
Mythen und Wirklichkeiten


H. H. Holmes - Der Teufel von Chicago
Dr. Henry Howard Holmes ging als notorischer Betrüger, Heiratsschwindler und erster Serienmörder in die amerikanische Geschichte ein. Von Geldgier und Blutrünstigkeit getrieben, ermordete er – damaligen Presseberichten zufolge – mehr als 100 Menschen und wurde so zum Mythos.
Herman Webster Mudgett wurde am 24. November 1860 in Gilmanton, New Hampshire geboren. Es war die Zeit des Sezessionskrieges, Leichen und Skelette pflasterten die Wege, niemand entging der Morbidität dieser Epoche. Sie prägte seinen Charakter bereits in frühester Kindheit, nährte seinen Verstand und seine Gelüste. Immer häufiger zog er sich in die Wälder zurück, experimentierte dort mit toten Tieren und erfuhr so die Faszination des Sezierens. Der Wald war zu seiner Zuflucht geworden – und zu seinem Labor. Jahre später sollte er seine Leidenschaft zum Beruf machen.
Aufgrund seiner hervorragenden schulischen Leistungen besuchte Mudgett eine höhere Schule in Vermont, bevor er für kurze Zeit als Lehrer arbeitete. 1878 heiratete er Clara A. Lovering, von der er sich aber bald wieder trennte. Nun führte ihn sein Weg nach Michigan, wo er an der Universität Medizin studierte, ehe er sich als praktischer Arzt in New York niederließ. Während dieser Zeit trat seine kriminelle Veranlagung erstmals in Erscheinung – Mudgett wurde zum Betrüger. Als Versicherungsvertreter getarnt, schloss er Lebensversicherungen auf fiktive Personen ab. Anschließend stahl er Leichen aus Krankenhäusern, gab diese als Versicherte aus und kassierte die Versicherungssumme. Dieses Spiel ging eine Zeitlang gut, doch als die Polizei auf ihn aufmerksam wurde, sah er sich gezwungen, die Stadt zu verlassen.

1886 tauchte er unter dem Namen Dr. Henry Howard Holmes in Chicago auf, wo er Myrta Z. Belknap ehelichte. Auch diese Verbindung hielt nicht sehr lang. Anstellung fand er in der Holden-Apotheke. Mit Hilfe seines Arzttitels und ein wenig Charme verstand er es, die verwitwete Besitzerin zu umgarnen, bis sie ihn zum Teilhaber ihres Geschäftes machte. Kurz darauf verreiste Mrs. Holton nach Kalifornien, sie kehrte von ihrem Ausflug nie mehr zurück. Als alleiniger Eigentümer der Apotheke konzentrierte Holmes sich nun vor allem auf den Vertrieb von Patentmedizin und erlangte so ein beträchtliches Vermögen. Sein Reichtum sprach sich herum und es gab viele junge Frauen, die den gutaussehenden und wohlhabenden Mann gerne geheiratet hätten. Sie alle verschwanden mit der Zeit spurlos.
Anfang 1890 erwarb Holmes auf der gegenüberliegenden Straßenseite seiner Apotheke ein Grundstück und ließ dort ein dreistöckiges Gebäude erbauen, das von allen nur The Castle genannt wurde. Nach außen hin als Hotel getarnt, diente es dem alleinigen Zweck, darin Menschen zu töten. In dem Horrorhaus gab es Geheimgänge und versteckte Räume, Falltüren, Gaskammern und Gefängniszellen. Die eigentliche Wirkungsstätte befand sich im Keller. Holmes nutzte einen Foltertisch, ein Säurebad und einen riesigen Brennofen, um seine grausamen Visionen in Perfektion zu verwirklichen. Damit das Geheimnis über die bauliche Struktur des Gebäudes gewahrt war, feuerte er regelmäßig Bauarbeiter oder Baufirmen und ersetzte sie durch neue. Mit der Fertigstellung des World’s Fair Hotels im Jahr 1893 – gerade pünktlich zur Weltausstellung – begann auch die unglaubliche Mordserie eines morbiden Geistes.
Holmes frönte wieder seiner Leidenschaft – dem Betrug. Diesmal jedoch mit dem Unterschied, dass er die Leichen nicht mehr aus Krankenhäusern stahl, sondern selbst für die Toten sorgte. Eines der ersten Opfer war Julia Connor. Sie machte die Buchführung des Hotels, verliebte sich in ihren smarten Chef und verließ den Ehemann. Fünf Monate später bemerkte sie, dass sie schwanger war. Holmes stellte ihr eine Heirat in Aussicht, wenn sie ihm erlaubte, eine Abtreibung an ihr vorzunehmen. Julia stimmte zu, sie wachte aus der Narkose nie wieder auf. Menschen, die voller Träume und Hoffnungen in die aufstrebende Stadt gekommen waren und sich in sein Hotel einmieteten, verließen es meist nie wieder – zumindest nicht lebend. Darüber hinaus lockte Holmes junge Frauen in sein Haus, indem er ihnen die Ehe versprach. Nachdem er sich mit ihnen sexuell vergnügt hatte, überredete er sie, ihm ihre Versicherungspolicen zu überschreiben. Danach beförderte er sie durch eine Falltür in die darunter liegende Gaskammer und sah ihnen durch speziell angebrachte Gucklöcher beim Sterben zu. Sie alle landeten später auf seinem Foltertisch, wo er Experimente mit ihnen durchführte, sie häutete und zerstückelte, bevor er sie in Kalkgruben oder im Brennofen entsorgte. Einige der Leichen legte er in Säurebäder, bis sich das Fleisch von den Knochen löste. Die Skelette verkaufte er an Universitäten und medizinische Schulen.
Da immer mehr Menschen verschwanden, die Anfragen der Familien nach dem Verbleib jedoch erfolglos blieben, wurde die Polizei auf das World‘s Fair Hotel und seinen Besitzer aufmerksam. Den ausschlaggebenden Fehler beging Holmes, als er seinen Assistenten Benjamin Pitezel und dessen drei Kinder im Rahmen seiner Betrügereien ermordete. Die Schlinge zog sich nun immer enger um seinen Hals, sodass er schließlich nur noch einen Ausweg sah. Er brannte sein Hotel bis auf die Grundmauern nieder und floh nach Indiana. Die Polizei fand bei der Durchsuchung der Trümmer die Überreste von über 100 Menschen und erhielt traurige Gewissheit, mit wem sie es hier zu tun hatte. Auf seiner Flucht begann Holmes abermals mit krimineller Energie Profit zu machen. Er verübte Pferdediebstähle, Betrügereien und wurde schließlich nach dem Mord an einer dreiköpfigen Familie im Jahr 1895 festgenommen.
Im Zuge des Verhörs gestand er – neben dem dreifachen Mord in Indiana – auch 24 Morde während seines Aufenthalts in Chicago begangen zu haben. Vermutungen zufolge dürften es jedoch bis zu 200 Tötungen gewesen sein. Am Ende wurde Herman Webster Mudgett alias H. H. Holmes vom Gericht für schuldig befunden. Selbst im Angesicht des Todes zeigte sich seine Geldgier, indem er seine Story für 7500 Dollar an eine Zeitung verkaufte. Obwohl er nach dem Prozess Einspruch einlegte und seine Geständnisse zurücknahm, wurde er am 7. Mai 1896 um 10 Uhr morgens im Philadelphia County Gefängnis am Galgen hingerichtet. Auf seinen Wunsch hin, fand Holmes seine letzte Ruhestätte versiegelt in Zement. Auf diese Weise wollte er verhindern, dass jemand Experimente an seinem Leichnam vornehmen konnte.
Auch nach seinem Tod blieb der Holmes-Fluch ungebrochen und forderte seine Opfer. Der Richter starb beinahe an einer mysteriösen Krankheit, der Oberaufseher beging Selbstmord, der Sprecher der Geschworenen wurde von einem Stromschlag getötet, ein Chemiker, der vor Gericht aussagte, erlag einer Blutvergiftung, der Vater eines Opfers kam bei einer Gasexplosion ums Leben, eine Versicherung brannte nieder – lediglich ein Foto von Holmes und sein Haftbefehl blieben unversehrt.
»Heute ist H. H. Holmes, einer der grausamsten Massenmörder Amerikas, nahezu in Vergessenheit geraten, obwohl Hannibal Lecter und Jack the Ripper gegen ihn wie Waisenknaben wirken.« Stefan Kellerer
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