Foto: Trine Barford Jensen
Will Elliot kommt aus Brisbane und hat mit seinem Debütroman »Hölle« (Piper Verlag) den australischen ABC Award gewonnen. Was eine Leistung ist, denn dieser Preis wird allgemein für Literatur, nicht speziell für Fantasy- oder Horrorliteratur ausgeschrieben. Inzwischen ist das Buch in 5 Ländern erschienen und für mehrere Preise, darunter der Aurealis Award, nominiert. Der sympathische 27-Jährige stellt sich nun den folgenden Fragen. Liebe Leser, viel Vergnügen!
: Wie viele Länder hast du besucht, nachdem du den ABC Award gewonnen hast? Inwiefern hat sich dein Leben nach der Veröffentlichung deines ersten Romans verändert?
Will Elliot: Deutschland ist das erste Land, das ich besucht habe. Was mich am meisten beeindruckt hat, war die Spürbarkeit der Geschichte hier, die alten Kathedralen und so weiter. Wir haben in Australien keine solchen Gebäude … nur alte Felsen. Ich mag das Land, es ist ein Privileg, dass ich hierher kommen konnte, und auch wenn es so kurz war, verstehe ich jetzt, warum so viele Künstler von Berlin inspiriert sind.
Mein Leben hat sich nicht sehr verändert. Ich denke, dass sich ein Teil von mir eine Lebensart erwartet hat, sobald ich ein Buch veröffentlicht habe, was nicht wirklich das ist, was passiert. Aber es ist auch ein wenig ein gutes Gefühl, wenn man erlebt, dass das Leben ganz normal weitergeht. Hauptsächlich, denke ich, ist es die Erlaubnis, weiter zu schreiben, als sich zu fragen, ob die Zeit total verschwendet war.
: Eine Sache, die der Jury des ABC Awards an deinem Buch besonders gefallen hat, war der Genremix. Wirst du das als deinen eigenen speziellen Elliot-Stil weiterentwickeln?
Will Elliot: Soweit ich damit durchkomme, denke ich. Meine Kurzgeschichten sind ein gutes und sicheres Ventil für das Verbinden von Genres, und die meisten sind in unserer Welt angesiedelt, mit ein paar Drehs hier und da. Es ist nicht immer gern gesehen, wenn man sich im Mischen von Genres nicht mehr bremsen kann, bevor man eine etablierte Größe ist. Aber das wird mich nicht im magischen Realismus oder Fantasy (oder Horror) halten … was mich dort hält, ist die große Bandbreite an Rüstzeug, welches der Autor zur Verfügung hat. Buchstäblich alles kann passieren, wenn Magie erlaubt ist.
: Das Motiv des Schreckenszirkus oder des sadistischen Clowns ist ziemlich bekannt in der Landschaft der Horror- und phantastischen Literatur. Woher rührt die Idee deines eigenen »Family Circus« (Anmerk.d.Übers.: Im Original heißt das Buch »The Pilo Family Circus«)?
Will Elliot: Es gab keine spezifische Idee für das Setting des Buches … der Plan war, eine Art »Strömung« als Setting zu finden, wo die Realitäten gemischt werden konnten. Ein Zirkus war eine Möglichkeit auf einer ganzen Liste von Möglichkeiten, aber es war ein besonders passendes Setting wegen der Fähigkeit, sinistere Dinge mit aberwitzigen Dingen zu kombinieren und den Horror mit Humor aufzubrechen. Wir haben als Kinder jährlich Shows gesehen, die voll waren von einigermaßen gruseligen Schaustellern … die hatte ich im Hinterkopf, als ich das Layout zum »Pilo Circus« entwickelte.
: Ein interessanter Punkt deines Romans ist, dass du Jamie nicht als »typischen Helden« entwickelst, sondern ihn mit seiner dunklen Seite konfrontierst und einen Kampf zwischen den beiden Charakteren eröffnest. Auch weiß Jamie, wann es Zeit ist, die Beine in die Hand zu nehmen, anstatt den Helden zu spielen. Wolltest du aktiv gegen Genrekonventionen schreiben? Oder war da einfach eine Idee, die du vom Anfang an verfolgt hast, ohne auf Konventionen zu achten?
Will Elliot: Bewusst verfolge oder breche ich Konventionen nicht, und ich mache mir sie auch nicht sehr bewusst, um die Wahrheit zu sagen. Jamie ist bestimmt kein Held, er ist eine normale Person mit guten und schlechten Eigenschaften (er basierte auf einem Freund von mir, und es ist das erste und einzige Mal, dass ich Charaktere auf wirklichen Personen basieren lasse). Es gefällt mir, dass sich die Leute mit einer realen Person in Verbindung bringen können, auch wenn er sich nicht streng heroisch verhält … aber ja, ich wüsste nicht, ob ich an Jamies Stelle dageblieben wäre, um unmögliche Kämpfe aufzunehmen.
: Was macht die Zirkuslandschaft so brauchbar für Horrorromane?
Will Elliot: Die natürliche unheimliche Atmosphäre, das leicht Andersweltartige an Aussehen, Hörerlebnis, Gefühl, sogar an Geschmack. Die Schausteller lächeln, wenn sie dein Geld nehmen, aber du weißt, dass sie dich insgeheim so sehen, als wärst du ein unwillkommener Tourist in einem unfreundlichen Land. Warum? Was macht sie so anders als uns? Was sind ihre internen Gesetze und Bräuche? Und was bringt einen Clown dazu, diese Schminke auftragen zu wollen? Warum schreit und weint ein Kind oftmals, wenn es die bunten Farben sieht? Vielleicht ist es auch gut für uns, unsere Faszination am Dunklen mit dem Aberwitz einer solchen Umgebung zu kombinieren, sogar über die Dinge zu lachen, die Tod und Schmerz bedeuten.
: Wie viel Will existiert in Jamie und JJ?
Will Elliot: Nicht viel, fürchte ich. Ich hätte möglicherweise in manchen Situationen so reagiert wie Jamie. Auch sein Ringen mit JJs Possen/Streichen ähnelt meinem eigenen Ringen mit verschiedenen Dämonen, aber seine eigene Persönlichkeit basiert auf jemandem, den ich sehr gut kenne. JJ basiert auf derselben Person, wenn diese sehr betrunken ist, wenn eine Art unausstehliche Variante das Ruder übernimmt und sich kein bisschen mehr darum kümmert, was Leute kümmert. Ich hoffe jedoch, dass da nicht sehr viel von mir in JJ ist. Vielleicht kann ich das aber auch gar nicht so beurteilen.
: Was gefällt dir am meisten am Schriftstellertum?
Will Elliot: Gewisse Freiheiten, schätze ich … meine eigene Zeiteinteilung, die Freiheit, ein bisschen verquer zu sein. Es ist einem Autor erlaubt, eine gewisse exzentrische Ader an den Tag zu legen, es wird auf eine Art erwartet. Das ist eine Erleichterung. Da ist dann noch der Akt des Schreibens selbst. Es fühlt sich an wie nach Hause kommen, wenn man in sein Arbeitszimmer geht und bis zum Hals in Arbeit versinkt. Nicht immer ein Spaß, manchmal nah an Folter, aber immer wie zu Hause.
: Ich habe gelesen, dass du an Schizophrenie gelitten hast. Kannst du beschreiben, wie das deine Entscheidung zu schreiben beeinflusst hat oder vielleicht sogar diesen Roman beeinflusst?
Will Elliot: Es ist mir nicht klar, ob ich unter der Präsenz der Krankheit geschrieben habe oder nicht. Es gab frühe Anzeichen in meinem Leben, die in die Richtung des Schreibens gewiesen haben. Aber den Mut zu haben eine erfolgreiche Karriere in einer anderen Sparte aufzugeben, zum Beispiel ein gut bezahlter Anwalt zu werden (ich habe die juristische Fakultät verlassen, als die Krankheit ausbrach) – ist vielleicht eine andere Frage. Es schien, als hätte ich mich in eine Ecke zurückgezogen, in der Schreiben die einzige Möglichkeit war. Über die Zeit wurde das Schreiben zu einer Art selbsterfüllenden Prophezeiung, als jeder, den ich kannte, eine Karriere und Hypotheken und so weiter hatte, und es schien, als wäre es eine heikle Sache, den Blödsinn aufzugeben, weil jetzt schon so viel darin investiert war.
Für diesen speziellen Roman war die Krankheit kein bewusster Einfluss. Wenn ich ein anderes Setting gewählt hätte, wären vielleicht dieselben Themen herausgekommen, wie sie es in vielen anderen Werken bis zu diesem Punkt getan hätten.
: Gibt es Bücher, ohne die du nicht mehr könntest? Welche wären das?
Will Elliot: All die alten Lieben, die alle paar Jahre wieder gelesen werden müssen. »Gormenghast« von Mervyn Peake, »Lucifer’s Hammer« (dt. Luzifers Hammer) von Niven und Pournelle, alle George Saunders-Kurzgeschichten, »Infinite Jest« von David Foster Wallace, Lovecraft, Kafka, Chekov, Tristan Egolf, John Kennedy Tooles »A Confederacy of Dunces« (dt.Ignaz oder Die Verschwörung der Idioten). Ich könnte noch eine Weile so weitermachen. Ich höre lieber auf, solange ich noch kann!
: Australische Autoren sind nicht sehr bekannt in Deutschland – kannst du einige deiner Kollegen empfehlen?
Will Elliot: David Kowalski ist eine Name, von dem ich glaube, dass er bald vielerorts bekannt sein wird. Er hat eine ziemlich erstaunliche Geschichte namens »The Company of the Dead« geschrieben. Ich hoffe bloß, dass er Verleger in der ganzen Welt dafür findet, wie er es verdient – das Buch ist 700+ Seiten lang, was ein Problem wäre.
: Es gibt ein Hörbuch der deutschen Version deines Buches. Hast du es einmal gehört (obwohl du wahrscheinlich nicht viel davon verstanden hast?) Der Sprecher Oliver Rohrbeck ist eine sehr bekannte »Stimme« in Deutschland, da er Justus Jonas von den »Drei ???« gesprochen hat, die viele von uns noch aus ihrer Kindheit kennen.
Will Elliot: Ich habe Oliver bei Live-Lesungen gehört, und er liest es unglaublich gut. Jemand hat mir bei der Hamburger Lesung gesagt, dass man eine ganz neue Seite von Oliver hört, sogar eine etwas verstörende Seite. Seine Stimmen der Charaktere sind bemerkenswert, und er scheint wirklich ein Teil der Geschichte zu werden.
: Könntest du dir vorstellen, »Hölle« verfilmt zu sehen? Welche Schauspieler würdest du gerne darin spielen sehen?
Will Elliot: Viele Leute haben mir gesagt, dass sich das Buch sehr leicht in einen Film übersetzen lassen würde, und ein australischer Producer hat sich die Filmrechte für ein Jahr geschnappt, also wird hoffentlich etwas daraus. Bezüglich der Schauspieler würde Russel Crowe ein großartiger Gonko sein. Es wäre jedoch auch schön, einigen werdenden Talenten die Chance zu geben, ein Teil davon zu sein. Und wenn möglich, David Lynch Regie führen zu lassen. Das wäre das Größte.
: Wenn du eine Haupteigenschaft auswählen solltest, die ein junger Autor haben sollte, welche wäre das?
Will Elliot: Die Fähigkeit dazusitzen, in deinem Arbeitszimmer oder wo immer du auch schreibst, und jeden Tag tatsächlich an etwas zu arbeiten. Es klingt blöd, das sogar noch zu unterstreichen, aber viel zu viele beginnende Autoren interessieren sich mehr dafür, über das Schreiben zu reden, als es dann auch tatsächlich zu tun (Ich weiß das, weil es bei mir am Anfang auch so war). Du gehst schon raus und sammelst die Stückchen deines Werkes aus der realen Welt, aber es kommt eine Zeit, in der du die reale Welt komplett draußen halten musst, um dich mit deiner Arbeit in Ruhe zu lassen.
: Was wirst du deiner Familie über Deutschland erzählen, wenn du nach Hause kommst?
Will Elliot: Ich habe jetzt ungefähr 3 Kameras mit Bildern voll, sogar von Dingen, die Ansässige hier gewöhnlich finden (Wow! Schau mal, der Baum! <klick klick>), also werde ich jede Menge zu zeigen haben, wenn ich wieder zu Hause bin. Ich wünschte nur, ich hätte mehr Zeit für alles gehabt, vor allem für Berlin. Die Geschichtsträchtigkeit ist für mich erstaunlich, die alten Kirchen und Gebäude, die Statuen. Ich verstehe, warum so viele Künstler sich von Berlin inspiriert fühlen. Die Leute waren wundervoll, diejenigen, die zu den Lesungen gekommen sind, Interviewer, Leute in den Pubs spät abends. Ich kann’s nicht erwarten, wiederzukommen, es war eine der besten Wochen meines Lebens.
: Danke für das Interview, Will, ich freue mich, bald wieder von dir auf dem Buchmarkt zu hören und dich wieder zu befragen.
Will Elliot: Alles Gute, Rebecca!
Interview und Übersetzung: Rebecca Hagelmoser

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