
Sie haben mit ihrem Beitrag zum »Hexer«-Universum von Wolfgang Hohlbein einen Klassiker der deutschen phantastischen Literatur neu belebt – und das auf eine gänzlich andere Weise, als nur einen neuen Roman beizusteuern: Christian Humberg und Bernd Perplies, beide Anfang 30, beide begeisterte Journalisten (»SpaceView«, »Ringbote«), Lektoren und Übersetzer (»Star Trek«, Cross Cult), Autoren (Humberg: diverse Fan- und Sachpublikationen sowie Romane unter Pseudonym, Perplies: Fantasy-Trilogie »Tarean«), beide wohnhaft in Mainz. Bei so vielen Gemeinsamkeiten kann doch eine Zusammenarbeit nur gut werden ... oder?
Dank des Spiele-Verlags Pegasus-Spiele aus Friedberg kann man seit einiger Zeit selbst Abenteuer mit »Hexer« Robert Cravens Beteiligung durchleben. Wie das gehen soll? Mit den sogenannten Abenteuer-Spielbüchern. Wie in einem klassischen Rollenspiel kann hier der Leser entscheiden, mit welchen Tätigkeiten er den Handlungsverlauf steuern will. Nicht ganz so offen oder gemeinsam in einer Gruppe, wie es bei Pen&Paper-Rollenspielrunden der Fall ist, sondern mit zwei bis vier verschiedenen Handlungsalternativen und allein mit seiner Lektüre. Aber ebenso mit Spielbogen, Charakterwerten (die, je nach Handlung, höher oder tiefer werden können) und mindestens einem Würfel bzw. Würfelblatt.
Geisterspiegel-Mitarbeiter Sascha Vennemann hat den Kontakt gesucht und gefunden: Auf der Leipziger Buchmesse gab es eine interaktive Lesung der beiden Autoren aus ihrem Werk. Mit großem Interesse der meist noch jugendlichen Zuhörer, die begeistert mitentschieden und mitwürfelten, um das weitere Geschehen zu bestimmen. Wiederholung garantiert: schon bald, auf dem Buchmesse-CON, am 17. Oktober 2009 in Dreieich bei Frankfurt/Main. Danach, vorab und zwischendrin, dieses E-Mail-Interview.

: Bernd und Christian, reicht euch meine kurze vorangestellte Vorstellung eurer Personen, oder möchtet ihr unbedingt noch etwas ergänzt wissen?
Bernd Perplies: Nein, nein, alles prima. Oder na ja, man könnte noch erwähnen, dass wir beide ab und an fürs »Corona Magazine« schreiben. Und dann ist da noch dieser Pflichtsatz aus meiner Vita mit den 1000 Büchern und der einen tapferen Grünpflanze … wobei … den kennt mittlerweile vermutlich eh schon jeder.
Christian Humberg: Ich bin auch als Lektor im phantastischen Bereich aktiv, betreue die Rezensionen im Magazin »phantastisch!« und … aber hier soll’s nicht um uns gehen, sondern um »Das schleichende Grauen«. Von daher: Immer nur her mit der nächsten Frage!
: Dann legen wir doch gleich mal richtig los. Es soll ja im Folgenden speziell um »Das schleichende Grauen« gehen – dass ihr noch andere Dinge sehr erfolgreich leistet, sei es im schriftstellerischen Bereich oder sonst wie, ist hoffentlich oben schon klar geworden.
Wie seid ihr beide denn überhaupt auf den »Hexer« gestoßen? Was hat euch an der Serie und dem/den Charakter/en fasziniert?
Christian Humberg: Ich bin buchstäblich seit Jahrzehnten Fan des Hexers und stolzer Besitzer jeder nur erdenklichen Publikationsform, in der Robert Craven bisher den Kampf gegen Cthulhus Sippe aufgenommen hat: von den Original-Heftromanen der 1980er über die Hörkassetten von Albert Böhne bis hin zu den Bastei-Taschenbüchern, den neueren CDs von Lübbe Audio und der ziemlich grandiosen Weltbild-Sammleredition. Von daher war es nur selbstverständlich, dass auch das RPG seinen Weg in mein Regal fand.
Wirklich: Falls du dich mal fragen solltest, in welchem Roman Robert erstmalig auf Sherlock Holmes traf, wie Rowlf zu Sill el Mot steht, wie die Templer intern hierarchisch strukturiert sind … Ruf mich an. Ich fühle mich in diesem Universum ab-so-lut heimisch. Hölle, selbst Roberts Cameo-Auftritte in der Serie »Vampira« habe ich geliebt! Du kannst dir jetzt vermutlich vorstellen, was es mir bedeutet, selbst einen kleinen Teil zur Saga beigetragen zu haben … Was ich an »Der Hexer« mag, ist vermutlich die Mischung. Die Serie ist Horror, wie er damals wie heute im Heftroman nicht unüblich war / ist, aber mit einem gewissen Selbstanspruch, der mir immer schon gefiel. Sie ist actionreiche Fantasy, Mystik, Drama … und packend geschrieben.
Bernd Perplies: Ich muss ganz ehrlich sagen: Ich besitze nur ein einziges »Hexer«-Buch, einen alten Sammelband von Bastei, und den habe ich vermutlich vor 20 Jahren das letzte Mal aufgeschlagen. Ich habe ihn damals natürlich verschlungen und fand den Grusel großartig – aber dann bin ich eher in die Science-Fiction-Ecke abgedriftet und habe Robert Cravens Abenteuer nicht weiter verfolgt.
Neu erschlossen hat sich mir das Universum dann vor zwei Jahren durch das »Der Hexer von Salem«-Rollenspiel von Pegasus-Spiele. Es ist nur ein kleines Spielsystem, dem bedauerlicherweise viel zu wenig Erfolg beschieden war, aber diese Mischung aus cthuloidem Grauen (meinen Lovecraft habe ich natürlich gelesen) und Pulp-Action hat mir extrem gefallen.

: »Das schleichende Grauen« ist bereits das zweite Abenteuer-Spielbuch aus der Welt des »Hexers«. Habt ihr in eurem interaktiven Roman irgendwelche Bezüge zu dem ersten Buch dieser Art (»Der Blutstern« von Frank Rehfeld und Fufu Frauenwahl), oder ist die Story völlig eigenständig?
Bernd Perplies: Die Geschichte ist völlig eigenständig. Sie spielt nicht nur in Deutschland, statt in Amerika, das Abenteuer trägt sich zudem auch drei Jahre vor »Der Blutstern« zu. Aber ich denke, diese Eigenständigkeit ist ganz gut so. Das erlaubt es, in vollständig unterschiedlichen Settings das »Hexer«-Universum zu erforschen.
Christian Humberg: Wir haben von Anfang an Wert darauf gelegt, eine »Hexer«-Story zu schildern, die wir auch persönlich gerne lesen bzw. spielen würden. Da ist es rückblickend betrachtet wohl wenig verwunderlich, dass unser Interesse an Film und insbesondere an der Atmosphäre des expressionistischen deutschen Kinos der Weimarer Jahre in das Abenteuer Einzug gehalten hat. Außerdem war es uns wichtig, jeden Spieler mit an Bord zu holen, der sich für die Geschichte interessiert – ohne Vorkenntnisse, ohne Haken. Wer »Das schleichende Grauen« spielt, muss nur den Willen mitbringen, sich unterhalten zu lassen. Der Rest kommt dann ganz von selbst.
: Sind die Leute von Pegasus-Spiele auf euch zugekommen und haben gesagt: »Macht mal so ein Buch!«, oder habt ihr andersherum euch angeboten, einen solchen interaktiven Roman zu verfassen?
Christian Humberg: Da ist Bernd vermutlich der bessere Ansprechpartner, immerhin kam die Verbindung zu Pegasus über den Ringboten, den er als Chefredakteur betreut, zustande.
Bernd Perplies: Es ergab sich sicher durch meine Liebe zum Spielbuch. Ich habe dieses Format des interaktiven Romans schon immer für eine wundervolle Spielwiese gehalten. In den 80ern herrschte ja mit den »Fighting Fantasy«-Romanen und den »Einsamer Wolf«-Büchern ein richtiger Boom. Dann wurde es leider still um dieses Medium. Als die Leute von Pegasus, denen ich in der Tat seit Jahren verbunden bin, schließlich eine kleine Renaissance des Abenteuerspielbuchs mit genuin deutschen Geschichten – etwa zu Markus Heitz’ »Die Zwerge« oder eben Hohlbeins »Hexer« – angingen, war ich sofort Feuer und Flamme. Da ich mit Christian den »Hexer«-Kenner par excellence an der Hand hatte, lag es nahe, Pegasus ein zweites »Hexer«-ASB aus unserer Feder vorzuschlagen. Hier kamen ein paar günstige Umstände glücklich zusammen.
: Wusstet ihr, was auf euch zukommt? Was war an der Arbeit zu dem Buch so, wie ihr euch es gedacht habt, und was nicht? War es z. B. schwieriger / einfacher?
Bernd Perplies:»Das schleichende Grauen« ist genau genommen schon mein drittes Spielbuch. Die ersten beiden habe ich allerdings zu Schulzeiten nur für den Freundeskreis verfasst – und mehr wird darüber jetzt besser auch nicht gesagt. ;-) Immerhin habe ich damals schon viel über die Art, ein Spielbuch zu schreiben, gelernt, sodass ich im Grunde wusste, was auf mich zukommt. Dadurch, dass das »Grauen« aber eine deutlich umfangreichere Geschichte hatte, war auch die Planung entsprechend komplexer.
Christian Humberg: Tatsächlich nahm die organisatorische Phase des Arbeitens eine gehörige Menge unserer Zeit für dieses Projekt in Anspruch. Zwar hatten wir beide bereits erfolgreich Romane geschrieben, bevor wir uns an das »Grauen« machten, aber so hatten wir noch nie gearbeitet. Das war eine sehr interessante und abwechslungsreiche Erfahrung.

:: Wie plant man so ein umfangreiches und kompliziertes Werk? Gibt es eine Art Solo-Abenteuer-Vorlage oder Schablone, auf deren Basis man entscheidet, wo sich die Handlung teilen soll und wo sie wieder zusammengeführt werden könnte? Ich könnte mir zum Entwerfen so etwas wie verschachtelte Mindmaps und Storyboards vorstellen ... Und wie lange habt ihr an »Das schleichende Grauen« gearbeitet?
Christian Humberg: Ich erinnere mich noch gut an unsere Schreibsessions – und an den immer ausufernder gewordenen Strukturbaum, den wir uns auf die Rückseiten gleich eines ganzen Stapels von Filmplakaten gezeichnet hatten, um jederzeit den Überblick darüber zu behalten, welche Szene unseres Romans nun zu welcher anderen Szene führen sollte … Das war wirklich harte Denkarbeit. Aber sie hat sich gelohnt.
Der Strukturbaum – übrigens ein wahres Kunstwerk in schwarzem Fineliner auf großformatigem Papier – war die Basis unserer organisatorischen Überlegungen. Und glaube mir, die Organisation ist immens wichtig, wenn du so ein Buch schreibst – erst recht, wenn das mit Co-Autor geschehen soll. Dazu kam in unserem Fall eine detaillierte Excel-Tabelle, in der wir jede Szene durchnummerierten, kurz inhaltlich beschrieben und vermerkten, wo sie im Lauf der Handlung angeordnet ist. Anhand dieser beiden Hilfsmittel konnten wir dann parallel zueinander arbeiten.
Bernd Perplies: Es soll Autoren geben, die meinen, aus dem Kopf derlei Schachtelromane schreiben zu können, aber ich für meinen Teil kann Christian nur zustimmen. Eine gute grafische Organisation im Vorfeld ist wirklich die halbe Miete. Wer schlau ist, hält noch ein paar »Absätze« in der Hinterhand, sollte sich später ergeben, dass irgendwo noch Kleinigkeiten nachkorrigiert werden müssen.
Das Schreiben geht nach diesem Brainstorming dann vergleichsweise schnell von der Hand, denn im Grunde ist ja alles schon minutiös durchgeplant. Da Absätze normalerweise verdammt kurz sind, hat man wenig Platz, um ins literarische Schwadronieren zu geraten. Man muss seine Informationen unterbringen und macht aus dem wenigen Raum das Beste. Hier darf der Feinschliff am Ende nicht unterschätzt werden. Er sorgt für treffsicher eingesetzte Adjektive (viele sind es ja leider eh nicht) und – in unserem Fall – dass der Stil gut zusammenpasste. Alles in allem hat uns das etwa sechs Wochen gekostet, glaube ich.
: Zur Story selbst: Ihr habt als Spielort das Berlin der 1920er Jahre gewählt. Insbesondere die damals blühende Filmindustrie der Stadt, der Film »Nosferatu« und die hexereigenen Reverenzen an die GROSSEN ALTEN kommen bei euch vor – egal, welche Richtung man mit seinen individuellen Entscheidungen auch einschlägt. Wie habt ihr dafür recherchiert, ein möglichst authentisch wirkendes Bild dieser Zeit kreieren zu können?
Bernd Perplies: Nun, die Geschichte spielt nicht ohne Grund im Filmmilieu von Babelsberg. Ich arbeite nämlich seit ein paar Jahren im Deutschen Filminstitut in Frankfurt. Außerdem habe ich auch Filmwissenschaft studiert. Entsprechend sind mir all die deutschen phantastischen Stummfilme, die wir zitieren (ein wirklich spannendes Thema übrigens!), natürlich ein Begriff gewesen und ich wusste auch schon ein wenig über die Produktionsbedingungen. Ich habe mir trotzdem noch ein eher seltenes Buch über die Filmstudios gebraucht gekauft, um dort abgedruckte Fotos der damaligen Zeit zu studieren – was nicht heißt, dass wir uns nicht ein paar dichterische Freiheiten genommen hätten. (Unser Babelsberg ist das Babelsberg des »Hexers«, nicht das reale.)
Das »normale Leben” haben wir vor allem übers Internet recherchiert. Eine wundervolle Hilfe war z. B. eine riesige Karte des historischen Berlins, die wir für die Wegstrecken der Hauptfigur genutzt haben. Außerdem haben wir uns der detailreichen Quellenbücher des »Cthulhu«-Rollenspiels von Pegasus-Spiele bedient. Manch einer mag den Inhaltswert solcher Spiele ja belächeln, aber gerade das »Chulhu«-Rollenspiel ist eine wahre Fundgrube zeitgenössischen Wissens – wenn man weiß, welche fiktionalen Stellen man aus dem Text herausfiltern muss. 
Christian Humberg: … und was die GROSSEN ALTEN angeht: Gibt es einen Horrorfan in der westlichen Hemisphäre, der H. P. Lovecrafts berühmteste Schöpfung nicht kennt? Gibt es einen Genreautor, der nicht ein paar Ideen für entsprechende Geschichten im Hinterkopf hat? Im »Grauen« haben wir unsere Vorliebe für diese ganz spezielle tentakelbewehrte Belletristik geradezu zelebriert. Das Abenteuer ist durchsät mit Zitaten und anderen kleinen »Easter Eggs«, die dem Lovecraft-Kenner unter den Lesern hoffentlich das ein oder andere wissende Schmunzeln ins Gesicht zaubern.
: Gab es bei euch jeweils Vorlieben, wer sich beim Schreiben um welche der über 350 einzelnen Handlungsszenen gekümmert hat? Gibt es also so etwas wie eine Humberg- bzw. Perplies-Schiene des Abenteuers?
Christian Humberg: Keine Schienen, nein. Wir haben die Szenen im Prinzip nur brüderlich geteilt, wobei ich als alter Fan gerne gestehe, dass ich bereitwillig eine Niere gespendet hätte, um Robert Cravens ersten Auftritt im Roman schildern zu dürfen. Und die andere, um … aber ich will nicht spoilern. Es sei nur gesagt, dass ich noch im Besitz beider Nieren bin und trotzdem zu so manchem Vergnügen kam. 
Bernd Perplies: Welchen der beiden ersten Auftritte meinst du jetzt? Wobei … hm … ich glaube, ich habe tatsächlich sogar beide geschrieben. Tut mir echt leid, Mann. Das war keine Absicht. (*Hüstel*) Dafür ging der Alte Mann auf deine Kappe, wenn mich nicht alles täuscht. Auch ein ganz großer Cameo!
Es gibt aber doch zwei Schienen! Der Held hat während der Geschichte nämlich die Möglichkeit, sein Herz der blonden Leni oder der dunkelhaarigen Lissy zu schenken. Christian hat den Handlungsstrang mit der Blondine übernommen, ich den mit der Schwarzhaarigen. (Und, nein, das soll keine Rückschlüsse auf unsere Präferenzen in Bezug auf Frauen zulassen.)
: Mürrische Zeitgenossen könnten bei dem, nun, äh, nur kurz geratenen Auftritt von Robert Craven anmerken, dass dieses Buch auch ganz ohne »Hexer«-Bezug hätte erscheinen können. Was haltet ihr dem entgegen – wenn überhaupt?
Bernd Perplies: Kurz? Das ganze Buch ist voll mit Robert Craven! Wir hatten eine Debatte mit den Leuten bei Pegasus, ob wir Robert Craven so exzessiv einsetzen dürfen! Abgesehen davon besteht meines Erachtens das »Hexer«-Universum nicht nur aus Robert Craven. Es steht auch für eine gewisse Zeit, eine gewisse Atmosphäre, gewisse Pulp-Situationen und Figuren. Und ich finde, das alles wurde in »Das schleichende Grauen« ziemlich gut eingefangen. Ohne den »Hexer«-Bezug wäre das Buch auf jeden Fall ein anderes geworden, da bin ich mir sicher.
Christian Humberg: Ich kann mich meinem Vorredner nur vehement anschließen. Uns war von Anfang an klar, dass wir – im Gegensatz zu den in Pegasus’ RPG vorherrschenden Sitte – eben nicht eine Geschichte mit Roberts Sohn Richard Craven erzählen wollten, sondern mit dem Original. Ein weiteres Halali von Roderick Andaras unfreiwilligem Erben. Drunter ging’s nicht – und genau das haben wir und die Fans bekommen. Als alter Fan muss ich gestehen, dass es schon ein erhebendes Gefühl war, als der Verlag uns signalisierte, dass Wolfgang Hohlbeins Agentur unser Exposé bewilligt hatte.
»Das schleichende Grauen« bietet dem Spieler/Leser tatsächlich die Gelegenheit, kopfüber in ein Abenteuer des »Hexers« einzutauchen – und bei einem Abenteuerspielbuch ist es doch nur natürlich, dass der Leser zum Protagonisten wird und Robert dementsprechend eine nicht ganz so zentrale Rolle einnimmt. Aber ich garantiere dir: Ohne Craven hätte es diese Geschichte nicht gegeben.
: Würfeln, Spielprotokoll, Charakterwerte: Alles will wohl balanciert sein und entworfen werden. Habt ihr das selbst getan, oder wart ihr nur die Erfinder und Autoren der Geschichte, nicht aber für diese eher technische Seite zuständig?
Christian Humberg: Die Spielregeln vorne im Buch standen bereits, als wir zu dem Projekt stießen. Das lag primär daran, dass Pegasus schon vor dem »schleichenden Grauen« Abenteuerspielbücher publiziert hatte und eines davon, Frank Rehfelds »Der Blutstern«, sogar im Hexer-Kosmos spielte. Es wäre schlicht unnötig und nicht allzu homogen gewesen, das alles über den Haufen zu werfen. Was die Charakterwerte, die Würfelleistungen usw. angeht, sind aber allein wir verantwortlich. Kreidet es also nicht dem Verlag an, wenn euch Cthulhus Anblick das Hirn zu Götterspeise werden lässt … sondern allein euren Würfeln, klar?
Bernd Perplies: Ähm, das stimmt so nicht ganz. Wir haben die Kampfregeln geändert. Dafür habe ich – wortwörtlich – gekämpft. Denn ich fand das Kampfsystem in Frank Rehfelds Buch eher unfair. Ich wollte es etwas ausgeglichener haben – und nach einigen Diskussionen (d. h. unermüdlichem Quengeln) fanden wir einen Kompromiss zwischen meinen anfangs noch radikaleren Änderungsvorschlägen und dem, was in »Der Blutstern« vorgegeben worden war.

: Hand aufs Herz: Hattet ihr erwartet, dass euch in Leipzig so viele Leute an den Lippen hängen würden, als ihr aus »Das schleichende Grauen« vorgelesen habt?
Bernd Perplies: Ehrlich gesagt: Nein. Wir haben auch schon vor … äh … weniger Publikum mit unserem Buch gestanden. Aber es war wirklich schön zu sehen, dass wir mit unserer etwas anderen Art der Lesung so viele Leute für eine knappe Stunde unterhalten konnten. Und als danach noch mehrere Zuhörer auf uns zukamen und fragten, wo sie das Buch kaufen können, war das für mich die schönste Anerkennung.
Christian Humberg: Nach dieser Lesung auf der Fantasy-Leseinsel der Leipziger Buchmesse war ich absolut sprachlos. Eigentlich ein Wunder, dass ich angesichts dieses Andrangs überhaupt ein Wort herausgebracht habe. Anfangs dachte ich noch, der Großteil des Publikums sei nur auf der Durchreise und habe sich mal gesetzt, um ein wenig die Füße zu schonen, aber als dann alle sitzen blieben, sogar noch mehr Leute dazustießen und alle, alle begeistert mitspielten, als wir um ihre Beteiligung baten, war das absolut großartig. Außerdem: Welche Autoren, die in Leipzig gelesen haben, können schon von sich behaupten, dass ihre Lesung im Radio übertragen wurde? Wir! All das und unsere anschließende Signierstunde am Stand der WerkZeugs Kreativ AG ist mir in sehr guter Erinnerung geblieben.
: Bei der Lesung habt ihr verraten, dass es einen Lösungsweg gibt, den auf Anhieb kaum jemand gefunden hat und der sowieso sonst auch nicht oft eingeschlagen wird. Ist das der Erzählstrang, den man als »Kultist« erlebt? Und wenn ja, warum ist er so schwer zu »finden«?
Bernd Perplies: Richtig, es ist die Kultisten-Nummer. Und sie ist deshalb so schwer zu finden, weil man als Spieler eine Handlungsmöglichkeit, die einem geboten wird, »nicht« nutzen darf, um dorthin zu gelangen. Dass das praktisch kein Spieler machen würde, ist uns beim Entwickeln dieser Nebenhandlung gar nicht in den Sinn gekommen. Denn es ist ein ungeschriebenes Prinzip in solchen Büchern, dass man alles, was irgendwie geht, ausprobiert – und wenn man dabei umkommt. Aber es ist ein spannender Subplot. Ich kann also nur dazu raten, in einer gewissen Nacht der Verzweiflung alternativ mal »nicht« eine gewisse Dame zu besuchen. 
Christian Humberg:… auch wenn’s schwerfällt.
: War »Das schleichende Grauen« ein einmaliges Experiment für euch? Oder macht ihr mal wieder – vielleicht sogar bald – ein solches Spielebuch? Einzeln oder gemeinsam? Hexer oder nicht?
Bernd Perplies: Auf keinen Fall. Wer weiß, wer weiß. Gemeinsam. Oder nicht. Mehr muss ich dazu gar nicht sagen. 
Christian Humberg: Ideen gibt es viele, und die Mühlen des Verlagswesens mahlen. Wie heißt das so schön: Wir sind in Gesprächen. Haltet einfach die Augen offen!
: Und da sind wir auch schon am Ende unseres kleinen Interviews. Und jetzt ist für euch noch einmal die Zeit, die Werbetrommel für euch und eure neuesten Projekte zu rühren ...
Christian Humberg: Oha, schamlose Eigen-PR? Aber gerne. Im Oktober 2009 erscheint mein neues Buch »TREKminds – Was die Welt von Star Trek lernen kann«. Dabei handelt es sich um einen informativ-unterhaltsamen Reader, eine Mischung aus Fan- und Sachbuch, das einige Aspekte des unlängst ja wieder massentauglich gewordenen Phänomens Star Trek beleuchtet, die sonst gerne mal unter den Tisch fallen. Mike Hillenbrand, der für sein Vorgängerwerk »40 Jahre Star Trek« sogar mit dem deutschen Phantastik-Preis ausgezeichnet wurde, und ich haben uns dafür u.a. mit diversen bekannten und unbekannten Fans und Machern von Star Trek getroffen und sehr interessante Gespräche geführt. Wer sich für »TREKminds« interessiert, findet auf www.trekminds.info weitere Informationen.
Darüber hinaus lässt mich natürlich auch die Belletristik nicht los. Im Frühjahr 2010 erscheint mein Fantasyroman »Hundeleben« im Taschenbuch. Diese Geschichte durfte ich zur Serie »Das schwarze Auge« beisteuern.
Als Übersetzer tobe ich mich derweil in den unendlichen Weiten des Alls aus und zeichne für die deutsche Textfassung einiger Romane aus CrossCults Star-Trek-Schiene verantwortlich, primär für die der »Deep Space 9«-Serie, die übrigens wirklich hervorragend sind! Dann ist da natürlich die gute alte SpaceView, Deutschlands zweifellos bestes und einzigartigstes Phantastik-Printmagazin, für die ich regelmäßig meine Kolumne »Im Westen was Neues« und diverse weitere journalistische Beiträge verfasse. Und es gehen noch viele andere Projekte über meinen Schreibtisch, die sich in den verschiedensten Stadien der Entwicklung befinden. Das Limit ist, wie wir Phantasten so gerne sagen, nun einmal einzig der Himmel, oder?
Bernd Perplies: Mal sehen, was bei mir so passiert … Als erstes wird der abschließende Band meiner »Tarean«-Trilogie Mitte November erscheinen. Er trägt den Titel »Tarean – Ritter des Ersten Lichts« und ist natürlich einmal mehr voller Action, Romantik, Helden, Schurken, Schlachten, Duelle, Drachen, Untoter, Ritter, Seeungeheuer, düsterer Magie, kurioser Nebenfiguren und unvermeidlicher Filmzitate.
Ziemlich zeitgleich kommt mein Übersetzer-Beitrag für die »Star Trek«-Romane aus dem Hause CrossCult: »Widerstand«, aus der Second Decade der »Next Generation«-Schiene. Ein gradliniger Borg-Reißer, der ziemlich deutlich in der Tradition des achten Kinofilms »Der erste Kontakt« steht und den Grundstein für einige wahrlich galaxisumwälzende Ereignisse legt (ich sage nur »Star Trek: Destiny«).
Für 2010 steht für mich die nächste Romantrilogie an. Diesmal führt es mich in England des Jahres 1896. Verfeindete Magierfraktionen kämpfen um die Herrschaft über »die Magie an sich«. Ganz in der Art von Hohlbeins »Hexer« oder Alan Moores »Liga der außergewöhnlichen Gentlemen« werden auch hier einige Figuren und Momente der literarischen Phantastik aufgenommen und … sagen wir mal … auf unerwartete Art und Weise neu interpretiert – auch wenn diese nur Mittel und nicht Zweck der Handlung sein werden. Die Würze sozusagen. Ich glaube, das wird ein Heidenspaß (voller Action, Romantik, Helden, Schurken, Schlachten, Duelle, Zeppeline, Untoter, Tauchboote – na, ihr wisst schon).
: Bernd, Christian, vielen Dank für eure Zeit und die Antworten! Wir vom Geisterspiegel wünschen euch weiterhin viel Erfolg und alles Gute für eure individuellen und gemeinsamen Projekte!
Christian Humberg: Wir haben zu danken, Sascha. Und jetzt leg endlich den Shogottenstern zurück, die sind abgezählt! 
Weitere Infos:
www.bernd-perplies.de
www.christian-humberg.de
oder
www.twitter.com/BerndPerplies
www.twitter.com/ChrisHumberg
© Sascha Vennemann