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Mythen und Wirklichkeiten

Die Frankfurter Buchmesse 2008

Eine kleine historische Reise in die Vorgeschichte

frankfurter_buchmesse.jpg Es ist wieder einmal so weit: In wenigen Tagen öffnen sich die Türen zum größten Treffen der internationalen Buchbranche. Und in diesem Jahr wird gefeiert. Zum 60. Mal findet die Buchmesse in Frankfurt am Main statt.
Die Frankfurter Buchmesse hat sich in ihrer 60-jährigen Geschichte zur größten Buch- und Medienmesse weltweit entwickelt. Sie ist nicht nur der wichtigste Handelsplatz für die internationale Buch- und Medienbranche, sondern auch Plattform für den kulturpolitischen Dialog und ein Kulturevent der Superlative. Zahlreiche Besucher kommen zu den 2.700 Veranstaltungen, die auf dem Messegelände und in der Stadt stattfinden. Auf den 172.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche präsentieren sich an den fünf Messetagen vom 15. – 19. Oktober mehr als 7.000 Aussteller aus über 100 Ländern. Ausgestellt werden jedoch nicht mehr nur Bücher: DVDs, CDs, Hörbücher oder Kalender machen heute einen Großteil der Angebotspalette aus.

buchmesse_1949_01.jpg Auf 2 x 2 Meter lange, schräg gestellte Holzbretter – so muss man sich die Buchmessestände 1949 vorstellen – präsentierten 205 deutsche Verlage den 14.000 Besuchern rund 10.000 Titel im Wandelgang der Frankfurter Paulskirche und in den engen Hallen des Römers. So nahm die Geschichte der heutigen Frankfurter Buchmesse ihren Anfang. Mut zur Improvisation war für die Aussteller die Devise. Dieser Mut wurde belohnt: Die Verlage bilanzierten 21.000 Aufträge und eine Auftragssumme von 2,6 Millionen DM. Doch die Messe war schon zu ihrer Premiere mehr als nur Ausstellung und Handelsplatz: Sie wurde zum Symbol einer neuen Ära und zum Hoffnungsträger einer sich neu etablierenden Buchbranche. Denn Deutschland musste nicht nur die materiellen Trümmer beseitigen, sondern auch die geistigen. Und da bot sich die Buchmesse regelrecht an, ihren Beitrag dazu zu leisten.

176px-Mk-Frankfurt-Merian-Kornmarkt-MkII.gif Die eigentlichen historischen Wurzeln der Frankfurter Buchmesse liegen jedoch um 1450. Vielleicht liegt es daran, dass sich mit der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg Frankfurt am Main allmählich als Handelsplatz für Bücher entwickelte.
Wer sich heute auf den Weg vom Mainkai, vorbei an der Leonhard-Kirche in Richtung der Bethmann-Bank begibt, befindet sich auf geschichtsträchtigem Boden. Unweigerlich muss er durch die Buchgasse. In diesem Teil der Frankfurter Altstadt lag das Buchhändlerviertel. Dieses stieß unmittelbar an den jetzigen Mainkai (der damalige Weinmarkt), von welchem aus die schweren, mit Büchern gefüllten Fässer bequem durch das Leonhard-Tor in die Straßen und Häuser gerollt werden konnten; diese Verpackungsweise bildete damals die Regel. Ein Händler mit Namen Froschauer bat einmal förmlich um Entschuldigung, dass er wegen Mangel an Zeit Kisten verwandt habe.
Der Name Buchgasse kam erstmals 1518 vor. So ließ Melanchthon mitteilen, dass er auf der nächsten Frankfurter Messe um den heiligen Kreuzes-Erhöhungstag in der »Büchergasse« bei Meister Thomas Anshelm, Druckerherr und Buchverkäufer von Hagenau, zu finden sein werde. Auch der kaiserliche Fiskalprokurator und Frankfurter Bücherkommissar Dr. Vest sprach in einem Brief, den er am 16. August 1593 an den Rat der Stadt Augsburg schrieb, noch von der »Büchergasse« in Frankfurt am Main. Der Name »Buchgasse« bürgerte sich erst zu Anfang des 17. Jahrhunderts allmählich ein. Eine Zeit lang lief er neben der alten Bezeichnung »Mainzer Gasse« her, sodass beide Namen willkürlich nebeneinander galten.

Wie kann man sich Buchmessen in dieser Zeit vorstellen?

Die Buchhändler und Verleger in der Buchgasse besaßen 20 Kellergewölbe, in denen Bücher, Stiche und Messekataloge verkauft wurden. Die Läden und Gewölbe mussten in Ordnung gebracht, die Lagervorräte revidiert und in Stößen zurechtgesetzt werden. Bedenkliche Artikel oder Nachdrucksachen, bei denen man eine Beschlagnahme befürchten konnte, oder welche vielleicht schon mit einem Verbot belegt waren, mussten unter andere Drucksachen möglichst hoch oben oder in finsteren Ecken des Gewölbes vor den spähenden Augen des Fiskals versteckt werden, eventuell doppelte Lagerinventuren – das eine für den Geschäftsgebrauch, das andere für das Auge der Behörde – vorbereitet werden. An Türen und Fenster wurden die Titelblätter der neu zur Messe gebrachten Bücher angeschlagen, daneben die Verlagskataloge in Plakatform. So schmückten zum Beispiel Sigismund Feyerabend und Theodor de Bry in Frankfurt ihre Kataloge - an sich schon elegant ausgestattet - mit ihren eigenen, von Raphael Sadeler und Matthäus Merian gestochenen Bildnissen. Daneben hingen kurze Auszüge aus den neu erhaltenen Privilegien zur schnellen Information für die Geschäftspartner, in späterer Zeit auch förmliche Prospekte über künftig erscheinende Bücher. Flugschriften und Klein-Literatur wurden in besonderen Auslagen angeboten.
So harrten die vorgerichteten Läden und Gewölbe der Dinge, die da kommen sollten.
Große Verlage, mit starkem, in die Ferne sich ausdehnendem Sortimentsbetrieb konnten es sich leisten, mit ihren, die verschiedenen Gebiete bereisenden Dienern die Messe zu besuchen. Der Kölner Arnold Birckmann zum Beispiel erschien auf der Messe 1565 mit acht Reisedienern; jeder einzelne entnahm für sich seinen Bedarf an Literatur vom Buchhändler Sigismund Feyerabend. Sie genossen wohl eine gewisse Selbstständigkeit und kannten das von ihnen bereiste Terrain am besten.

245px-Mk_Rathaus_Buchgasse-3.jpg In den Gewölben drängten und hasteten die Einkäufer, um schnell ihre Geschäfte beenden und auf die Jahrmärkte oder auf die Leipziger Messe ziehen zu können. Denn dicht folgten die Leipziger Oster- und Michaelis-Messe auf die Frankfurter Fasten- und Herbstmesse. Die Reise zur damaligen Zeit währte lange, noch langsamer fuhren die Frachtwagen. Eilig wurden die Vorräte durchmustert, was notwendig gebraucht wurde, was von den Neuigkeiten Absatz versprach oder durch den Titel lockte und reizte. Das alles wurde »ausgesetzt«, verpackt und verladen.
Draußen auf den Gassen herrschte ein ebenso reges Leben. Hier hauste und herrschte das schon erwähnte leichte Fußvolk des Buchhandels, die Hausierer: Männer, Weiber und Knaben. Flugschriften, neue Zeitungen, Mord- und Wundergeschichten, Kalender, schöne neue Lieder mit altbekannter Melodie wurden feilgeboten, mit großem Geschrei ausgerufen.

Die Reisigen und die weltlichen Richter der Stadt trafen mit den Gästen an der Stadtgrenze zusammen und boten ihnen dort den Willkommenstrunk. Das Messetreiben selbst wurde zur Bezeichnung des Anfangs und Endes der Messe mit einer großen Glocke ein- und ausgeläutet. Das Einläuten bezeichnete den Beginn der Messe und der vollen Marktfreiheit, welche darin bestand, dass Käufer und Verkäufer im offenen Gewölbe miteinander handeln durften. Die Reichsfahne auf dem Turm oder ein Schild auf einem Turm oder Tor waren die sichtbaren Zeichen dafür, dass diese Freiheit unbeschränkt herrschte, während das Einziehen der Fahne oder die Wegnahme des Schildes den Befehl enthielten, mit allen Geschäften aufzuhören. Schuldner und Güter durften wegen alter Schulden nicht arrestiert werden und verfielen erst nach dem Ausläuten, d.h. nach dem Ende der Messe, dem ordentlichen Richter. Nur die Abfuhr der Güter konnte bis zur Einigung der streitenden Parteien verhindert werden. Das Fehde- und Repressalienrecht der Ritter und adeligen Schnapphähne war während der Dauer der Messe nicht anerkannt. Selbst Geächtete durfte man in dieser Zeit beherbergen.

Natürlich war auch für den Genuss und die Bequemlichkeit der Messegäste reichlich gesorgt. In der wohlhabenden Stadt, von welcher es im Sprichwort hieß, dass sie mehr Wein in den Kellern als Wasser in den Brunnen habe, durften in der Regel Fremde keinen Weinhandel treiben. Während der Messe aber war es diesen gestattet, nichteinheimischen Wein zu verkaufen, wenn er unverfälscht war. In den Weinstuben gab es zu dieser Zeit auch keine Polizeistunde. Überall ging es hoch her, und Gelage und Zechereien dauerten meistens bis zum Morgen. Eine bekannte Lokalität in dieser Zeit war der Gasthof »Zum Strauß«.
Henry Estienne (1528 bis 1598) schilderte zum Beispiel in seiner 1574 erschienenen Schrift »Francofordiense Emporium s. Francofordienses Nundinae« die günstige Lage der Stadt für die Messe, das liebenswürdige Entgegenkommen der Frankfurter, die Annehmlichkeiten des dortigen Aufenthalts, die Unparteilichkeit der Gerichte und den großartigen Kontakt mit den aus aller Herren Länder hier zusammenströmenden Fremden.
Aus der poetischen Sprache des Henry Estienne in die nüchterne Prosa des täglichen Lebens übersetzt, erfährt man, dass die Schriftsteller, Dichter und Gelehrten zur Zeit der Messen mit den Buchhändlern und Buchdruckern nach Frankfurt strömten und sich im der Literatur bestimmten Stadtteil (der Buchgasse) zusammenfanden. »Daher kommt es«, möge jetzt der berühmte Buchdrucker und Gelehrte selbst das Wort ergreifen, »daß man auf dieser litterarischen Messe über Dinge unterrichtet wird, über die man sonst auf allen Bibliotheken vergeblich Nachrichten sucht. Jeder vernimmt das lebendige Wort der vielen Lehrer von den verschiedensten Universitäten, man hört sie mitunter in den Läden der Buchhändler ebenso ernsthaft philosophieren, wie früher Sokrates und Plato mit ihren Schülern inmitten des Lyceums. Aber nicht nur Philosophen entsenden die berühmten Universitäten von Wien, Wittenberg, Leipzig, Heidelberg, Straßburg und unter den ausländischen Löwen, Padua, Oxford und Cambridge hierher nach Frankfurt, sondern auch Dichter, Redner, Geschichtschreiber, Mathematiker und solche, welche in allen diesen Disziplinen bewandert sind und, wie die Griechen sich ausdrücken, die Encyklopädie zu ihrem Studium gemacht hatten. Die Italiener haben daher ganz Unrecht, wenn sie sagen, die Deutschen hätten ihren Verstand in den Fingern, als wenn sie sich nur im Handwerk und in den mechanischen Künsten auszeichneten. Wahrlich, sie mögen doch einmal die Frankfurter Messe besuchen! Beim ersten Eintritt in das Bücherviertel werden sie einsehen, daß das Sprichwort lügt und diesem Volke großes Unrecht thut. Auch übertrifft diese Messe der Musen die des Merkur nicht allein durch Würde und Ansehen, sondern, was noch merkwürdiger ist, sie macht ihr auch durch die Menge des Gebotenen gewissermaßen den Rang streitig. Denn die litterarischen Arbeiten der Deutschen kommen an Zahl ihren andern Arbeiten beinahe gleich, an denen die Italiener den Geist der Hände bewundern, und ebenso können es die Studierenden der Zahl nach mit den Kaufleuten aufnehmen.«

Langsam - aber unaufhaltsam - hatte sich im Verlaufe des Dreißigjährigen Krieges der Niedergang des deutschen Buchhandels entwickelt; es war ein langsames Verbluten. Der Krieg trug dazu bei, dass sich die geistigen Zentren Deutschlands immer mehr in den Norden und Osten verschoben. Der Buchhandelsplatz Frankfurt verlor sowohl national als auch international zunehmend an Bedeutung, bis letztendlich nach 1750 keine Frankfurter Buchmesse mehr stattfand. Leipzig jedoch entwickelte sich zur neuen Zentrale des Buchhandels in deutschen Landen.

Doch zurück in die Gegenwart. Vergleicht man den kleinen Exkurs in die Geschichte der Frankfurter Buchmesse mit dem Taktieren der Verlage und Buchhändler, so scheint es, dass Vieles immer noch Bestand hat. Nach wie vor bereitet man sich langfristig auf die Buchmesse vor, wartet mit einem umfangreichen Programm auf, vertieft bestehende Geschäftsbeziehungen und knüpft neue Kontakte.
Traditionen werden auch im deutschen Buchhandel gepflegt.

Quellen:

Börsenverein des deutschen Buchhandels
Frankfurter Buchmesse
Diverse Materialien zur Geschichte des deutschen Buchhandels

© Wolfgang Brandt

 

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