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Interview mit Thomas Finn zu seinem Roman »Weißer Schrecken«

im Gespräch mit Thomas Finn

: Hallo Tom, wie in meiner Rezension unschwer zu erkennen ist, halte ich den Roman »Weißer Schrecken« für dein bisher spannendstes und gelungenstes Buch. Diese Mischung aus »Fünf Freunde« und »Es«, wie du den Roman während deiner Lesung auf dem diesjährigen BuCon umschrieben hast, ist sehr treffend und zeigt auf, worauf sich der Leser einlässt.

Thomas Finn: Das freut mich sehr. Der Horror gehört aber auch zu den dankbarsten Genres, da die Urängste, die jeder von uns in sich trägt, sehr viel nachhaltiger wirken, als anderen Emotionen.

: Bereits vor 7 Jahren kam dir die Idee für das Buch. Was ist damals genau passiert?

Thomas Finn: Hier in Hamburg veranstaltet die Loge e.V. schon seit über zehn Jahren eine Veranstaltung mit Namen »Die Nacht«. Dabei handelt es sich um einen Dark Fantasy-Rollenspiel-Event, der hier in der Hansestadt als Geheimtipp gehandelt wird. Das ist auch der einzige öffentliche Event, auf dem ich traditionell selbst als Spielleiter auftrete. Damals stand »Die Nacht« unter dem Motto Nikolaus. Zunächst wusste ich mit dem Thema nicht viel anzufangen, doch dann begann ich tiefer zu schürfen. Damals bin ich quasi auf die Grundlagen jener Handlung gestoßen, die in »Weißer Schrecken« das Plotgerüst bildet – nämlich der alt-keltische Hintergrund um den Knecht Ruprecht: ein Kinderfresser!

: Das Internet ist eine wahre Fundgrube, was den Mythos Nikolaus betrifft. Querverweise führen einen immer tiefer in die unendlichen Weiten des World Wide Web. Wie gelang es dir, die für den Roman wesentlichen Aspekte zu recherchieren? Insbesondere die Sache mit den Kinderbischöfen, wie viel ist wahr, wie viel Fiktion?

Thomas Finn: Alles, was im Roman an historischen Informationen eingebaut ist, entstammt akribischen Recherchen. Also ist alles wahr – bis natürlich auf jene speziellen Verknüpfungen, die ich in Perchtal, der Bühne des Romans, schildere. Der Roman unterscheidet sich also in nichts von meinem Zeitreisethriller »Der Funke des Chronos«, in dem ich fiktive Handlung und Recherchen auf ähnliche Weise verquickt habe. Ich war allerdings selbst überrascht, wie sehr der Ruprecht-Mythos mit dem Märchen von der Frau Holle, der Sage von der Wilden Jagd und manch anderen Elementen der deutschen Folklore verknüpft ist.

: Der Ort Perchtal ist fiktiv. Ein ähnliches Bergdorf beschreibt Andreas Gruber in seinem Roman »Der Judasschrein«. Auch dort verhalten sich die Erwachsenen sehr seltsam und Andreas sagte in einem Interview, dass er ein solches Dorf tatsächlich erlebt hat, so eine eingeschworene Gemeinde, die merkwürdige Menschen birgt. Wie ist es mit Perchtal? Gibt es für diesen Ort und seine Bewohner auch ein reales Vorbild?

Thomas Finn: *Lacht* Die Anekdote höre ich mit Freude. Wir alle wissen doch instinktiv, dass es so seltsame Enklaven mitten in unserem modernen Gemeinwesen gibt, und dass wir uns vor ihnen hüten müssen ... Aber ernsthaft: Nein, für Perchtal gibt es kein reales Vorbild. Perchtal wurde von mir so designt, wie ich die Ortschaft für den Roman brauchte. Das gestattete es mir auch, einen Namen für das Voralpendorf zu wählen, der einerseits vertraut und irgendwie normal klingt, in dem in Wahrheit aber bereits das erste Geheimnis verboren liegt: nämlich der Name der alten keltischen Göttin Perchta. Perchta ist mit dem Ruprechts-Mythos untrennbar verbunden. Und das hat Tradition. Perchta schwingt ja nicht ohne Grund auch im Namen »Berchtesgaden« mit, was übersetzt »Perchtas Garten« bedeutet. Im Falle von Perchtal musste ich lediglich ein »l« an den Namen hängen ...

: Und wie sah die Recherchearbeit für die Kulisse des Romas aus? Sicher reicht es nicht, mal ein paar Tage Urlaub im Berchtesgadener Land zu machen.

Thomas Finn: Theoretisch schon, auch wenn ich jetzt wie viele andere Kollegen standhaft etwas anderes behaupten müsste ... Tatsächlich kann man mit etwas Einfühlungsvermögen und dem richtigen Maß an Buch- und Internet-Recherche sehr wohl eine fiktive Region kreieren, die gefühlt echt wirkt. Berchtesgaden liegt ja nicht im Ausland, sondern in Deutschland. Und Perchtal im Besonderen ist eine Randregion, die vor allem dramaturgischen Gesetzmäßigkeiten gehorcht. Da ich bislang nur einmal die Gelegenheit hatte, einen Blick auf Berchtesgaden zu werfen, griff ich bei meinen Recherchen vornehmlich auf Reiseführer und Internet zurück. Allerdings war ich sehr froh, dass ich einen Freund ausquetschen konnte, der seine Jugend in Berchtesgaden verbracht hat.

: Der weiße Schrecken bekommt im Roman keine eindeutige Identität. Er bleibt ein geheimnisvolles und grausames Wesen, welches nur durch ein Opfer ruhiggestellt werden kann. Die Opferung selbst vollzieht sich trotz aller Grausamkeit relativ einfach. Ist der Kannibalismus nur ein stilistisches Mittel, um noch mehr Grusel zu erzeugen oder was war der Grund, um diesen Aspekt einzubauen?

Thomas Finn: Im Roman habe ich explizit nur das aufgegriffen und ausgesponnen, was die alten Legenden vorgeben. Ruprecht gehört zu den mittelalterlichen Kinderschreckgestalten, die sich auch hinter dem Pelzemärtl und anderen Sagengestalten wie dem Schwarzen Mann verbergen. Exemplarisch dafür findet man im Roman ein Gedicht von Franz Graf von Pocci. Die Zeilen geben hübsch wieder, wie man es sich früher vorgestellt hat, was der Knecht Ruprecht mit all den Knaben und Mädchen macht, die über das Jahr nicht brav waren. Er wirft sie den Bären und Wölfen zum Fraß vor. Sehr viel eindeutiger ist der Chindlifrässer in Basel, eine Brunnenstatue, die explizit zeigt, was er in Wahrheit tut: Er frisst die Kinder! Ein Bild des Chindlifrässers wurde nicht ohne Grund in den Buchtrailer zu Weißer Schrecken eingefügt. Einfach ansehen und auf Stopp drücken, wenn die Figur erscheint.

: Das Grausamste an dem Roman sind meines Erachtens die Eltern der fünf Freunde. Einzig Andys Mutter hat eine Konsequenz gezogen, es sei dahingestellt, ob sie richtig war. Für mich ist das Verhalten der Eltern nicht nachvollziehbar, weil ich mich nicht in solch eine Situation hineinversetzen kann. Dennoch kommt das Ganze glaubwürdig rüber. Hast du je in Erwägung gezogen, den Eltern eine Kämpfernatur zu verleihen oder stand von Anfang an fest, dass sie sich so und nicht anders verhalten? Und (ich weiß gar nicht, ob ich es wissen will) hast du für die Charakterisierung der Eltern recherchiert und bist auf solche Tatsachen gestoßen?

Thomas Finn: Der familiäre Hintergrund der Fünf gehorcht auf einer Metaebene zunächst einmal der Direktive, dass die fünf Protagonisten die Helden des Romans sind – und nicht irgendwelche Erwachsene. Dieses Element schloss Kämpfernaturen im Familienhintergrund aus. Bei alledem sollte man sich bewusst machen, dass auch die Eltern der Fünf Teil der verschrobenen Dorfgemeinschaft Perchtals sind. Die Dörfler ducken sich vor einer unbekannten Macht, vor der bewusst oder unbewusst schon seit Jahrhunderten keiner mehr aufbegehrt. Daraus resultieren Dinge wie Vereinsamung, Verzweiflung, Wahn und Tötungsabsichten. Unter der Fassade des Alpendorfes brodelt es. Und natürlich wollte ich bereits ganz zu Anfang des Romans ein immer stärker werdendes Gefühl der Beklemmung heraufbeschwören. In diesem Moment mag das den Leser noch verwirren, doch wenn später das Geheimnis der Ortschaft enthüllt wird, dann ergibt das alles plötzlich einen schrecklichen, fast verzweifelten Sinn. Zugleich sind familiäre Hintergründe wie jene, mit denen sich die fünf Freunde konfrontiert sehen, leider nicht so weit hergeholt, wie man es gern hätte. Lies mal aufmerksam die Meldungen in den Tageszeitungen. Andys und Roberts Los ist ja noch vergleichsweise harmlos, die Vorlage für Elkes und Miriams Familie lieferte ein Zeitungsbericht und ausgerechnet einen Fall wie Niklas, so erschreckend der auch ist, hat sich so in meinem Bekanntenkreis zugetragen.

: Glaubst du an Geister, Seelenwanderung, Schicksal oder höhere Mächte?

Thomas Finn: Ich bin Agnostiker. Agnostiker können sich höhere Mächte nicht vorstellen, sind aber auch nicht so vermessen, das Konzept einer kosmischen Schöpferentität vollkommen auszuschließen. Das unterscheidet den Agnostiker vom Atheisten. Vor allem aber glauben sie daran, dass der persönliche Glaube zumindest auf metaphysischer Ebene vollkommen irrelevant ist. In diesem Sinne fällt es mir auch schwer, an so etwas wie eine Seele zu glauben, wobei ich die neuesten quantentheoretischen Erkenntnisse dazu durchaus interessiert verfolge. Ein Rest Hoffnung ist also vermutlich da, dass unser aller Existenz nicht ganz grundlos und dass der Tod vielleicht doch nicht das Ende aller Dinge ist. Aber solange ich dafür keine Gewissheit habe, gebe ich meinem Leben lieber selbst einen Sinn.

: Hat der Nikolaustag seit der Arbeit an »Weißer Schrecken« nun eine andere Bedeutung für dich? Oder kommen dir da jetzt eher schon mal gruselige Gedanken?

Thomas Finn: Der Nikolaustag ist und bleibt für mich ein schönes Fest für Kinder. Aber es ist doch interessant zu wissen, was sich tatsächlich hinter unseren Weihnachtsbräuchen verbirgt.

: Was können wir als Nächstes von dir lesen? Planst du auch in Zukunft Mystery-Thriller oder fühlst du dich im Jugendbuch wohler?

Thomas Finn: Ich fühle mich ganz grundsätzlich in vielen Genres wohl und bin sehr froh, dass ich als Autor nicht nur auf eine Art von Stoff festgenagelt bin. Diese Freiheit macht meinen Beruf ja erst interessant. Wenn »Weißer Schrecken« also gut ankommt – und derzeit sieht es ganz deutlich so aus -, schließe ich weitere Abstecher in die Gefilde der Mystery nicht aus. Derzeit steht aber erst einmal ein anderer Titel auf meinem Programm: »Mind Control«! Das ist ein Roman, der in Markus Heitzs Justifier-Universum eingebettet ist und mit dem ich gerade viel Spaß habe.

: Ich danke dir für das Interview und wünsche dir bis zum nächsten Mal eine schöne Zeit und alles Gute.

Das Interview führte Anke Brandt per E-Mail.

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