Sie sind hier: Startseite - Background - Interviews - Nicole Schuhmacher


Interview mit Nicole Schuhmacher

im Gespräch mit Nicole Schuhmacher

Seit Oktober liegt das Erstlingswerk der Autorin »Sturmträume« bei Heyne vor. Ein Fantasyroman, zu dessen ersten Lesern Markus Heitz gehörte und der letztendlich nicht ganz unschuldig daran ist, dass dieses Buch erschien.
Nicole Schuhmacher ist Rollenspielerin, Ehefrau, Mutter und nun auch Autorin. Als studierte Diplomsoziologin interessiert sie sich für Militärsoziologie, was sich in ihrem Debütroman widerspiegelt. Der Geisterspiegel fragte bei Nicole Schuhmacher nach, was es mit den Sturmträumen auf sich hat.

: Hallo Nicole, zuerst einmal vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, mir ein paar Fragen zu deinem Roman »Sturmträume« zu beantworten.
Bitte stell dich unseren Lesern doch zunächst einmal vor.

Nicole Schuhmacher: Ich bin 43 Jahre alt, verheiratet, Mutti eines fast 6 Jahre alten Jungen, arbeite an fünf Tagen in der Woche bis zu 10 Stunden täglich in der Fuhrparkverwaltung eines Konzerns, habe viele Hobbies, zu denen auch Rollenspielen und Sammeln gehört ... und ich nutze die Zeit zwischen 5 und 7 Uhr in der Früh zum Schreiben.

: Du interessierst dich für Militärsoziologie. Das hört man nun nicht sehr oft. Woher rührt dieses Interesse?

Nicole Schuhmacher: Ursächlich Schuld an meinem Interesse für alles Militärische war wohl ein Kinderbuch, das ich geschenkt bekam, als ich sieben Jahre alt war ... »Prinzessin Kaktus« hieß es und handelte von einem Mädchen, das in einem Fort der Fremdenlegion aufwuchs. Es beeindruckte mich damals zutiefst. Als ich später Organisationssoziologie als Nebenfach belegte, war der Sprung zur Militärsoziologie nicht weit.

: Bleiben wir gleich beim Militärischen. In »Sturmträume« erarbeitest du politische Konflikte und deren Lösung auf militärischer Basis – natürlich mit den Mitteln der Fantasy. Zwei Königreiche, ein Herzog, die Matriarchin des Königs und mittendrin die Hauptprotagonistin Rika. Gab es dafür historische Gegebenheiten, die du auf deine Weise verarbeitet hast oder ist diese Konstellation extra von dir so konstruiert worden?

Nicole Schuhmacher: Falls es so aussieht, als hätten tatsächliche historische Gegebenheiten für die politische Konstellation in »Sturmträume« Pate gestanden, dann ist das Zufall. In der Schule muss ich in Geschichte direkt nach der Antike eingeschlafen und erst wieder aufgewacht sein, als Napoleon an der Reihe war ...
Die Geschichte der Thäler und ihrer Nachbarn, ihre politischen und militärischen Verhältnisse habe ich mir eigens ausgedacht. Nachdem ich mir die Landkarte zum allerersten Mal auf einen Zettel gezeichnet hatte und mir vorstellte, wer wo aus welchem Grunde wie herrschte, war mir ziemlich klar, wie die ganzen Reiche und ihre jeweiligen Regenten zueinander stehen mussten.

: Du hast für »Sturmträume« eine ganze Welt erschaffen. Entstand die Welt erst beim Konzipieren und Schreiben des Romans oder hast du sie vorher entwickelt?

Nicole Schuhmacher: Von der »Sturmträume«-Geschichte selbst entstanden in meiner Vorstellung zuerst einige der Figuren ... das war im Sommer 2001, im Urlaub in Südfrankreich. Die platzierte ich provisorisch in einer der Umgebung ähnlichen Landschaft, um über sie zu schreiben. Als ich genügend Schreib-Fragmente zusammen hatte, entwickelte ich die Welt um die Personen und die Geschichtsfetzen herum - und aus dieser Welt heraus entstand dann der Rest der Geschichte. Einige der Elemente gab es allerdings schon lange vor meinem allerersten Konzept für die Geschichte, aus der »Sturmträume« werden sollte: Die ersten Verjig tauchten in einer Story auf, die ich 1988 geschrieben hatte.

: Inwieweit kam dir das Rollenspiel für das Schreiben des Romans zugute? Und wie entstand überhaupt die Idee, den Roman auf diese etwas andere Art zu entwickeln? Ohne Elben, Zwerge, Orks, dafür mit Kriegsautomaten, kein Gut-Böse-Konflikt im eigentlichen Sinn usw.

Nicole Schuhmacher: Die vielen Jahre als Rollenspiel-Leiterin haben mich natürlich in gewisser Weise geeicht. Auch da wurde von mir verlangt, Gegenden zu erschaffen und diese mit Geschichte, Kultur und »lebendigen« Kreaturen zu bevölkern. Auch mochte ich es nie, wenn Gegner im Rollenspiel nur um des 'böse sein' willens böse waren. Ich meine, was ist das denn bitteschön für eine Begründung ...? *g*
Was die Idee für den Roman angeht, waren ja zuerst die Figuren da - und ich wollte eben über genau die Gestalten schreiben, die mir im Kopf herum spukten. Da waren einfach weder Elben noch Orks noch Zwerge dabei ...
Die Automaten wiederum hatten ihren Ursprung im Urlaub von 2002, genauer gesagt in Roussillon in der Hochprovence. Als wir in Roussillon eintrafen, waren gerade ordentliche Regenschauer im Anmarsch; um nicht völlig nass zu werden, drängte ich mich unter einer Markise herum, die ein Schaufenster beschattete. Und als ich ins Schaufenster sah - da starrten mir die Glasaugen einer historischen Modepuppe entgegen! Sie war lebensgroß, wohl aus dem späten 18. oder frühen 19. Jahrhundert, aus Holz und Metall ... und ich erschrak fürchterlich. Als ich mich von dem ersten Schrecken erholt hatte, wurde mir klar, dass meine Geschichte unbedingt Automaten brauchte!

: In meiner Rezension habe ich erwähnt, dass es dir besonders gut gelungen ist, die Grautöne zwischen Gut und Böse herauszuarbeiten, indem du die Geschichte aus der jeweiligen Perspektive der Protagonisten erzählst. So werden die Jixur nicht als Feind, sondern als Volk vorgestellt, der König bekommt aus seiner Denkweise heraus genauso edle Handlungsmotive wie die Königin, selbst die Spionin glaubt an das Gute in dem, was sie tut. Wer ist letztendlich aus deiner Sicht am ehesten der Gute, wer der Böse? Welchen deiner Figuren wünschst du am meisten, dass sie das Herz der Leser erobern?

Nicole Schuhmacher: Rika als Hauptperson ist zunächst einmal unverschuldet Leidtragende des ganzen Schlamassels, weswegen ich dazu tendiere, ihr gegenüber am nachsichtigsten zu sein. Aber das macht sie nicht automatisch gut ... bloß menschlich. Am weitesten von meiner eigenen Denkweise entfernt ist die der Königin, aber für böse halte ich sie deswegen trotzdem nicht. Das Prädikat »eigennützig« hat sich hingegen in erster Linie die Matriarchin verdient ...
Meine persönliche Lieblingsfigur ist Shoran, der vierarmige Soldat. Dabei war er nicht einmal als eine der Hauptfiguren vorgesehen, aber das hat sich während des Schreibens einfach so ergeben. Wem ich außerdem noch viele Sympathien wünsche: dem Jixur Sarrias, denn der alte Knabe tut mir einfach Leid.

: Rika ist die Hauptprotagonistin, auf deren Weg der Leser sie begleitet. Rika ist eigenwillig, ängstlich und stark zugleich, manchmal etwas vorlaut. Gibt es ein reales Vorbild für diese Figur?

Nicole Schuhmacher: Ein reales Vorbild für Rika gibt es nicht, aber auch ich war einmal sechzehn Jahre alt und sehr verträumt... und ich wette, dass ich ähnlich eigenwillig und vorlaut war wie sie. Heute bin ich eher ängstlich *g*. Aber Rika hat auch jede Menge Eigenschaften, die ich nicht mit ihr teile - zum Beispiel ihren Mut und den unbedingten Willen, etwas zu Ende zu bringen, was sie begonnen hat.

: Du lässt gnadenlos einige Figuren sterben. Aus militärischer Sicht ist das natürlich nahe an der Realität, aus Sicht der Fantasy in diesem Umfang eher ungewöhnlich. Hast du es bei einigen Figuren schon bereut, dass sie tot sind, besonders unter dem Aspekt, dass ein 2. Roman schon in Planung oder sogar Arbeit ist?

Nicole Schuhmacher: Gegenüber früherer Geschichten habe ich mich bei »Sturmträume« mit dem Figurensterben ziemlich zurückgehalten, dementsprechend fühle ich keinen Grund zur Reue *g*. Auch wird es im Nachfolgeband - der tatsächlich in Arbeit ist - etliche neue Figuren geben. Aber immerhin hat eine Testleserin mit ihrem scharfen Protest (und den bitterlichen Tränen ;-)) wesentlich dazu beigetragen, dass eine Figur nicht über die Klinge gesprungen ist, die eigentlich dafür vorgesehen war ...

: Du hast den Jixur sehr ungewöhnliche Namen gegeben, bei den Menschen hingegen sehr einfache Namen verwendet. Damit wird zwar der Unterschied der Völker veranschaulicht, doch meines Erachtens haben die Jixur einfach zu viele Konsonanten in ihren Namen, als dass ich sie mir während des Lesens alle hätte merken können. Wie sind diese Namen entstanden und hast du dir darüber im Vorfeld bei Testlesern, Freunden u.a. Rat eingeholt?

Nicole Schuhmacher: Die Jixur besitzen sowohl Attribute von Raubkatzen als auch von Pferden, grollen und fauchen und schnauben oft, zudem dürften sie mit ihren Gebissen Schwierigkeiten mit Labiallauten haben. Ich stellte mir also einfach vor, wie sie selbst ihre Namen aussprechen würden, und machte es dann nach. Man könnte auch »method acting« dazu sagen ...*g*
Rat eingeholt habe ich dazu nicht, aber es hat sich auch keineR meineR TestleserInnen an diesen Namen gestoßen.

: Apropos Testleser, Markus Heitz, ich erwähnte es oben schon, ist nicht ganz unschuldig daran, dass dein Roman erschien. Ihr kennt euch schon sehr lange, euer gemeinsames Hobby ist das Rollenspiel. Inwieweit hat dich Markus als Autor beeinflusst? Ist er dein schriftstellerisches Vorbild und was schätzt du an seinem Stil besonders?

Nicole Schuhmacher: Ja, wir kennen uns schon sehr lange und sind sehr gute Freunde, und wir haben neben dem Rollenspiel auch immer geschrieben und gegenseitig unser Geschriebenes gelesen. Beeinflusst hat mich Markus insofern, als er mich letztendlich dazu überredet hat, den Versuch zu wagen und tatsächlich etwas zu veröffentlichen. Eigentlich war das nie meine Absicht gewesen ... ich habe nur für mich und einige wenige Freunde geschrieben, bis Markus mich zu der Kooperation in Sachen Solo-Rollenspielbücher überreden konnte. Da war der erste Schritt getan - das Veröffentlichen tat nämlich überhaupt nicht so weh, wie ich befürchtet hatte :-).
An Markus' Stil liebe ich besonders, dass er einerseits eingängig und flüssig und immer treibend ist, aber dann sehr abrupt auch wieder ungemein grafisch und detailliert sein kann. Meine schriftstellerischen Vorbilder sehe ich allerdings in einer ganz anderen Ecke: von Isaac Asimov habe ich so viele Bücher gelesen - um nicht zu sagen inhaliert - , dass ich mir wünschte, sein grandios simpler Stil würde auf mich abfärben. Und ich wünschte mir, ich könnte Fakten so spannend und kurzweilig aufbereiten wie Mark Bowden, ohne dabei den Zeigefinger zu sehr zu heben oder polemisch zu werden.

: »Sturmträume« lässt einige Dinge offen, die genügend Spielraum für eine Fortsetzung bieten. Das Schicksal von Rikas Freundin Brice aus der Klosterschule ist das erste im Roman, welches ungewiss bleibt. Wird es ein Wiedersehen mit Brice geben?

Nicole Schuhmacher: Vielleicht.

: Möchtest du uns an dieser Stelle schon etwas verraten, was für den 2. Teil geplant ist? Und ob es daneben auch andere Projekte gibt, auf die die Leser sich freuen können?

Nicole Schuhmacher: Im 2. Teil werden wir Rika und einige andere der Protagonisten aus »Sturmträume« durch den zweiten Sturmwerkerkrieg begleiten, aber auch völlig neue Leute, neue Orte und neue Blickwinkel kennenlernen. Mehr möchte ich jetzt aber nicht verraten ...
In der Schublade habe ich unter anderem ein apokalyptisch-militärisch-absurdes Projekt, an dem ich seit über zehn Jahren immer mal wieder schreibe. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob das etwas »für unter Leute« ist oder besser in meiner Schublade bleiben sollte!

: Ich danke dir für das Interview und wünsche dir viel Erfolg und alles Gute.

Nicole Schuhmacher: Ich habe zu danken!

Das Interview führte Anke Brandt.

Foto: Anhur (Fotograf von »Fotos der Nacht«)

 

© by 2009
nach oben Zurück Optimiert für 1024x768 Pixel
im IE & Mozilla Firefox