
: Ihr schreibt schon ein halbes Leben lang. Welches waren eure größten kommerziellen und welche die persönlichsten Erfolge?
Iny: Der persönlichste Erfolg war eigentlich, dass wir uns kennen gelernt haben und gelernt haben, miteinander zu arbeiten. Denn Schreiben miteinander ist nicht einfach. Das bedeutet viel Toleranz, viel Ausgeglichenheit und Ruhe.
Der größte kommerzielle Erfolg war natürlich „Die Wanderhure“. Die ist allein als Taschenbuch fast eine Millionen mal jetzt auf dem Markt. Es stand 136 Wochen auf der Backlist und ist bei Weltbild 300.000 mal veröffentlicht worden. Wenn man alles zusammenrechnet, könnte bei „Die Wanderhure“ alleine 1,4 Millionen zusammen kommen. Insgesamt haben wir 5 Millionen Veröffentlichungen, 5 Millionen einzelne Bücher, Hörbücher, Taschenbücher, die verkauft worden sind.
: Wie kamt ihr ausgerechnet auf Geschichten, die im Mittelalter angesiedelt sind? Was war dafür der spezielle Grund?
Elmar: Wir haben uns von Jugend an für das Mittelalter interessiert und haben sehr viele Romane gelesen aus dieser Zeit. Dann auch ging es weiter mit Alexandre Dumas, der schon in die Neuzeit hineingekommen ist. Und viele andere. Dies waren alles Namen, die mit Romanen verbunden waren, die auch in mir und in meiner Frau das Interesse am historischen Roman geweckt haben. Wir hatten auch noch das Interesse an der Historie selbst, und durch das Lesen von Sachbüchern kam unweigerlich der Gedanke, dass man auch mal das machen muss.
: Wie aufwendig sind die Recherchen für eure historischen Romane gerade vor dem Hintergrund der Zeiten, an denen sie angesiedelt sind?
Iny: Das ist relativ aufwendig. Wir haben, allerdings ohne das Ziel jetzt, die Sachen zu schreiben, schon auf unseren Reisen im Wohnwagen und im Zelt vorher uns Informationen zu den Orten besorgt, über die Zeit im Mittelalter und frühe Neuzeit. Wir wollten wissen: Wie war es denn früher hier? Und haben schon eine ganz große Sammlung von solchen Informationen. Dann haben wir in Sachbüchern gelesen und durch Zufall die Dinge auch verbunden, da wir sie in mehreren Büchern wiedergefunden haben. Schließlich haben wir, wenn wir geschrieben haben, uns DVD’s besorgt, haben im Internet später recherchiert. Anfangs hatten wir noch keins. Man kann sagen: Von den anderthalb Jahren, die wir mindestens für ein Buch brauchen, geht fast ein Jahr für Recherche drauf. Und ein halbes Jahr schreiben wir.

: Und wo findet ihr nun die meisten Antworten auf eure Rechercheanfragen?
Elmar: Meistens in den Chroniken kleiner Städte und Ortschaften und in geschichtlichen Beschreibungen von Gegenden, sprich, alten Landschaften. Da gibt es immer wieder Historiker, die da was machen; teilweise in kleinen Verlagen, die man dort in den Buchläden kaufen kann oder auch in der Touristinformation, die die Sachen vorliegen haben aus alter Zeit. Ich habe für die Recherche zum nächsten Roman eine Faksimile aus einer Chronik von 1780 etwa bekommen.
: Betreibt ihr die Recherche allein oder bedient ihr euch auch manchmal der Unterstützung Dritter?
Elmar: Gelegentlich nehmen wir die Hilfe Dritter in Anspruch, wenn es um Sachen geht, die in anderen Sprachen sind, die wir nicht verstehen. Unsere Agentur hat Leute, die ausgezeichnet französisch, italienisch und auch spanisch können.Darauf können wir jederzeit zurückgreifen. Sie übersetzen uns auch einzelne Passagen und besorgen uns Sachen eben aus dem Kulturkreis, die wir noch brauchen.

: Das Konstanzer Konzil von 1414 bis 1418 ist der historische Hintergrund sowie ein Kernelement des Handlungsaufbaus für euren Erfolgsroman „Die Wanderhure“. Was hat euch dazu bewogen, gerade dieses historische Ereignis als Handlungsplattform zu wählen?
Iny: Da bin ich schuld. Ich habe vor vielen vielen Jahren ein Buch von Fernau gelesen, das hieß „Und sie schämeten sich nicht“. Und in diesem Buch war ein Zitat von Oswald von Wolkenstein über das Konstanzer Konzil, das ungefähr so lautete: „Vor dem Konzil gab es drei Hurenhäuser in der Stadt. Nach dem Konzil nur ein einziges, aber das reichte von einem Stadttor zum anderen.“ Da habe ich mich immer gefragt: Wie bricht in einer solchen Zeit, über die ich schon gelesen hatte, die soziale Beziehung so zusammen, dass jemand über eine Stadt das sagen kann. Und weil mein Mann auch hochgradig historisch interessiert und beinahe ein wandelndes Lexikon ist, habe ich ihn darauf angesprochen. Zwar nicht nur einmal, sondern bei passender Gelegenheit so vier- oder fünfmal. Als wir eines Tages überlegt haben: ok, was machen wir als nächstes? Das war ja nicht unser erster, sonder unser zweiter historischer Roman, der auch veröffentlicht wurde. Da hat er etwas lachend darauf hingewiesen, das wäre doch ein interessantes Thema. Und er hatte sich auch bereits überlegt, wie wir es angehen und hat mir danach einfach genau erzählt, wie wir dieses Thema angehen sollten.
Elmar: Ja gut, man darf eins nicht vergessen. Nach dem Konzil war für eine Generation die schlimmste Beleidigung, die in Konstanz einem anderen zugefügt werden konnte, der Name „Konziliumskind“.

: Mittelalterliche Geschichte ist oft deckungsgleich mit Kirchengeschichte. Geht hiervon eurer Meinung nach eine besondere Faszination aus? Kann hierin aber nicht auch eine potenzielle Gefahr lauern, bestimmte Leserkreise abzuschrecken, gerade weil unsere Gesellschaft zunehmend „entchristlicht“ wird und somit das nötige Hintergrundwissen fehlt, um eure Erzählungen in deren Gesamtheit zu erfassen?
Elmar: Wir versuchen, jeden Roman so zu schreiben, dass er von jemandem gelesen werden kann, der nicht das Grundwissen über diese Zeit, diese Epoche und diese Kultur hat. Das gelingt uns manchmal besser, manchmal nicht ganz so gut. Viele unserer Leserinnen gefallen zwei Romane nicht so hundertprozentig, das sind „Die Löwin“ und „Die Tatarin“. Das sind die beiden Romane, die wir am engsten an der Geschichte entlang geschrieben haben, die aber von anderer, sehr kompetenter Seite mit als unsere besten genannt werden. Eben, weil man die Hintergründe versteht.
: In Zeiten, in denen das Schulfach Geschichte immer mehr an Bedeutung verliert und das allgemeine Interesse gerade junger Leute an Geschichte immer mehr zurück geht, erleben gerade sogenannte historische Romane einen Aufschwung. Wie erklärt ihr euch das persönlich?
Iny: Ich weiß nicht, wie heutzutage Geschichte gelehrt wird in der Schule. Aber für mich war dieses Fach eine absolute Enttäuschung, weil ich nicht erfahren habe, wie die normalen Leute lebten. Ich habe Zahlen auswendig lernen müssen und Kaiser auswendig lernen müssen und Kriegszüge auswendig lernen müssen. Das hat mich nicht interessiert. Wenn das heute ähnlich ist, kann man keinen Hund mehr hinterm Ofen hervor locken. Wenn man Geschichte vermitteln will, muss sie lebendig sein. Da müssen die Personen und die einfachen Leute heraustreten aus dem Schatten. Da muss man zeigen, wie sie gelebt haben und was ihre Interessen waren, welchen Schwierigkeiten sie gegenüber standen. Wer interessiert sich denn, zum Teufel noch mal, heute noch für einen Kaiser? Höchstens wir, da wir da ein paar Lieblinge haben.
: Seitens der historischen Fachwissenschaftlerzunft wird der Belletristik oft der Vorwurf entgegen gebracht, dass sie den wissenschaftlichen Kerngehalt gerade der mittelalterlichen Geschichte banalisiere. Wie steht ihr zu solchen „Vorwürfen“?
Elmar: Erstens bin ich der Ansicht, dass man den Leuten überhaupt mal einen Überblick über diese Zeit geben soll, damit sie wissen, wie es in etwa damals war. Ich kann aber den Leuten natürlich es in einer fachwissenschaftlichen Darlegung bringen, die keiner versteht, oder in einem Roman, der sich diese Zeit herausgreift und die auch erklärt. Natürlich kann man in einem Roman nicht jenes Fachwissen so ausbreiten, das man als promovierter Historiker hat. Das können auch unsere Kollegen, die studiert haben, die Geschichte studiert haben, nicht tun. Sie sagen selbst: Das liest kein Mensch. Man muss den Leuten eine lesbare Kost bieten, um ihnen überhaupt das Interesse an diese Zeit wieder ins Gedächtnis zu rufen.
: Die nächste Frage habt ihr eigentlich schon beantwortet. Aber ich will es doch noch mal konkret wissen. Würdet ihr sagen, dass man als Laie durch die Lektüre eurer Romane durchaus etwas über das Mittelalter an sich lernen könnte?
Iny: Ich denke, ja. Wir versuchen, es ziemlich real darzustellen, keine Verschiebungen, keine Verfälschungen. Natürlich nehmen wir normale Sachbücher zur Hand. Wir bringen aber hinterher immer eine historische Zusammenfassung, einen Überblick, dass sich unsere Leser dann die reine Geschichte noch einmal vor Augen führen können. Und wir hoffen, dass wir mit unseren Büchern das Interesse an historischen Sachbüchern wecken, dass sie sich einlesen in die Geschichte. Aber bitte schön: Studieren sollen sie sie ja nicht.

: Auf der Internetseite eines namhaften Medienkonzerns findet sich unter den Kundenbewertungen zu dem Buch „Die Pilgerin“ folgendes Urteil einer Leserin aus Freiburg:
„*gähn* ... wieder eine arme Frau, die unverdient in Nöte gerät, sich als Mann verkleidet und die große Liebe findet. Zugegeben neu ist, dass sie sich zwischen zwei Männern entscheiden muss ... eigentlich ist es egal, welches Buch man von beiden Autoren liest, sie sind völlig austauschbar – kennste eines, kennste alles. Um es nicht schlimmer zu machen als es ist: man kann das schon lesen und ist unterhalten ... aber begeistert bin ich nicht mehr.“
Wie steht ihr zu dem Vorwurf dieser Leserin, dass alle Romane von euch gegeneinander austauschbar seien, da sie, zugegebenermaßen, zumeist weibliche Protagonisten zum Gegenstand haben, denen Unrecht in einer Zeit widerfährt, in der Frauen nicht gerade als Stütze der gesellschaftlichen Ordnung gesehen wurden?
Elmar: Nun ja, man kann denselben Vorwurf auch den Krimiautoren machen. Da gibt es auch einen Kommissar. Und am Ende wird der Mörder gefasst. Ich kann hier nur das sagen, was unsere Agenturlektorin sagt: Wir schreiben sehr unterschiedliche Romane und wir schreiben sie unter sehr verschiedenen Blickwinkeln aus. Und solange quasi unsere Lektorin der Ansicht ist, dass die Romane unterschiedlich sind, gebe ich nicht so viel auf diese Kritik.
Iny: Vor allen Dingen ist es eins: Die historischen Hintergründe sind unterschiedlich, die Situationen sind unterschiedlich. Aber da wir 25 Jahre verheiratet sind und auch schon etwas zusammen gelebt haben, ist es für uns wichtig, dass die arme Protagonistin auch ihr Glück findet. Denn wir wollen ein bisschen von dem Glück, was wir erleben, so auch im Buch als Happy End bringen. Außerdem haben unsere Agenturlektorin, die Lektorin und die Agentin gesagt, dass 90 % der Leser ein Happy End möchten. Und wir sind auch dafür.
Elmar: Ich mag keine Bücher, die kein Happy End haben. Es sei denn, es ist wirklich ein Buch über eine Person, die eben den Tod gefunden hat oder eine reale Person. Ich würde keinen Roman schreiben, wo Jean Dark überlebt.

: Und wie wichtig ist für euch persönlich die Entwicklung der Rolle der Frau in der Gesellschaft? Denn diese scheint euch, wenn man sich euer bisheriges Werk betrachtet, doch sehr am Herzen liegen.
Iny: Es ist weniger die Entwicklung der Frau in der Gesellschaft, sondern: Man kann an den Frauen wesentlich besser darstellen, wie die politischen gesellschaftlichen Verhältnisse damals waren. Frauen waren politisch rechtlos, gesellschaftlich aber sehr anerkannt. Es gab zum Beispiel Marktaufseherinnen, es gab Krämerinnen, aber auch Kauffrauen höheren Grades, der höheren Stände, die gereist sind, die Geschäfte abgeschlossen haben. Aber die gleichen Frauen mussten einen weitreichenden Vertrag abschließen, der Stadtschreiber sein Plazet dazu geben, um diesen aufzunehmen. Sie mussten einen männlichen Zeugen haben, einen Vormund. Es war eine sehr sehr krasse Zeit. Und an Frauen lässt’s sich einfach besser darstellen.
: So, jetzt habe ich noch ein paar Fragen von Erik Schreiber, dem Herausgeber des „Phantastischen Bücherbriefes“. Über die Jahre habt ihr einiges geschrieben. Welcher Handlungsträger ist euch besonders ans Herz gewachsen?
Elmar: Jeder. Im Grunde eigentlich immer der Handlungsträger des nächsten Romanes ist uns der liebste.
: Wird es weitere Abenteuer mit jenem geben?
Elmar: Das ist eigentlich nicht geplant. Jeder unserer Romane steht als Solitär. Auch „Die Wanderhure“ war als Solitär gedacht. Und da kam der Wunsch des Verlages, dass wir eine Fortsetzung schreiben sollen. Und dann der Wunsch unserer Agenturlektorin und der Lektorin des Verlages, dass es dann noch einen dritten Band gibt. Das haben wir gemacht, aber ansonsten soll eigentlich jeder Roman für sich stehen. Und Fortsetzungen werden nur gemacht, wenn der Verlag oder die Agentur sagt: Macht es doch.

: Woran arbeitet ihr zur Zeit?
Iny: Ich arbeite sozusagen am nächsten Roman, den wir im April abgeben müssen. Er spielt in der Gegend von Würzburg, Volkach. Und die Hauptperson führt es bis nach Graz. Dort haben wir endlich unseren Lieblingskaiser als Nebenfigur, Friedrich den Dritten, den man des Reiches Erzschlafmütze nannte. Elmar arbeitet am übernächsten Roman, der wohl in der Zeit des Kaisers Karl spielt.
Elmar: Als er noch kein Kaiser war.
Iny: Richtig, da war er noch kein Kaiser. Also noch vor 800, Frankreich/Spanien.
: Dann mal ein ganz anderes Thema. Ihr wart dieses Jahr auf den Wetzlarer Tagen der Phantastik. Was hat euch an dem Thema „Architektur und Phantastik“ gereizt?
Iny: Wir hatten schon lange wieder vor, zu den Tagen der Phantastik sowieso zu fahren. Wir wären schon früher dort gewesen, wenn wir die Zeit gehabt hätten. Wir waren beim ersten oder zweiten Treffen damals dabei gewesen. Wir kannten einige Leute. Es war etwas weniger das Thema, was uns gefallen hat, als einige Leute wieder zu sehen und sehen, was aus der Phantastischen Bibliothek geworden ist. Das hat uns sehr interessiert. Aber es war zufällig auch ein Thema, was uns sowieso auch interessiert hat, Architektur.
Elmar: Architektur im Laufe der Jahrhunderte, auch die Architektur in den phantastischen Romanen. Das war für uns auch faszinierend, mitzumachen. Die ganzen Vorträge zu sehen und sich auch darüber Gedanken zu machen. Das regt doch an. Und Anregungen braucht man.
: Habt ihr Ideen von dieser Veranstaltung mitnehmen können und werden diese in euren nächsten Geschichten eingebaut werden?
Elmar: Wir haben auf alle Fälle einige Gedanken mitgenommen, die wir umsetzen werden. Aber es sind noch keine aktuellen Projekte. Denn jedes Projekt braucht eine gewisse Zeit, bis es reift und bis wir dann sagen können: Ok, wir greifen es auf und setzen es dann um.
: Hoffen wir als Leser, dass ihr noch viele Ideen aufgreift und umsetzt. Und ich danke euch ganz herzlich, dass ihr euch die Zeit genommen habt für dieses Gespräch.