Der freie Journalist und Autor Eckhard Diergarten, der in Schalksmühle zu Hause ist, lernte während eines Gigs die Lords kennen. Beruflich begann seine Laufbahn 1979 als Redakteur bei einer Tageszeitung. Während seines»politischen« Engagements in verschiedenen Gremien begann er Anfang der 90er Jahre, sich immer mehr kulturellen Themen zuzuwenden. Die von ihm geschriebene Biographie »50 Jahre The Lords« bezeichnet Eckhard Diergarten als die beste Idee, die er je in seinem beruflichen Leben gehabt hatte.
: Hallo Eckhard, schön, dass du dich bereit erklärt hast, mit mir ein Interview zu deiner jüngst erschienenen Biographie »50 Jahre The Lords« zu führen. Wer ist die Persönlichkeit Eckhard Diergarten? Kannst du dich bitte unseren Usern ein wenig vorstellen?
Eckhard Diergarten: Ja, ich bin 53 Jahre alt, von Beruf Journalist, bin verheiratet, habe einen Sohn. Und ganz wichtig: eine Enkeltochter, der ich dieses Buch gewidmet habe. Ich habe früher als Redakteur gearbeitet, bin aber Mitte der 90er Jahre dann doch immer mehr zur Kultur gekommen. Im Zuge dieser Entwicklung habe ich dann letztendlich ein Konzert mit den Lords organisiert und die Band darüber kennen gelernt.
: Mit »50 Jahre The Lords« liegt eine umfangreiche Biographie der dienstältesten aktiven Rockband der Welt vor. Wie kam es zu dieser Idee?
Eckhard Diergarten: Ich bin im Zuge des von mir eben angesprochenen Konzertes natürlich auf die Jahreszahl 1999 gestoßen, hinter der ja der Tod von Lord Ulli steckt. Dieser Unglücksfall hat sich ja auf der 40 Jahre-Tournee ereignet.
Da ist mir dann natürlich in den Sinn gekommen, dass es zum Zeitpunkt des persönlichen Kennenlernens mit der Band ja nur noch knapp anderthalb Jahre waren, bis zum 50-jährigen Jubiläum. Und das war der Auslöser.
: Wie nahmen Leo, Jupp, Bernd und Charly T. diese Idee auf?
Eckhard Diergarten: Da kann ich nur sagen: Sie haben dies super und ganz spontan aufgenommen. Ich hatte nach meiner ersten Anfrage bei Leo innerhalb von 24 Stunden das Ok, nach dem Motto: Das gehen wir an!
: Eine Recherche zu führen, bei der das zu sichtende Material sich weit über 50 Jahre erstreckt, ist bestimmt nicht einfach. Wie bist du an die gesamte Problematik herangegangen?
Eckhard Diergarten: Ich habe mich mit den Musikern zu »Einzelgesprächen« getroffen, d.h. ich habe den Leo in Düsseldorf besucht, den Bernd in Holland. Ich war bei Charly in Mönchengladbach, bei Jupp in Hannover. Und habe natürlich die Band dann regelmäßig begleitet, sodass sie dabei immer die Gelegenheit hatten, ein »10-Augen-Gespräch« zu führen. Und natürlich haben mir alle Bandmitglieder Material aus ihren privaten Archiven zur Verfügung gestellt.
: War dies viel?
Eckhard Diergarten: Das war sehr umfangreich. Wobei man natürlich sagen muss, dass man nicht alles verwenden kann, weil sich bei dem, was sich in Jahrzehnten anhäuft, natürlich auch vieles doppelt ist. Aber es war eine ganz spannende Geschichte. Besonders Leo hat mir wirklich Schätze zur Verfügung gestellt, mit denen ich sehr sorgsam umgegangen bin und nach Beendigung der Recherche gesehen hab, dass sie sofort wieder in sein Privatsafe zurückgewandert sind.
: Hatten die vier Musiker Einfluss darauf, was du in der Biographie verwendest?
Eckhard Diergarten: Natürlich. Das ist, so glaube ich, gängige Praxis. Ich habe nach diesen Gesprächen mich immer sofort hingesetzt, hab alles zu Papier gebracht, was wir besprochen hatten und im Anschluss, auch um den ganzen Prozess zu beschleunigen, die Texte den Musikern vorgelegt. Man weiß, wenn jemand ins Mikro spricht, ist vieles spontan, vieles nicht so ganz durchdacht. Da sollte jeder Gelegenheit haben, das ein oder andere noch zu korrigieren oder vielleicht auch zu revidieren.
: Du lässt zu Beginn der Biographie zwei Ikonen der deutschen Musikgeschichte zu Wort kommen. Warum gerade Uschi Nerke und Manfred Sexauer?
Eckhard Diergarten: Weil ich glaube, dass die Leute, die Fans, die heute in Lordkonzerte gehen oder zu anderen Bands, die zur gleichen Zeit aktuell waren, mit Sicherheit die deutsche Band automatisch mit dem »Beatclub« verbinden. Uschi Nerke war die Frontfrau des »Beatclubs«, eine Erfindung von Radio Bremen. Manfred Sexauer ist etwas später dazugestoßen. Der »Musikladen« war ja die Nachfolgesendung des »Beatclubs«. Das war eine ganz subjektive Einschätzung. Ich habe mir gedacht: Es gibt eigentlich keine prätestinierteren Zeitzeugen als die beiden.
: Mit Peter Donath und Rainer Petry finden zwei Ex-Lords in deiner Biographie einen würdigen Platz. Wie haben »Max« und »Gandy« reagiert, als du mit ihnen Kontakt aufgenommen hattest?
Eckhard Diergarten: Auch spontan absolut positiv. Rainer Petry hat mir ähnlich wie die anderen vier auch Rede und Antwort gestanden, hat einen selbst verfassten Text bei mir abgeliefert. Bei »Max« Donath war es leider, muss man sagen, etwas schwieriger, weil er eine etwas schwere Phase hinter sich hat, von argen gesundheitlichen Problemen damals betroffen war und sich nicht so einbringen konnte wie die anderen. Aber ich kann die Lordfans beruhigen: Ihm geht es mittlerweile auch wieder besser. Und auf das Buch, was er natürlich auch bekommen hat, hat er äußerst positiv reagiert. Er sagte: Alles klar, wunderbar gelungen!
: Fühlen sich beide auch weiterhin als Bestandteil der Lords, auch wenn sie selbst nicht mehr aktiv sind?
Eckhard Diergarten: Ja, unbestritten. Für beide Musiker war die Lordzeit die erfolgreichste Zeit, die sie in ihrem Leben hinter sich gebracht haben. »Gandy« Petry macht noch bis heute Musik. »Max« Donath kann wie gesagt aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr. Aber wenn man sie darauf anspricht, fühlen sie sich auch heute noch als Lords, zumal man dabei auch betonen muss: Sie sind ja damals freiwillig gegangen, haben die Band freiwillig verlassen und sind nicht aus internen Streitereien oder so von den anderen gefeuert worden. Das war ihre freie Entscheidung, aber sie fühlen sich immer noch als Lords, keine Frage.
: Fehlt in der gesamten Riege nur noch ein Ex-Lord, Knut Kuntze. Bei einem Unfall im Dezember 1964 hatte er das rechte Bein verloren. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als bei RIAS Berlin die Sendung »Schlager der Woche« kam. Diese wurde ja von Lord Knut moderiert. Er begann die Sendung immer mit den Worten »Es ist RIAS Berlin, Sie hören 20.00 Uhr!« Welch Humor trotz Beinverlust steckte da in ihm. Ende 1985 erfolgte der Rausschmiss aus dem Sender, weil er wohl zu viele Wahrheiten über Berlins Politiker losgelassen hatte. Hast du bei deinen Recherchen etwas herausgefunden, was aus Lord Knut geworden ist?
Eckhard Diergarten: Nein! Diese Frage kann ich nur mit einem schlichten Nein beantworten. Ich habe im Internet recherchiert. Ich habe von Lord Knut im heutigen Berlin wirklich keine Spur gefunden, muss aber allerdings dazu sagen, dass auch die anderen Lords mir nicht behilflich sein konnten, weil der Kontakt seit vielen vielen Jahren nicht mehr existiert. Und somit musste ich mich auf Donath und Petry als ehemalige Lords beschränken.
: Du schreibst in dem Kapitel »Happy Birthday & rock on« einige Glückwünsche, Geburtstagsgrüße von hervorragenden Musikern wie zum Beispiel »Chip« Hawkes, ehemaliger Bassist und Sänger der Tremeloes, Dave Dee, Bill Hurd von The Rubettes ... Wie bist du dazu gekommen?
Eckhard Diergarten: Musiker, die mir ihre Grußworte an die Lords geschickt haben, habe ich bei unterschiedlichen Veranstaltungen kennen gelernt. Ich war mit den Lords unter anderem in Berlin gewesen, war bei einer Aufzeichnung der »Hitgiganten« bei SAT 1. Da habe ich einige getroffen, und habe einige später bei gemeinamen Auftritten getroffen, Dave Dee und »Chip« Hawkes in Wuppertal. Das Gespräch und die Glückwünsche von Wolfgang Niedecken habe ich mir sozusagen bei ihnen persönlich abgeholt, wir haben telefoniert. Ich glaube, ich hätte jeden ansprechen können. Alle wären bereit gewesen, den Eindruck hatte ich, den Lords für die kommenden Jahre alles Gute zu wünschen. Es war alles unkompliziert. Man hat den Musikern angemerkt, dass sie das gerne gemacht haben.
: Du hast dir für die Biographie den Verlag Pro Business Berlin ausgesucht. Ein markanter Verlag für die Art dieser Biographie ist zwar Schwarzkopf & Schwarzkopf Berlin. Warum hast du ausgerechnet Pro Business gewählt?
Eckhard Diergarten: Ich habe mir diesen Verlag ausgesucht, weil ich nach ersten Gesprächen tolle Unterstützung hatte. Der Hintergrund ist natürlich auch, dass es heute sehr schwer ist, Verlage zu finden, die die Kosten komplett übernehmen und sagen: Wir veröffentlichen dieses Manuskript in Buchform und nehmen dies auf unsere Kappe, weil mit diesen Musikerbiographien einige renommierte Verlage offenbar schlechte Erfahrungen gemacht haben. Insofern war dieses Modell, einen Teil der Kosten zunächst selbst zu tragen und sie dann über den Verkauf wieder reinzuholen, für mich das einzig praktikable. Und es war 'ne Frage einer spontanen Sympathie für die zahlreichen Mitarbeiter beim Pro Business Verlag, die mich dazu bewogen hat, zu sagen: Mit diesem Verlag würde ich es machen!
: Hast du schon ein Feedback bekommen, wie der Verkauf der Biographie angelaufen ist?
Eckhard Diergarten: Ja, ich kann dies ständig beobachten, weil ich beim Verlag einen Autoren-Log-in habe. Wie sich der Verkauf gestaltet und ... Ich will dazu nicht zu viel sagen. Nach der Buchmesse hat es für diese Biographie einen wirklichen Schub gegeben.
: Du begleitest die Band bei einigen Gigs. Wie siehst du als Autor die Reaktion der Fans auf deine Biographie?
Eckhard Diergarten: Ich werde darauf angesprochen. Ich habe auch einige Bücher immer mit im Gepäck, wenn ich mit den Lords unterwegs bin. Es ist immer etwas schwierig, zu sagen: Die Resonanz ist gut. Das hört sich so nach Selbstbeweihräucherung an. Aber ich habe bis heute tatsächlich nicht eine negative Stimme gehört. Ganz im Gegenteil. Es gibt Leute, die sagen: Ich bin schon seit Jahrzehnten Lordfan. Doch in diesem Buch habe ich etwas Neues erfahren können über die Band, die mich im Prinzip ein Leben lang begleitet.
: Wie sehen deine nächsten Projekte aus? Wird es in dieser Richtung vielleicht eine Biographie über eine andere Band geben?
Eckhard Diergarten: Man soll nie NIE sagen. Ich könnte mir das schon vorstellen. Im Moment ist es aber so, dass ich dieses Projekt über dieses Jahr noch zu vernünftigen Fortschritten bringen möchte. Momentan ist die Bindung an die Lords so eng - sie hat mittlerweile einen freundschaftlichen Charakter -, dass ich mir jetzt eine spontane Arbeit mit einer anderen Band so 8, 9 Monate nicht vorstellen kann.
: Eckhard, ich bedanke mich bei dir für die Beantwortung meiner Fragen. Es hat mir viel Spaß gemacht.
Eckhard Diergarten: Mir auch!
: Für den Gig, den du für den Herbst 2009 vorbereitest, wünsche ich dir schon heute viel Erfolg. Wir werden uns garantiert wieder einmal über den Weg laufen.
Eckhard Diergarten: Ich hoffe, dass es klappt. Spätestens jetzt im Mai muss sich dies entscheiden. Man hat ja doch noch eine Planungsphase. Es muss an Einiges gedacht werden. Ich bin da ganz guter Dinge.
© Wolfgang Brandt