Bild mit freundlicher Genehmigung von Silke Rokitta
(www.silkerokitta.de)
Stephan R. Bellem, Jahrgang 1981, ist Autor der »Chroniken des Paladins«, deren dritter und letzter Teil »Das Buch Karand« jüngst im Juni 2009 im österreichischen Otherworld-Verlag als Taschenbuch erschienen ist. Stephan R. Bellem machte nach dem Abitur zunächst eine Lehre als Bankkaufmann, wandte sich danach aber dem Studium der Soziologie zu. Weil ihm die freiere Zeiteinteilung des Studiums mehr Raum zum Schreiben ließ, konnte er den ersten Teil der »Paladin«-Trilogie »Tharador« (nach der Hauptfigur der Romane benannt), zu Ende schreiben und den Roman, an dem er schon seit dem Abitur schrieb, überarbeiten. Der Autor lebt mit seiner Partnerin Astrid und seinem Hund in Leipzig.

: Stephan, die Reise des Paladins Tharador hat nach drei Büchern und über tausend Manuskriptseiten ein vorläufiges Ende gefunden. Die drei Bücher »Tharador«, »Das Amulett« und »Das Buch Karand« stehen im Regal und blitzen mit ihren identisch gestalteten Buchrücken in den Raum. Was ist das für ein Gefühl, diese lange Odyssee zu einem Abschluss gebracht zu haben?
Stephan R. Bellem: Ich weiß noch, dass ich beim Anblick des ersten Bandes ein wenig in Ehrfurcht erstarrte. Ehrfurcht vor dem eigenen Schaffen. Das darf man jetzt nicht als Selbstbeweihräucherung sehen. An »Tharador« arbeitete ich über vier Jahre, erlebte die Rückschläge bei der Verlagssuche und am Ende eben das große Glück. Dieses Buch in Händen zu halten war wie ein Traum – ein verdammt guter! Als dann mit jedem Jahr ein Buch hinzukam, da fühlte es sich plötzlich unwirklich an. Ich blicke ins Regal und sehe da dreimal meinen Namen. Das ist einfach total abgefahren. Schreiben ist meine Passion, dass es jetzt beruflich auch funktioniert, ist ein riesiges Geschenk. Die letzten Zeilen vom »Buch Karand« zu schreiben, das war was. Einerseits freute ich mich, dass ich die Trilogie zu einem – wie ich finde – so runden Abschluss gebracht habe. Andererseits schwang da auch ein wenig Trauer mit. Man hat die Figuren über drei Jahre begleitet und dann, plötzlich, Ende. Faeron würde mich verstehen, während Khalldeg nur lachen würde, *g*, aber auch eine enorme Erleichterung. Es brechen eine ganze Menge Emotionen über dich herein. Aber da ich direkt mit anderen Projekten weitermachen konnte, bin ich in kein Loch gefallen.

: Erzähle doch einmal, wie du überhaupt auf den »Paladin« gekommen bist. Ich weiß, dass du zuvor Kurzgeschichten und Texte zu Rollenspielen geschrieben hast, und diese Herkunft merkt man auch ganz deutlich, wenn du deine Helden in Zweikämpfe verwickelst oder – wie am Ende von »Das Buch Karand« – in epische Schlachten schickst ...
Stephan R. Bellem: Zu Tharador kam ich irgendwie wie die Jungfrau zum Kind. Plötzlich war die Idee dieser Figur da, das Engelskind, das von göttlicher Macht durchdrungen wird. Dieses gleißende Licht, das aber auch unweigerlich die Schatten erzeugt ... Fangen wir mal ganz vorne an. Ja, ich bin Rollenspieler. Herrje, diesen Satz zu schreiben, da fühlt man sich heutzutage schon fast wie der angehörige einer Selbsthilfegruppe für Süchtige. Rollenspieler als Autoren haben ja bisweilen keinen guten Stand. Man sagt uns nach einfache Geschichten zu schreiben, stereotyp und was weiß ich noch alles. Also noch mal ganz deutlich: Ich bin Rollenspieler. Seit ich zwölf Jahre alt bin. Vielleicht sogar im Herzen noch viel länger. Als langjähriger Meister gefielen mir irgendwann die Welten nicht mehr, die einem da vorgesetzt wurden. Eine Eigene musste her – am besten direkt ein eigenes Rollenspielsystem. Der Kontinent Kanduras war geboren. Ich zeichnete eine Landkarte, die in ihrer Grundform noch heute Bestand hat. Also, ja, es gibt eine Karte des ganzen Kontinents, aber die ist noch unter Verschluss. Der Leser hat diesen, für die Geschichte relevanten, kleinen Ausschnitt. So behalte ich mir vor die Karte eventuell zu ändern, wenn ich mal andere Gebiete bearbeiten sollte. Aber zurück zur Frage. Es begann mit der Landkarte und der Überlegung, welche Völker auf dieser Welt leben sollen. Die ersten Ideen hatte ich mit sechzehn Jahren. Das ist jetzt über zwölf Jahre her! Ich wollte eine gewaltige Kampagne in der Welt ansiedeln, die keinen Stein auf dem anderen lässt. Daraus ist nie was geworden. Nur die Welt blieb. Und Tharador beginnt, wie die Kampagne beginnen sollte: mit Orks, die die größte Stadt des Kontinents im Sturm erobern. Ab da verlieren sich Rollenspiel und Roman. Ul’goth wollte so gar nicht als Schurke herhalten, und die Geschichte entwickelte sich. Ich ließ mich komplett von meinem Bauchgefühl treiben, deshalb auch die enorme Zeitspanne, die ich brauchte. Heute mache ich das anders.
: Da war also nun »Tharador« so gut wie fertig – und auf der Suche nach einem Verlag hattest du zuerst nicht so richtig Glück, oder? Wie kam es dann doch dazu, dass das Buch im österreichischen Otherworld-Verlag erschien?
Stephan R. Bellem: »Tharador« war 2004 fertig. In einer grauenhaften Erstfassung. Die schickte ich an zwei große Verlage. Und bekam von beiden ein identisches Absageschreiben mit unterschiedlichem Briefkopf. Ich hoffe, dass dort niemand die Leseprobe angesehen hat. *g* Nach jahrelanger Arbeit und maßloser Unwissenheit habe ich das Manuskript in einer »Euch zeig’ ich’s«-Stimmung einfach bei einem Print on Demand Verlag eingereicht. Mann, was war ich ein Trottel! Nach und nach informierte ich mich. Ich las, dass mein Roman nun verbrannt sei, dass man es so nie zu einem richtigen Autorenberuf bringen würde und eben die anderen Wahrheiten. Hätte ich mich mal früher informiert. Aber nun stellte sich eine »Jetzt erst recht«-Stimmung ein. Ich bin ein ziemlicher Sturkopf, wenn ich mir ein wichtiges Ziel gesetzt habe. Und Versagen war da keine Option. Ich hatte Blut geleckt und wollte mehr. Ich überarbeitete »Tharador«, holte mir die Rechte daran zurück. Dann las ich, dass Otherworld neue Autoren sucht. Ich habe Michael Krug eine Email geschrieben, und die erste Frage lautete ungefähr: »Ist Otherworld ein richtiger Verlag, oder wollen Sie Geld von mir?« Er wollte keines. Und ich hatte die Konzepte für den Rest der Trilogie – »Tharador« war einfach drauflos geschrieben, dass es ein Mehrteiler werden sollte, habe ich erst gegen Ende beschlossen.
Ich hatte wahnsinniges Glück, dass man bei Otherworld nach einem deutschsprachigen Autor suchte und dass mein Konzept überzeugen konnte. Es gab dann bei der Überarbeitung auch einige Änderungen im Detail, die alte Fassung mochte mir nicht mehr wirklich gefallen.
: Hattest du, als du »Tharador« eingereicht hast, schon ein stehendes Konzept für die beiden folgenden Bücher? Oder wolltest du erst einmal abwarten, ob der erste Teil der »Chroniken des Paladins« überhaupt bei den Lesern ankommen würde?
Stephan R. Bellem: Das Konzept stand, war aber nicht unverrückbar. In der Tat habe ich bei »Das Amulett« noch recht häufig meinem Bauchgefühl nachgegeben. Das tue ich übrigens immer. Meine Konzepte legen den Roman zu, sagen wir, 80% fest. Ich weiß, wie das Ende aussehen soll, welche Charaktere mitmischen und einige Schlüsselstellen, die ich unbedingt schreiben will, weil sie die Geschichte tragen. Der Rest ergibt sich dann durch den Fluss der Geschichte. Bei »Tharador« hatte ich kein Konzept. Ich hatte nur die Figur des Paladins. Und dann entwickelte sich die Handlung Schritt für Schritt. Man kann im Verlauf des Romans sehen, wie sich mein Stil über die Jahre veränderte. Ich war kurz versucht das zu ändern, finde es aber eigentlich ganz charmant. Manche Leser schreckt es ab, andere haben sich darüber gefreut. Bei »Tharador« war das auch kein Problem. Es war mein erstes Buch. Sollte es also völliger Mist sein, dann würde ich einfach aufhören. Als ich aber einen Vertrag über zwei weitere Bücher in der Hand hielt, da wusste ich, dass ich die Geschichte umfassend planen muss. Zu dieser Zeit machte ich mir ausführliche Gedanken über den Hintergrund der Welt Kanduras. Ihrer Götter und Dämonen. Die Chronik der Chroniken, sozusagen. Ich wollte in der Trilogie einen Teil davon erzählen, nicht zu viel, nur die Teile, die für die Geschichte des Paladins nötig wären. Und dann musste die ganze Handlung natürlich stimmig sein. Also plante ich Teil zwei und drei durch. Wobei hier anzumerken ist, dass das Ende des zweiten Bandes auch wieder aus dem Bauch heraus entstand. Auf dem Papier sollte das ganz anders aussehen.
: Dein Stil wird oft mit dem vom R. A. Salvatore verglichen. Was fasziniert dich an diesem Autor und inwiefern hat sein Schaffen und Werk dich bei deiner Arbeit an den »Chroniken des Paladins« beeinflusst?
Stephan R. Bellem: Ungefähr zu der Zeit, als ich begann Rollenspiele zu spielen, las ich »Der gesprungene Kristall« von Salvatore. Und seitdem lese ich so ziemlich alles von ihm. Ich mag sein Erzähltempo und die Charaktere, die er geschaffen hat. Wenn er sich auch ein wenig mit ihrer immer steigenden Macht verzettelt. In seinen neueren Werken liegt daher häufig mehr Spannung in der Entwicklung der Nebenfiguren, da die Helden unkaputtbar sind. Das ist ein Punkt, den ich weniger mag. Helden sollten sterblich bleiben. Aber ich mag die handfeste Action seiner Romane und eben sein Tempo. Wenn man jetzt die Chroniken speziell nimmt, dann kann ich mich von Einflüssen gewisser Mangas aber nicht freisprechen. Die Charaktere sind doch manches Mal deutlich überzeichnet. Eine meiner frühesten Intentionen war, mit den Chroniken einen Manga in Romanform zu schreiben. Allerdings habe ich dann recht früh einen Gang rausgenommen. Solche Dinge funktionieren als Bild. Im gedruckten Wort wird es da schon schwieriger. Aber ganz frei von solchen Einflüssen bin ich nicht.
: Wenn man sich die Romane und die gesamte Story einmal ansieht, dann schickst du deine Helden auf eine klassische Quest. Sie ziehen von einem Ort des Kontinenten Kanduras zum anderen, immer auf der Suche nach Artefakten oder Verbündeten, zunächst gegen den dunklen Magier Xandor, später sogar gegen einen bösen Dämonen-Gott. Funktionieren diese klassischen Motive der Fantasy einfach am besten, oder was war die Idee dahinter, gerade so eine klassische Geschichte zu wählen?
Stephan R. Bellem: Ah, da ist sie, die Frage nach dem Klischee. Mir fehlte eine traditionelle Fantasygeschichte. Heutzutage ist man viel zu sehr damit beschäftigt mit jedem Klischee zu brechen, dass der Klischeebruch selbst für mich zur »Standardkost« wird. Ich will das nicht verurteilen oder bewerten. Ich denke auch, dass sich Autoren im Grunde weniger darum scheren, als man annimmt. Ich zumindest schreibe, was ich selbst gern lesen würde. Und »Tharador« ist eine Hommage an die Sword & Sorcery der ’80er Jahre. Da kann und will ich mich gar nicht verstecken. Ich denke aber nicht, dass es eine Rangordnung gibt, welche Dinge funktionieren und welche nicht. Es gibt kein Rezeptbuch, das man aufschlägt und dann 400 Gramm Held mit zwei Eiern und einer Priese Zucker zu einem Romanteig verrührt. Ich erzähle die Geschichte von verschiedenen Charakteren. Was sie erleben, ist dabei fast zweitrangig, sondern eher ein Katalysator für ihre Entwicklung. Und für die Chroniken hat das wunderbar funktioniert. Andere Geschichten werden auch andere Rahmenhandlungen haben, da bin ich nicht festgefahren.
: Wo wir gerade bei »Klassikern« der Fantasy sind: Da hast du dich ja sehr bei den Standard-Völkern, wie wir sie von Tolkien und anderen Autoren kennen, bedient. Zwerge, Elfen, Orks, Gnome und Goblins begegnen uns da. Viele dieser Völker sind so geschildert, wie man es erwarten mag: Die Zwerge sind kämpferisch, auf eine grobschlächtige Art kumpelhaft freundlich und nie um einen kernigen Spruch verlegen. Die Elfen sind feinsinnig und haben leicht seherische Fähigkeiten. Die Gnome sind unterwürfig und kriecherisch und einer der Goblins … nun ja, nennen wir SnikSnik mal »sehr eigen« ...:-) Auch wenn du z.B. die Zwerge, insbesondere Khalldeg und seine adelige Familie, mit einem besonderen und eigenen Background ausgestattet hast, sind es die Orks, die sich in deinen Romanen fundamental von Schilderungen anderer Autoren unterscheiden. Wie kamst du gerade darauf, diese sonst eher als Feinde herhalten müssende klassische Fantasy-Rasse so zu bearbeiten, wie du es getan hast – nämlich fast diametral zu dem, was man sonst kennt?
Stephan R. Bellem: Die erste Szene mit Ul’goth besiegelte sein Schicksal. Wie er stolz in die Stadt einmarschiert, da fragte ich mich: »Was treibt ihn an? Ein ganzes Volk? Das können nicht bloß Wilde sein!«
Ich mag keine »Volksstempel«. SnikSnik ist ein anderes Beispiel dafür. Die Goblins werden in den Romanen zu Beginn als Horde blutgieriger Monster geschildert. Schon im zweiten Band sehen wir, dass sie verschieden sind. Und SnikSnik zeigt auch deutlich, dass er ein Individuum ist. Zu viel wollte ich aber nicht über den Haufen werfen. Man muss es mal so sehen: Die Völker, die man von Tolkien kennt, sind mit verschiedenen Werten und Handlungsmustern behaftet. Wenn ich einen Zwerg nehme, dann hat der Leser die Erwartung einen bärbeißigen, aber auch ehrlichen und treuen Charakter zu finden. Nun kann man mit dieser Erwartungshaltung spielen, wie ich das bei den Orks, Gnomen und Goblins teilweise getan habe. Man kann auch alle Erwartungen des Lesers über den Haufen werfen, aber das würde mir als Leser nicht gefallen. Ich will mich auch zurechtfinden. Man könnte auch die Eigenschaften einer Rasse auf eine andere übertragen, aber man gewinnt dadurch nichts. Nur eine andere Hülle. Da sehe ich keinen Fortschritt. Nur weil ich beispielsweise bärbeißige Felsenmenschen beschreibe, sind sie dennoch nur ein Zwerg in einer neuen Hülle. Die bekannten Völker zu verwenden, ihnen aber Charaktere zu geben, die aus dem Muster ausbrechen – das macht in meinen Augen viel mehr Sinn.

: Das Ende von »Das Buch Karand« – insbesondere die allerletzte Szene - lässt ja doch noch ein wenig Raum für Spekulationen. Können wir uns also in Zukunft über mehr Material zu und über Tharador und Kanduras freuen? Vielleicht einen weiteren Roman – oder gar eine neue Trilogie?
Stephan R. Bellem: Ja, ich werde definitiv wieder nach Kanduras zurückkehren. Ob ich diese letzte Szene wieder aufgreife, ist ungewiss. Ich habe einige Ideen für diesen riesigen Kontinent. Kanduras wird mein Spielplatz für klassische Fantasy, also Episches und Sword & Sorcery. Ob die neuen Sachen dann wieder klassische Mehrteiler werden, oder eher Einzelromane, die lose aufeinander aufbauen, das ist noch nicht klar. Ich mag beides, tendiere aber selbst mittlerweile ein wenig mehr zum Einzelroman. Aber ja, es geht definitiv zurück nach Kanduras, das kann ich schon versprechen.
: Du weist in diesem Zusammenhang auch immer gerne auf zwei Anthologien hin, an denen du beteiligt bist. Kann man darin noch mehr von Tharador und seinen Gefährten lesen?
Stephan R. Bellem: Ja, in einer davon. Als ich gefragt wurde, ob ich für Ueberreuter eine Kurzgeschichte verfasse, die in der Anthologie »Fantastische Kreaturen« erscheinen würde, da war mir nach kurzem Überlegen klar, dass es nur ein Wesen gab, das ich genauer beleuchten wollte: Ul’goth. Meine Geschichte dreht sich um die orkische Mannwerdung und Ul’goths Schicksal. Man muss sie nicht gelesen haben, um die Chroniken zu verstehen, sie vertieft aber das Verständnis über Kanduras im Allgemeinen und Ul’goth im Speziellen. Die zweite Anthologie, »Das Glück Saramees« spielt auch in der Welt Saramee. Das ist ein tolles Projekt, an dem viele engagierte Autoren arbeiten. Und ich empfand es als große Ehre, für die Anthologie eingeladen zu werden. Dass mein Beitrag am Ende noch der Namensgeber der ganzen Anthologie wird, das war geradezu fantastisch. Jedenfalls hat meine Geschichte da gar nichts mit den Chroniken zu tun. Es ist vielmehr die Erzählung eines Jungen, der nach Saramee »auswandert«, das verheißene Land, und dann eben mit der Realität konfrontiert wird.
: Zurzeit arbeitest du an einem Roman, dessen Arbeitstitel mit »Lichtweber« angegeben wird, und der bei Ueberreuter erscheinen wird – welche ja vor etwa einem halben Jahr auch den »Otherworld«-Verlag übernommen und als Fantasy-Label in ihr Programm integriert haben. Das Genre wird »Urban Fantasy« sein. Was stellst du dir unter diesem Begriff vor, und kannst du uns schon etwas über »Lichtweber« erzählen? Wird es ein einzelner Roman, eine neue Trilogie oder gar – bei entsprechendem Erfolg - eine Roman-Reihe? Und was sind die darauf folgenden Projekte, falls du über sie schon sprechen kannst?
Stephan R. Bellem: Oh, da sind ein paar Dinge nicht ganz richtig. Lichtweber ist keine Urban Fantasy, sondern ein düsterer, epischer Stoff. Außerdem bin ich damit schon fertig, also der Roman ist schon durchs Lektorat und wird Anfang 2010 erscheinen, soweit ich weiß. Einen genauen Termin gibt es nicht. Momentan arbeite ich an einem anderen Roman, diesmal wirklich »Urban Fantasy«, der auch 2010 erscheinen wird, aber erst irgendwann im Herbst. Beides sind erst mal Einzelromane, die auch in sich abgeschlossen sein werden. Mehr kann ich nicht sagen, außer, dass »Lichtweber« nicht der finale Titel sein wird. Wie das Buch dann aber heißt, das muss noch unter Verschluss bleiben, aber glaub mir, wenn du ihn und den Klappentext siehst, dann weißt du, wie die Klassifizierung als düstere Epik zu verstehen ist. *g* Was danach kommt, ist noch nicht sicher. Es gibt eine Menge verschiedener Konzepte, die ich hier liegen habe. Eines davon ist ein klassischer Thriller, weg von der Fantasy. Nach der Buchmesse weiß ich mehr.
: Es gibt im »Buch Karand« eine Szene, bei der Ork-König Ul’goth vom Ork-Schamanen Nnelg auf eine Geistreise-Suche nach dem verschollenen Tharador geschickt wird. Dabei reist das Bewusstsein des Orks in eine seltsame sumpfige Gegend, in der es ein pyramidenartiges Bauwerk gibt, in dessen düsterem Inneren sich nicht nur ein beeindruckender Thron befindet, sondern auch tote Seelen zu ihm sprechen. Diese Szene wird nie wieder erwähnt, das dort Erlebte nicht wieder aufgegriffen. Was hat es mit dieser Szene auf sich, und werden wir jemals erfahren, worauf du hier angespielt hast?
Stephan R. Bellem: Die Gestalt wurde ja bereits enthüllt. Ich muss gestehen, dass man, bei sehr genauem Lesen, erahnen kann, was es mit Ul’goth, der Gestalt auf dem Thron und den möglichen Auswirkungen für Kanduras auf sich hat. Aber ich habe es eben gut versteckt. Mein Geschenk an die Leser, die gerne nach Gerüchten suchen und Textschnipsel ausgraben, die ihre Theorien belegen. Die Szene wird absichtlich nicht mehr angesprochen, weil sie bereits das Konzept für einen weiteren Roman ist, den ich hoffentlich schreiben werde. Ul’goth fasziniert mich ungemein. Und ich hätte da einige Ideen für ihn, angefangen am Ende der Kurzgeschichte. Die Szene war für »Das Buch Karand« sekundär, das gebe ich zu. Aber ich möchte mit meinen Kanduras-Romanen einen übergreifenden Bogen schaffen. Jeder Roman soll für sich gelesen werden können, aber als Ganzes ergeben sie dann weitaus mehr. Also, bevor ich mich verplappere – die Szene ist immens wichtig für Kanduras, und ich habe noch einiges vor.

: Deine »Paladin«-Trilogie hat mir vom Aufbau her sehr gefallen, auch wenn ich – wie so oft bei Trilogien – den Mittelteil etwas weniger gut fand als den Anfang und das Finale. »Tharador« war eine tolle Einführung der Charaktere und ein klassisches Zusammenführ-Abenteuer mit einem überraschend runden Ende. »Das Amulett« enthielt für meinen Geschmack am Anfang ein bisschen zuviel Politik, die zwar nötig war, um die Verhältnisse in Kanduras neu auszurichten und zu klären, die eigentliche Geschichte aber auch ein bisschen ausbremste, während aber auch die Charaktere mehr in den Vordergrund rückten. »Das Buch Karand« bringt alles zu einem tollen und runden Ende und ist auch stilistisch das am meisten ansprechende, wie inhaltlich das abwechslungsreichste der drei Bücher. Hast du selbst einen Favoriten unter den dreien? Und wenn ja, wegen welcher Dinge darin oder Erinnerungen, die damit verbunden sind?
Stephan R. Bellem: Das ist eine ganz schwierige Frage. Prinzipiell ist immer das neuste Buch mein Liebling, weil ich es nach vier geschriebenen Romanen noch immer als mein bestes bezeichnen kann, ich mich also vom eigenen Gefühl her, von Mal zu Mal steigere. Einen klaren Favoriten kann ich aber nicht nennen. Ohne »Tharador« hätte es die beiden anderen nie gegeben. Ihm verdanke ich überhaupt meine ganze schriftstellerische Laufbahn. »Das Amulett« zeigte eine neue Facette meines Schaffens, indem es deutlich das Tempo rausnahm und sich mehr auf charakterliche Details konzentrierte. Und dann ist das »Das Buch Karand«, in dem ich alles bisher gelernte (man lernt als Autor bei jedem Text etwas dazu) voll umsetzte und eine, für mich, perfekte Mischung aus Action und Tiefgang bereithielt. Es rundet die Trilogie ab und hat, glaube ich, einige große Momente. Das »Banner« vor Berenth, beispielsweise. Und es hat unverwechselbare Charaktere, wie SnikSnik und Rhelon, auch Dezlot wird sehr viel wichtiger. Man kann über die drei Romane meinen Reifungsprozess als Autor betrachten. Darum sind sie alle gleich wichtig, ich kann da wirklich keine Hitliste machen.
: Bei der reichhaltigen Geschichte und den vielen Personen, die in den Romanen mitspielen, fiel es mir beim zweiten und insbesondere beim dritten Teil schwer, zu Beginn nach mehrmonatiger Lesepause wieder in die Story hineinzufinden. Du hast bewusst auf eine Zusammenfassung am Anfang der Folgeromane zu »Tharador« verzichtet. Warum diese Entscheidung, wo der Leser sicher diese Auffrischungen hätte gebrauchen können?
Stephan R. Bellem: Um ehrlich zu sein, mir war nicht bewusst, dass man das vermissen würde. Ich selbst vermisse so etwas nie, habe aber auch ein sehr gutes Gedächtnis für Stories, weshalb ich ein Buch nie zweimal lesen kann, leider. Außerdem habe ich – so glaube ich – alle wichtigen Informationen auch im Roman eingeflochten, wenn sie benötigt wurden. Ich mag diese »Was bisher geschah«-Texte nicht. Man muss da einen Kompromiss finden. Ein Leser, der alle drei Bände hintereinander wegliest, der muss eine Zusammenfassung erst überblättern. Nach einem Jahr Pause mag es hilfreich sein, aber ich habe wirklich darauf geachtet, dass es für das Verständnis des Romans nicht nötig ist und für ein schöneres Gesamtbild der Romane darauf verzichtet.
: Noch eine unangenehme Sache muss ich ansprechen, nämlich die massenweise auftretenden Rechtschreib-, Wort-, und Satzzeichenfehler in »Das Buch Karand«. Beinahe auf jeder Seite kann man da etwas finden, es fehlen Buchstaben und teils ganze Worte. Einmal wurde sogar ein Kapitelumbruch komplett nicht gesetzt. Was ist da schief gelaufen, zumal in den ersten beiden Romanen eine solche Masse an Fehlern nicht aufgetreten ist? In diesem Zusammenhang hast du auch mal eine eventuelle Neuauflage, die du dir wünschst, angesprochen. Wie könnte die – außer mit den nötigen Korrekturen natürlich – aussehen und gibt es da schon konkrete Pläne?
Stephan R. Bellem: Ich könnte jetzt eine ganze Latte an guten Gründen aufzählen, die das erklären – aber leider nicht entschuldigen. Deshalb versuche ich das auch gar nicht. Du hast ja richtig erkannt, dass da einiges schief gelaufen ist. Die Schuld liegt sicherlich bei mir, denn als Autor gibt man die Druckfahnen frei. Leider war der Juni ein ziemlich beschissener Monat, den ich privat gerne aus dem Kalender gestrichen hätte. Aber das ist nun mal keine Entschuldigung. Eine mögliche Neuauflage ist natürlich noch gar nicht im Gespräch, das war reine Theorie. Aber wenn es mal eine geben sollte, dann wird sie bis auf die Fehlerkorrekturen unverändert sein. Das Ganze könnte aber nur nach Abverkauf der ersten Auflage geschehen, wenn überhaupt. Jedenfalls halte ich nichts davon, bei Büchern eine Extended Edition zu veröffentlichen. Sicherlich würde ich mit meiner Erfahrung von heute »Tharador« ganz anders angehen, aber der Roman ist wie er ist. Also, ja, leider hat »Das Buch Karand« viele Fehler, die den Lesegeschmack leider trüben. Niemand ärgert sich darüber mehr als ich selbst. Ich kann’s leider nicht ändern. Vielleicht fällt mir noch was ein, wie ich die Käufer von »Das Buch Karand« dafür entschädigen kann.
: Stephan, vielen Dank für deine ausführlichen Antworten und die Zeit, die du dir für das Interview genommen hast. Wir vom Geisterspiegel wünschen dir für deine weiteren Projekte alles Gute, und natürlich bleiben wir dir als Leser treu und erhalten.
Stephan R. Bellem: Ich danke euch für das Interesse. Ich hatte sehr viel Spaß mit deinen Fragen. Und wer als Leser mit mir in Kontakt treten will, die Email-Adresse steht auch meiner Homepage www.srbellem.de.
Das Interview führte Sascha Vennemann, Anfang September 2009, per Email.
© Sascha Vennemann