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Mythen und Wirklichkeiten

Vorwort

In zahlreicher Fach- und Sachliteratur, mittlerweile auch auf vielen Internetseiten, kann der interessierte Leser umfangreiche Fakten und Daten zu den Ereignissen und Hintergründen der letzten großen Schlacht Napoleons finden. Selbst im Film „Waterloo“ von Sergei Bondarschuk reichen die künstlerischen Mittel nicht aus, um das Ausmaß des letzten napoleonischen Krieges darzustellen. Wie es wirklich auf den Schlachtfeldern von Quadre Bras, Ligny und Waterloo zuging, kann man nur mit Hilfe von Sachzeugen (Dokumente, Aufzeichnungen, Tagebücher...) nachvollziehen. Der einfache Soldat findet in der Geschichtsschreibung kaum Beachtung.
In meinen Darstellungen will ich eine Lanze für den „Gemeinen“ brechen, der an vorderster Front stand. An Beispielen unter anderem aus der 2. Brigade/ 2. Niederländische Division unter Befehlsgewalt des Generalmajor Prinz Bernhard von Sachsen-Weimar, die Schilderungen des Soldaten Johann Jost, des Sergeanten Döring, des Soldaten Peter Henninger aus Usingen sowie des Leutnant Georg Wilhelm Müller möchte ich das Gemetzel und Grauen der Kämpfe bei Quatre Bras, Ligny sowie bei Waterloo dem Leser aufzeigen.

Das Vorspiel

Am 26. Februar 1815 startete die Brigg „L’Innocent“ von Elba in Richtung französische Küste. An Bord Napoleon Bonaparte. Unbemerkt von den Engländern landete das Schiff am Nachmittag des 01. März zwischen Antibes und Cannes. Als Napoleon wieder französischen Boden unter den Füßen hatte, sollte er gerufen haben:

"L'aigle avec le couleurs nationales volera
de chlocher en clocher jusqu'aux tours de Notre-Dame!"

(Übersetzung: Von Kirchturm zu Kirchturm wird der Adler
mit den nationalen Farben fliegen bis auf die Türme von Notre-Dame!)


Am 5. März 1815 erreichte ein Kurier die Tuilerien und überbrachte dem französischen König Ludwig XVIII. die Nachricht von Napoleons Landung in Frankreich. Noch sah der König diese Meldung als Bagatelle an und war sich sicher, dass man mit dem Problem schnell fertig werden würde. Einige Stimmen waren sogar hoch erfreut, konnte man doch das Kapitel Napoleon Bonaparte endgültig und ohne Rücksicht auf europäische Vereinbarungen zu einem Ende bringen.

Napoleon marschierte durch das Gebirge der Dauphiné in Richtung Grenoble. Das Volk empfing ihn nicht unfreundlich, aber gleichgültig. Am Tag darauf schien das erste Gefecht gegen die königlichen Truppen unausweichlich. In der Ortschaft Caps erhielt Bonaparte die Nachricht, dass ein Bataillon des 5. Linienregiments aus Grenoble in Stellung gegangen war. Napoleon hatte ca. 1 100 Soldaten unter seinem Kommando und war damit dem Bataillon, welches nur aus 700 Mann bestand, weit überlegen. Napoleon ließ die Trikolore ausrollen sowie die Marseillaise spielen. Allein ritt er auf die gegnerische Stellung zu. Als der Feuerbefehl erteilt wurde, öffnete Bonaparte seinen von vielen Schlachten gekennzeichneten grauen Mantel und wartete auf die Kugeln. Die erste Linie ließ jedoch beim Anblick ihres Kaisers die Waffen sinken. Anstelle der Abschüsse war ein lautes "Es lebe der Kaiser!" zu hören. Die Soldaten stürzten jubelnd auf Napoleon Bonaparte zu und umringten ihn. Am Abend des gleichen Tages überreichte man Napoleon die Fahne des 7. Linienregiments. Damit wuchs Napoleons Heer um weitere 1 800 Soldaten. Mit seiner Streitmacht marschierte Napoleon nach Grenoble. 2 000 Soldaten schützten die Stadt und waren bereit, gegen ihn zu kämpfen. Doch die bewaffneten Einwohner der Stadt konnten dies verhindern und jubelten ihrem eintreffenden Kaiser zu.

Von Lyon aus, dessen Stadtgrenze Napoleon Bonaparte am 10. März erreichte, sollte der bourbonische Gegenschlag geführt werden. Der Comte d'Artois hatte die Verteidigung der Stadt unter seinem Befehl. Napoleons Vormarsch war jedoch so schnell gewesen, dass dem Bruder des Königs nicht genügend Kräfte und Mittel zur Verfügung standen. Drei Regimenter und 1 500 Soldaten der Nationalgarde unter dem Befehl von Marschall Etienne Jacques Joseph Alexandre Macdonald sollten ausreichen, um Napoleon aufzuhalten. Während einer Truppenparade sollten die Soldaten "Es lebe der König rufen!". Doch es blieb sehr ruhig. Der Comte d'Artois fürchtete zu recht, mit diesen Truppen kein Gefecht gewinnen zu können und reiste umgehend nach Paris zurück. Napoleon jedoch zog unter dem Jubel der Bevölkerung in Lyon ein.

Der Abfall Michel Neys am 14. März 1815 entschied seinen Sieg. Ney, der über 4 000 Mann verfügte, hatte dem König versprochen, Napoleon in einem eisernen Käfig nach Paris zu bringen. Napoleon akzeptierte, dass einige seiner alten Weggefährten sich in erster Linie Frankreich verpflichtet sahen und unter den Bourbonen dienten. Ney, der sich ebenfalls seinem Gelöbnis an die Bourbonen verpflichtet fühlte, erhielt eine persönliche Einladung Napoleons. Ney überlegte lange Zeit, doch am Ende reiste er nach Auxerre, um sich Napoleon anzuschließen.
Das Verhalten von Michel Ney erschütterte Paris. Anstatt sich dem Kaiser entgegenzustellen, verließ Ludwig XVIII. in der Nacht auf den 19. März die Hauptstadt Paris, um erst nach Lille und dann nach Gent zu flüchten. Um den Bourbonen Zeit zur Flucht zu lassen, verzögerte Napoleon seine Ankunft in Paris, die erst am 20. März erfolgte. Innerhalb von 20 Tagen hatte er eine Strecke zurückgelegt, für die man sonst die doppelte Zeit brauchte. Er hatte seine eigene Prophezeiung wahr gemacht und war wie ein Adler von Dorf zu Dorf in die Hauptstadt zurückgekehrt.
Durch Verleihung einer freien Verfassung und durch Berufung liberaler Männer, wie Lazare Nicolas Marguerite Carnot und Benjamin Constant, versuchte Napoleon die konstitutionelle und die republikanische Partei zu gewinnen. Die neue Verfassung wurde im April 1815 veröffentlicht und von der Bevölkerung angenommen.
Sein Bruder Lucien Bonaparte, Prince de Canino, 1804 ausgewandert und von 1810 bis 1814 in englischer Gefangenschaft, kehrte zurück und versöhnte sich mit seinem Bruder. Joseph und Jérôme traten ebenfalls an Napoleons Seite, nur Louis fürchtete um seinen Herrschaftsanspruch auf den niederländischen Thron und weigerte sich nach Frankreich zurückzukehren.
Joseph wurde aufgefordert, die russischen und österreichischen Abgesandten über die Respektierung der 1814 verabschiedeten Grenzen zu informieren. England wurde aufgefordert, die Entscheidung des französischen Volkes zu akzeptieren.
Auf dem immer noch tagenden Wiener Kongress übernahm Charles Maurice de Talleyrand, Fürst von Benevent, die Initiative und versammelte die Anwesenden hinter sich. Als verbrecherischer Akt wurde Napoleons Rückkehr verurteilt. England, Russland, Österreich und Preußen vereinbarten, jeweils 150 000 Soldaten gegen Napoleon zu mobilisieren.
Napoleons Friedensangebote kamen ungeöffnet zurück. Wenn er das französische Kaiserreich sichern wollte, musste er erneut zu den Waffen greifen.

Der Auftakt

Auf dem Wiener Kongress hatten die Anwesenden schon am 13. März eine förmliche Achtserklärung gegen Napoleon erlassen und am 25. März ihr Bündnis gegen französischen Kaiser erneuert sowie die Zusammenziehung ihrer Armeen beschlossen. Napoleon musste daher seinen Thron aufs Neue verteidigen.
Die verbündeten Länder beschlossen, mit vier Armeen gegen Napoleon vorzugehen. Eine englisch-deutsche unter Führung des Feldmarschall Arthur Wellesley, Duke of Wellington, eine preußische am Niederrhein unter Generalfeldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher, eine russische am Mittelrhein unter Feldmarschall Michael Andreas Barclay de Tolly und eine österreichisch-deutsche am Oberrhein unter dem Fürsten Schwarzenberg.
Diese vier Armeen sollten um die 715 000 Soldaten stellen, weitere Reserven wurden hinter den Linien bereits ausgehoben. Allerdings war die Meinung in den ehemals von Frankreich besetzten Ländern nicht durchweg gegen Napoleon. Ganz im Gegenteil, die Länder des Rheinbundes konnten sich bereits zu Beginn der Befreiungskriege nur schwer für die preußisch-russische Sache begeistern. Außerdem erhoffte man sich in Preußen aus dem neuen Krieg mehr, als von dem Frieden von Wien. Dazu Blücher:

"Dies ist das größte Glück, was Preußen begegnen konnte,
nun fängt der Krieg von neuem an und die Armee wird alle
in Wien begangenen Fehler wieder gut machen."

(Zitat aus: Die Befreiungskriege 1813 bis 1815. Carl Tanera. 1913)

Blücher und sein Generalstabschef August Neidhardt von Gneisenau befehligten vier Korps. Sie zogen diese bei Jülich zusammen. Die Korps waren den Generälen Hans Ernst von Ziethen, Georg Bubislav Ludwig von Pirch, Johann Adolf Freiherr von Thielemann und von Friedrich Wilhelm Graf Bülow von Dennewitz unterstellt. Zusammen mit den Armeen der Hessen, den thüringischen und oldenburgischen Truppen betrug Blüchers Armee Ende Mai 1815 ca. 135 000 Mann.
Bei Brüssel sammelte sich unter Wellington die englisch-deutsche Armee. Sie bestand aus 33 000 Engländern, 25 000 Niederländern, 16 000 Hannoveranern, 7 500 deutschen Legionären, 6 700 Braunschweigern und 7 300 Nassauern. In vielen anderen Ländern war der Enthusiasmus jedoch gering, konnte man doch mit einem eingeschränkten Frankreich unter Napoleons Herrschaft gut leben. Nach den vielen Kriegsjahren machte sich auch eine gewisse Kriegsmüdigkeit breit und die Allgemeinheit war nicht mehr bereit, sich rekrutieren zu lassen.

In den letzten Maitagen trafen sich Wellington und Blücher um das gemeinsame Vorgehen zu besprechen. Sie einigten sich sehr schnell auf Paris als Ziel ihrer beiden Armeen. Beiden war bewusst, dass sie als Helden in die Geschichte eingehen konnten, wenn sie ohne die Unterstützung der Österreicher und Russen den Korsen dingfest machten. Sie vereinbarten, dass ihre Armeen immer nur soweit voneinander operierten, dass sie sich gegenseitig innerhalb von 24 Stunden unterstützen konnten. Außerdem sollte jeder dem anderen sofort zur Hilfe eilen, wenn Napoleon eine der beiden Armeen angriff.
Entsprechend den Absprachen marschierte die preußische Armee im Maastal vorwärts. Am 27. Mai stand das I. Armeekorps von Ziethen in und neben dem Sambre-Tal zwischen Marchienes und Fleurus, dahinter das II. Armeekorps von Pirch (anstelle des Generals Borstell) um Namur. Thielemanns III. Korps war im Maastal und östlich davon in die Gegend von Dinant und Ciney vorgeschoben. Das IV. Armeekorps von Bülow bildete die Reserve bei Lüttich. Diese vier Korps hatten zusammen eine Stärke von ca. 124 700 Mann. Das Korps des Grafen Kleist stand um dieselbe Zeit mit seinen 20 000 Soldaten noch um Trier.

Napoleon standen nach seiner Machtergreifung rund 200 000 Soldaten sofort zur Verfügung. Weitere 75 000 konnten kurzfristig bereitgestellt werden. Die Massenrekrutierungen, wie zur Zeit der Revolutionskriege, blieben vorerst aus. Diesmal ließ er aber nicht die festen Stellungen außer Acht und bereitete besonders die Verteidigung von Paris vor.
Napoleon musste sofort handeln und den Feldzug gewinnen, bevor sich die vier Armeen der Koalitionäre vereinigten. Gegen die beiden Armeen von Wellington und Blücher führte Napoleon 130 000 Mann in den Korps von Mortier, Drouet, d'Erlon, Reille, Vandamme, Gérard, Lobau und Grouchy. Die Soldaten mussten ausreichen, um Wellington und Blücher nacheinander schlagen zu können. Er verließ am 11. Juni Paris. Nach seinem Eintreffen am 14. bei seiner Truppe begann Napoleon sofort mit dem Vormarsch.

Vorschau

In den nächsten Teilen lege ich den Hauptschwerpunkt auf die Gefechte bei Ligny und Quatre Bras. Schaffte es Napoleon, einen Keil zwischen den Truppen von Wellington und Blücher zu treiben? Demnächst mehr hier auf ....

 

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