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Mythen und Wirklichkeiten



19. Mai – 4. Juli 1863

Ein historischer Überblick
von Florian Kayser und Wolfgang Brandt

Im September 1862 hatten Ingenieure der Konföderierten damit begonnen, eine befestigte Verteidigungslinie zu konstruieren, um hierdurch die Stadt Vicksburg gegen Angriffe aus dem rückwärtigen Raum zu verteidigen.
Das Gros dieser stark befestigten Verteidigungslinie hatte man entlang der Scheitelpunkte der vorherrschenden Grate aufgehäuft und diesen tiefe Gräben vorgelagert. Die Verteidigungslinie begann am Fort Hill auf den Felsvorsprüngen, die den Mississippi überragten. 1 ½ Meilen nördlich von Vicksburg schlängelte sie sich auf einer Länge von 9 Meilen entlang der Grate und stieß beim South Fort wieder auf den Fluss, etwa 3 Meilen unterhalb der Stadt. Flussbatterien mit schweren Geschützen waren entweder auf den Kämmen, den Böschungen oder den Felsvorsprüngen in regelmäßigen Ab-ständen auf einer Länge von 4 ½ Meilen installiert, wodurch sie sich von der Wasserbatterie, die dem Fort Hill vorgelagert war, bis zum South Fort aus-breiteten.

Artilleriestellungen und Forts (Lünetten, Flesche (1), Schanzen) hatte man an hervorspringenden und vorherrschenden Punkten entlang der äußeren Verteidigungslinie errichtet. Die Erdwälle des Forts waren bis zu 20 Fuß dick. Diesen Wällen wiederum vorgelagert, hatten die Konföderierten tiefe und weite Gräben gezogen, sodass jedwede angreifende Einheit, die es bis zu diesem Verteidigungswall schaffte, noch eine steile Mauer zu überwinden hatte, ehe sie in das Innere des Lagers gelangen konnte. Der größte Teil der Anlage bedeckte mit einer umspannenden Linie von Gewehrhaltepunkten (Vertiefungen, in die man die Gewehre zur besseren Anvisierung des Ziels hineinlegen konnte) und Verschanzungen, die weitgehend ihrerseits von Wällen und Gräben geschützt wurden, die Zwischenräume zwischen den massiveren Befestigungspunkten. An den Stellen, an denen markante Felsvorsprünge aus der Hügelkammlinie herausragten, waren vorgezogene Artillerie-Batterien in Stellung gebracht worden, die den Angreifern ein tödliches Kreuzfeuer bereithielten. In der Frühphase der Belagerung brachten die Konföderierten 115 Kanonen entlang der Verteidigungslinie in Stellung. Dazu gehörten auch einige wenige schwere Belagerungskanonen. Die Flussbatterien umfassten dann ein weiteres Kontingent von 31 schweren Kanonen und einigen Feldgeschützen.

Die Topografie des Geländes begünstigte die Position der Konföderierten. Im Laufe der Jahrhunderte hatten fließende Gewässer das Land erodiert und daraus ein von Rinnen und Schluchten zerfurchtes Land gemacht, was schwierig zu handhaben war und den Truppen der Union arge Schwierigkeiten in Bezug auf ihre Mobilität im Kampf bereitete. Die Konföderierten hatten darüber hinaus alle Bäume im direkten Umfeld ihrer Verteidigungslinie gefällt, um damit ein freies Schussfeld auf breiter Front zu gewährleisten und dem Gegner das Fortkommen zusätzlich zu erschweren. Einige hundert Yard von den Linien der Konföderierten entfernt, diesen nahezu parallel gegenüber verlaufend, befand sich ein Netz von Schluchten, was nicht so in sich geschlossen, sondern mehr zerklüftet war, als jenes, welches von Pembertons Armee besetzt gehalten wurde. Genau hier haben sich schlussendlich die Unionstruppen gesammelt, in Stellung gebracht und schließlich die ersten Belagerungsoperationen eingeleitet.

Auf verstreuten natürlichen Landbrücken, die die umgebenden Schluchten umspannten, führten sechs Straßen und eine Eisenbahnlinie nach Vicksburg hinein. Um diese Zugänge bewachen zu können, hatten die Konföderierten neun Verteidigungseinheiten errichtet – Fort Hill entlang des Flusses im Norden der Stadt, Stockade (2) Redan, Third Louisiana Redan, Great Redoubt (bedeutet »die Schanze«) Second Texas Lunette, Railroad Redoubt, Fort Garrott (auch bekannt als Square Fort), Salient (»die Ausbuchtung«) Work und das South Fort am Fluss unterhalb von Vicksburg. Die Konföderierten Divisionen, die die Stadt zu verteidigen hatten, waren, genannt von ihrer nördlichen zu ihrer südlichen Stationierung, jene unter den Kommandos von Maj. Gen. Martin L. Smith, Maj. Gen. John H. Forney und Maj. Gen. Stevenson. Die Division des Maj. Gen. Bowens wurde in Reserve gehalten. Die Armee von Vicksburg war zu Beginn der Belagerung 31.000 Mann stark. Grant bezifferte seine Kräfte kurz nach dem Beginn der Belagerung mit 50.000 Mann Stärke.

Zum Mittag des 19. Mai hatte Grant 20.000 Mann seiner Truppen hinter Vicksburg aufmarschieren lassen. Im Norden waren Shermans Truppen direkt der linken Flanke der Konföderierten gegenüber in Stellung gegangen. Seine Linien erstreckten sich vom Fluss her (dort wo sich heutzutage der Zentrale Nationalfriedhof befindet) zur Graveyard Road. Mc. Phersons Korp, auf Shermans linker Flanke, erstreckte sich von nahe bei der Graveyard Road zur nahegelegenen Baldwin’s Ferry Road, während die Front des McClernands Korps von der Baldwin‘s Ferry Road südwärts zum Square Fort verlief. Ungefähr 500 Yards trennten die feindlichen Armeen.
Grant hatte so gut wie keine Gelegenheit gehabt, um die Stärke der Konföderierten Verteidiger zu schätzen, da Konföderierte Scharmützler die Ankunft seiner Armee vor Ort verzögert hatten und somit eine nähere Inaugenscheinnahme der südlichen Wehranlangen verhindern konnten.
Dennoch entschied der Kommandeur der Union, einen sofortigen Vorstoß zu wagen und begründete diese Entscheidung damit, dass je länger er warte, desto stärke können die ihm entgegengesetzte Verteidigung aufgebaut werden. Ein Angriff wurde für zwei Uhr nachmittags am 19. Mai befohlen.
Shermans Truppen, deren frühe Ankunft am Schauplatz Grant in die Lage versetzt hatten, diesen Angriff überhaupt führen zu können, stießen unter heftigem Feuer gegen die linke Flanke der Konföderierten vor. Obwohl sie sich sehr den Verteidigungsanlagen annähern konnten, gelang es ihnen dennoch nicht, die Verteidigung zu durchbrechen, worauf sie sich wieder zurückzogen. McPherson und McClernand konnten lediglich eine hundert Yards auf die Verteidigungslinien vorrücken, da sie sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht in einer geeigneten Angriffsposition befanden. Grant verlor 1000 Mann bei dem Versuch, die Vicksburger Verteidigung auszutesten und musste feststellen, dass die Wehranlagenbesatzungen aus unnachgiebigen Truppen bestanden. Die Verluste der Konföderierten waren relativ gering.

Auch wenn dieser Probevorstoß misslungen war, verzweifelte Grant nicht sofort, sondern grübelte darüber nach, welche wertvollen Resultate ein erfolgreicher Angriff mit sich bringen würde. Ein solcher verlustreicher Angriff würde wohl die Truppen vor einer langwierigen Besatzung bewahren. Am Ende würden dann wohl weniger Männer verloren und gleichzeitig würde die heraufziehende Gefahr für den rückwärtigen Raum der Unionstruppen – General Johnston hatte in der Nähe von Jackson neue Truppen ausgehoben, die diejenigen von Vicksburg entsetzten sollten - durch eine schnelle Eroberung Vicksburgs und eine hierdurch freigesetzte Unionsarmee, die man gegen den anrückenden Konföderierten-Kommandeur Johnston werfen konnte, eliminiert werden. Zusätzlich waren die Truppen der Union beflügelt von den jüngsten Siegen und gierten ungeduldig darauf, endlich die wohlverdiente Belohnung für ihre langandauernden entbehrungsreichen Kämpfe einzufahren, sodass sie mehr als willens sein würden, ihre ganze Kraft in den Bau von Schützengräben und Belagerungsanlagen zu investieren, wenn denn eine Belagerung unumgänglich sein sollte. 40.000 Mann standen Grant zur Verfügung, sodass er für den 21. Mai einen weiteren Angriff auf Vicksburg befahl.

Der Angriff der Unionstruppen am 22. Mai richtete sich vor allem gegen die Konföderierten Linien entlang der 3 ½ Meilen langen Front, die von einem Punkt mitten zwischen Fort Hill und Stockade ausging und bis zum Square Fort reichte. Die gefällten Bäume, das dicht gewachsene Dickicht sowie die schroffe Oberfläche der Schluchten schränkten die Reichweite der Unionstruppen beträchtlich ein. In Vorbereitung des Angriffs waren Feldbatterien vorgezogen und in Stellung gebracht worden, um den vorrückenden Infanterietruppen Feuerschutz zu bieten. Die Truppen waren in vorgelagerte geschützte Positionen gebracht worden. Diese Positionen lagen nur 200 Yards entfernt von ihren Zielobjekten. Um Pemberton daran zu hindern, seine Truppen zu den jeweiligen Brennpunkten der Schlacht verlagern zu können, war ein Simultanangriff für 10 Uhr morgens befohlen worden. Die Uhren der Unions-Kommandeur wurden synchronisiert. Reservetruppen wurden positioniert, um einen Durchbruch zusätzlich zu unterstützen.

Der Angriff auf Stockade Redan, ausgeführt von Maj. Gen. Francis P. Blairs Division des Sherman Korps, unterstreicht beispielhaft das Vorgehen und die Resultate der Aktionen dieses Tages. Blairs Männer sahen sich beachtlichen Hindernissen gegenüber: Die Route für den Vorstoß entlang der Graveyard Road lag unter schweren Konföderiertenfeuer, und der Zugang zur Flesche selbst wurde durch externe steile Abhänge, denen wiederum tiefe Gräben vorgelagert waren, erschwert. Am Abend zuvor hatte Sherman beschlossen, dass eine Brücke für seine Leute benötigt würde, um diesen Graben überwinden zu können. Nur eine Bauholzquelle konnte ausgemacht werden – ein Holzhaus in dem General Grant nächtigte. Grant wurde informiert, kleidete sich an und sah zu, wie seine bisherige Schlafstatt in Rekordzeit abgebaut und als Brückenbaumaterial wiederverwandt wurde.

Schlag 10 Uhr endete der Beschuss durch die Verteidigungsanlagen. Die »Forlon Hope«, eine Truppe von 150 Freiwilligen, drängten entlang der Graveyard Road hin zur Flesche. Sie führten Planken mit sich, um die Gräben zu überbrücken und Leitern, um die steilen äußeren Abhänge erklimmen zu können. Die Konföderierten hielten ihr Feuer so lange, bis die Kolonne aus einer Senkung in der Straße, etwa 400 Yards entfernt, herausgeströmt kam. Dann erhoben sich die Soldaten der Südstaaten aus ihren geschützten Positionen und ließen einen derartigen Kugelhagel über die Angreifer herab, sodass schon sehr bald die Straße nahezu vollständig durch die Körper der Gefallenen und Verwundeten blockiert war. Die Körperteile hüpften unter dem heißen Schauer der herumfliegenden Kugeln wie auf einem Trampolin. Ein Fahnenträger der Föderation schaffte es, eine Fahne auf dem äußeren Wall aufzurichten. Das aufzehrende feindliche Feuer zwang die Übriggebliebenen der Angriffsformation, welche die Flesche erreicht hatten, Deckung in den Gräben zu suchen. Die Truppen der Föderation fegten mit ihrem Sperrfeuer über die Krone der Flesche, um die Verteidiger daran zu hindern, in die unter ihnen liegenden Gräben zu feuern und die dortigen Schutz suchenden Truppen unter Beschuss zu nehmen. Die Konföderierten schlugen zurück: Sie funktionierten die Kanonentreibladungen zu Handgranaten um, die sich in die unter ihnen liegenden Gräben rollen ließen, mitten unter die dort eingegrabenen Truppen der Föderation. Unter dem Eindruck dieses vehementen Widerstandes kam der morgendliche Angriff auf den Stockade Redan zu einem absoluten Stillstand.

Unions-Fahnen wurden unter anderem auch auf den Hügeln von »Railroad Redoubt«, dem »Great Redoubt« und an den Gewehrstellungen der »Second Texas Lunette« gehisst. Beim »Railroad Redoubt« war es den Truppen von McClernand gelungen, eine schmale Bresche in die Verteidigungslinien zu schlagen. Ein kleine Gruppe von Iowas unter der Führung von Sergeant Joseph Griffith und Nicholas Melder waren durch eine Bresche gekrochen, die von der Unionsartillerie an einer Ecke hineingeschossen worden war. So hatten sie sich Zugang zu den inneren Verteidigungsanlagen verschafft und konnten die verbliebenen Verteidiger aus der Anlage hinausdrängen. Kurze Zeit später haben sich etwa ein Dutzend Konföderierte, die sich noch in der Anlage befanden, den Eroberern ergeben. Andere Konföderierte Truppen hängten sich an die Abhänge oder suchten Deckung in den Gräben.
Beflügelt von seinem Teilerfolg bat McClernand Grant um Verstärkungen, um die Angriffe wieder neu aufzunehmen. Eine von McPhersons Divisionen wurde in Marsch gesetzt, um die Angriffstruppen von McClernand zu verstärken. Grant befahl Sherman und McPherson, ein Ablenkungsmanöver zu initiieren, welches McClernands Vorstoß verschleiern sollte. Alle Angriffe im Laufe des Nachmittags wurden von einer vehementen Defensive der Konföderierten zerschmettert. Eine Gruppe Männer der »Waul’s Texas Legion«, die dem Ruf gefolgt waren, die Truppen der Konföderation, welche sich am Railroad Redoubt festgesetzt hatten, wieder hinauszuwerfen, griffen am späten Nachmittag in einer Gegenattacke an und säuberten den Redoubt von feindlichen Truppen. Die Lücke innerhalb der Konföderierten Linien war damit wieder geschlossen.

Die Nachmittagsangriffe, also die letzten massiven Angriffsoperationen auf Vicksburg, hatten lediglich eine Steigerung der Verluste aufseiten der Konföderation zur Folge und intensivierten einmal mehr die harsche Diskussion über McClernand’s militärisches Können. Die Verluste der Union am 22. Mai beliefen sich auf ca. 3200 Mann. Einen Monat später wurde McClernand von Maj. Gen. Edward O.C.Ord abgelöst.

Nach dem 25. Mai - im Zuge der Belagerungsoperationen, die Grant befohlen hatte - wurden nur zwei Versuche unternommen, durch die Verteidigungslinien der Konföderierten zu brechen. Beide waren nicht von Erfolg gekrönt. Sherman, dessen Truppen die rechte Flanke der Unionsarmee hielten und damit direkt der starken Festungsposition Fort Hill gegenüberstanden, bestand darauf, die obere Flussbatterie, die sich in diesem Sektor befand, zu neutralisieren. Am 27. Mai wurde das Kanonenboot »Cincinnati« in Position gebracht und verwickelte die verschiedenen Flussbatterien des Sektors in ein Feuergefecht. Geschützt wurde das Boot von Holzstößen und Heuballen, die man wie einen Schutzschild angebracht hatte. Wegen des täglich niedergehenden Feuers, welches sich durch die gesamten Schutzvorrichtungen aus Heu, Holz und Eisen hindurchfraß, sank die »Cincinnati« mit Mann und Maus.

Einen Monat später versuchten die Männer der Konföderation, die Verteidigungslinien am 3. Louisiana Redan zu durchbohren, indem sie unter diesem eine Sprengladung zur Detonation brachten. Vom Kopf des Logan Approach, welcher bis zum äußeren Abhang der Flesche reichte, wurde ein Tunnel unter das dreiseitige Fort gebuddelt und dieser mit 2200 Pfund Sprengpulver gefüllt. Währenddessen hatten die Konföderierten jedoch die Grabgeräusche unter ihnen wahrgenommen und ihrerseits mit einem Gegenvorstoß begonnen, da für sie ein Wettlauf gegen den Tod begonnen hatte. Am 25. Juni, während die Truppen der Union das Feuer eröffneten, um die Konföderierten daran zu hindern, ihre Verstärkungen umzugruppieren, wurde die Bombe zur Explosion gebracht. Die Explosion hatte die Flesche schwer beschädigt, ein 400 Fuß breiter und 12 Fuß tiefer Krater klaffte in ihr. Das 45ste Illinois Infanterie Regiment sprang aus seiner Deckung hervor und stürmte vorwärts. Da die Verteidigungstruppen eine solche Attacke bereits antizipiert hatten, waren sie bereits hinter einer zurückgezogenen Verteidigungslinie in Stellung gegangen. Nun begannen die Konföderierten, die Männer des Illinois Regiments in den Krater zu zwingen, indem sie sie mit einem mörderischen Kugelhagel beharkten. Ein schweres Feuergefecht sollte nun für weitere 24 Stunden andauern. Danach zogen sich die Truppen der Föderation zurück. Eine zweite Bombe wurde am 1. Juli unterhalb der Flesche gezündet; viele weitere wurden noch von Ingenieuren der Union gefertigt, als bereits die Kapitulation ausgesprochen worden war.

Anfang Juli hatte die Armee von Vicksburg bereits im sechsten Monat den Angriffen getrotzt, aber diese unnachgiebige Defensivhaltung war sehr verlustreich gewesen. Pemberton berichtete, dass zehntausend seiner Männer zu ausgelaugt waren, durch ihre Wunden und die damit verbundenen Krankheiten, als dass sie die täglichen Arbeiten oder auch Kämpfe noch weiter hätten durchstehen können. Die Ineffizienz der Männer wurde vor allem durch die Kombination von Unterversorgung, anhaltendem Artilleriebeschuss und gezielten Attacken durch feindliche Scharfschützen zusätzlich gefördert. Täglich zog sich der Kessel um die Verteidiger von Vicksburg weiter zu und es bestand der berechtigte Verdacht, dass Grant bald schon einen weiteren Großangriffe plante, der, selbst wenn man ihn hätte zurückschlagen können, doch unweigerlich den Niedergang der Garnison eingeläutet hätte. Pembertons vordringlicher Beweggrund, die Verteidigung Vicksburgs aufrecht zu erhalten, war, Johnston und der Regierung der Konföderation die nötige Zeit zu verschaffen, um die Belagerung abbrechen zu können. Unglücklicherweise arbeiteten die Umstände gegen seine Vorhaben. General Robert E. Lees Armee von North Virginia begann seine Invasion im Norden, kurz nachdem Grant die Stadt belagert hatte, sodass aus diesem Sektor keine Truppen abgegeben werden konnten. Nur eine sehr begrenzte Zahl an Männern konnte aus anderen Bereichen herangezogen werden.

In der ersten Juniwoche hatten Verstärkungen aus Tennessee, South Carolina und Georgia Johnstons Kräfte auf 31000 Mann anwachsen lassen. Grant rechnete mit einem Angriff Johnstons auf seine hinteren Reihen, entsandte Verstärkungen aus Kentucky, West Tennessee und Missouri, um eine starke Verteidigungslinie entlang der vermutlichen Vorstoßlinien des Feindes zu errichten und diese zu besetzen. Dies brachte Grant zwei Fronten ein, an denen er präsent sein musste – die eine sollte Pemberton in seinem Fort gefangen halten und die andere Johnston außerhalb des Belagerungskessels halten. Während noch der Verteidigungsminister der Konföderation, James A. Seddon Johnston gemahnte, dass » die Augen und die Hoffnung der gesamten Konföderation auf ihn gerichtet seien, verbunden mit der Gewissheit, dass er handele und beseelt von dem Gefühl, dass es besser sei, vornehm mutig zu scheitern, denn durch falsche Besonnenheit in Stillstand zu verharren«, benachrichtigte Johnston seine Regierung am 15. Juni: » Ich erachte eine Rettung von Vicksburg als hoffnungslos.«

Am 1. Juli bewegte Johnston seine Armee, bestehend aus vier Infanteriedivisionen und einer Kavallerie-Division, zum östlichen Ufer des Big Black River, auf der Suche nach einem wunden Punkt in der äußeren Verteidigungslinie von Grants Truppen. Seine Erkundungen während der nächsten 3 Tage überzeugten ihn davon, dass es keine wirklich passierbare Furt durch den Big Black River gäbe, die nördlich der Eisenbahnlinie gelegen hätte. Am 5. Juli erhielt Johnston die bestätigte Meldung vom Fall der Stadt Vicksburg. Am Folgetag begann er mit dem Rückzug seiner Truppen in Richtung Jackson.
Diverse Versuche der Konföderierten Truppen im Trans-Mississippi, die Vicksburg-Garnison zu unterstützen, waren von Unionstruppen, die von Youngs Pont, Milliken’s Bend und Lake Providence mit Unterstützung von Admiral Porters Kanonenbooten agierten, unterbunden worden. Am Millikens Bend kam es am 7. Juni zu einem grausamen Kampf, in dessen Zuge eine Brigade Schwarzer schwere Verlust erlitten hat, während sie von einer Brigade Texaner attackiert wurde. Die »pünktliche« Ankunft eines Unions-Kanonenbootes zwang die Texaner, sich zurückzuziehen. Dies war der erste Kampf des Bürgerkrieges, in dem Schwarze eine Hauptrolle spielten.

Konfrontiert mit rapide abnehmenden Vorräten und der Tatsache, dass von außen keine Hilfe zu erwarten war, sah Pemberton nur zwei Möglichkeiten: »Entweder wir evakuieren die Stadt und kämpfen uns einen Weg in die Freiheit oder wir kapitulieren zu den besten Konditionen, die auszuhandeln gehen.« Die erste Variante vorziehend, rief er seine Kommandeure zusammen, um sie nach der physischen Konstitutionen der Männer zu befragen, im Hinblick auf einen solch gewagten Ausbruch. Alle bis auf zwei der Divisions- und Brigadekommandeure waren einhellig der Meinung, dass die physische Kondition der Männer ob der lange andauernden Belagerung derart katastrophal sei, dass ein Durchbruchversuch durch die Unionslinie nur in einer Katastrophe würde enden können. Pemberton’s einzige Alternative war dann nur zu kapitulieren.
Obwohl er dies nicht gewünscht hatte, erhielt Pemberton dann noch einen Bescheid eines unbekannten Soldaten in Form eines Briefes, der mit »Viele Soldaten« unterschrieben war, darin hieß es: … dass er stolz auf das ritterliche Verhalten seiner Kameraden sei, die bisher den Feind immer zurückgeschlagen und geduldig die Fortdauer der Entbehrungen und Drangsal ertragen hätten, dass er aber dennoch den kommandieren General darum bäte, an einen kleinen Keks und ein oder zwei Mundvoll Schinken am Tag denken zu mögen, denn wenn der General seine Männer nicht füttern könne, so die banale Logik dieses Freiwilligen, dann sei es trotz allem besser zu kapitulieren, egal wie schrecklich dieser Gedanke auch sein möge.

Um 8 Uhr morgens am 3. Juli nahm Chaplain R.L. Howard vom 124ten Illionois Infanterieregiment zur Kenntnis, dass linker Hand auf den Anlagen der »Rebellen« eine weiße Fahne gehisst worden war. Er notierte: »Schon bald kamen immer mehr hinzu, bis zuletzt eine direkt vor meinen Augen auf-tauchte. Das Feuer klang ab, es folgte Stille, das erste Mal seit dem 25ten Mai, seit genau 39 Tagen war es wieder ruhig. Schon bald zeigten sich Grauröcke hinter den Linien. Zunächst kamen nur vorsichtig einige Köpfe zum Vorschein, denen folgten zaghaft die Körper, wir machten es ihnen bald nach und richteten uns auf, teils nur wenige Schritte voneinander entfernt. Die gesamten Anlagen waren besetzt und man sah sich gegenseitig an, auf der einen Seite die mausgraue und auf der anderen die blaue Linie. Wie begierig wir gewesen waren einander zu sehen und wofür das alles?«
Nur wenige Stunden später trafen sich Grant und Pemberton unter einer Eiche, die zwischen den Fronten stand, und begannen die Verhandlungen über die Kapitulation der 29500 Mann starken Garnison. Zu einem Abkommen kam es jedoch bei diesem Treffen nicht. Infolge eines regen Briefwechsels wurde eine Lösung am nächsten Morgen gefunden. Es waren vierzehn Monate vergangen, seitdem Farraguts Kriegsschiffe erstmalig die Vicksburg-Batterien unter Beschuss genommen hatten, sieben Monate waren vergangen seit der ersten Attacke Grants gegen die Stadt, 47 Tage, seitdem die Truppen der Föderation vom Osten die Stadt her zu bedrängen begonnen hatten.

Am Morgen des 4. Juli 1863, während die Städte des Nordens den »Unabhängigkeitstag« feierten, kapitulierte die Armee von Vicksburg offiziell. Die Truppen der Konföderation marschierten aus der Stadt und steckten hierbei ihre Gewehre, ihre Munitionskisten und Fahnen vor den weitgehend schweigend dastehenden Unionstruppen, die dieses historische Ereignis mit gedämpften Jubel verfolgten, in den Boden. Das Schweigen sollte den tapferen Verteidigern von Vicksburg, deren Linien nie durchbrochen worden waren, als Geste des Respektes dienen.
Durch die Stadt, welche ihm so lange widerstanden hatte und beinahe zum Grab, denn zum Sprungbrett seiner militärischen Karriere geworden wäre, ritt General Grant. Am Gerichtsgebäude, wo während der Belagerung die Sterne und Banner der Unions Armee und Marine geweht hatten, beobachtete Grant, wie die Nationalfarben am Fahnenmast emporgezogen wurden und dann setzte er seinen Weg zur Wasserseite fort. Unter dem Pfeifkonzert sämtlicher vor Anker liegender Schiffe setzte Grant zum Flaggschiff Porters über und bedankte sich in einer feierlichen Zeremonie für die gute Arbeit der Flotte.
Die Kapitulation von Vicksburg und die gleichzeitige Zurückwerfung von Lees Nordinvasion in der Schlacht von Gettysburg markieren den Anfang vom Ende der Konföderation des Südens. Zuvor noch hatte die Hoffnung auf den Sieg bestanden, auch wenn man dafür harte Entbehrung hätte, in Kauf nehmen müssen. Nun blieb nur noch die Hoffnung, dass der Norden an den steigenden Kosten erkranken und die Feindseligkeiten würde beenden müssen. Das große Ziel für den Krieg im Westen - die Öffnung des Mississippi Flusses und die Zerschlagung der Konföderation - hatte man durch den Fall von Vicksburg erreicht. Während im Osten, direkt vor Richmond, die Unions-Truppen noch in blutige Pattkämpfe verwickelt waren, konnten die Armeen des Westens nun ihre ganzen Kräfte in das Herz der Konföderation treiben.

Grant ging aus dem Kampf um Vicksburg mit dem hart erkämpften Ruf eines Meisterstrategen hervor. Seine klaren Siege von Vicksburg und darauf logisch folgend, bei Chattanooga veranlassten Präsident Lincoln, im März 1864, ihn zum Oberkommandeur aller Armeen der Vereinigten Staaten zu machen. Hierdurch war er dafür ausersehen, die letzten Schläge dieses Krieges zu führen und schlussendlich die Kapitulation von General Lee in Appomattox entgegenzunehmen. John Clifford Pemberton hingegen wurde von Kritiker vorgeworfen, dass eine erfindungsreichere Verteidigungsstrategie mit Sicherheit die Stadt, die Armee oder beides gerettet hätte. Interessant ist, dass beide Kommandeure in ähnlicher Weise Befehle missachtet hatten. Grant, indem er Vicksburg von hinten angegriffen hatte, ohne auf eine Zusammenführung seiner Truppen mit denen von Banks zu warten, und Pemberton, indem er die Stadt um jeden Preis hatte halten wollen, anstatt sich mit Johnston zu vereinigen und dafür die Stadt aufzugeben. Jedoch hatte Grants Spiel Erfolg, während Pemberton versagt hatte. Im Krieg, so hat einmal ein Konföderierter General trocken bemerkt, »wird nun einmal die Würde eines Generals nach seinem Erfolg bemessen
Präsident Davies schrieb nach der Kapitulation an Pemberton: »Ich war und bin der Meinung, dass es richtig von Ihnen war, eine Stadt aufzugeben, um zumindest die Oberhand über einen Teilsektor des Mississippiflusses zu behalten. Hätten Sie Erfolg gehabt, so hätte Sie keiner kritisiert, hätten Sie nicht den Versuch unternommen, so hätten nur wenige, wenn überhaupt jemand, Ihren Kurs unterstützt.«

In der Hauptstadt der Konföderierten vertraute Colonel Josiah Gorgas, einer der fähigsten Südstaaten- Militärs, seinem Tagebuch die Auswirkungen an, die bedingt worden waren durch die zweifachen Zeugnisse des verloren gegangenen Südstaatenglücks, die Schlachten von Gettysburg und Vicksburg. »Die Ereignisse haben sich in einem zerstörerischen Tempo überschlagen. Vor noch nicht ganz einem Monat waren wir angeblich auf dem Höhepunkt des Erfolges. Lee stand in Pennsylvania und bedrohte Harrisburgh und sogar Philadelphia. Vicksburg schien nur über Grants Bemühungen zu lachen. Alles sah gut aus. So strahlend das Bild noch vor kurzem aussah, so düster wirkt es jetzt. Lee versagte in Gettysburg … Vicksburg und Port Hudson haben kapituliert und gaben damit 35000 Mann und 40000 Waffen auf. Es erscheint einem als unglaublich, dass Menschengewalt eine solche Veränderung in so kurzer Zeit bewirken kann. Gestern noch ritten wir auf der Spitze des Erfolgs - heute nun scheint der absolute Ruin unser zu sein. Die Konföderation torkelt zu ihrer Vernichtung.«

In Washington saß ein zutiefst dankbarer Präsident Lincoln an seinem Schreibtisch und rang nach Worten, die seine Bewunderung für General Grants »unschätzbaren Verdienst um sein Vaterland« Ausdruck zu verleihen vermochten. Lincoln schrieb Grant folgendes, um ihm seine Furcht, die Lincoln empfunden hatte, als Grant Vicksburg von hinten angegriffen hatte, was Lincoln als einen Fehler betrachtete, zum Ausdruck zu bringen: »Ich wünsche nun eine persönliche Stellungnahme abzugeben, nämlich jene, dass Sie recht hatten und ich falsch gelegen habe.«

Am 9. Juli kapitulierte der Konföderierten-Kommandeur zusammen mit 6000 Mann in Port Hudson, nachdem er vom Fall von Vicksburg erfahren hatte. Eine Woche später legte das Handelsdampfschiff »Imperial« am Kai von New Orleans an und beendete damit seine 1200 Meilen lange Fahrt von St. Louise, ohne auf dem Weg von feindlichen Kanonen beschossen worden zu sein. Nach zwei Jahren des Kämpfens zu Lande und zu Wasser war der Würgegriff des Südens gebrochen worden. Der Mississippi war wieder frei, sodass sowohl Handels- wie auch Kriegsschiffe ungehindert bis zur Mündung fahren konnte.
In den Worten von Abraham Lincoln kommt dies sehr bemerkenswert zum Ausdruck: »Der Vater des Wassers kann nun wieder ungehindert zum Meer streben.«

Fußnoten:

(1) Als Flesche (frz. flèche »Pfeil«) wird ein Festungswerk bezeichnet, das aus zwei in einem ausspringenden Winkel zusammenlaufenden Facen besteht. Die Flesche ähnelt im Grundriss Außenwerken wie dem Ravelin und der Demi-lune, wurde jedoch vor dem Glacis errichtet und zählt somit zu den Vorwerken einer Festung. Sie wurde üblicherweise einer Bastionsspitze vorgelagert, um eine zusätzliche Feueretage zu schaffen.

(2) (heißt eigentlich die »Einpfählung«)

Die Generalität beider Seiten in der Zeit vom 25. Mai - 4. Juli 1863
während der Belagerung von Vicksburg


Ulysses Simpson
Grant


Frederick
Steele

James Birdseye
McPherson


Edward Otho Cresap Ord


Francis Preston
Jr. Blair


John Milton
Thayer

John Alexander
Logan

Thomas Edward
Greenfield Ransom

John Eugene
Smith

Andrew Jackson
Smith

Eugene Asa
Carr
Alvin Peterson
Hovey

Jacob Gartner
Lauman

Francis Jay
Herron



John Clifford
Pemberton

Martin Luther
Smith

John Horace
Forney

John Stevens
Bowen

Carter Littlepage
Stevenson

Quellen:

Eicher, David J., The Longest Night: A Military History of the Civil War, Simon & Schuster, 2001
Junkelmann, Markus, Der amerikanische Bürgerkrieg 1860 – 1865, Weltbild, 1992
Archiv des Autors

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