Inge Kunzelmann, Ruth Nestvold, Urban Hofstetter
Ein weiteres interessantes Gespräch auf der Leipziger Buchmesse 2009 ergab sich mit der Autorin Ruth Nestvold, deren umfangreicher historischer Fantasy-Roman „Flamme & Harfe“ Ende Januar 2009 im Penhaligon-Verlag erschien. Sie wurde 1958 in Colville, Washington, USA geboren, ist aber bereits seit dreißig Jahren in Deutschland. Sie promovierte im Fach Anglistik an der Universität Stuttgart und war danach einige Jahre an verschiedenen deutschen Universitäten tätig. Ihre schriftstellerische Karriere begann im Jahre 1998 mit dem Besuch eines Schreib-Workshops bei Fantasy-Meister und Bestsellerautor George R.R. Martin. Bald darauf erschienen ihre ersten Kurzgeschichten und Novellen in zahlreichen Zeitschriften (u.a. in „Asimov’s Sciene Fiction“) und Anthologien, die zum Teil für bekannte Preise (Tiptree Award, Sturgeon Award) nominiert wurden. Heute arbeitet Ruth Nestvold im IT-Bereich und als freie Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrem Ehemann in Stuttgart.
Im Anschluss an die Lesung aus ihrem aktuellen Roman hatte Sascha Vennemann das Vergnügen, mit der Autorin und Penhaligon-Programmleiter Urban Hofstetter zu sprechen.
Sascha Vennemann im Gespräch mit Ruth Nestvold
Geisterspiegel: Frau Nestvold, in Ihrem Roman „Flamme und Harfe“, aus dem Sie vorgelesen haben und der im Penhaligon-Verlag erschienen ist, geht es um die bekannte Geschichte von Tristan und Isolde. Der Verlag wirbt in seiner Ankündigung Ihres Buches damit, dass die Legende von Tristan und Isolde allen bekannt sei, und es entsteht der Eindruck, dass darauf nicht weiter eingegangen werden müsse. Ich muss gestehen, dass diese Sage mir persönlich tatsächlich vorher nicht bekannt war. Auch in meinem näheren Bekanntenkreis, sehr oft auch Leser von phantastischer Literatur, waren zwar die Namen „Tristan und Isolde“ bekannt, aber niemand konnte mir den Verlauf oder den genauen Inhalt der Geschichte erzählen. Ich habe mich also erst während des Lesens Ihres Romans darüber informiert, wie die ursprüngliche Sage lautete. Überrascht Sie das, wenn jemand „Tristan und Isolde“ nicht kennt?
Ruth Nestvold: Nicht unbedingt. Jeder hat ja andere Interessensbereiche. Ich kannte die Geschichte früher auch nicht so gut, weil mich eher die „Arthur und Guinivere“-Seite der Geschehnisse interessiert hat. Erst als ich auf Gottlieb von Straßburgs „Tristan“ gestoßen bin, habe ich angefangen, mich dafür zu interessieren, und dann habe ich angefangen, verschiedene Versionen davon zu lesen. Ich kenne allerdings die Version von Wagner, die im deutschen Kontext wichtig ist, nicht. Ich habe aber inzwischen erfahren, dass Wagner seine Interpretation von der Artus-Sage unabhängig gestaltet hat. Einige Rezensionen meines Romans betonen, dass es ungewöhnlich ist, die Geschichte von Tristan und Isolde in die Artus-Legende einzubetten. Das hat mich dann schon etwas verwundert, denn alle Versionen, die ich bisher gelesen habe, waren eben gerade in die Artus-Legende eingebettet.
Geisterspiegel: War es auch diese ausgiebige Beschäftigung mit dem Thema, die Sie dazu veranlasst hat, kurze Zitate und Passagen aus anderen „Tristan und Isolde“-Texten an die Kapitelanfänge Ihres Romans zu setzen?
Ruth Nestvold: Das ist einfach etwas, das ich gerne mache, denn es gibt so viele Versionen und Erzählungen des Themas. Außerdem schafft das eine gewisse Meta-Ebene für den Roman, ein Bewusstsein dafür, wie viele verschiedene Variationen des Themas es gibt und wie beliebt die Geschichte war, vor allem im Mittelalter. Es gibt Dutzende von Versionen, und damals war dies eine der Stammerzählungen der Dichter des Mittelalters. Deshalb gibt es einen Riesenfundus an Möglichkeiten, welche Zitate man den Kapiteln des Romans voranstellt.
Geisterspiegel: In der mir vorliegenden Vorab-Version, dem Leseexemplar, gab es noch nicht den Anhang mit dem ausführlichen Personen- und Begriffregister sowie der Landkarte, auf der man die einzelnen Handlungsorte nachvollziehen kann. Wie wichtig sind in der endgültigen Version im Hardcover diese Zusätze, um dem Roman als Ganzes gut folgen zu können, insbesondere im Hinblick auf die fremdsprachigen Begriffe? Ich hatte beim Lesen des Romans ohne diese Hilfsmittel oftmals Probleme, die vielen Begriffe richtig ein- und zuzuordnen ...
Ruth Nestvold: Diese Anhänge sind schon sehr wichtig, und ich benutze sie auch selbst gern, wenn ich andere Bücher lese; insbesondere die Personenregister bei solchen komplexen Romanen. Als Leser eines so episch angelegten Werks von 700 Seiten kommt man da leicht mal durcheinander. Ich hatte mir sogar überlegt, eine Art historischen Aufriss zu meinen Recherchen zu schreiben, aber dazu fehlte mir leider die Zeit. Jetzt sitze ich schon am nächsten Roman (lacht). Ich hatte mir auch überlegt, so einen Text vielleicht auf meiner Homepage zu veröffentlichen, wenn ich dazu komme, ihn zu schreiben, denn das Interesse ist glaube ich schon da. Da gibt es schon viele interessante historische Stränge, die man da verfolgen kann.
Nebenbei habe ich viele Kelten-Romane gelesen, und einige meiner Bekannten haben meinen Roman gelesen und hatten wiederum auch keine Probleme mit den verwendeten Begrifflichkeiten, weil sie halt Kelten-Freaks sind (lacht).
Geisterspiegel: Beim Lesen des Romans hatte ich den Eindruck, dass insbesondere an den Fixpunkten der Geschichte, den wichtigen Stellen, die auch in den Legenden immer wieder betont werden – z.B. dann, wenn Isolde den Splitter von Tristans Schwert, den sie im Knochen ihres ermordeten Onkels gefunden hat, erstmals tragischerweise ihrer großen Liebe zuordnen kann -, dass diese Stellen in Ihrer Version sehr knapp gehalten werden. Es wird lange auf diese Passagen hingearbeitet, die Szene umfasst dann aber nur wenige Seiten. Ich hatte den Eindruck, dass diese in den Legenden zentralen Punkte in Ihrem Roman nur eine etwas untergeordnete Rolle spielen, und dass es für Sie wichtiger war – was Sie auch bei Ihrer Lesung betont haben -, das Ganze in einen historischen Kontext einzubetten und aus der Ureinwohner-Sicht von Isoldes Volk zu erzählen ...
Ruth Nestvold: Ich muss sagen, dass mir das beim Schreiben nicht so aufgefallen ist, wenn ich das gemacht habe (lacht). Mir sind diese Dreh- und Angelpunkte der Geschichte wichtig und ich wollte eigentlich auch, dass sie so gesehen werden. Aber vielleicht passiert das oft so, dass man auf solche wichtigen Handlungselemente hinarbeitet und diese dann kurz und prägnant beschreibt, denn im eigentlichen Zeitverlauf sind sie ja tatsächlich nur kurze Momente. Eine Leserin hat mir gerade zu der Stelle mit der Scharte im Schwert gesagt, da war sie total aufgeregt und hat geheult, sie wollte Tristan hassen, aber sie konnte nicht, und da habe ich mir gedacht: Okay, dann hast du deinen Job gut gemacht.
Geisterspiegel: Eine Frage zur Magie im Roman, die ja sehr subtil ist und fast nur angedeutet wird, dadurch dass bestimmte Leute bestimmte „Fähigkeiten“ haben, z.B. eine Art von mentalem „Ruf“. Wie sind Sie darauf gekommen, diese Art von Magie in den Roman einzubauen?
Ruth Nestvold: Das hängt zum einen damit zusammen, dass ich einen Roman im Stile von George R.R. Martin schreiben wollte, in dem es nicht so viel Magie gibt und wo die Magie eben nicht immer alles rettet und einfach macht – am besten genau zu dem Zeitpunkt, an dem man sie braucht. Ich wollte also bestimmte Regeln schaffen, die die Magie begrenzen. Da habe ich gedanklich ein bisschen damit herumgespielt, was ich benutzen könnte, und kam auf den Gedanken, etwas von dem in Irland verbreiteten Glauben an das „zweite Gesicht“ zu übernehmen. Wenn der Roman schon in Irland anfängt, könnte „meine“ Magie ja darauf basieren. Dann habe ich überlegt, welche Elemente von Psycho-Magie das „zweite Gesicht“ häufig enthält. Gerade diese Elemente habe ich dann übernommen. Die Gabe der „Illusion“ geht da zwar etwas weiter, aber zumindest die Gaben des „Rufes“ und des „Wissens“ sind Sachen, die man aus dem „zweiten Gesicht“ herleiten könnte. Ich wollte also sowohl die Magie begrenzen, als auch dass sie zum Milieu passt. Außerdem unterstreicht das nochmals die Position von „Flamme und Harfe“ als Fantasy-Roman, denn ich wollte ihn nicht rein historisch halten.
Geisterspiegel: Sie haben es schon angesprochen: Sie arbeiten bereits an einem Folgeroman zu „Flamme und Harfe“, der in derselben von Ihnen erschaffenen Welt rund um Tristan und Isolde spielen wird. Wird das auch wieder ein solch umfangreiches Buch?
Ruth Nestvold: Ich glaube nicht! (lacht) Ich glaube, der Roman wird nicht ganz so lang. „Flamme und Harfe“ hat 195.000 Wörter, und der Folgeroman hat bis jetzt 110.000 – allerdings mit sehr vielen Lücken. Wie ich das auch bei meiner Lesung erzählt habe, füge ich Schlachten und Kämpfe erst beim endgültigen Überarbeiten in das Manuskript ein. Außerdem weiß ich jetzt, wo ich mit dem Schreiben des Romans schon so weit fortgeschritten bin, dass ich am Anfang bestimmte Fehler gemacht habe. Ich muss also den Anfang noch einmal neu schreiben. Wie lang das Ganze am Ende wird, kann ich noch nicht sagen, aber ich denke mal, so um die 150.000 Wörter, also knapp 100 Seiten weniger als „Flamme und Harfe“. Aber auf jeden Fall nicht kurz! (lacht)
Geisterspiegel: Glauben Sie, wir werden auch einmal die Möglichkeit haben, Ihre zahlreichen zum Teil preisgekrönten Science-Fiction-Stories auf Deutsch in einer deutschen Veröffentlichung zu lesen?
Ruth Nestvold: Da müssen Sie ihn fragen! (zeigt auf Urban Hofstetter und lacht) Da habe ich keinen Einfluss drauf!
Urban Hofstetter: Mal sehen (zweifelnd). Es ist in der Tat so, dass es in Deutschland, egal in welchem Zusammenhang, weder eine Tradition noch einen großen Markt für Kurzgeschichten gibt. Das müsste dann wirklich etwas sehr Literarisches sein, dann würde es vielleicht funktionieren. Selbst diese Krimi-Kurzgeschichten, die sich in den USA zum Teil unglaublich gut verkaufen, finden hier überhaupt keine Käufer. Vielleicht kann man ja mal eine Story als „Bonustrack“ oder so etwas veröffentlichen.
Geisterspiegel: Frau Nestvold, vielen Dank für das Interview. Haben Sie noch ein paar abschließende Worte, die Sie unseren Lesern mitteilen wollen?
Ruth Nestvold: Ich hoffe, dass die Leute, die das Buch lesen, es genießen.
Geisterspiegel: Das ist ein schönes Schlusswort. Vielen Dank.
Fotos: Privat (mit freundlicher Genehmigung der Autorin)
© Sascha Vennemann