
Interview mit Wolfgang Hohlbein 
 im Gespräch mit Wolfgang Hohlbein

Bildquelle: www.hohlbein.net
Das Interview fand statt
während der Fantasy-Nacht in Biebertal-Rodheim am 25.11.2006
Die Fragen stellte Anke Brandt.
Siehe auch Eventbericht über die Fantasy-Night
und
Beitrag in den Wunderwelten
Das Interview (Laufzeit: 22 Minuten) ist auch als verfügbar. Es hat leider eine nicht so gute Tonqualität.
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Uhr
GS: Bitte erzähl uns zuerst etwas über dich. Über den Mensch Wolfgang Hohlbein.
Wolfgang Hohlbein: Na ja, so furchtbar viel zu erzählen gibt`s da gar nicht. Bis auf meine Leidenschaft für`s Schreiben bin ich ein ganz normaler Mensch. Es gibt keine aufregenden Sachen. Ich bin weder mit nackten Füßen auf den Mount Everest gestiegen, noch mit gefesselten Händen durch den Ärmelkanal geschwommen. Eigentlich bin ich ein ganz normaler Durchschnittsmensch. Da bin ich auch ganz stolz drauf.
GS: Gab es ein Schlüsselerlebnis, das dich zum Schreiben bewogen hat?
Wolfgang Hohlbein: Nein. Ich werde natürlich immer wieder gefragt, ab wann ich angefangen habe zu schreiben. Das habe ich im Grunde schon immer. Schon als Kind und Schüler hab ich Geschichten geliebt. So sehr, dass ich tatsächlich schon das Lesen gelernt habe, bevor ich in die Schule gekommen bin. Ich war so wild darauf, dass ich meine Eltern so lange gequält habe, bis sie mir schon ein bisschen was beigebracht haben. Für mich war schon immer klar, dass ich was mit Geschichten machen würde. Dass es jetzt Schriftsteller geworden ist, hing von verschiedenen Faktoren ab. Aber es gab kein Schlüsselerlebnis.
GS: Wie sieht ein ganz normaler Arbeitstag bei dir aus?
Wolfgang Hohlbein: Chaotisch. Die Theorie ist die: ich habe mir irgendwann, vor langer Zeit, mehr oder weniger durch äußere Umstände, angewöhnt, spät abends und nachts zu arbeiten. Das hing damals einfach mit der Wohnsituation zusammen. Familie, eine relativ kleine Wohnung, kein eigenes Arbeitszimmer. Da musste ich abends und nachts arbeiten. Mittlerweile ist die Wohnung ein bisschen größer geworden, ein Arbeitszimmer habe ich auch. Aber ich habe mir diesen Rhythmus so angewöhnt, dass ich meist so gegen Mittag überlege, ob ich jetzt aufstehen soll. Meine Freizeit habe ich tagsüber. Und abends, nach wie vor, was ich abhängig mache vom Fernsehprogramm, fange ich zwischen 8 und 10 oder 11 Uhr wirklich an zu arbeiten. Und das geht ganz gut so 4 bis 5 Stunden.
GS: Und was machst du in deiner Freizeit?
Wolfgang Hohlbein: Was andere Leute auch machen. Ich verbringe viel Zeit mit der Familie. Das ist wieder der Vorteil, ich bin eben nicht erst abends ab 6 Uhr zu Hause, sondern wenn die Kinder aus der Schule kommen (heute halt von der Arbeit). Da ist die ganze Familie zusammen.
Und Hobbys habe ich wie andere auch. Ich sehe fern, fahre in Urlaub. Im Sommer fahr ich gern Motorrad, wenn das Wetter mitspielt.
GS: Der basiert zum großen Teil auf dem Heftroman. In diesem Bereich hast du dir mit vielen Namen einen Namen gemacht. Woran erinnerst du dich dabei sehr gern und warum?
Wolfgang Hohlbein: Ja, das war eine sehr, sehr schöne Zeit. Dass ich mit Heften angefangen habe, hatte verschiedene Gründe. Ich habe immer schon gerne Heftromane gelesen. Ich mag, auch wenn ich das selber nicht so gut kann, diese kurzen Geschichten, für die man nicht drei Monate braucht, bis man zu Ende ist. Es hat sich da so ergeben, dass ich zweigleisig angefangen hab. Ich habe schon richtige Bücher, was ich jetzt nicht als Qualitätsmerkmal meine, versucht zu schreiben und auch geschrieben. Aber dann relativ schnell, auch über Bekannte, über andere Autoren, bin ich zum Heftroman geraten. Und ich fand die Zeit sehr toll und möchte sie auch nicht missen. Ich kann jetzt nicht sagen: das und das hat mir mehr Spaß gemacht. Das Wichtigste war sicher „Der Hexer“, weil er den größten Einfluss gehabt hat auf die Bücher, die ich heute schreibe.
Aber es gibt da nichts, wo ich sage, das war nicht so gut oder das war besser. Es hat eigentlich alles Spaß gemacht. Es ist im Grunde auch etwas, wo ich mit Recht stolz drauf sein kann.
Das ist so ziemlich das einzige meiner eisernen Prinzipien, das ich nie gebrochen habe: Dass ich prinzipiell Geschichten schreibe, die mir selbst Spaß machen. Und nicht zu sagen, Engelsgeschichten sind up to date, da schreibe ich mal schnell eine. Wenn ich sowieso Spaß dran habe, dann klar, natürlich. Aber ich glaube, das ist nicht nur das Geheimnis von mir, sondern jedes erfolgreichen Buches. Man muss Spaß an der Story haben.
Und ich kann schon sagen, es gibt auch solche Bücher, wo ich nach 10 Jahren sage: Na ja, das würde ich heute nicht mehr schreiben oder in dieser Art schreiben. Aber nicht, weil ich mich dafür schäme, sondern man verliert ja auch manchmal das Interesse, wächst weiter und entwickelt sich in eine andere Richtung. Ich habe ein paar Wild-West-Romane geschrieben, weil ich das Genre ganz witzig und spannend finde. Ich sehe auch sehr gern einen guten Western im Fernsehen oder im Kino. Aber das könnte ich heute nicht mehr. Da ist die Begeisterung relativ schnell wieder erloschen.
GS: Und für welche Serie hast du am liebsten geschrieben?
Wolfgang Hohlbein: Das war eigentlich egal. Aber doch, „Der Hexer“, weil es mein eigener war.
Das Schöne früher, an diesen einzelnen Geschichten, Gespensterkrimi hießen die am Anfang, war, dass man an nichts gebunden war. Man konnte, bis auf ganz wenige Ausnahmen, tun und lassen, was man wollte. Keiner hat gesagt, dass du das und das schreiben musst. Ich hatte freie Hand und das hat den meisten Spaß gemacht.
GS: Was hat dir die Arbeit am Heftroman ganz konkret als Autor gebracht?
Wolfgang Hohlbein: Es ist so ein bisschen wie eine Lehrzeit. Man kann das Schreiben - in Deutschland zumindest - nicht lernen. In England gibt es da Kurse an Universitäten. (Ich weiß nicht, ob es das hier heute auch schon gibt.)
Und das ist der große Vorteil beim Heftroman. Man lernt das System. Eben einigermaßen pünktlich abzuliefern, sich einigermaßen an den Umfang zu halten. Und man kann auch experimentieren. Man kann eben sagen, die Idee gefällt mir zwar, aber ich weiß nicht, ob die einen großen Roman trägt. Also probier ich es mal. Ein Heftroman von 60 Druckseiten, das erreichst du allemal. Nicht von der Qualität her, sondern von der Menge her. Das ist ja eigentlich nur eine bessere Kurzgeschichte vom Umfang her.
Man kann mit Ideen spielen. Und wenn es mal nicht funktioniert, (das ist mir auch schon passiert, dass man hinterher feststellt: Nee, doch nicht so toll) dann packt man es halt weg. Das ist nicht so schlimm, als wenn man ein 800 Seiten Manuskript in die Tonne schmeißt.
GS: Wie schätzt du die Entwicklung der Serien, die du mitgeprägt hast, heute ein?
Wolfgang Hohlbein: So richtig mitgeprägt hab ich ja eigentlich nur die Serie „Der Hexer“. Und sie war, das kann ich ja heute zugeben, am Anfang einer der größten Flops, die Bastei gemacht hat. Mittlerweile ist der Heftmarkt ja ziemlich zusammengebrochen, und „Der Hexer“ ist genau in die Anfangsphase des Zusammenbruchs hineingeraten. Und ich glaube, es war auch eine Geschichte für das falsche Publikum. Ich höre immer wieder, dass Leute vom Hexer begeistert sind, ihn aber aus Hefttagen nicht kennen, weil sie die Geschichten dort gar nicht gesucht haben. Und umgekehrt bekomme ich, nicht oft, aber ich bekomme sie, Kritiken, die den Hexer einfach dämlich finden und viel zu kompliziert, viel zu anspruchsvoll. Nicht vom Intellekt her, sondern von der Story her, weil er manchmal große Verzweigungen hat. In der Schule hätte der Lehrer vielleicht darunter geschrieben „Thema verfehlt!“. Was ja nicht heißt, dass es schlecht ist. Für mich war es ein Glücksfall. Ich hatte einen Riesenspaß dran und es war auch ein Thema für mich. Ich schreibe auch heute noch ab und zu eine Story, das Thema ist nicht vom Tisch, allerdings nicht als Heft. Da ist einfach kein Markt mehr für da.
GS: Also wird es keinen Heftroman mehr geben?
Wolfgang Hohlbein: Wir haben es ausprobiert. Vor 2 oder 3 Jahren hat Bastei Lübbe eine meiner ersten, die Raven-Geschichten, noch mal aufgelegt. Gut, es war kein Riesen-Run drauf. Es war auch nicht so, dass alle geschrieen haben, das muss man unbedingt weitermachen. Ich glaube, dass sich das verlagert hat. Es hat auch schlichtweg was mit dem Preis zu tun. Wenn ich sehe, was heute ein Heft kostet, davon könnte ich mir auch ein Taschenbuch in den Schrank stellen. Und ich denke, die Lesergewohnheiten haben sich wahrscheinlich auch verändert. Sicher ist ein Teil der Heftleser weggebrochen, weil...als ich angefangen habe vor 25 Jahren, da gab es noch nicht so viele andere Sachen.
Heftromane sind was für die Schnelle. Was man eben auch mal für ne halbe Stunde sich reinzieht, wenn man grad nichts Besseres zu tun hat, sozusagen. Klassiker ist, wenn ich zwei Stunden Bahn fahre, dann schleppe ich nicht so ein Buch (WH zeigt auf seinen Roman „Genesis“) mit. Da kauf ich mir am Kiosk einen Heftroman, und wenn ich den in der Bahn vergesse, ist das auch nicht weiter schlimm. Für diese Ablenkung gibt es heute viel mehr. Die Leute nehmen den Gameboy oder ihren MP3-Player mit. Und all das gab es früher nicht.
GS: Damit sind meine nächsten Fragen alle schon beantwortet. Kommen wir zu 1982. Märchenmond. Das ist bis heute wahrscheinlich eines deiner erfolgreichsten Bücher überhaupt. Bitte erzähl uns doch noch einmal, wie es dazu kam.
Wolfgang Hohlbein: Das ist eine ganz witzige Geschichte. Wie ein schlauer Zuhörer ja wahrscheinlich vermutet, hab ich am Anfang Geisterromane geschrieben. Und dann eben auch ein, zwei Krimis und Western. Aber größtenteils doch die unheimliche Branche. Und meine Frau hat solche Sachen nie gelesen. Sie mag keine Gespenstergeschichten. Natürlich war ich nicht glücklich darüber und es gab dann auch, ich will nicht sagen einen Riesenstreit, aber schon das eine oder andere Gespräch. Und irgendwann sagte sie dann: Schreib doch mal was, was mir auch gefallen würde und nicht nur diesen Gespensterkram.
Die einzig mögliche Antwort darauf war: Was wäre denn das?
Und dann erzählte sie mir eine Geschichte mit diesem Titel: „Märchenmond“. Und die fand ich so toll, dass ich am selben Abend noch angefangen habe, sie zu schreiben. Das hatte hinterher gar nichts mehr mit dieser Geschichte zu tun, die sie sich ausgedacht hatte. Der Titel ist übrig geblieben. Aber ich hab’s ihr dann gezeigt und es ging dann noch ein bisschen hin und her. Wir haben überlegt, wie es weitergeht, was ihr gefällt, was fehlt noch... Es ging halt alles sehr sehr schnell und nach ein paar Wochen hatte ich dieses Buch praktisch fertig.
Und jetzt kommt wieder einer von diesen Zufällen, von denen ich eine Menge erlebt habe. Und ich dachte gar nicht, dass es Zufälle in der Art so gibt. Gerade da, das war so der Anfang der Fantasywelle in Deutschland, hat der Ueberreuter-Verlag in Wien schlicht und einfach neue Autoren gesucht und einen Wettbewerb ausgeschrieben. Es gab zwei Bedingungen. Es musste eben ein neuer Autor sein (also gegen jemand, der ein paar Hefte geschrieben hat, hatten sie nichts) und es musste ein phantastischer Stoff nicht über 200 Seiten sein.
Gegen den letzten Passus habe ich ein bisschen verstoßen.
Ich hab’s hingeschickt, eigentlich ohne große Hoffnung, gewinnen zu können, aber es ging dann relativ schnell. Ich habe später übrigens erfahren, dass es schon abgelehnt war. Das Manuskript lag schon auf dem Stapel mit denen, die zurück sollten, und die Verlagschefin ist da einfach drüber gestolpert, weil es so dick war. Das waren 500 Seiten. Und sie hat sich`s mit nach Hause genommen, übers Wochenende gelesen und am Montag war klar, dass ich den Wettbewerb gewonnen habe. Ja, und damit fing alles an.
GS: Und wie gehst du seit über 24 Jahren mit dem Erfolg um?
Wolfgang Hohlbein: Na ja, so doll war er am Anfang nicht. Märchenmond ist sicher ein sehr sehr sehr erfolgreiches Buch geworden, aber am Anfang war es sogar erschreckend. Es war nicht so, dass die Leute die Buchhandlungen gestürmt haben, um das Buch zu kriegen. Es war so, dass der Verlag gesagt hat: Versuchen wir es mal. Und so ist es auch noch heute. Gut, ich habe das eine oder andere Buch verkauft, ich will mich nicht lächerlich machen und das Gegenteil behaupten. Aber gerade, wenn Verleger mich nicht so gut kennen, weil sie mit mir noch nicht gearbeitet haben, erwarten sie nicht, der neue Hohlbein ist da und schon verkaufen wir 300.000 Stück. Das ist nun gar nicht so.
Ich weiß auch nicht woran es liegt, aber ich finde es toll, dass bis auf ein paar Krimis alle anderen Bücher von mir nach wie vor nachgedruckt und natürlich auch gelesen werden. Am Anfang war das natürlich ein bisschen schwierig. Ich weiß auch nicht woran es liegt, aber ich finde es toll. Und so rum ist es besser, als erst auf der Bestsellerliste zu stehen und dann zu verschwinden.
GS: Kannst du dich heute auch noch mit Märchenmond identifizieren oder würdest du etwas daran ändern wollen?
Wolfgang Hohlbein: Identifizieren, ja. Ich kann es nicht mehr schreiben. Es gibt ja nun 4 Bände. Für „Die Zauberin von Märchenmond“ habe ich von einigen Leuten ziemlich Prügel bezogen. Am Anfang war ich beleidigt (ist ja klar), aber dann habe ich irgendwann angefangen, in Ruhe darüber nachzudenken. Und im Grunde haben sie recht. Nun bin ich selbst der schlechteste Kritiker, ich kann das jetzt nur vermuten, aber gerade Märchenmond, auch der zweite Teil, sind auf eine relativ naive Art geschrieben. Aber eine Art, die ich auch gut finde. Die kann ich nicht mehr. Da bin ich leider Gottes zu verkompliziert geworden.
GS: Trotzdem war Märchenmond der Beginn deiner großartigen Karriere. Welche drei Bücher bezeichnest du als deine besten?
Wolfgang Hohlbein: Als aller erstes nach wie vor „Hagen von Tronje“. Das ist mein persönlicher Favorit. Erstaunlicherweise bei allen, die ihn gelesen haben, auch. Es hat keiner bis heute gesagt, das Buch gefällt nicht. Es lesen aber nicht viele Leute. Ich weiß nicht, ob es am Titel liegt oder am Thema.
Danach würde ich dann gleich Märchenmond sagen. Der dritte Platz ist immer das Buch, was ich gerade schreibe.
GS: Gibt es Romane, mit denen du heute nicht mehr zufrieden bist?
Wolfgang Hohlbein: Das kommt darauf an, wie man das definiert. Ich habe zwei, drei Krimis geschrieben. Das würde ich heute nicht mehr machen, weil ich einfach eingesehen habe, dass das nicht mein Ding ist. Ich bin nicht der große Krimischreiber. Ich lese gern Krimis, ich kann sie aber nicht schreiben. Es macht mir auch nicht solchen Spaß, dass ich so richtig mit heißen Ohren sitze und sage: „Ich will jetzt aber weiterschreiben!“ und soll jetzt was essen oder so. Aus diesen Gründen gibt es sicher ein paar Bücher, aber es gibt keine einzige Zeile, für die ich mich schämen müsste.
GS: Wie reagierst du auf Kritik, besonders auf die manchmal recht unsachliche im Internet?
Wolfgang Hohlbein: Das kommt darauf an, wie man Kritik definiert. Kritik kann ja auch was Positives sein. Und wenn jemand sagt: das Buch gefällt mir nicht aus dem und dem Grund oder ich mag keine Fantasy, das ist mir zu albern. Dann ist das auch okay. Was ich nicht leiden kann, ist diese blöde Meckerei. Das ist ein typisch deutsches Phänomen. Ich habe da auch schon ganz wunderbare Geschichten erlebt. Der Gipfel war vor vielen Jahren der Verriss eines Buches in der Science Fiction Times (ich weiß nicht, ob es das noch gibt). Da war ein fürchterlicher Verriss eines Buches drin, das tatsächlich für diesen Monat angekündigt war. Leider ich habe es nicht geschrieben. Gut, heute lache ich darüber, aber damals hatte ich Schaum vorm Mund, muss ich ehrlich sagen. Diese Art von Kritik, die ärgert mich persönlich. Die ärgert mich auch, wenn ich das bei anderen mitkriege.
Wenn jemand meine Bücher nicht mag oder meine Art zu erzählen, das ist okay.
GS: In den letzten Jahren erscheinen fast alle deine Bücher auf den Bestsellerlisten. Wie erklärst du dir das?
Wolfgang Hohlbein: Ich kann mir viel weniger erklären, warum nicht viel mehr Bücher drauf sind. (lacht)
Das liegt sicherlich daran, dass nicht nur ich, sondern überhaupt die phantastischen Autoren bis vor ganz kurzer Zeit noch ignoriert worden sind. Das gilt nicht nur für mich, auch für Bernhard Hennen und wie sie alle heißen. Die Phantastik muss man jetzt zur Kenntnis nehmen und man kann nicht mehr so tun, als ob es sie nicht gibt. Nach wie vor wird man natürlich belächelt, so ganz ist man noch nicht raus aus dem „Ghetto“, aber es wird größer. Und ich denke, dass es sich auch weiter verbessern wird. Da sind eben auch Autoren dabei wie Stephen King, Marion Zimmer Bradley und ich könnte noch Dutzende nennen, denen wir es zu verdanken haben, dass sie diese Art von Geschichten salonfähig gemacht haben.
Ich hatte vor einer Weile mal eine Podiumsdiskussion mit einer Nachwuchsautorin, ich hab den Namen wirklich vergessen und ich würde ihn auch nicht nennen, die ganz entrüstet sagte: „Fantasy lese ich ja nicht.“ Ich sagte: „Ach so, Moby Dick, Alice im Wunderland, so was lesen sie nicht?“ „Ja so kann man das doch nicht sehen“, antwortete sie.
Diese Hürde besteht nach wie vor. Ich glaube, dass wird in ein paar Jahren auch vorbei sein. Das war jetzt zwar eine andere Frage, die ich beantwortet habe, aber das ist egal.
GS: Woher nimmst du alle deine Ideen?
Wolfgang Hohlbein: Ganz unterschiedlich. Manches kann man sich erarbeiten, dass man wirklich sagt, ich möchte jetzt mal was anderes schreiben.
Die meisten Ideen liegen aber auf der Strasse. Man muss sich nur bücken und sie aufheben. Und die allermeisten Geschichten, die spannendsten finde ich, die sind einfach da. Man kann nicht erklären, wo sie herkommen. Oder sie beruhen auf Dingen, die ich selbst erlebt habe.
Ich werde relativ selten von Vampiren angegriffen oder von Werwölfen gebissen, aber es sind so die Kleinigkeiten, aus denen sich die Geschichte entwickelt. Ich kann da gern auch ein Beispiel erzählen, das ist mein Lieblingsbeispiel. Der Roman „Der Widersacher“ fängt damit an, dass ein Versicherungsvertreter eine Anhalterin mitnimmt und sie dann mitten im Winter liegen bleiben, weil ihm der Sprit ausgeht. Sie steigen aus und sehen irgendwo im Wald ein Licht von einem Haus, wo sie eigentlich um Hilfe telefonieren wollen. Aber wer den Roman kennt, der weiß, dass es dann nicht ganz so lustig wird. Bis auf das verfluchte Haus und die Anhalterin ist mir genau das passiert. Ich habe mich mitten im Winter im Taunus verfahren, zu einer Zeit, wo es noch keine Handys oder Navigationssysteme gab, und hatte schon den Schweiß auf der Stirn, weil die Tanknadel immer weiter runterging. Es wurde langsam dunkel. Ich hatte auch keinen Mantel und nichts mit und sah dann einen abgebrannten Bauernhof oder so etwas am Waldesrand. Und dieses Bild hat sich mir eingeprägt. Da hab ich mir gedacht, das wäre ein toller Anfang. Was ist, wenn dir hier jetzt wirklich der Sprit ausgeht und du musst vielleicht in der Ruine übernachten und erfrieren oder sonst etwas? Es kam auch kein Auto, es kommt ja nie eins, wenn man es braucht. Und das war der Ausgangspunkt. Es wurde dann phantastisch eine ganz andere Geschichte. Tja, und so was passiert mir öfter.
Genesis zum Beispiel, was ich gleich vorlesen werde, geht zurück auf einen Bericht, den ich gesehen habe über Kreuzfahrtschiffe. Die haben in letzter Zeit zunehmend mit Piraten zu tun. Piraten versuchen, die Kreuzfahrtschiffe zu entern. Das war im Discovery-Chanel. Da haben sie gezeigt, was so passiert. Das hat mit dem Roman überhaupt nichts mehr zu tun, aber so fing es halt an und den Rest überlasse ich dann der Geschichte.
Ich plane selten einen Roman im Voraus. Ich habe die Erfahrung gemacht: wenn mir eine Szene gefällt und ich habe das Bedürfnis weiterzuschreiben, das ist ein Zeichen dafür, dass eine Geschichte dahintersteckt. Es klappt fast immer.
GS: Und gibt es auch Zeiten, in denen dir gar nichts gelingt beim Schreiben?
Wolfgang Hohlbein: Ja, die gibt es. Aber Gott sei Dank sind die nie länger gewesen als ein paar Tage, vielleicht mal eine Woche. Das ist, glaub ich, normal. Auch in anderen Berufen hat man Tage, wo es nicht so läuft. Natürlich hab ich auch Angst davor. Das ist der größte Horror jedes kreativen Menschen, dass man so richtig kein Bock hat.
Das liegt vielleicht auch ein bisschen daran, dass ich mich trotz allem nicht auf was festgelegt habe. Ich schreibe ja eigentlich, zwar alles im phantastischen Bereich, sehr unterschiedliche Sachen. Und was wunderbar funktioniert, zumindest bei mir: wenn ich merke, ich komme nicht weiter mit der Geschichte, natürlich erst mal ein paar Tage versuchen, wenn das nicht funktioniert, dann mache ich ein, zwei, drei Tage Pause und wenn es dann immer noch nicht klappt, dann schreibe ich was ganz anderes. Dann will ich eben doch wieder was Märchenhaftes schreiben. Und das funktioniert eigentlich. Es ist zwar dieselbe Arbeit, am Schreibtisch sitzen und schreiben, aber was im Kopf abgeht, die Geschichte, ist vollkommen anders.
GS: Welches Buch hättest du gern geschrieben?
Wolfgang Hohlbein: Vor 10 Jahren hätte ich gesagt, den „Herr der Ringe“, aber heute weiß ich es einfach nicht. Es gibt eine Art von Romanen, die ich verschlinge. Auch nicht die hohe Literatur. Ich lese gern die wirklich gut gewordenen Space Operas von Hamilton und David Weber. Das ist ja im Grunde so wie Perry Rhodan Heftchen, aber in XXL und hundertmal besser.
Das kann ich nicht. Ich hab mal versucht, so was zu schreiben, aber dazu fehlt mir das technische Verständnis. Und all das ist auch eine Art von Geschichten, die ich sehr gerne und begeistert lese – ich verschlinge sie wirklich – aber ich kann sie nicht schreiben. Man muss ja auch nicht alles können.
GS: Welche drei Bücher würdest du mit auf eine einsame Insel nehmen?
Wolfgang Hohlbein: Hm, na ja, also erst mal Robinson Crusoe. Das ist bestimmt die Standardantwort.
Das ist eines der Bücher, die ich als Kind gelesen habe, später als Jugendlicher noch mal und vor ein paar Jahren noch mal. Abgesehen davon, kann man damit vielleicht überleben, das könnte ich mir vorstellen.
Noch zwei Bücher, hm, die müsste ich mir aus den Fingern saugen. Darüber habe ich, ehrlich gesagt, noch nicht nachgedacht.
GS: Zum Schluss interessiert uns natürlich noch Wolfgang Hohlbeins Schattenchronik. Was verbindet dich damit, wie kam es zu diesem Projekt und wie genau ist dein Anteil an der Arbeit daran?
Wolfgang Hohlbein: Machen wir mal eine andere Reihenfolge. Es kam dazu, weil ich Alisha Bionda sehr gut kenne. Sie war früher eine Nachbarin von uns, bevor sie ausgewandert ist nach Spanien. (Ich weiß auch nicht, warum alle meine Nachbarn so weit weg ziehen, aber das ist eine andere Geschichte.) Sie hat viel im Fernsehen gemacht und einiges im Blitz-Verlag. Wir besuchen uns regelmäßig und da kam irgendwann die Idee, dass wir ja mal was zusammen machen können. Ich hatte aber keine Lust, noch eine große Serie anzufangen. Es gibt ja schon einige, die ich mache. Aber so, die Zusammenarbeit mit ihr macht sehr viel Spaß.
Wir haben uns in groben Eckpunkten auf die Geschichte geeinigt und ich habe dann die Story geschrieben, die erste Geschichte, die erschienen ist. Und heute arbeite ich nicht mit dem Stift in der Hand, sondern ich gebe, salopp gesagt, meinen Senf dazu. Ich sage auch mal: „Nee, gefällt mir nicht...“. Es macht einfach auch Spaß.
So ein bisschen Nachwuchsförderung hab ich schon immer gemacht und das werde ich auch weiter tun. Ist mir auch passiert. Als ganz junger Heftautor habe ich einen richtigen Schriftsteller getroffen und erstarrte erst einmal vor Ehrfurcht. Ich habe ihm mit zitternden Händen meine Sachen gezeigt und er hat mir dann schnell weitergeholfen. Er hat mir gesagt, was er anders machen würde und mir auch Kontaktadressen gegeben. Mir ist da eben auch geholfen worden. Ich seh das so, dass es nicht nur meine, sondern die Verpflichtung eines jeden Menschen ist, sein Wissen weiterzugeben, wenn er in der Lage dazu ist. Gehört sich so.
GS: Zum Abschluss: Stell dir vor, ich hätte noch nie ein Buch von dir gelesen. Welches würdest du mir unbedingt empfehlen?
Wolfgang Hohlbein: Hagen von Tronje
GS: Das lasse ich mal so stehen und hoffe, dass sich der eine oder andere Leser davon inspirieren lässt.
Ich danke dir für das Interview. Es hat unheimlich viel Spaß gemacht!
An dieser Stelle möchte ich mich auch ganz herzlich bei Dieter Winkler bedanken. Durch ihn wurde dieses Interview erst möglich gemacht.
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