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Interview mit Michael Thiel

im Gespräch mit Michael Thiel

Michael Thiel
Autor des Schattenwacht-Zyklus

: Bitte stelle dich unseren Lesern zuerst einmal kurz vor.

Michael Thiel: Ich bin Jahrgang 1977, habe schon als Radkurier und Kampfkunsttrainer gejobbt, ein paar Semester Forst- und Sportwissenschaften studiert und im vergangenen Jahr beschlossen, die große Chance zu ergreifen, die der SCRATCH-Verlag mir bot. Zurzeit tue ich nichts außer Schreiben. Der Verlag hat mir quasi einen Fahrplan erstellt, wie ich möglichst ohne Umwege hauptberuflich vom Schreiben werde leben können. Jetzt, mit gerade mal einem Buch wirft das Schreibhobby natürlich noch nicht das große Geld ab (*grins*), aber die handwerkliche Qualität nimmt drastisch zu, wenn man sich so intensiv mit dem Schreiben beschäftigen kann; das betrachte ich als gut angelegte Investition für die mittelfristige Zukunft als hauptberuflicher Autor.

: Wie bist du zum Schreiben gekommen und woher rührt dein Interesse für die Fantasy?

Michael Thiel: Ich habe schon in der Grundschule gern phantasievolle Aufsätze geschrieben und bekam bei Deutscharbeiten sogar zusätzliche Zeit eingeräumt, um längere Texte fertigzustellen.
Wieso mich ausgerechnet die Fantasy fesselt, kann ich nicht rational begründen, aber ich träume eben gern vor mich hin. Was ich sehr angenehm an der Fantasy finde ist, dass ich mich in einer eigenen Welt, so wichtig Plausibilität auch ist, nicht so eng an die Gegebenheiten der Realität halten muss, sondern meiner überschwappenden Phantasie freien Lauf lassen kann. Ein Wesenszug von mir ist, vermeintliche Fehler in der Welt, im Schulsystem oder sonstwo nur schwer hinzunehmen und Dinge ganz oder gar nicht zu tun, darum stand mir der Sinn noch nie nach einer konventionellen Karriere mit Terminstress, Mobbing, all den Zwängen usw. und das nur für Geld. Mancher findet das (zu Recht *g*) überzogen und dickköpfig, aber siehe oben, ich setze mich doch damit durch. Eine Lektoratsanalyse, die Band 1 des Schattenwacht-Zyklus mit meinem nächsten, einzelnen Buch, dem Lichtlos-Experiment vergleicht, hat schon mal einen deutlichen Qualitätssprung festgestellt.

: Gab es einen Autor oder einen Roman, an dem du dich orientiert hast, der sozusagen wie ein Vorbild auf dich wirkt?

Michael Thiel: Ich war als Kind von Tolkien hin und weg und bewundere den Herrn der Ringe noch immer, aber auch einige Science-Fiction-Klassiker wie Star Trek und Star Wars haben mich beeinflusst. Im Gegensatz zu Tolkien, fand ich früher auch noch Hohlbein toll, aber seit einigen Jahren lese ich von ihm nichts mehr. Ansonsten ist mein Lesegeschmack seit ein paar Jahren breit gefächert, ich habe z.B. recht viele Krimis gelesen.

: Du hast eine sehr komplexe Fantasywelt erschaffen. Wie lange hat es gedauert, diese Welt mit all ihren Handlungsträgern zu erfinden? Standen Personen und Orte vor dem eigentlichen Schreiben fest?

Michael Thiel: Ich habe mit einigen Freunden jahrelang Rollenspiel betrieben und das Best of all dieser Spielsitzungen, z.T. mehrmals wöchentlich, floss in Band 1 ein. Böses Erwachen war quasi ein Dankeschön an die Spielrunde, auf Kosten einer glattgebügelten, eingängigen Schreibweise, die sich schneller hätte runter lesen lassen. Du hast ja selbst gesagt, die ersten hundert Seiten seien eine Herausforderung, bis man den roten Faden endlich erkennt ... Ein anderer Rezensent, dessen Genre klassische Fantasy sowieso nicht so war, hat z.B. so lange gar nicht durchgehalten! (*grins*)
Für Band 2 werde ich aber den Fokus in der Tat etwas klarer stellen und nicht noch einmal so arg viele Stränge parallel und diffus verlaufen lassen. Dann bleibt auch mehr Raum, die Charaktere und die Kulturen tiefgründiger zu betrachten. Momentan befindet der Band sich bei mir in der Überarbeitung, nachdem mir das Lektoratsergebnis vorliegt. Für die weiteren Bände bis 6 habe ich noch einen großen Vorrat an Ideen aus der Spielrunde, in Form von Unmengen handschriftlicher Notizen. Außerdem hat der SCRATCH-Verlag einen Redakteur ernannt, der die Regeln des Rollenspiels perfektioniert, während ich mich um die ständige Weiterentwicklung der Welt Hevanor und das Konzept der Erben von Theb Nor kümmere. Denn auch die Prophezeiung von Theb Nor bietet noch mehr Potential, als in Band 1 bisher ausgeschöpft wurde. Das liegt ein bisschen daran, dass man mit der epischen Spielhandlung, als die Prophezeiung für „meine“ Spieler wichtig wurde, nun wirklich keinen Roman anfangen kann, das haben wir halt über drei Jahre aufgebaut und man kann diese drei Jahre Progression nicht beliebig kurz zusammenfassen. Ich glaube, es war schon mit Böses Erwachen hart an der Grenze, z.B. bei den Andeutungen der Zeitreise und beim verlorenen Gedächtnis der Vier Könige.
Zu den Personen: Athónon hat es sozusagen wirklich gegeben (*grins*), und auch die Vier Könige sind schon vor Jahren entstanden, die habe ich als Rahmenfiguren („NSC“, wer Rollenspiele kennt) selbst gespielt. Eine Zeit lang habe ich auch für die Verfeinerung kultureller Aspekte Hevanors in der Antike des Nahen Ostens recherchiert, also sozusagen das Bibel-Zeitalter, aber viele dieser Aspekte sind noch nicht in die Romane eingeflossen, weil ich mich dann doch mehr für die Handlung und die Charaktere interessiere, denn für kulturelle Einzelheiten.

: Gibt es für die Prophezeiung von Theb Nor einen realistischen oder literarischen Ursprung?

Michael Thiel: Einen realistischen: Nachrichten aus aller Welt ... (*grins*) Nein, die Prophezeiung ist komplett auf meinem Mist gewachsen, obgleich die Verquickung der zwei Grundthemen, Politik und Umwelt, ja eigentlich wahrlich nichts Neues ist. Die meisten Leser, die sie ganz wahrgenommen haben, finden sie aber herausstechend und wundern sich, dass ich noch nicht mehr damit angestellt habe. Siehe oben, das lag an ihrer Entstehung. Das Rollenspiel zum Schattenwacht-Zyklus wird sich damit aber schon intensiver auseinander setzen, und auch die weiteren Romanteile, wenn Laura mehr über die Götter und Halbgötter erfährt, werden das Thema der Prophezeiung näher heranziehen.
Der priesterliche Leitsatz „Wissen ist böse!“, der sich aus der Prophezeiung auf Hevanor historisch ergab, ist für den Schattenwacht-Zyklus zweitrangig, aber im Rollenspiel wird der Redakteur diesen Leitsatz als einen Spielschwerpunkt ausbauen; können die Spieler-Charaktere sich von der Indoktrination freimachen, oder müssen sie dumm sterben? (*grins*) Streifen sie die Indoktrination ab, bringt dies freilich neue Probleme mit sich, vor allem mit der erzürnten Priesterschaft und den weiterhin Indoktrinierten. Diese Konflikte gehören dann zu den sogenannten Charakter-Plots, die parallel zur oberflächlicheren Handlung eines Abenteuers bespielt werden können.

: Laut Klappentext wird Laura die tragende Rolle in den folgenden Bänden spielen. Sie wird als Hauptprotagonistin schon in Band 1 vorgestellt, spielt da aber eher noch eine zweitrangige Rolle. Du lässt sie mit der Handlung wachsen und reifen, wodurch sie nicht unbedingt von Anfang an die volle Sympathie des Lesers gewinnt. Wie waren die Reaktionen der Leser auf gerade diese Figur?

Michael Thiel: Natürlich stellte sich ein wenig Verwirrung ein und Laura wurde durchaus zwiespältig aufgenommen; siehe oben, durch den klareren Fokus ab Band 2 werde ich da die Figurenbindung optimieren und Lauras Rolle, ihre Zukunft klarer transportieren. Ganz so lange, wie ich es vor über einem Jahr mal plante, muss der Leser nun nicht mehr darauf warten, dass Laura zur echten Hauptperson wird – nur noch bis Band 2! (*grins*)

: Welche Figur ist dir beim Schreiben besonders ans Herz gewachsen und warum?

Michael Thiel: Laura und Athónon sind für mich ganz klar die Sympathieträger, die im Laufe des Zyklus die unangefochtenen Haupthelden werden. Aber auch die Vier Könige sind interessante Figuren, die noch für einige Spannung sorgen werden. Durch deren abstraktere Psyche eignen sie sich aber meiner Meinung nach weniger dafür, explizit sympathisch zu sein ...

: Für mich war der Gnom Athònon die interessanteste Figur im Roman. Ich glaube, bei ihm ist dir die Charakterisierung am besten gelungen. Seine Sturheit und Griesgrämigkeit stehen oft im Widerspruch zu seinem Tun, was ihn mir dann jedesmal ein Stück sympathischer machte. Doch er ist eben auch geheimnisumwoben, und man weiß bei dir ja nie, in welche Richtung sich die Protagonisten letztendlich entwickeln. Verbindet dich mit dem Gnom ebenfalls etwas Besonderes und wenn ja, was? Steckt vielleicht sogar ein bisschen Persönlichkeit von dir selbst in der Figur?

Michael Thiel: Das Wesentliche n Athónon, wie sein Spieler Paul Kraft ihn in Szene setzte, war seine Herkunft als einfacher Bote. Er ist damit aufgewachsen, das Wissen böse ist und dass man immer tut, was die Priester oder gar Götter sagen. Er hat diese Indoktrination nie ganz ablegen können, und sie reitet ihn bis heute immer wieder in Probleme. Zumal er ja am eigenen Leib immer wieder erlebt, dass diese Probleme der Götter real sind und die Zwänge, ihnen zu gehorchen, triftige Gründe haben ... Aber was genau hinter den Kulissen vorgeht, wird sich vermutlich erst ab Band 3 oder gar 4 lüften!
Ansonsten ist Athónon vor allem ein „Augen zu und durch“-Typ, und damit hat er eine klare Gemeinsamkeit mit mir, sodass ich ihn gut verstehe. Wenn z.B. beim Kampfsport anderen die Zunge schon auf dem Boden hing vor Erschöpfung, hab ich weitergemacht, weil der Sensei es eben gesagt hat. Augen zu und durch, und gekotzt wird neben der Matte. (*grins*)

: Wie auf deiner Homepage zu lesen ist, hast du selbst Kampfkunsterfahrungen gesammelt. Inwieweit konntest du deine Praxiserfahrungen im Roman umsetzen und wie wichtig waren diese Erfahrungen dabei überhaupt?

Michael Thiel: Nur wenn man eine Kampftechnik anderen in zwei Sätzen erklären kann, hat man sie wirklich verstanden. In Band 1 ufern die Kampfszenen zwar quantitativ noch etwas arg aus, aber ich hatte bisher noch kein, wirklich gar kein Feedback, dass jemand sich eine Kampftechnik nicht hätte vorstellen können, im Gegenteil. Es ist eben ein Hobby von mir, das ich im Gegensatz zu Nicht-Trainierenden auch so aufschreiben kann, dass Laien es nachvollziehen können, obwohl ich sehr stark ins Detail gehe. Auf Dauer möchte ich diese Fähigkeit, die ich anderen Autoren ohne jene Kampfkunsterfahrung voraus habe, im richtig dosierten Maß einsetzen und mir dadurch ein klares und hoffentlich beliebtes Profil für meine Bücher erarbeiten.

: In den Dialogen duzen sich alle Protagonisten und du schreibst die Anreden in der 2. Person konsequent groß. Bitte erläutere uns doch kurz, warum du diese Form gewählt hast. Was genau möchtest du damit zum Ausdruck bringen?

Michael Thiel: Die Ihr-Anrede klang mir zu typisch mittelalterlich. Auch wenn mir oberflächliche kulturelle Details nicht so wichtig sind, handelt es sich bei Hevanor ja um eine eisenzeitliche Welt mit geringerem Maß an Kultur im Vergleich zum Mittelalter. Ich wollte diesen Unterschied unterstreichen. Das Großschreiben der Anreden war dann das höfliche Äquivalent, um wiederum eine Unterscheidung zu unserer eigenen Welt einzubauen.

: In meiner Rezension zu „Böses Erwachen“ hatte ich bemängelt, dass es einige sprachliche Besonderheiten gibt, die die Harmonie des Gesamtwerkes ein wenig stören. Ich vermute, dass das auch anderen Lesern aufgefallen sein wird. Wie gehst du mit dieser Kritik im Speziellen und mit Kritik im Allgemeinen um?

Michael Thiel: Ich habe ja, wie eingangs schon beschrieben, den ehrgeizigen Plan, in ein paar Jahren vom Schreiben leben zu können. Einer der wichtigsten Schritte in diesem Plan ist natürlich, alles zur ständigen Erhöhung der Schreibqualität zu tun, und Feedback ist dafür die einfachste, günstigste und noch vergleichsweise leicht verfügbare Möglichkeit, abgesehen natürlich vom ständigen Üben. Kritik ist mein Freund. (*grins*) Manchmal grübele ich recht lange, wo das Annehmen von Feedback aufhört und ein zu leichtfertiges Glattbügeln eigener Ideen und sympathischer Ecken und Kanten anfängt, aber ich bin zuversichtlich, mir da schon einen guten Weg zu suchen.

: Was erwartet den Leser in den folgenden Bänden?

Michael Thiel: Laura wird sich als herausragende Persönlichkeit herausstellen, aber ich bleibe natürlich meinem Realismustick treu und sie wird alles andere als allmächtig, wird weiterhin Unterstützung brauchen, vor allem von Athónon. Es kommen in Band 3 zwei neue Personen hinzu, darunter Schattenwachts verlorengegangenes „Experiment“, eine Nachtelfin mit den Runen der Inferior; sie wird am Ende von Band 2 evtl. schon kurz vorgestellt. Andere verschwinden auf verschiedene, natürlich nicht plumpe Weisen von der Bühne, um das Ganze nicht weiterhin zu überfrachten. Die Konflikte mit den Vier Königen werden sich zuspitzen, darauf wird in Band 2 zunehmend der Fokus liegen, neben Laura als unangefochtene Hauptfigur. Die beiden ausstehenden Halbgötter werden erst in Band 3 auf den Plan treten, von denen vor allem der Dämonid T’ral eine Menge Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird. Die zerfaserten Grüppchen werden im Laufe des dritten Bandes zu einer Einheit werden, für einen kurzen Moment des Zyklus wird es also ziemlich klassisch hergehen ... Für Band 4 plane ich dann einen ziemlich tragischen Einschnitt, der nicht brutaler, aber von der Stimmung her finsterer als die vorigen Bände wird. Ich experimentiere schon jetzt mit einigen Versatzstücken, damit der Schreibstil das geplante Ambiente auch punktgenau mitträgt.
Ansonsten werden sich ab Band 2 vor allem einige handwerkliche und dramaturgische Aspekte deutlich verbessern, das liegt einfach an dem vielen Feedback durch LeserInnen und Lektorat, das ich nun glücklicherweise hatte.

: Gibt es weitere Projekte, die schon bei dir in der Schublade schlummern?

Michael Thiel: „Das Lichtlos-Experiment“ ist bereits im Lektorat, dabei handelt es sich um einen Mix aus Fantasy und SciFi; die verbotene Kreuzung von Magie und Technologie brachte die Torwesen in die Welt, gegen die keine Waffe bekannt ist. Die vier Fraktionen des letzten Kontinents bekriegen sich jedoch untereinander und stehen der Gefahr machtlos gegenüber.
Ich habe es mir verkniffen, da auch wieder die Prophezeiung von Theb Nor einzuflechten, aber sie würde selbst zu dieser ganz anderen Welt wieder passen, da das Thema der Prophezeiung zeitlos ist und typisch menschliche Verhaltensweisen aufs Korn nimmt. (www.lichtlos-rpg.de)
Sowohl zu den Erben von Theb Nor als auch zu Lichtlos gibt es Rollenspiele, wobei ich letzteres selbst betreue. Das Theb Nor-Rollenspiel, das ich auch einst entworfen habe, wird nun eine Liga größer angesiedelt und wird redaktionell wie gesagt von einem sehr fähigen Kenner der Szene betreut (Sören Kohlmeyer), der dafür auch schon einen Vertrag mit dem SCRATCH-Verlag hat. Für das Lichtlos-Rollenspiel steht mir ein Vertrag für 2009 in Aussicht, wenn die Testphase weiter so gut läuft, wie sie angefangen hat.
Dann habe ich noch einen Rohentwurf zu einem Spannungsbuch für Kinder ab 10 Jahren, die Bücherhexe, daran muss ich aber noch viel arbeiten. Das Buch ist durch das Vorlesen für die Kids meiner Freundin (7 und 9 Jahre) entstanden, aber ein Kinderbuch ist zunächst Neuland für mich. Einige Testleser haben mir zum Glück umfangreiches Feedback geliefert, das ich nun nebenher einarbeiten muss. Aber die Arbeit an den anderen Projekten und allem, was dazugehört, hat Vorrang.

: Ich danke dir für das Interview und wünsche dir alles Gute und für deine folgenden Bücher viel Erfolg.

Michael Thiel: Danke für dein Interesse und deine Tipps, auch dir alles Gute!

 

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