
Mythen und Wirklichkeiten

Märchen und Fabeln der Indianer Nordamerikas
Willkommen zurück an den Feuern meiner roten Brüder. Es hat nun wider Erwarten doch etwas länger gedauert, bis ich mich wieder zu Wort melden konnte. Doch der Winter kam in diesem Jahr überraschend schnell daher und überzog das Land mit eisiger Kälte und dichtem Schneetreiben.
So wurde die Zeit, die wir tatenlos an den Feuern saßen, immer länger, und die Geschichten, die wir dabei von den Schamanen und Dorfältesten erzählt bekamen, immer mehr.
Aber jetzt ist die Sonne zurückgekehrt, und die Pfade und Wege sind wieder passierbar. Und so kann ich euch wieder an den Sagen und Fabeln der roten Völker teilhaben lassen.
Diesmal ist es ein bunter Reigen von Geschichten, die teils mit den einfachen Dingen des Lebens und teils mit dem Zusammenleben der Menschen untereinander zu tun haben. Der geneigte Leser wird trotz der einfachen Worte aber immer wieder Parallelen zu unserer heutigen, schnelllebigen Zeit erkennen.
Jetzt aber genug der Worte. Beginnen wir gleich mit der ersten Geschichte. Es ist eine Geschichte, deren Ende uns sicherlich irgendwie bekannt vorkommen wird.
Die Kojoten
Einer uralten Erzählung nach waren die ersten Indianer Kojoten.
Als einer davon starb, bildeten sich in seinem Kadaver eine Menge kleiner Tiere, die sich allmählich als Bären, Hirsche, Biber usw. entpuppten. Einige dieser Tiere bekamen sogar Flügel und zwar so große und starke, dass sie damit bis zum Mond fliegen konnten. Um dies zu verhindern, befahlen die Götter, jeden toten Indianer in ein Feuer zu werfen, damit sich die daraus entstehenden Vögel die Flügel kurz brennen sollten. Und wahrlich, seit jener Zeit sind sämtliche Vögel auf der Erde geblieben.
Allmählich nahmen auch die Indianer mehr und mehr eine menschliche Gestalt an. Sie bekamen die richtige Anzahl Augen, Ohren, Finger und Zehen und fingen an aufrecht zu gehen. Dabei verloren sie auch ihre langen Schwänze, die ihnen jetzt bei jeder Bewegung hinderlich waren.
Allerdings haben den Verlust des großen Schwanzes einige bis heute noch nicht verschmerzt, es sind dies hauptsächlich Männer.
Sie versuchen sich dadurch zu trösten, dass sie sich selbst oder irgendeinem Gegenstand, den sie besonders schätzen, einen langen Tierschwanz anbinden. Es heißt, dass man dieses Verhalten selbst heute noch überall beobachten kann.
Weiter geht es sogleich mit einer kleinen Fabel, die zeigt, wie einfach das Leben doch sein kann.
Mann muss es nur wollen, aber gerade das scheint eine Gabe zu sein, die den Weißaugen schon längst abhandengekommen ist.
Wie der Ontonagon-Fluß seinen Namen bekam
Wenn die Weißaugen für irgendjemand oder irgendetwas einen Namen suchten ,so war das damals wie heute immer eine große, komplizierte Sache. Da redete der eine mit dem anderen, dann jener mit jenem, die Dorfältesten mit dem kleinen Häuptling in der nächsten Stadt und dieser vielleicht sogar noch mit dem großen Häuptling, der irgendwo im Osten wohnte. Bis ein Name dann endlich gefunden war, verging nicht selten die Zeit, die ein Neugeborenes brauchte, um Laufen zu lernen.
Wagh, welche Zeitverschwendung, was könnte ein Krieger in diesen Tagen und Wochen nicht alles Nützliches vollbringen?
Dass es auch anders geht, beweist jene Geschichte von den großen Seen.
Einst gab es dort ein kleines Flüsschen, das in den Oberen See mündete. Damals hauptsächlich dadurch bekannt, dass an seinen Ufern viel Kupfer gefunden wurde. Nahe seiner Mündung befand sich dort ein kleiner See, den nur eine schmale Sandbank vom Fluss trennte, welche jedoch so niedrig war, dass das Wasser bei heftigem Wind häufig darüber hinwegging. Auf eben dieser Sandbank hatte einst eine Squaw ihre hölzerne Schale oder Onagon stehen lassen, und als sie diese wieder holen wollte, sah sie, dass sie die Wellen bereits weit auf den Fluss hinaus getrieben hatten.
»Ontonagon! Da ist meine Schüssel«, schrie sie ihr nur ständig nach und als die Leute aus ihrem Dorf das hörten, gaben sie dem Flüsschen den Namen Ontonagon, den er noch heute trägt.
Ihr seht also, dies war eine Sache, die bei uns sogar eine Squaw in wenigen Augenblicken regeln konnte.
Und was machten die Weißaugen?
Nachdem sie sich trotz jahrelanger Streitereien auf keinen Namen einigen konnten, übernahmen sie schließlich die indianische Bezeichnung für das Flüsschen.
Bei Gitschi Manitu, warum immer so umständlich, wenn es doch auch so einfach geht?
Die letzte Geschichte nun handelt von Prahlerei und Uneinsichtigkeit. Obwohl sie in der Tierwelt spielt, ist diese Fabel ohne große Änderungen bis in unsere heutige Zeit auch auf die Menschen übertragbar.
Ein Großschnabel
Einst brüstete sich ein stolzer Falke damit, dass er von allen Vögeln am höchsten fliegen könne. Dabei bemerkte er aber nicht den Adler, der dicht bei ihm auf einem Baum saß.
»Wer fliegt mit mir in den Himmel hinein?«, rief daraufhin der Adler so laut, dass es alle Vögel ringsum verstanden.
»Oh, das wird wohl der Falke tun!«, schnatterten sie ihm zu. »Der kann es schon mit dir aufnehmen.«
»Der Falke?«, bemerkte der Adler höhnisch. »Mit dem zu fliegen ist unter meiner Würde.«
Darauf flog er alleine gen Himmel und war in kurzer Zeit den Blicken der Zuschauer entschwunden.
»Und ich kann doch am höchsten fliegen!”« schrie darauf triumphierend der Falke, als er sah, das ihn nur noch einige kurzflügelige und schwerfällige Vögel umstanden.
Bei dieser Geschichte nun gibt es nichts mehr dazu zu sagen. Das Verhalten des Falken sagt mehr als tausend Worte. Leider sind wir damit aber auch bereits wieder am Ende unserer heutigen Geschichte und Fabelstunde angelangt. Es würde mich freuen, wenn der eine oder andere in vier Wochen wieder an gleicher Stelle vorbeischaut, wenn es wieder um Erzählungen aus der Kosmogonie des roten Mannes geht.
In diesem Sinne,
C. C. Slaterman
Quellenhinweis:
- Karl Knortz, Märchen und Sagen der Indianer Nordamerikas
- Verlag Lothar Borowsky München
© Slaterman
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