
: Hallo Herr Sonderhüsken, ich freue mich, dass Sie die Zeit finden, dem Geisterspiegel ein paar Fragen zu Ihrer Tätigkeit als Lektor zu beantworten. Fangen wir auch gleich an. Nicht allen unseren Lesern werden Sie bekannt sein. Stellen Sie sich bitte kurz vor.
Timothy Sonderhüsken: Mein Name ist Timothy Sonderhüsken, ich bin Lektor in der Verlagsgruppe Droemer Knaur und außerdem der Programmleiter für den Pan Verlag und die Knaur Fantasy. Ich bin 39 Jahre alt, arbeite seit viel zu vielen Jahren in der Branche – das ist meine 18. Messe dieses Jahr – und ich freue mich sehr, dass Sie hier sind, weil das für mich der perfekte Messeauftakt ist.
: Das höre ich doch gerne. Wie anfangs erwähnt, meine Fragen beziehen sich auf die Tätigkeit eines Lektors, aber auch eines Programmleiters. Wie wird man eigentlich Lektor bei einem Verlag wie Knaur? Welche Voraussetzungen muss man mitbringen?
Timothy Sonderhüsken: Der Beruf des Lektors ist kein klassischer Lernberuf. Es funktioniert ein bisschen wie bei Politikern – man arbeitet daraufhin und irgendwann ist man’s. Es gibt aber keinen Standardweg. In der Regel studiert man ein geisteswissenschaftliches Fach, zum Beispiel Germanistik oder Anglistik oder auch beides, versucht während seiner Studienzeit schon in den Verlag zu kommen, zum Beispiel über Praktika. Nach dem Studium macht man dann meistens ein Volontariat von ein bis zwei Jahren, das ist eine Art Zusatzausbildung, die im Verlag stattfindet, um die Berufspraxis zu erlernen und an die ersten Projekte herangeführt zu werden. Danach fängt man als Junior Editor an, oder Jung-Lektor, heute benutzen wir ja oft diese englischen Wortbezeichnungen …
: Furchtbar ...
Timothy Sonderhüsken: Ja, irgendwie schon, aber man hat sich so daran gewöhnt über die Jahre. Jedenfalls: Nach all diesen Schritten wird man dann irgendwann Lektor. Das ist der normale Weg. Es gibt aber auch ganz andere. So war das zum Beispiel bei mir: Ich habe eine Lehre in einem Verlag gemacht und relativ schnell gemerkt, dass das rein Kaufmännische zwar Spaß macht, aber mich letztendlich nicht erfüllt bis ans Ende meines Lebens. Ich habe dann die Möglichkeit bekommen, ins Lektorat reinzuschnuppern und meine Lehre so umzustellen, dass ich sehr lange dort bleiben konnte. Mein großes Glück war es dann, dass, als ich mit der Lehre fertig war, jemand gesucht wurde, der kein Geld haben wollte, aber bereit war, 24 Stunden am Tag zu arbeiten. Da habe ich natürlich die Hand hochgerissen und gesagt: Super, das ist genau meine Typbeschreibung. Und so bin ich dazu gekommen, als Lektoratsassistent im Econ Verlag zu arbeiten.
: Und wie ging es dann weiter?
Timothy Sonderhüsken: Ein paar Jahre später habe ich mich als Lektor bei Heyne beworben, bin genommen worden und von da ging’s dann weiter. Aber um die Frage noch einmal abschließend zu beantworten, den klassischen Weg – man macht folgende Ausbildung oder studiert dieses und macht dann das –, den gibt es eigentlich nicht.
: An den 24 Stunden hat sich ja wahrscheinlich nichts geändert bis heute.
Timothy Sonderhüsken: Nein, wir versuchen aber, es zu steigern.
: Was umfasst die Aufgaben eines Lektors von der Einreichung eines Manuskripts bis zum Erscheinen des Buches?
Timothy Sonderhüsken: Wenn man versucht, den Weg eines Buches im Verlag zu beschreiben, fängt das natürlich damit an, dass man nach der Geschichte sucht, die einen so fesselt, dass man sagt, damit möchte man jetzt auch einen Teil seines Lebens verbringen. Fündig werden kann man bei internationalen und deutschen Literaturagenturen und Verlagen, aber natürlich auch bei Autoren, mit denen man bereits gearbeitet hat oder die man auf andere Art kennenlernt.
Dann kommen als Nächstes die Vertragsverhandlungen. Die können sich sehr lange hinziehen, gerade wenn es um die Höhe der Garantiesumme geht oder um die Nebenrechte. Das ist ein großer Themenbereich, und der wird in den letzten Jahren durch neue Rechte wie zum Beispiel die E-Books immer umfangreicher und komplizierter. Auf der einen Seite wissen die Rechteinhaber, was sie haben wollen – und auf der anderen Seite steht der Verlag, der ebenfalls ganz genau weiß, was er zu zahlen bereit ist. Die Verhandlungen sind daher oft langwierig und hart.
: Das sind nun die Vorarbeiten. Wie geht es dann weiter?
Timothy Sonderhüsken: Wenn man die Geschichte gefunden und das Projekt gekauft hat, beginnt die Arbeit am Text. Man sucht zum Beispiel den richtigen Übersetzer für das Buch. Das hört sich wahrscheinlich relativ einfach an, denn natürlich hat jeder Lektor einen Pool von Übersetzern, aber ganz so simpel ist es nicht. Tatsächlich muss man für jedes Buch den richtigen Übersetzer finden, denn nicht jeder kann jeder Geschichte die richtige »deutsche Stimme« geben. Das heißt, man muss seine freien Mitarbeiter sehr genau kennen, man muss wissen, wer kann diese besondere Stimmung des Textes gut erfassen, wer hat dafür das richtige Vokabular und so weiter.
Nachdem das Buch übersetzt ist, lässt man es entweder redigieren oder redigiert es selbst. Bei der Redaktion eines ursprünglich englischsprachigen Textes kontrolliert man vor allem, ob wirklich richtig übersetzt wurde, ob Wortspiele immer noch passen und sich keine Fehler im Text finden.
: Und wie sieht das bei deutschen Originaltexten aus?
Timothy Sonderhüsken: Da ist die Redaktion für mich persönlich viel spannender, weil man die Möglichkeit hat, viel stärker einzugreifen: Man arbeitet mit dem Autor an den Charakteren, an der Geschichte, teilweise auch an der Erzählperspektive. Das ist ein sehr intensiver und sehr aufreibender Prozess, aber auch ein persönlich gewinnbringender.
Parallel dazu beginnt die Programmplanung. Das bedeutet, wir überlegen uns ganz genau, was im nächsten Halbjahr erscheinen soll. Jedes Programm hat gewisse Anforderungen, die man erfüllen muss. Die Klassische ist natürlich: kein Weihnachtsbuch zu Ostern und kein Osterhasenbuch zu Weihnachten. Man muss aber auch darauf achten, dass alle Genres, für die unsere Verlagsgruppe bekannt ist, im Programm gleichmäßig vertreten sind, und sich die Frage stellen: Arbeiten wir auf den Leser hin? Das heißt, ganz einfach ausgedrückt: Wenn der Markt gerade ein größeres Bedürfnis an Spannung hat, sollte man das in seinem Programm berücksichtigen und nicht ausschließlich auf Liebesgeschichten setzen.
Dann geht es natürlich darum, dass die Monate individuell optimal abgemischt sind, dass man die richtigen Spitzentitel hat, die richtigen Schwerpunkttitel, die richtigen Umfeldtitel. Und wann immer man dann irgendetwas umstellt, ergibt sich daraus, dass man alles andere auch wieder umstellt.
: Wie dürfen wir uns das vorstellen?
Timothy Sonderhüsken: Ein Beispiel: Der Spitzentitel im November ist perfekt, das Programm des restlichen Monats optimal darauf abgestimmt. Dummerweise kann der Spitzentitel dann aber erst im Januar erscheinen. Das bedeutet, dass wir nicht nur dieses Buch in den Januar verschieben, sondern auch noch einmal anfangen, alles andere umzudrehen und wieder so hinzurücken, dass der Monat in sich wieder stimmig ist.
: Treffen Sie diese Entscheidungen allein?
Timothy Sonderhüsken: Wenn das Lektorat mit der ersten Programmplanung fertig ist, stellen wir das Ergebnis dem Vertrieb vor. Der sieht natürlich aus der verkäuferischen Sicht viele Dinge anders als das Lektorat, das heißt, wir fangen die Arbeit oft noch einmal von vorne an. Wenn wir damit durch sind, guckt das Marketing sich das Programm an. Das führt wiederum zu Änderungen. Mit diesem gemeinsamen erarbeiteten Programmentwurf gehen wir auf die Vertretertagung und stellen ihn den Kollegen im Außendienst vor, die unsere Bücher später verkaufen sollen. Sie können sich vorstellen, was passiert … richtig! Vieles wird noch einmal neu gemacht. Und wenn man dann mit allem fertig ist, sieht man zum ersten Mal auch sämtliche Cover dazu und merkt plötzlich, dass mancher Monat zwar perfekt gemischt ist – aber man hat sechs rote Cover hintereinander. Ein weiteres Mal fängt man also an, alles umzustellen, Titel in die richtige Reihenfolge zu bringen und so weiter. Das ist der große Bereich Programmplanung.
: Klingt nach einer Menge Arbeit …
Timothy Sonderhüsken:
Wahrscheinlich hört sich das wie ein Alptraum an. Es ist aber ein Alptraum, der unglaublich Spaß macht, weil es viel Detailarbeit ist, viel Abwägen, viel Diskutieren, viel mit den Büchern auseinandersetzen. In diesem Prozess werden ganz oft auch noch mal die Titelformulierungen geändert und die Positionierung eines Buches, einfach dadurch, dass der Input von allen Abteilungen dazukommt, und das ist einfach eine unglaublich spannende Arbeit. Weswegen Programmplanung einerseits gut für graue Haare ist – wer mich jetzt sieht, weiß, wovon ich spreche –, aber es ist eben auch ein großer Spaß.
: Was ist dann der nächste Schritt?
Timothy Sonderhüsken: Wie gerade erwähnt, wird das Buch parallel zur Programmplanung redigiert. Dann geben wir es in die Herstellung, wo der Umbruch erstellt wird. Dieser wird sowohl an das Korrektorat als auch an den Originalautor oder an den Übersetzer verschickt. Dann kommen irgendwann die Korrekturfassungen wieder. Der Lektor kollationiert, das heißt, er trägt alle Korrekturen aus den verschiedenen Bereichen in einen Umbruch ein. Die Herstellung führt dann die Korrekturen aus und das Buch kann gedruckt werden. Parallel dazu schreibt der Lektor … ich merke schon, Sie sind kurz davor einzuschlafen, aber so ist das nun mal …
: Nee, nee, nee …
Timothy Sonderhüsken: Wir im Lektorat schreiben sämtliche Texte rund um das Buch: für unseren Katalog, Vorschau genannt, außerdem die Rückseitentexte, die Klappentexte, wir schreiben Infotexte für Marketing, Vertrieb und Presse, teilweise auch redaktionelle Specials, die dann auf unsere Webseite kommen. Und das ist, so im Groben, alles, was rund um ein Buch passiert. Ich könnte allerdings auch noch schnell erwähnen, dass der Lektor natürlich auch eine wichtige Rolle spielt bei der Erstellung der Cover. In der Verlagsgruppe Droemer Knaur ist es so, dass die Coverhoheit im Marketing liegt. Das ist auch vernünftig, weil ein Cover auch werben und einen Marketingaspekt haben soll. Aber natürlich sind wir im Lektorat diejenigen, die zu allererst sagen: Das ist unsere Vision für das Buch, das sind zum Beispiel Cover aus dem Ausland, das sind Vergleichscover, die uns gut gefallen, das ist eine neue Strömung, von der wir glauben, dass sie wichtig wird. Und das fließt alles dann von unserer Seite in die natürlich auch vom Lektorat erstellten schriftlichen Briefings ein.
So, jetzt muss ich einen Schluck Wasser trinken.
: Das klingt nach Jahren! Über welchen Zeitraum sprechen wir hier?
Timothy Sonderhüsken: Zwischen dem Einkauf eines Buches und dem Erscheinen liegen in der Regel ein bis zwei Jahre. Es kann aber auch wesentlich länger dauern, wenn man zum Beispiel ein Buch immer wieder aus einem Programm heraus schiebt und schiebt und schiebt, weil das Umfeld nicht richtig ist. Oder weil man mit einem Autor einen Vertrag über eine ganze Serie abgeschlossen hat – dann kann es passieren, dass der letzte Band erst zehn Jahre später erscheint. Ich habe gerade einen Vertrag abgeschlossen, der einen Autor bis in das Jahr 2020 an uns bindet. Ich persönlich weiß gar nicht, wo ich im Jahre 2020 sein werde. Außer hoffentlich nicht auf der Buchmesse … wobei, es ist zu befürchten. 
Es gibt aber auch die gegenteiligen Fälle, wo es sehr schnell geht. Wo wir vom ersten Kontakt zum Autor bis zum Erscheinen des Buches drei Monate haben. Das ist zum Beispiel im Sachbuch bei politischen Schnellschüssen so. Das sind dann die Bücher, die wir, um sie den Lesern möglichst schnell präsentieren zu können, mit ganz anderen Zeitabläufen bearbeiten.
: Aber in der Qualität wird trotzdem immer gleich gearbeitet? Auch bei Schnellschüssen?
Timothy Sonderhüsken: Die Qualität bei Schnellschüssen ist natürlich genau dieselbe wie bei Büchern, die den regulären Zeitablauf haben. Natürlich sind Schnellschüsse deswegen für die Lektoren besonders anstrengend, weil man sehr komprimiert in ganz, ganz kurzer Zeit die Leistung und die Qualität erbringen muss, für die man sonst eben ein halbes oder ein ganzes Jahr hat.
Ich mag keine Schnellschüsse. 
: Ein schöner Überblick. Kommen wir jetzt zu Ihrem Verlag – Pan. Wie kam es zu dieser Verlagsneugründung?
Timothy Sonderhüsken: Die Überlegung, dass wir den Pan Verlag aus der Taufe heben wollten, ist bei uns natürlich erst einmal aus markttechnischen Gründen entstanden. Der Bereich der phantastischen Jugendunterhaltung hat in den letzten vier, fünf Jahren einen enormen Boom, einen Aufschwung erfahren. Das liegt sicher auch daran, dass immer mehr Erwachsene zu phantastischen Jugendromanen greifen. Das gab es früher zwar auch schon, aber nur in einer, sagen wir mal, Kernzielgruppe. Inzwischen ist es gesellschaftsfähig geworden.
Natürlich haben wir uns überlegt, wie wir dieser Markanforderung gerecht werden können. Außerdem sind wir bei der normalen Suche nach guten Geschichten immer wieder tollen Jugendbüchern begegnet, von denen wir gesagt haben: Die würden wir wahnsinnig gerne kaufen, mit denen möchten wir etwas machen.
Man kann aber ein phantastisches Jugendbuch nicht einfach bei Droemer oder bei Knaur ins Programm nehmen, denn ein Jugendbuch muss von unseren Vertretern gezielt in eine Jugendbuchabteilung hinein verkauft werden, nicht in eine Erwachsenenbuchabteilung. Das ist ganz, ganz wichtig, um den richtigen Vertriebskanal zu erwischen und den richtigen Buchhändler. Das waren die Gründe, weswegen wir gesagt haben: Lass uns über einen Jugendbuchverlag nachdenken.
Die Entscheidung, Pan zu realisieren, war dann relativ schnell gefällt. Wir wollten das einfach machen. Wir haben dann sehr, sehr viel gearbeitet parallel zu unserem normalen Pensum. Wir haben intensive Marktforschung betrieben, wir haben mit Buchhändlern gesprochen, wir haben aber auch Leser befragt, wir haben mit Agenten und Autoren die Köpfe zusammen gesteckt, alles, um die richtigen Bücher zu finden. Innerhalb eines Dreivierteljahrs haben wir so einen Verlag auf die Beine gestellt, auf den ich persönlich sehr stolz bin – und, das kann ich sicher sagen, auch die gesamte Verlagsgruppe Droemer Knaur. Weil wir von null auf Hundert durchgestartet sind mit einem sehr schönen Programm, das im Buchhandel und vor allen Dingen auch bei den Lesern schon für Begeisterung gesorgt hat.
: Was zeichnet Pan aus, dass Sie mit Herz und Seele dort Lektor sind? Das Programm ist ja sehr speziell, ich würde fast sagen, es ist etwas eingeschränkt für meinen Geschmack.
Timothy Sonderhüsken: Ursprünglich hatten wir geplant, bei Pan ein breites Programm für verschiedene Altersklassen anzubieten. Das heißt, wir hatten auch Bücher im Angebot, die sind streng genommen nicht mehr für junge Leser eigneten, sondern für Jugendliche ab 16 aufwärts. Das haben wir schnell eingestellt, einfach deswegen, weil der Buchhandel etwas starr reagiert hat. Die sagen, entweder ab 14 oder ab 16. Und alle unsere Bücher landeten dann entweder nur im Jugendbuch oder nur im Erwachsenenbuch. Das hat zu Verwirrung geführt. Also haben wir uns entschlossen, Pan ausschließlich als Jugendbuchverlag weiter zu führen. Die eher erwachsenen Stoffe, die Ihnen wahrscheinlich besser gefallen, erscheinen auch weiterhin bei Knaur. Wir haben sowohl im Knaur Taschenbuch als auch im Knaur Hardcover ja immer Fantasy für erwachsene Leser gemacht, das werden wir im nächsten Programm noch weiter ausbauen, um mit unseren beiden Verlagen Pan und Knaur wirklich eine große Bandbreite an Stoffen bieten zu können. Denn letztendlich wissen wir natürlich auch, dass dem Leser draußen die Angabe des potentiellen Lesealters vollkommen egal ist. Ein jugendlicher Leser, für den Pan konzipiert ist, der liebt es natürlich auch, Bücher zu lesen, die eigentlich fünf, sechs Jahre zu alt für ihn sind. Und umgekehrt wissen wir, dass erwachsene Leser gern Jugendbücher lesen. Deswegen war es uns wichtig zu sagen, nachdem wir Pan etabliert haben, jetzt gehen wir auch in der Knaur Fantasy noch zwei Schritte voran, um wirklich der breiten Zielgruppe ein komplettes Programm zu liefern. Also von Cosy Stuff, wo mit dem Vampir gekuschelt wird, bis zum richtig harten Stoff, wo das Blut spritzt. Damit eben jeder Leser bei uns auch das richtige Buch findet.
: Mit welchem Autor würden Sie sich eine Zusammenarbeit mal wünschen? Gibt es da einen, wo Sie sagen, boah, den hätte ich gern.
Timothy Sonderhüsken: Nachdem wir uns hier auf der Buchmesse befinden, möchte ich mit so einer Aussage sehr vorsichtig sein. Vor einigen Jahren ist mir etwas Unschönes passiert: Eine Agentin hat erzählt, dass einer ihrer Autoren begeistert ist von unserem Programm und dass er gerne mit uns zusammenarbeiten würde. Also habe ich natürlich gesagt, dass ich mir sein neues Projekt gerne ansehe und auch ein paar Ideen in den Raum gestellt, in welche Richtung er sich meiner Meinung nach entwickeln könnte. Wenig später stand die erzürnte Lektorin des anderen Verlags vor mir, die wissen wollte, ob ich es für normales Geschäftsgebaren halte, auf der Messe fremde Autoren abzugreifen. Wie sich herausstellte, war der Autor bei seinem Verlag nämlich sehr zufrieden, die Agentin wollte wohl nur einmal etwas Öl ins Feuer gießen, um zu sehen, was passiert. Von daher werden Sie mir verzeihen, wenn ich jetzt keinen konkreten Autor benenne.
: Dann formuliere ich die Frage um. Wer ist Ihr persönlicher Lieblingsautor?
Timothy Sonderhüsken: Auch da muss ich mich ein bisschen ausweichend äußern. Ich habe viele Autoren, die ich schätze. Dazu gehören unsere deutschen Autoren wie zum Beispiel Markus Heitz und natürlich unsere ganzen englischsprachigen Autoren. Ich hoffe aber, dass ich niemals einen dezidierten Lieblingsautor haben werde, denn wenn ich das hätte, dann wäre ja mein Blick versperrt für alles, was noch kommen könnte. Das ist dieselbe Frage wie: Nennen Sie Ihr Lieblingsbuch! Da sage ich immer: Ich habe es glücklicherweise noch nicht gefunden.
: Okay, muss ich mit leben. Bei Facebook hatte ich neulich Postings gelesen von Ihnen, daher rührt jetzt die nächste Frage. Was passiert, wenn Sie überzeugt sind von einem Manuskript und es machen möchten. Der Verlag dahinter sagt aber Nein. Wie fühlt man sich dann, hat man doch noch eine Chance? Oder ist der Käs dann einfach gegessen?
Timothy Sonderhüsken: Also, der normale Weg bei uns in der Verlagsgruppe Droemer Knaur ist so, dass wir Lektoren Bücher finden, die uns begeistern. Wir schreiben dann ein Gutachten mit einer Inhaltszusammenfassung, einer Analyse der Qualitäten im Stil, in der Verkäuflichkeit und einer kurzen Marktübersicht – was gibt es in dem Bereich, was haben wir schon für Erfolge in dem Genre und so weiter. Dieses Gutachten verschicken wir an alle Kollegen im Lektorat, die sich dann in einer wöchentlichen Lektoratsrunde zusammenfinden. Das heißt, jeder kommt schon vorbereitet in diese Runde. Und dann diskutieren wir über das Buch.
Im Idealfall ist es natürlich so: Ich habe ein begeistertes Gutachten geschrieben und 15 Kollegen schreien: JA, dieses Buch muss zu uns. In der Realität sieht das ein bisschen anders aus. Gerade im Fantasybereich. Ich arbeite mit zwei Kolleginnen zusammen, Martina Wielenberg und Anne Rudolph. Zwei sehr tolle, sehr meinungsstarke Kolleginnen, die einen deutlich anderen Geschmack haben als ich. Das heißt, sie klopfen wirklich jedes meiner Projekte ab, legen ihren Finger auf jeden wunden Punkt, den man sich vorstellen kann. Sie zwingen mich dazu, in der Vorbereitung noch besser zu werden.
: Und das finden Sie wie?
Timothy Sonderhüsken: Mag komisch klingen, aber ich finde das super. Denn so ist gewährleistet, dass nicht ein Lektorengeschmack alles dominiert, sondern wir gemeinsam ein wirklich vielfältiges Programm zusammenstellen. Außerdem mag ich meine beiden Kolleginnen ausgesprochen gerne.
Manchmal ist es aber so, dass selbst die besten Argumente nicht helfen und die Kollegen sich nicht für das Projekt begeistern können. Dabei geht es aber natürlich nicht um geschmäcklerische Dinge; die Kolleginnen sagen dann eher: Tut mit leid, ich glaube nicht, dass das in der Zielgruppe funktioniert, ich glaube nicht, dass wir das optimal rüberbringen, ich glaube nicht, dass wir der Verlag für dieses Buch sind.
Und wenn sich dann die Mehrheit der Kollegen dieser Meinung anschließt, dann steht man als Lektor mit seiner Begeisterung allein da und hat leider verloren. Denn dann wird das Buch einfach nicht gekauft. Es gibt immer noch die Möglichkeit, zu sagen: Aber lies doch bitte einfach nochmal rein, lass dich vom Text überzeugen. Das Gutachten ist schließlich nur ein Produkt des Lektors und das Buch oft viel besser. Und dann kann man durchaus eine zweite Chance haben. Aber es gibt Fälle, wo es einfach so ist, dass die Runde sich gegen das Buch entscheidet, man als Lektor dasitzt mit einer Mischung aus Ich stampfe mit dem Fuß auf und der notdürftig hochgehaltenen Fahne der Souveränität. Also sagt man: Na gut, aber wenn es irgendwo anders ein Bestseller wird, werde ich lachen.
Und tatsächlich verfolgt man diese Bücher danach mit großem Interesse. Ich habe auch schon mal einen Lektor bei einem anderen Verlag, von dem ich wusste, dass er das Buch dann gekauft hat, angerufen und gesagt: Würdest du bitte alles dafür tun, dass dieses Buch ein Erfolg wird? Das würde mich dann bestätigen. Es wurde dann sogar ein riesiger Erfolg, ich war aber auch nicht wirklich glücklich.
: Das glaube ich. So, im Prinzip waren die Antworten sehr ausführlich, meine Folgefragen sind alle beantwortet. Gibt es noch etwas, was Sie vielleicht loswerden möchten in dieser Runde, auf diesem Weg? Was Sie bewegt, was Sie den Lesern mit auf den Weg geben wollen.
Timothy Sonderhüsken: Ein Thema, das ich sehr spannend finde und für das ich mir tatsächlich immer ein bisschen mehr Verständnis vonseiten der Leser erhoffe, ist das Thema Serien und Einstellen von Serien. Das ist ein Thema, das wahrscheinlich auch bei Ihnen im Geisterspiegel sehr kontrovers diskutiert wird.
Das Problem für den Verlag ist Folgendes: Wenn wir eine Serie starten und das erste Buch verkauft sich schlecht, ist für uns nicht zu ermitteln, woran es liegt – war es der falsche Zeitpunkt? Das falsche Cover? Muss man mit dieser Serie Geduld haben? Oder ist es einfach so, dass der Leser kein Interesse an dieser Geschichte hat? Denn auch das passiert, selbst wenn es ein tolles Buch ist. Manchmal interessieren Leser sich einfach nicht.
In der Regel veröffentlichen wir trotzdem das zweite Buch der Serie, und meistens halbieren sich die Verkaufszahlen dabei dann noch einmal. Und darum muss der Verlag beim dritten Buch einfach die Notbremse ziehen und wirtschaftlich handeln.
Es ist für Leser natürlich ärgerlich, wenn eine Serie eingestellt wird. Ich bekomme dann oft sehr, sehr wütende und teilweise auch verletzende Mails, was ich auf der einen Seite verstehen kann, weil ich natürlich auch Leser bin und weiß, wie frustrierend das ist, wenn’s nicht weitergeht. Manche Leser schreiben mir nun aber, dass sie erst dann das erste Buch einer Serie kaufen, wenn sie komplett veröffentlicht worden ist, um auf Nummer sicher zu gehen. Die sorgen leider dafür, dass es nach den ersten ein, zwei Bänden garantiert nicht weiter geht. Und das Argument, der Verlag muss doch einfach so viel Geld in der Hinterhand haben, dass er auch eine 12-bändige Serie komplett verlegt, bevor sich der erste Erfolg einstellt, das funktioniert heute eben leider überhaupt nicht mehr.
: Wenn ich da kurz mal nachfragen darf: In der Vergangenheit wurde öfter mal eine Trilogie nach dem zweiten Band eingestellt. Warum wurde dann nicht der dritte Band trotzdem noch gemacht, weil sehr viele Leute das dann doch zu Ende lesen wollen. Und eine Trilogie ist ja nun nicht ein 12-bändiges Werk.
Timothy Sonderhüsken: Sie können sich vorstellen, dass ein Verlag natürlich sehr genau kalkulieren muss. Und eine Kalkulation, die für ein zweites Buch schon schwierig ist, kann für ein drittes Buch so desaströs sein, dass es dann einfach auch Selbstschutz für den Verlag ist, dieses Buch nicht mehr zu publizieren. Es mag sich komisch anhören, ist aber leider eine Tatsache: Viele Bücher, die viele Verlage veröffentlichen, machen keinen Gewinn. Die spielen mit ein bisschen Glück ihre Kosten ein, aber auch nicht immer. Und wenn Sie dann ein Buch haben, von dem Sie genau wissen, wenn wir jetzt eine kleine Auflage von 5.000 Exemplaren drucken – denn die ersten beiden Romane haben sich jeweils um die 4.000 Mal verkauft –, dann machen wir mit jedem dieser Bücher einen zusätzlichen Verlust, so als würden wir direkt noch einen Zehn-Euro-Schein drankleben. Und dann muss ein Verlag leider die Notbremse ziehen. Auch wenn es für die 4.000 Leser, die dann zu recht unglücklich sind, nicht schön ist.
Das Problem, was natürlich besteht, ist, dass jeder Leser denkt: Mensch, ich finde das Buch doch toll und meine 15 Freunde finden es auch alle super. Wir sind doch eine ganze Menge.
Aber leider sind dann eben 15 Leser oder auch 100 Leser oder 1.000 Leser nicht die Menge, die der Verlag braucht, um ein Buch kalkulieren zu können.
: Wenn wir jetzt gerade bei Zahlen sind, ohne es jetzt genau wissen zu wollen, aber mit welcher Auflagenzahl arbeiten Sie für das erste Buch, wenn Sie jetzt sowas haben?
Timothy Sonderhüsken: Eine Erstauflage wird immer festgelegt auf Grundlage dessen, was der Buchhandel vorher bestellt hat. Wenn Sie also in irgendeiner Verlagsvorschau einen Hinweis sehen wie Erstauflage oder Startauflage 100.000 Exemplare, dann entspricht das sehr oft nicht der Wahrheit. Bei einem in Anführungszeichen durchschnittlichen Fantasybuch in unserem Programm (durchschnittlich meint: durchschnittlich, was die Seitenzahl und den Übersetzungspreis angeht, durchschnittlich, was die Veredlung des Buches betrifft, Klappen beispielsweise) brauchen wir zwischen 10.000 und 12.000 Exemplare, um die Kosten des Buches wieder einzuspielen.
Ich habe gerade das Beispiel mit der Trilogie gebracht, dessen erster Band sich 4.000 Mal verkauft hat. Der zweite Band dann 3.400 Mal. Man kann davon ausgehen, dass sich der dritte Band wahrscheinlich nur noch 2.800 Mal verkaufen würde. Wenn Sie wissen, dass man 12.000 Exemplare verkaufen müsste, um nur die Kosten einzuspielen, ohne einen Gewinn, dann verstehen Sie vielleicht ein bisschen mehr, warum das Buch nicht gedruckt werden kann.
So, nun habe ich das auch noch anbringen können. Haben Sie im Gegenzug vielleicht noch eine Frage an mich, die nichts mit Pan und der Knaur Fantasy zu tun hat?
: Eine Frage habe ich tatsächlich noch. Wie viel mehr oder weniger muss ein Lektor gegenüber dem Autor in Bezug historischer Fakten wissen?
Timothy Sonderhüsken: Das ist eine sehr interessante Frage, die natürlich für jeden Lektor von historischen Romanen ein großes Thema ist. Ich bin der Meinung, man muss ein gesundes Allgemeinwissen haben, man muss ungefähr wissen, wann wer wie wo mit wem was getan hat und warum. Das hilft schon einmal weiter. Tatsächlich ist es aber so, dass man nicht mehr wissen kann als der Autor. Der hat zwischen ein und zehn Jahre, um sich auf ein Buch vorzubereiten. Der muss natürlich viel stärker in der Recherche drinstecken als der Lektor. Was ich persönlich sehr wichtig finde, ist, dass man als Lektor dann einfach neugierig bleibt. Und sich wirklich ganz naiv gibt. Und einfach bei jeder Sache, die man nicht versteht und die man nicht selber schnell recherchieren kann, einfach nachfragt: Kannst du mir das beweisen? Wo hast du das gelesen?
Es kann immer noch passieren, dass einem ein Fehler durchgeht, weil es einfach so verdammt logisch klingt und man das Gefühl hat, das habe ich doch gerade letztens noch in einem historischen Buch gelesen. Dagegen ist man nie gefeit, aber tatsächlich muss man nicht mehr wissen als der Autor. Man muss wissen, dass man sich auf seinen Autor verlassen kann, und ihn so gut kennen, dass man weiß, wo er hervorragend recherchiert hat und wo er gerne auch mal ein bisschen schlampt. Ein Autor von mir legte einer seiner Figuren immer wieder Spanisch in den Mund. Er schwor Stein und Bein, dass er das alles überprüft habe. Aber sicherheitshalber habe ich auch noch mal einen spanischen Muttersprachler gefragt – und der meinte: Ja, kann man so machen, aber das klingt nach Schulbuch, meine Freunde und ich würden das anders ausdrücken. Und so ist’s dann ins Buch gekommen, so wie es wirklich gesprochen würde.
: Okay, Dankeschön.
Timothy Sonderhüsken: Alle Fragen zur Zufriedenheit beantwortet?
: Zur vollsten Zufriedenheit. Vielen herzlichen Dank. Und dann wünsche ich Ihnen eine wunderschöne Messe.
Timothy Sonderhüsken: Dankeschön!

Das Interview führten Anke und Wolfgang Brandt sowie Erik Schreiber am 6. Oktober 2010 während der Frankfurter Buchmesse.
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