
Mythen und Wirklichkeiten

VON
MAGNUS MAGNUSSON, HISTORIKER
UND
ELRIC SILKEBORG, AUTOR

Teil 2
Jahrhunderte lang wurden sie als Volk grausamer und blutrünstiger Mörder dargestellt, deren einziges Ziel die Plünderung eines christlichen Europas war. Als heidnische Teufel geschildert kannten sie anscheinend nur Raub, Mord und Vergewaltigung als Lebensziel.
Sie starben so grausam und sorglos, wie sie gelebt hatten.
Erst die moderne Forschung verschaffte uns, wenn auch nur schrittweise, ein ganz anderes Bild jenes Volkes, das wir noch heute unter dem Namen Wikinger kennen.
Sie waren keine Mörder, sondern Händler und Entdecker, Siedler und Künstler, deren Mythologie nicht nur aus Sagen, Märchen und bösen Kinderliedern bestand.

Mit den Streitaxtleuten begann die skandinavische Bronzezeit, die im Allgemeinen zwischen 1500 v. Chr. und 500 n. Chr. datiert wird. Durch Handel und Reisen war Skandinavien jetzt für fremde Einflüsse geöffnet. Die von Archäologen ausgegrabenen Gegenstände lassen deutlich erkennen, dass es sich bei diesem Zeitalter um eine Epoche von Reichtum und wirtschaftlichen Wachstum handelt.
Das gilt besonders für Dänemark, wo die Bernsteinförderung von Jütland den Import von Zinn, Kupfer und Gold ermöglichte. Skandinavien wird zu dieser Zeit von Kriegern beherrscht, deren Leichen in Tausenden mächtiger Grabdenkmäler gefunden wurden, umgeben von ihren Waffen und ihrem Schmuck.
Der kämpferische Lebensstil dieser Zeit und der wachsende Reichtum spiegeln sich auch in einem völligen Wechsel des Stils der Felsritzzeichnungen wider. Während es in der eiszeitlichen Steinzeit noch naturalistische Bilder von jagdbaren Tieren waren, ist die Kunst jetzt von stilisierten Darstellungen von Kriegern, die Äxte, Speere oder Schwerter schwingen, von tanzenden Männern und phallischen Darstellungen gekennzeichnet.
Überall liegt der Akzent auf männliche Tätigkeiten.
Zum ersten Mal kann man jetzt auch Darstellungen eines Glaubens an Götter nachweisen.
Denn die mächtigen, bewaffneten Figuren mit übergroßem Phallus, neben denen die Krieger wie Zwerge erscheinen, können nur als Götter gedeutet werden. Auch finden sich jetzt zahlreiche symbolische Darstellungen der Sonne, als Scheibe oder Rad, manchmal allein, manchmal auf einem Schiff oder von einem Wagen gezogen. Die Schiffe selbst sind bemerkenswert, sie lassen einen ersten Eindruck der technischen Revolution erkennen, die das Zeitalter der Wikinger möglich machte und ihren Ruf als kühne Seefahrer begründete.
Zum ersten Mal erscheinen diese Schiffe mit dem hochgezogenen Bug und besetzt mit Ruderern.
Sonne, Äxte, Schiffe und phallische Darstellungen waren die führenden Themen der skandinavischen Kunst und Religion im Bronzezeitalter. Aus dieser Zeit stammen auch die Bronzefiguren von Menschen mit gehörnten Helmen, die Äxte trugen. Diese Hörnerhelme waren sehr wahrscheinlich der rituelle Kopfschmuck von Priestern oder Priestergöttern. Sie wurden beim Kriegskult gebraucht und bei Fruchtbarkeitsriten, bei denen vielleicht die Männlichkeit beschworen werden sollte. Von diesen Funden leitet sich wohl auch die heute noch vorherrschende Meinung ab, dass die Wikinger im Kampf Hörnerhelme getragen hätten. Ein Irrglaube, der sich nur schwer ausrotten lässt, denn man kann sich kaum eine noch drückendere und auch gefährlichere Belastung für einen Krieger im Kampf vorstellen, als es ein Hörnerhelm war.
Obwohl die skandinavische Bronzezeit von der Zeit der Wikinger durch einige Jahrhunderte getrennt ist, können wir schon in der Bronzezeit einige jener Merkmale erkennen, mit denen die übrige Welt später die Wikinger charakterisierte, ihre Tatkraft als Krieger, ihren Kampfesmut und ihren Glauben an die Götter des Krieges.
Ausgrabungen machen deutlich, dass der bemerkenswerte Reichtum der Bronzezeit im ersten Jahrtausend v. Chr. mit Beginn der Eisenzeit deutlich geringer wurde. Reichtum und Qualität der Grabbeilagen nahmen zusehends ab und auch das Klima verschlechterte sich so dramatisch, das die nördlichen Gebiete Skandinaviens unbewohnbar wurden und verarmten.
Historiker teilen das skandinavische Eisenzeitalter gerne in drei Phasen ein:
- das keltische Eisenzeitalter, von etwa 500 v. Chr. bis zu Christi Geburt
- das r ömische Eisenzeitalter, von Christi Geburt bis ca 400 n. Chr.
- das germanische Eisenzeitalter, von ca 400 n. Chr. bis etwa 800, dem Beginn der Wikingerzeit
Von der ersten Phase blieb Skandinavien noch ziemlich unberührt.
Keltische Stämme begannen, sich von Mitteleuropa her auszudehnen. Durch ihre Züge wurden die herkömmlichen Handelsrouten vom Norden zum Mittelmeergebiet durch Zentraleuropa unterbrochen. Die See-Expedition des Pytheas, der schon im ersten Teil dieser Saga vorgestellt wurde, war ohne Zweifel auch durch die Notwendigkeit veranlasst worden, andere und sichere Handelswege nach Norden hin zu erschließen, mit denen man das keltische Gebiet und ihren Zwischenhandel, der jetzt die Handelswege kontrollierte, zu umgehen. Erst als die keltische Eroberungswoge abnahm, begannen die Stämme Skandinaviens, getrieben von Armut und den harten Lebensbedingungen in ihrer Heimat, sich in Bewegung zu setzen.
Die zweite Periode, also die r ömische Eisenzeit brachte Skandinavien zum ersten Mal mit der genau datierten Geschichtsschreibung in Verbindung.
So erfuhr man, dass im Jahre 5 nach Chr. eine römische Flotte bis nach Jütland vorstieß, doch machten die Römer niemals den Versuch, Skandinavien zu erobern. Sie hatten zu diesem Zeitpunkt nämlich alle Hände voll zu tun, um die germanischen Stämme an Rhein und Donau in Schach zu halten.
Zwar kannten die Skandinavier selbst noch keine schriftlichen Aufzeichnungen, obwohl sie bereits ein Alphabet, genannt Runen, besaßen. Deshalb ist es Männern wie Plinius, Tacitus und Ptolemäus zu verdanken, dass es Aufzeichnungen über die Geografie und die soziale Lage in Skandinavien gibt. Durch sie wurden auch zum ersten Mal jene Stämme genannt, die die Vorfahren der Wikinger waren. Die Suionen in Ostschweden, die Goten, die in Südschweden lebten, und die Gauten, an die noch heute das angelsächsische Heldenlied des Beowulfs erinnert.
Tacitus berichtete, dass die Suionen gegen Ende des ersten Jahrhunderts vor Chr. das beherrschende Volk Skandinaviens waren. Sie unterhielten auch mächtige Flotten, welche die Ostsee beherrschten.
Dabei entwickelten sie ein wachsendes Interesse an Gütern aus dem Süden. Es waren vor allem Seide, Gewürze, Wein, Glasbecher und silberne Gerätschaften aus den entferntesten Gebieten des römischen Reiches, denen ihr Augenmerk galt. Große Mengen römischer Münzen, die in Dänemark und Schweden gefunden wurden, beweisen die Ausdehnung des Handels. Auch wurden römische Worte in die skandinavische Sprache übernommen. So war das Wort Öre, das vom lateinischen Aureus stammt, zunächst die Bezeichnung für ein bestimmtes Gewicht. Es lebt heute noch als skandinavische Münzbezeichnung weiter.
Dann folgte die Zeit des germanischen Eisenzeitalters.
Das römische Weltreich brach zusammen und Scharen von Germanenstämmen zogen durch Europa. Die West - und Ostgoten erkämpften sich ihren Weg nach Italien und Spanien, die Franken besetzten Gallien und die Angeln, Sachsen und Jüten verließen Dänemark, um nach England einzudringen. Von dieser Periode berichten auch die ältesten Heldenlieder der nordischen Literatur, die sich in ihrem Kern auf historische Personen beziehen.
Sei es den Goten Ermanerich, den Hunnen Attila, den Burgunder Gunther oder den Gauten Hygelac, dessen gefährliche Fahrt zu den Friesen im Jahre 521 im Beowulf berichtet wird.
Im Nebel dieser halb mythischen, halb historischen Erzählungen begann sich dann so langsam ein Menschenschlag herauszuschälen, den wir heute als die Wikinger kennen.
Im nächsten Teil wollen wir uns mit einem der wichtigsten Merkmale aus der Zeit der Wikinger beschäftigen. Einem Merkmal, das schon auf den Felszeichnungen der Bronzezeit erschienen war: das skandinavische Schiff.
Quellennachweis:
Hammer of the North by Orbis Publishing Limited. London, Ins Deutsche übersetzt von Ursula Stadler
Bilder von Werner Forman
© Slaterman
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