesen sein soll und dann um 7 Uhr morgens noch immer nicht gewusst haben will, was er zu tun hatte. Außerdem besteht auch das Problem, wo Ney die Nacht vom 15. auf den 16. Juni verbracht hat. Wenn er bei seinen Fronttruppen gewesen sein sollte, dann wäre er in der Region um Frasnes gewesen, andere Quellen jedoch sprechen von einem Aufenthalt entweder in Gosselies oder Fleurus. Wo er war und was er in dieser Nacht des 15. Juni gemacht hat, wird wohl immer Gegenstand wilder Spekulationen bleiben.

Wellingtons fehlende Hast

Es scheint so, als wenn der Graf von Wellington nicht mit einer Offensive Napoleons gerechnet hatte. Er musste diesen Gedanken wohl für derartig abwegig befunden haben, dass er am 13. Juni, als bereits Gerüchte kursierten, dass sich die Franzosen sammeln und Napoleon bereits in Maubeuge weilen würde, Lady Jane Lennox of Enghien zu einem Chricket-Spiel ausführte und erst am Abend mit ihr zurückkehrte, nachdem er den ganzen Tag ausschließlich darauf verwandt hatte, seine weibliche Begleiterin bei Laune zu halten. Obwohl der Graf am 14. Juni noch weitere Informationen über die französischen Truppenbewegungen erhielt, unternahm er bis um 15 Uhr am Folgetag keine weiteren Schritte. Diesmal war es nicht mehr nur ein Gerücht, sondern ein offizieller Bericht, der ihm mitteilte, dass die Preußen angegriffen wurden. Zu guter Letzt befahl er einen Zusammenschluss seiner Truppen an den dafür vorgesehenen Stellen im Gelände, um dort die Stellung zu halten und abmarschbereit zu sein, sobald der entsprechend Befehl dazu gegeben würde. Nur da wurde dem Prinzen von Oranje mitgeteilt, dass er seine 2. und 3. Division bei Nivelles sammeln sollte.
Als Wellington eine Depesche von Marschall Blücher an diesem Abend erhielt, in der dieser ihm (Wellington) mitteilte, dass er (Blücher) vorhatte, eine Verteidigungslinie bei Sombreffe aufzubauen, bestätigte Wellington nicht diesen Plan Blüchers und setzte auch seine Truppen nicht zu Blüchers Unterstützung in Marsch, vielmehr befahl er seiner 3. Division, sich Richtung Nivelles in Marsch zu setzen, die 1. Division sollte Richtung Braine-le-Comte marschieren, die 2. und 4. Division und die Kavallerie wiederum in Richtung Enghien. Durch diese Befehle wurden die Truppen des Grafen von den preußischen Kräften abgezogen, was unter Beweis stellt, dass Wellington offenbar immer noch der Auffassung war, die Franzosen würden doch noch die Richtung wechseln und gegen Mons und Ath anstürmen. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass sich Wellington von Napoleon an der Nase herumführen ließ. Nachdem Wellington seine Befehle losgeschickt hatte, machte er sich gegen 22 Uhr auf den Weg zu Gräfin Richmonds Ball, auf dem er bis 2 Uhr morgens verweilte. Erst nachdem Wellington von General Dörnberg, der sich in Mons aufhielt, einen Bericht erhielt, in dem dieser ihm (Wellington) berichtet, dass die Franzosen nicht gegen Mons, sondern Richtung Charleroi verrückten, also für Mons keine Bedrohung bestünde, gab Wellington den Befehl aus, die gesamte Armee nach Quatre-Bras marschieren zu lassen.

Quellen:

  • William Siborne: History of the War in France and Belgium, in 1815: Containing Minute Details of the Battles of Quatre-Bras, Ligny, Wavre, and Waterloo
  • Volker Wacker: Die alliierte Besetzung Frankreichs in den Jahren 1814 bis 1818
  • J.F.C. Fuller: The Desisive Battles of the Western World
  • Edith Saunders: The Hundred Days

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