Sie sind hier: Startseite - Background - Interviews - Karl-Heinz Witzko


Interview mit Karl-Heinz Witzko

im Gespräch mit Karl-Heinz Witzko

Karl-Heinz Witzko, geboren 1953, ist diplomierter Statistiker und schreibt Romane voller Wortwitz und schillernder Phantasie. Seine skurrilen Einfälle holt er sich während ausgedehnter Spaziergänge im Teufelsmoor bei Bremen. Nach seinen erfolgreichen Romanen »Die Kobolde« und »Die Rückkehr der Kobolde« forscht er seit Neuestem über die Natur der Dämonen.
Weiteres zum Autor: www.myspace.com

(Quelle: www.piper-verlag.de)

: Hallo Karl-Heinz, ich freue mich, dass du dir die Zeit nimmst, dem Geisterspiegel ein paar Fragen zu deiner Person und deinen Büchern zu beantworten.
An deinem Namen kommt man in der Phantastik-Szene nicht vorbei, besonders nachdem du an der Gezeitenwelt mitgewirkt und nun die Kobolde berühmt gemacht hast. Doch angefangen hast du als Autor bei »Das Schwarze Auge«. Wie kamst du damals gerade zu DSA und inwieweit hat dich das Schreiben an dieser Serie geprägt?

Karl-Heinz Witzko: Ich bin sozusagen ein DSA-Spieler der ersten Stunde. Kurz nach Erscheinen des Spieles las ich im Spiegel einen Artikel über die mir bis dahin unbekannten Rollenspiele. Den hatte auch eine Freundin von mir gelesen, die umgehend ihre ständige Talismanrunde überredete, dieses Schwarze-Auge-Spiel einmal auszuprobieren, und bei der Gelegenheit auch mich von meiner ständigen Risikorunde abwarb. Das war nicht schwer, denn ich war den ständigen Streit über Australien und Südamerika sowieso leid. Diese Spielrunde blühte einige Jahre und wurde dann durch andere abgelöst. Anfang der 90er führte die damalige DSA-Redaktion eine Änderung in der Spielwelt ein, die mir nicht so gut gefiel. Ich schrieb daher einige Beschwerdebriefe in ausgewählt ironischem Stil, die die Redaktion augenscheinlich eher erheiternd fand, denn eines Tages erhielt ich von Uli Kiesow das Angebot, ein Ein-Personen-Abenteuer zu schreiben (möglichst in ähnlicher Art wie meine Briefe) und wurde bei der Gelegenheit auch gleich Mitglied in der Redaktion. Wieder einige Jahre später kam es zu dem Handel zwischen DSA und dem Heyne Verlag über eine Reihe von Romanen, die in der DSA-Spielwelt angesiedelt sein sollten. Eines Abends erhielt ich überraschend einen Anruf von Uli, ob ich einen Roman schreiben wollte? Klar, meinte ich, und tat das. Der Roman war noch nicht erschienen, als ich die gleiche Frage nochmals gestellt bekam und wiederum mit »Ja« beantwortete. Danach spielte sich ein, dass ich selber fragte, ob noch ein Platz in der kommenden Staffel für einen weiteren Beitrag von mir sei. Das Ergebnis waren schließlich sechs Romane, von denen die Hälfte zu einer Trilogie gehören.
Auf diese Art zu seinen ersten Buchveröffentlichungen zu kommen, ist natürlich völlig unorthodox und dürfte viele Neuautoren, die händeringend nach einem Verlag suchen, ziemlich neidisch machen. Ich hatte einfach sehr viel Glück und wenn es ein Trost ist: Ich habe durch diese Herangehensweise nie gelernt, ordentliche Exposés zu schreiben, da die entscheidenden Leute mit ein paar kargen Sätzen am Telefon zufrieden waren.
Wie hat das mein Schreiben geprägt? Zu einem Rollenspiel, wie ich es kennengelernt habe, gehört nicht nur das Erfinden von Abenteuermodulen und -geschichten, sondern auch das Ersinnen von Hintergrundmaterial über diverse Aspekte der Welt. Es sollen z. B. typische Eigenheiten für ein Volk bzw. eine Region dargestellt werden. Also erfindet man einen Satz Regeln: Wie werden Namen gebildet? Wie sehen Häuser aus und wie können sie variiert werden, ohne als Fremdkörper zu erscheinen usw. Genau dasselbe mache ich bei einem Roman.

: Bei DSA erschien im Jahr 2002 der letzte Roman aus deiner Feder. Verfolgst du die Serie noch und planst du vielleicht einen weiteren Roman für DSA?

Karl-Heinz Witzko: Da ich das Spiel immer noch schätze, bekomme ich schon mit, welche Veröffentlichungen es dazu gibt, allerdings habe ich längst nicht mehr den Überblick, den ich einmal hatte. Ein weiterer DSA-Roman ist aus vielerlei Gründen nicht von mir geplant. Ich hatte zwar damals viele Freiheiten bei dem, was ich schrieb, aber heutzutage habe ich mehr Rechte und eine viel größere Kontrolle über meine Arbeit. Zwar hatte ich die Region, in der meine Rollenspielromane meistens angesiedelt waren, überwiegend selbst erfunden, aber es macht eben einen Unterschied, ob man über Welten schreibt, die auf jemanden anderes zurückgehen, oder über solche, deren Schöpfer man bis zum letzten Grashüpfer ist. In einer eigenen Welt bleibt alles genau so, wie man es einmal festgelegt hat. In einer, die jemand anderem gehört, ist man nicht dagegen gefeit, dass das, was man sich einmal ausdachte, eines Tages umgeschrieben oder gar auf den Kopf gestellt wird. Schließlich ist auch zu bedenken, dass meine letzte Rollenspielpublikation fast acht Jahre zurückliegt und meine Mitarbeit beim Schwarzen Auge fast eben so lang. Die Zeit bleibt nicht stehen und vielen der heutigen DSA-Spieler dürfte ich bestenfalls als Autor bekannt sein, der überwiegend bei eBay veröffentlicht.

: Mit den »Kobolden« hast du dir eine weitere Leserschaft erschrieben. Die Vermarktung der »Kobolde« in der losen Buchreihe um die Fantasyvölker war einerseits ein geschickter Schachzug, andererseits hast du bei einigen Lesern nicht die Erwartungen erfüllt, die diese aufgrund der Vermarktung erwartet hatten. Deine Kobolde entstammen nicht der Fantasy, sondern den Mythen und Legenden.
Warum hast du dich für diese Klassifizierung entschieden und wie sah die Recherchearbeit für deine Kobolde aus?

Karl-Heinz Witzko: Da muss ich etwas weiter ausholen. Zunächst einmal gibt es ein einheitliches Bild der Kobolde in der Fantasy überhaupt nicht. Es gibt vielleicht ein Bild in den Köpfen potenzieller Leser und das kann sehr heterogen sein. Wenn ich etwa einen Blick in die Wikipedia werfe, so finde ich unter »literarische Quellen« für das Schlagwort Kobolde eine bunte Ansammlung. Ich finde die Heinzelmännchenlegende, das amerikanische Kartenspiel Magic, den Film Spiderman bzw. die dahinter stehende Comic-Firma Marvel, das Tabletop Warhammer, das Online-Rollenspiel Warcraft, die Tischrollenspiele DSA und D&D und das PC-Spiel Dungeon Siege, mithin stoße ich nur auf eine einzige Quelle, die nicht von der Unterhaltungsindustrie erfunden wurde und älter als ein paar Jahrzehnte ist.
Andererseits gibt es den Begriff Kobold, der nämlich selbsterklärend ist und sich – allerdings nicht ganz unumstritten – aus zwei Wortbestandteilen herleitet, nämlich aus Koben (= Haus, Stall) und hold (= wohl gesonnen). Mit anderen Worten: Kobold bedeutet nicht »hässlicher grüner Stinkstiefel« sondern ganz einfach »ein dem Heim wohl gesonnenes Wesen«. Darum kommt man als Autor erst einmal nicht herum, und da ich jetzt nicht wüsste, warum ich Romane über fantastische Wesen aus (PC gestützten) Rollenspielen oder Comics schreiben sollte, war das auch mein ganz natürlicher Ansatzpunkt. Also habe ich mir zunächst einen Überblick über die diversen Koboldbilder in Irland, Skandinavien, den osteuropäischen Ländern und auch bei uns verschafft, daraus dann meine Kobolde zusammengemischt und versucht zu deuten, warum sie manche Sachen mögen und machen und andere nicht. Manches war naheliegend, wie zum Beispiel hinter der Vorliebe für Milch einen Verwandten des wohlbekannten demon alcohol zu wittern, anderes nicht so sehr, also etwa das Spielen von Streichen als verbindende, soziale Handlung darzustellen. Eine weitere Quelle war die Tochter von Freunden von mir. Sie war damals gerade anderthalb Jahre alt und hatte ungefähr die Größe eines Koboldes, wie ich sie mir vorstellte. Mit diesem body model vor Augen ließ sich u. a. sofort klären, dass Kobolde mit einem sehr engen Zeitfenster arbeiten, wenn sie Kinder stehlen. Irgendwann sind ihre Ärmchen einfach zu kurz, um den Säugling aus der Wiege zu nehmen und fortzutragen.

: Die Meinungen der Leser über »Die Kobolde« gehen sehr weit auseinander. Bestes Beispiel sind Erik Schreiber und ich. Erik sagte mir, man muss den besonderen Humor Karl-Heinz Witzkos kennen und verstehen, um ihn zu mögen. Welche Voraussetzungen sollte ich als Leser denn nun mitbringen, damit ich ein Buch von dir wirklich verstehe und es mir am Ende dadurch gefällt?

Karl-Heinz Witzko: Zum Verstehen gehört eigentlich dasselbe, wie bei allen anderen fiktiven Geschichten: Man muss sich darauf einlassen. Gelingt das nicht, so wird man wohl mit dem Buch nicht sehr viel anfangen können. Der Humor macht es nicht einfacher. Humor ist nicht universell, wir lachen nicht über die gleichen Dinge und manche Menschen lachen vielleicht überhaupt nie oder gehen dazu in den Keller. Fantasy und Humor sind sowieso feindliche Nachbarn oder werden zumindest oft so eingeschätzt. Die Problematik ist nicht neu für mich. Mein erstes Rollenspielabenteuer war kaum erschienen, als Uli Kiesow einen Leserbrief erhielt mit der Aufforderung: Lassen Sie Witzko nie wieder schreiben. Der verfasst ja nur Parodien! Uli folgte dem Rat nicht, was ihm sicher viele Rollenspieler gedankt haben. Tatsächlich war der fragliche Text auch gar keine Parodie, sondern die literarische Umsetzung eines Road Movies, aufgepeppt mit zahlreichen versteckten Rock’n’Roll-Zitaten. (Immerhin ein Jahrzehnt vor Ritter aus Leidenschaft!)
Das bringt mich zu etwas anderem. Freundlicherweise gebrauchtest du die Formulierung »wirklich verstehen«. Um es gleich zu sagen: Ich erwarte gar nicht, dass jeder Leser alles bis zur letzten Anspielung versteht, was ich schreibe. Ich finde es reizvoll, wenn ein Text mehr zu bieten hat, als es den Anschein erweckt und kleine Überraschungen birgt. Ich zitiere sehr gerne und zwar nicht nur aus Literatur und Theater, sondern auch aus Filmen, Musik und Malerei. Manchen Lesern macht es Spaß, verborgene Anspielungen zu entdecken und zu erkennen, dass vielleicht eine Anekdote aus den Kobolden frappierende Ähnlichkeiten mit einem Bericht über eine typische Alienentführung aufweist, und Filme von Howard Carpenter, Lieder von Joe McDonald oder Gemälde von de Chirico oder Botticelli offenbar selbst bei Völkern bekannt sind, von den man es wirklich nicht erwartet hätte. Wie gesagt, solche Spielereien muss man nicht verstehen, aber man kann.

: Ein Teil deines Nachnamens ist in deinen Büchern Programm. Du bist ein Künstler des Wortwitzes und auch eine gute Prise schwarzen Humors kann man immer wieder entdecken. Bernhard Hennen sagte mir einmal, dass es besonders schwierig sei, witzige Passagen zu schreiben. Inwieweit trifft das auf dich zu?

Karl-Heinz Witzko: Damit hat Bernhard völlig recht. Ich sehe das ebenso, denn in derselben Zeit, in der ich eine halbe Seite humorvollen Textes schreibe, könnte ich auch vier Seiten über die blutrünstige Ausrottung einer Dorfgemeinschaft verfassen - extrem widerliche Details inbegriffen. Humor verlangt, dass Sätze nicht nur gut klingen, sondern auch sehr präzise formuliert sind. Das ist aufwendig.

: Woher stammen all deine Ideen, besonders auch bezüglich der Kobolde z. B. die sprechende Tür, die ja ein sehr individuelles Eigenleben entwickelt? Und wer stand für all die Streiche Pate?

Karl-Heinz Witzko: Ob bei den Streichen immer etwas Pate stand, kann ich so nicht sagen. Aber die Tür hat eine längere Geschichte. Während der Entwicklung meiner Koboldtruppe kristallisierte sich heraus, dass sie als Kindsdiebe eigentlich eine Bande Krimineller sind. Ich hatte plötzlich ein Bild aus einem alten amerikanischen Gangsterfilm im Kopf: Die Bankräuber fahren vor. Die Bande springt aus dem Wagen, rennt in die Bank und erledigt den Job, während draußen mit laufendem Motor der Fluchwagenfahrer wartet. Die Bande - also meine Kobolde - hatte ich, den Fahrer brauchte ich noch. Er und sein Auto mutierten rasch zu der Tür. Sie wurde kein Gegenstand, sondern ein Wesen, da ich ihr die typischen Eigenschaften eines Fluchtwagenfahrers verpassen wollte, also große Nervosität, das schwächste Glied in der Kette zu sein und allgemein der, auf dem alle anderen herumhacken. Der Rest ergab sich von selbst. Mittlerweile wissen wir, dass die Türen eine Stammkneipe besitzen, in der Kobolde unerwünscht sind, dass sie Zwitter sind, es einflussreiche Dons unter ihnen gibt und eine ausgewachsene Geheimgesellschaft, von der die Kobolde nichts ahnen.

: Kürzlich erschien dein neuer Roman »Dämon wider Willen«. Nach der Vorschau drängten sich mir Titel wie »Dämliche Dämonen« oder »Diner des Grauens« auf, doch wenn du dich der Dämonen annimmst, dann unterscheiden sie sich gewiss von allen bisher in der Fantasy geschilderten Dämonen. Wie bist du das Thema Dämonen angegangen? Auf welche Quellen berufst du dich bei diesen Wesen?

Karl-Heinz Witzko: Bei dem Titel liegt die Betonung auf »wider Willen«. Es geht also darum, dass jemand kein Dämon sein möchte.

: Mach unsere Leser an dieser Stelle doch mal ein wenig neugierig auf dein neues Buch. Was erwartet sie, wenn sie sich auf »Dämon wider Willen« einlassen?

Karl-Heinz Witzko: Die Geschichte beginnt mit einem klassischen Fantasythema. Ein überaus düsterer Feind, nämlich ein Heer von Dämonen, fällt in der Heimat der Hauptpersonen ein. Er scheint zunächst unbesiegbar zu sein, doch schließlich kann er mithilfe eines nicht ganz so mystischen Königs geschlagen werden. Klassische Geschichten enden hier, doch bei mir ist dass der Anfang, da die siegreichen Menschen den Dämonen hinterher setzen und ein paar Hundert Quadratkilometer Hölle okkupieren. Nachdem der erste Siegesrausch vorbei ist, erweist sich jedoch, dass niemand diese Beute haben will, sodass sich während der nächsten drei, vier Generationen dort nur Siedler niederlassen, die woanders nicht mehr geduldet werden oder kein Auskommen haben. Immer wieder hört man merkwürdige Gerüchte aus dieser Gegend, die vielleicht stimmen, vielleicht auch nicht. Eines Tages verschlägt es einen Kopfgeldjäger bei seiner Arbeit in dieses ehemalige Höllenland. Er ist noch gar nicht lange dort, als er von einem Augenblick auf den anderen an einen fremden Ort versetzt wird. Und zwar findet er sich im Pentagramm eines Zauberers wieder, der ihn Dämon nennt und ihm Befehle erteilt. Der Kopfgeldjäger stellt fest, dass sein Körper nicht mehr allzu menschlich aussieht und er den Befehlen gehorchen muss. In der Folgezeit lernt er, mit den Eigenheiten seiner neuen Existenz umzugehen und dass die Aufgaben, die er zu erfüllen hat, nicht immer sehr schön sind. Er schafft sich Feinde in Gestalt eines militanten Schwesternordens und findet schließlich überraschende Verbündete.

: Welche Pläne hast du für die Zukunft?

Karl-Heinz Witzko: Mein nächster Roman wird sehr viel ernster und düsterer werden. Allerdings kann ich momentan noch nichts darüber berichten, da er sich erst in der Planung befindet. Falls alles so läuft, wie ich mir das vorstelle, wird es danach wieder etwas leichter, allerdings auch schriller als bei allem Vorherigen.

: Könntest du dir vorstellen, auch mal in einem ganz anderen Genre zu schreiben?

Karl-Heinz Witzko: Unbedingt. Ich bin keineswegs darauf abonniert, Fantasygeschichten zu erzählen. Letztlich geht es auch bei denen überwiegend um Menschen - auch wenn die Protagonisten nicht immer so aussehen.

: Ich danke dir für das Interview, wünsche dir alles Gute und dass dir niemals die Ideen ausgehen.

Karl-Heinz Witzko: Danke.

Das Interview führte Anke Brandt.

 

© by 2009
nach oben Zurück Optimiert für 1024x768 Pixel
im IE & Mozilla Firefox