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Mythen und Wirklichkeiten

Jefferson Davis Milton

Sicherlich hat jeder etwas über solche legendäre Persönlichkeiten des Wilden Westens wie zum Beispiel James Butler Hickok (Wild Bill), Wyatt Berry Stapp Earp, William Barclay Masterson (Bat Masterson) oder William Matthew Bill Tilghman gelesen, gehört oder gesehen. Weniger bekannt scheint der vielleicht tüchtigste, erfolgreichste und am längsten gelebte Officer unter ihnen gewesen zu sein - Jefferson Davis Milton. Er war ein furchtloser Officer und ein Meister in der Handhabung von Schusswaffen, dessen lange und bunte Karriere als Lawman mehr als ein halbes Jahrhundert in den beunruhigenden Zeiten des Südwestens andauerte.

Milton wurde am 7. November 1861 in den Wäldern Floridas bei Marianna auf einer Plantage mit dem Namen Sylvania als Sohn von John und Caroline Milton geboren. Er war das jüngste von vierzehn Kindern des Gouverneurs von Florida und hatte eine traurige Kindheit. Vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg war seine Familie reich und genoss großes Ansehen im Jackson County Floridas und darüber hinaus. Am 1. April 1865 beging sein Vater Selbstmord und ließ seine Ehefrau Caroline mit den Kindern und den Nöten auf der riesigen Plantage ohne Sklaven, welche die Felder bearbeiteten, allein. Der Bürgerkrieg hatte wie bei vielen anderen Familien auch seine Spuren hinterlassen. Da die Familie mittellos war, konnte der junge Jeff keine ähnliche Ausbildung wie seine älteren Geschwister bekommen.
Im zarten Alter von 15 Jahren verließ Jeff Milton das elterliche Anwesen und ging nach Texas, in der Hoffnung, dort ein besseres Leben führen zu können. Zunächst half er im Laden seines älteren Bruders aus, danach verdingte er sich im Fort Griffin als Cowboy. Dies war die Zeit, in welcher seine lange und erfolgreiche Karriere als Gesetzeshüter ihren Anfang nahm.
Am 27. Juli 1880 erschien Jefferson Davis Milton mit einigen Empfehlungsschreiben prominenter Bürger in der Tasche im Hauptquartier der Texas Rangers in Austin. Indem er 3 Jahre zu seinem echten Alter hinzufügte und man ihm dies glaubte, erfüllte Jeff die Aufnahmevoraussetzungen und wurde als Ranger vereidigt.
Damals war es notwendig, dass sich die Ranger mit eigenen Schusswaffen ausstatteten. Gewöhnlich handelte es sich dabei um einen Colt Single Action, Kaliber 45 sowie einer Winchester Modell 1873, Kaliber 44-40 WCF. Vom Staat erhielten die Texas Ranger einmalig 100 Patronen sowie 12 Gewehr- und 6 Revolverpatronen pro Monat, was die Männer dankend annahmen.
Jeff war auf seinen neuen vernickelten Colt Frontier Six Shooter, Kaliber .44-40 sehr stolz. Doch nach den ersten Schüssen musste der junge Ranger feststellen, dass der Colt seine Tücken hatte und als Dienstwaffe nicht infrage kam. Er tauschte ihn gegen einen reich verzierten Colt Single Action, Kaliber 45 ein, die ihn für den Rest seines Lebens ein ständiger Begleiter war. Unter seinem Hemd trug er in einem Schulterholster eine kleinere Waffe, um in ausweglosen Situationen ein Faustpfand zu haben.
Nachdem Jeff bereits 3 Jahre bei den Rangern diente und Tausende von Meilen auf dem Pferd hinter sich hatte, eröffneten sich ihm mit der Ausdehnung des Staates neue Perspektiven. Einige seiner Aufgaben konzentrierten sich auf die einsam gelegenen Gebiete der Trans Pecos und Big Bend, als die Southern Pacific Railroad dort mit dem Verlegen von Gleisen nach El Paso begann. In den damit verbundenen Zeltstädten wimmelte es nur so von Spielern, Outlaws und Galgenvögeln, die das Interesse des jungen Rangers auf sich zogen.
In Mitchell County kreuzte ein streitsüchtiger Cowboy in der Stadt auf und schoss auf Milton und zwei weitere Officer, als diese ihn festnehmen wollten. Der Cowboy wurde niedergeschossen und die drei jungen Lawmen wegen Totschlags angeklagt. Die Situation verschärfte sich noch, da Freunde des Rangers mit Vergeltung drohten.
Die drei unbewaffneten Angeklagten, jeder von einem Ranger eskortiert, wurden vor den Friedensrichter geführt. Liebend gern hätte man sie an Ort und Stelle gelyncht. Doch nach Einschätzung der Situation zog man sich in die nächste Bar zurück und diskutierte über den Fall bei einem Glas Bier. Nach einem langen, dreijährigen Prozess wurden Milton und seine Partner freigesprochen. Während der gesamten Zeit dienten die drei Angeklagten weiter als Ranger.

Veränderungen im Leben eines jungen Mannes sind fast immer eine Herzenssache, wenn sich die Chance dazu ergibt. Jeff quittierte seinen Dienst bei den Texas Rangers und ging nach New Mexico, wo er auf einer kleinen Ranch ein Unterkunft fand. Sein guter Ruf verhalf ihm zu einigen Jobs als Deputy Sheriff in verschiedenen Counties sowie als Cattle Detective. Eine Zeit lang führte er eine Spezialkommission im Auftrag des Gouverneurs New Mexicos. Aufgrund seiner Effizienz bei der Verfolgung und Verhaftung von Viehdieben sowie seiner nachsichtigen und freundlichen Weise gewann Jeff Milton viele Freunde in New Mexico. Er arbeitete kurz als Stellvertreter des langhaarigen Commodore Owens in der Bergsiedlung St. Johns, Arizona. Dieses Bündnis dauerte nicht lange an, und Anfang 1877 wurde Milton von Joseph Magoffin aus El Paso angestellt. Seine neue Aufgabe bestand darin, vorerst allein mit einem Packpferd von Nogales aus zum Golf von Kalifornien zu reiten und dabei das Schmuggeln zu verhindern. Ein Mann und Hunderte von Meilen, die kontrolliert werden mussten. Was für ein Job!
In dieser Zeit verrichtete Jeff zusammen mit 11 Männern einen äußerst anstrengenden Dienst auf der fast wasserlosen Strecke zwischen El Paso und dem Golf von Kalifornien. Harte Männer mussten sie sein, um der unbeugsamen Wüste trotzen zu können und gefährliche Schmuggler einzufangen. Jeffs Waffen kamen während seiner verhältnismäßig langen Amtszeit einige Male zum Einsatz. Und politische Kräfte bewirkten 1889 seine Entlassung aus dem Dienst.
Für eine Weile war Milton als Deputy Marshal und im Pferdehandel tätig. Während seiner Grenzpatrouillen gewann Jeff das Vertrauen unter den Papago-Indianern. Diese Freunde halfen ihm mehr als einmal bei schwierigen Festnahmen und gefährlichen Streifzügen durch die Wüste.
Aufgrund der ungünstigen Entwicklung im Pferdehandel nahm sich Jeff Milton eine Auszeit und ließ seinen gebrochenen Knöchel behandeln. Nach seiner Genesung begann er eine Tätigkeit als Schaffner bei der Southern Pacific Railroad zwischen El Paso und Mexiko City. Einige Passagiere neigten manchmal dazu, gewalttätig zu werden. Doch als sie die wahre Identität ihres Gastgebers, der stets seinen sechsschüssigen Revolver bei sich trug, bemerkten, wurden sie lammfromm. Als ein Passagier aus Versehen von der Waggonplattform stürzte und dabei zu Tode kam, blieb Jeff Milton nichts anderes übrig, als Mexikaner verkleidet in die Vereinigten Staaten zurückzukehren, um einer Anklage zu entgehen.

In der Zwischenzeit entwickelte sich El Paso zu einer weltoffenen Stadt. Sie war eine Eisenbahnstadt und ein Spielerparadies. Alkohol, Betrug, Bordelle, Raub und Mord standen auf der Tagesordnung. Die Mitglieder des Stadtrates suchten verzweifelt nach einem Mann, welcher für Recht und Ordnung in der Stadt sorgen sollte. Und fanden in Jeff Milton einen Gesetzeshüter, der den Job als Chef der Polizei von El Paso sehr interessant und vor allem ernst nahm.
Jeff begegnete in El Paso John Selman, ein gestrauchelter Polizist und allseits bekannter Outlaw. Nach einigen Wutausbrüchen machte Selman einen Rückzieher und legte sich nicht mehr mit dem Polizeichef an. Mit einer neuen lokalen Verordnung des Verbotes von Glücksspielen im Rücken fing Jeff an, Massen von Spielern aus El Paso auszuweisen. Diese Methode lief zwar nicht ohne Konfrontationen ab, doch Jeffs schneller Sixhooter stoppte aufkommenden Schwierigkeiten, bevor diese anfingen.
Während dieser Zeit machte der berüchtigte John Wesley Hardin auf sich aufmerksam. Er war nach 17 Jahren Haft für einen seiner unzähligen Morde am 17. Februar 1894 aus dem Staatsgefängnis in Huntsville entlassen worden. Nach umfangreicher Beschäftigung mit juristischen Dingen während der Haftzeit plante er, sich als Rechtsanwalt in der nebulösen Grenzstadt niederzulassen.
Jeff begegnete Hardin und seinen Männern, als sie mit Revolvern und Gewehren bewaffnet in der Stadt eintrafen. Milton hatte sich bereits im Vorfeld auf eine Konfrontation vorbereitet und an einigen strategisch günstigen Stellen mehrere Schrotflinten deponiert. Doch es kam ganz anders. Nachdem er John Wesley Hardin darauf aufmerksam machte, dass das Tragen von Waffen in den Straßen von El Paso verboten sei, trat ein kurzer Augenblick der Stille ein. Danach übergaben die Männer ihre Waffen dem nächsten Barmann.
Mit der Ankunft Hardins wurde die Lage in El Paso noch brisanter. Hardin unterhielt eine Liaison mit der Ehefrau von Martin M’Rose. John Wesley lieh sich von Beulah Geld (Martins Geld), um sich den Wigwam Saloon in El Paso kaufen zu können. Zur gleichen Zeit ritt US Deputy Marshal George Scarborough nach Juarez, um sich dort mit Martin zu treffen und ihn zur Rückkehr nach Texas zu überzeugen. Er wollte den in verschiedene Morde verwickelten Cowboy unbedingt dingfest machen. Scarborough überbrachte sogar Nachrichten an Beulah, in denen angeblich Martin sie bat, nach Juarez zu kommen. Sie lehnte dies ab. Die Liebe Martins zu seiner Frau bewog ihn, dass er sich am 29. Juni 1895 gegen 23:00 Uhr auf halben Weg auf der Mexican Central Railroad Bridge mit George Scarborough traf. Zunächst wollte Martin M’Rose nicht zurück nach Texas, doch letztendlich ging er mit Scarborough. Als Martin von Beulahs Beziehung mit Hardin erfuhr, strebte er vorerst nicht danach, seine Frau zu sehen. Vielmehr sann er nach Rache, um der Beziehung ein Ende zu bereiten.
Auf der anderen Seite der Brücke warteten Jeff Milton und Ranger Frank McMahon, welche Scarborough gebeten hatte, ihm bei der Festnahme M’Roses zu helfen. Als Martin und Scarborough das Ende der Brücke auf der Seite zu El Paso erreicht hatten, versuchten die beiden Officer, zu verhaften. Martin M’Rose zog einen kurzläufigen Colt .45 Single Action, wurde jedoch mehrmals durch Milton und McMahon beschossen. Mehrmals getroffen konnte Martin nur einen einzigen Schuss aus seiner Pistole abgeben. Als er zu Boden sank, schrie er den Männern entgegen: »Boys, you've killed me!«
Scarborough trat auf Martins Fuß, blickte zu ihm und sagte: »Stop trying to get up and we will quit shooting.« Doch diese Worte erreichten den am Boden liegenden Mann nicht mehr.
Dr. Alward White, der den Toten untersuchte, vermerkte in seinem Bericht, dass sieben Einschüssen in der Brust und im Bauch sichtbar sind, die von Pistolenprojektilen und Schrotkugeln verursacht worden waren. Zwei dieser Kugeln trafen Martin M’Rose mitten ins Herz.
In Martins Tasche fand man einen Brief, der an »Miss Beulah M’Rose, El Paso Texas« adressiert war. Der Brief war mit Blut befleckt und hatte zwei Einschusslöcher. Später wurde der Brief der Witwe übergeben. Beulah verurteilte nicht die Lawmen, denn diese hatten nur ihre Pflicht getan. Doch alle drei Officer wurden aufgrund der Schießerei angeklagt, doch wurde die Anklage infolge Mangels an Beweisen fallen gelassen. Am Begräbnis von Martin M’Rose nahmen nur zwei Personen teil - John Wesley Hardin und Beulah M'Rose.

Eine äußerst zweifelhafte Wahl und der Sieg einer Reformpartei brachte das Aus für Jeff Milton. Die neuen Politiker wollten nicht Teil von Jeffs Ansichten über Gesetze sein. Deshalb feuerten sie ihn.
Kurz darauf ermordete der alte John Selman Hardin, indem er ihn von hinten in den Kopf schoss. Etwas später tötete George Scarborough Selman, als der alte Polizist versuchte, ihn in eine Falle zu locken.
Da Jeff Milton keinen Job als Marshal finden konnte, verdingte er sich als Wells Fargo Expressbote auf der Southern Pacific Railroad von Benson, Arizona nach Guaymas, Mexiko an. Viele seiner Ladungen beinhalteten Gold- und Silberbarren. Ausgerüstet mit Proviant, Pistolen, Schrotflinten und Gewehren eskortierte er viele wertvolle Sendungen und suchte zu Pferd entlang der Eisenbahnlinie nach Verbrechern. Im Juli 1898 im Verlauf einer solchen Posse verwundeten bei einer Schießerei Jeff und sein Freund Scarborough den gesuchten Schurken Bronco Bill Walter schwer und konnten ihn festnehmen.
Burt Alvord, ein geachteter Ordnungshüter und gleichzeitig Anführer einer Bande von Eisenbahnräubern, plante, einen reich beladenen Expresswagen bei Fairbank, Arizona zu überfallen. In der Annahme, dass Jeff Milton auf seinen Trick hereingefallen war und nicht im Waggon saß, überfiel Alvord zusammen mit fünf Mitgliedern seiner Bande den Zug. Sie staunten nicht schlecht, als Jeff die Waggontür öffnete und mit Paketen nach ihnen warf. Daraufhin eröffneten sie das Feuer und verletzten den Boten am linken Oberarm.
Einhändig mit seiner Schrotflinte schießend gelang es Jeff, zwei Banditen zu töten und trotz hohem Blutverlust die Tür zu schließen. Notdürftig versorgte er die Wunde. Obwohl die Eisenbahnräuber noch eine Zeitlang auf die Tür schossen, um diese öffnen zu können, konnte der Raub vereitelt werden.
Nach einer langen Erholungsphase tauchte Jeff mit einem verkrüppelten linken Arm auf. Obwohl es relativ ruhig um seine Person wurde, hatte er maßgeblichen Anteil an der späteren Ergreifung der Alvord-Bande. Er nutzte dabei seine zahlreichen Verbindungen und Einflüsse.
Im Jahre 1904 wurde Jeff zum Mounted Chinese Inspector ernannt. Dies war ein Job innerhalb der Einwanderungsbehörde, später ein Bereich des Department of Commerce and Labor. Die Grenzpatrouille war noch nicht organisiert worden, und Miltons Auftrag kam direkt vom Präsidenten Theodore Roosevelt. Massen von Chinesen wurden aus Mexiko in die Vereinigten Staaten geschmuggelt, denen die legale Einwanderung verweigert wurde. Der Job von Milton war ziemlich der gleiche wie seinerzeit seine Patrouillenritte zwischen El Paso und dem Golf von Kalifornien. Noch immer hielt er ein Leben zu Pferd für gesund und reizvoll. Obwohl bereits in die Jahre gekommen, fühlte sich Jeff Milton noch jung. Von Zeit zu Zeit verursachte er eine kleine harmlose Hölle und hielt die Stellung, in der er sich befand.
Da sich die Gefangennahme von Chinesen für den Veteran als relativ einfach darstellte, verbrachte er den größten Teil der Tage damit, um persönlich Untersuchungen durchzuführen.
1919 heiratete Jeff Milton Mildred Taitt aus New York. Im selben Jahr wurde er beauftragt, auf einem Schiff eine Gruppe russischer Radikaler zu bewachen, unter denen sich Emma Goldman und Alexander Berkman befanden, die nach Russland ausgewiesen werden sollten. Jeff witterte Schwierigkeiten und deckte sich mit viel Munition ein. Zu seiner Enttäuschung verlief die Überfahrt nach Russland ruhig.

Den Rest seines Lebens verbrachte Jeff Milton bei seinen Hunderten von Freunden in der Wüste. Noch mit 70 Jahren waren seine Erfahrungen gefragt. Er wurde darum gebeten, noch 2 Jahre Dienst zu machen. Ein Regierungsparprogramm zwang Jeff dazu, 1932 nach Tombstone, Arizona in den Ruhestand zu gehen.
Unter den US Border Patrolmen ist Jefferson Davis Milton noch heute als der erste Grenzstreifenpolizist bekannt. Er zog nach Tucson, wo er zusammen mit alten Kameraden während seiner Zeit der Border Control seinen Lebensabend verbrachte. Jeff starb am 7. Mai 1947. Der Leichnam wurde verbrannt und die Asche über seine geliebte Wüste Arizonas verstreut.

Text- und Bildquellen:

Copyright © 2012 by Wolfgang Brandt


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