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Mythen und Wirklichkeiten

VON
MAGNUS MAGNUSSON, HISTORIKER
UND
ELRIC SILKEBORG, AUTOR

Teil 1

Jahrhunderte lang wurden sie als Volk grausamer und blutrünstiger Mörder dargestellt, deren einziges Ziel die Plünderung eines christlichen Europas war. Als heidnische Teufel geschildert kannten sie anscheinend nur Raub, Mord und Vergewaltigung als Lebensziel.
Sie starben so grausam und sorglos, wie sie gelebt hatten.
Erst die moderne Forschung verschaffte uns, wenn auch nur schrittweise, ein ganz anderes Bild jenes Volkes, das wir noch heute unter dem Namen Wikinger kennen.
Sie waren keine Mörder, sondern Händler und Entdecker, Siedler und Künstler, deren Mythologie nicht nur aus Sagen, Märchen und bösen Kinderliedern bestand.

Etwa 330 v. Chr. segelte ein griechischer Entdecker von Marseille aus gen Westen und Norden.
Sein Name war Pytheas.
Er war Mathematiker, Astronom und Navigator zugleich, und das Ziel seiner von den Bürgern von Marseilles finanzierten Reise war die Entdeckung der Schiffsrouten zu den Zinn – und Bernsteinmärkten Nordeuropas. Leider ist kein einziges Wort seines Originalberichts über diese bemerkenswerte Reise mehr überliefert, aber es scheint so, als ob sein Bericht über die damals verhältnismäßig unbekannten Länder des Nordens, wenn auch skeptisch, doch von vielen späteren Geschichtsschreibern weitergegeben wurde. Es ist deutlich herauszulesen, dass Pytheas das heutige England, die nördlichen Shetlands und auch Helgoland besucht hat. Er scheint dann von dort aus an der Westküste Norwegens weiter nach Norden gesegelt zu sein, bis zu einem Land, das er Thule nannte. Sechs Segeltage von England entfernt, ein Land mit viel Regen und wenig Sonne.
Seine Einwohner lebten von Ackerbau, vor allem von Hirse und von Kräutern, Wurzeln und Beeren aus den umliegenden Wäldern.
Wo genau das Thule des Pytheas gelegen hat, vermag heute mit Sicherheit niemand mehr zu sagen.
Aber es muss sehr sehr weit nördlich gelegen sein, weil das Tageslicht nach seinen Berichten im Sommer 24 Stunden andauerte. Thule war das äußerste Ende der Welt. Hinter ihm lag nur noch ein Gebiet, das die Elemente im Urzustand zeigte.
Schneebedeckte Vulkane, schwimmende Eisberge und eine kochende See.
Heute ist klar, dass Pytheas ein ziemlich genauer Beobachter und Entdecker gewesen sein muss, denn seine Beschreibungen des hohen Nordens haben eine verblüffende Ähnlichkeit mit vielen geographischen und geologischen Erscheinungen, die uns auch heute noch geläufig sind, wenn wir an Europas Norden denken. Als Beispiel seien nur die unterirdischen Vulkanausbrüche vor der Küste von Island erwähnt.
Zu diesem Zeitpunkt ahnte der forschungsfreudige Grieche allerdings noch nicht, dass jenes von ihm entdeckte Land bereits eine Jahrtausend alte Geschichte hinter sich und eine ebenso lange und um vieles gewalttätigere noch vor sich hatte.

Tausende von Jahren vor der Zeit des Pytheas waren die Einwohner Skandinaviens Nomaden. Jäger und Sammler die in kleinen Stämmen oder Familienclans von der Jagd nach Fischen, dem Vogelfang und Sammeln all dessen, was nur irgendwie essbar war, lebten. Erst etwa um 3000 v. Chr. dürfte hier der Ackerbau eingeführt worden sein. Damit wurden die Jäger und Sammler von jenen Menschen zurückgedrängt, die feste Siedlungen errichteten, Getreide anpflanzten und Haustiere züchteten. Es entwickelten sich gewisse soziale Schichten, wie die der Bauern und Arbeiter und einer Oberschicht die die ganzen Produkte verwaltete und verteilte. Nach und nach bildeten sich auch daraus Spezialisten wie Maurer und Baumeister, mit denen die Gemeinschaft große Dinge wie den Bau von Megalithgräbern in Angriff nehmen konnte, in denen ganze Sippen beerdigt wurden.
Das Bild, welches in dieser Zeit vom Leben der Skandinavier gezeichnet wird, ist noch verhältnismäßig ruhig, aber schon 2000 v. Chr. wird das Land von Völkern aus dem Süden und Südwesten überflutet, die uns heute noch durch ihre Waffen als die Streitaxtleute bekannt sind.
Mit diesen Streitaxtleuten begann die skandinavische Bronzezeit.
Obwohl diese Zeit von der Ära der Wikinger noch durch einige Jahrhunderte getrennt ist, konnte man schon in dieser Bronzezeit viele Merkmale erkennen, mit denen die spätere Welt die Wikinger charakterisierte. Tatkraft, Kampfesmut und den Glauben an Kriegsgötter.

© Slaterman

 

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