Florian Hilleberg: Guten Tag, Herr Sabel. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, meine Fragen zu beantworten.
Martin Sabel: Ist mir ein Vergnügen.
Florian Hilleberg: Die Frage aller Fragen gleich zu Beginn: Wie wird man Synchron- und Hörspielsprecher und wie sind Sie zu diesen Berufen gelangt?
Martin Sabel: Ursprünglich bin ich (wie viele andere Sprecher auch) Schauspieler, mit klassischer Ausbildung und einiger Theatererfahrung. Vor einigen Jahren hatte ich dann eine Hauptrolle in dem Low-Budget Hörspiel „Just Justice“ übernommen und dabei festgestellt, dass mir die Arbeit am Mikrofon mindestens ebensoviel Freude bereitet, wie jene auf der Bühne. Zusammen mit dem Drehbuchschreiber und Musiker Peter Lerf, dem Musiker Jan Sören Haas und einigen hochtalentierten Sprecherkollegen produzierte ich daraufhin ein eigenes Hörspiel mit dem Titel „Der Unendliche“, das seit diesem Jahr auch im Handel erhältlich ist.
Den „wahren“ Beginn meiner Tätigkeit als Sprecher sehe ich aber in meiner Buchung als Masoj bei Lausch vor circa einem Jahr.
Florian Hilleberg: Mittlerweile ist ihre Stimme in den Tonstudios sehr gefragt. Wie teilen Sie sich ihre Zeit ein? Müssen Sie auch schon mal das eine oder andere Angebot ablehnen?
Martin Sabel: Die Arbeit als Sprecher ist im Vergleich zur Arbeit auf der Theaterbühne (dort kann die reine Probenzeit locker ein bis zwei Monate komplett verschlingen) glücklicherweise nicht übermäßig zeitaufwändig.
Eine Rolle in einem Hör- oder Computerspiel bzw. einem Werbespot einzusprechen verlangt selten mehr als wenige Stunden – ein Hörbuch (je nach Seitenanzahl) in den seltensten Fällen mehr als ein paar Tage. Die Vorbereitungen (das vorherige Lesen der einzusprechenden Dreh- oder Hörbücher) lässt sich leicht im normalen Tagesablauf auf Zugfahrten oder während einer Pause in einer Theatervorstellung bewerkstelligen.
Aufgrund dessen musste ich bislang Sprecheraufträge nur bei Terminüberschneidungen ablehnen.
Florian Hilleberg: Welchen Stars haben Sie in ihrer Tätigkeit als Synchronsprecher schon ihre Stimme geliehen?
Martin Sabel: An erster Stelle ist wohl John Wayne zu nennen. Es gibt ein paar alte Western, die mit Wayne in der Hauptrolle gedreht wurden, als er in etwa mein Alter hatte – das war noch bevor er richtig bekannt wurde. Ich hatte das Glück, ihm in vier dieser Filme meine Stimme leihen zu dürfen.
Vielleicht kennen einige auch den Bollywoodstar John Abraham, der in Indien sehr bekannt ist. Ich habe ihn in seinem ersten Film „Jism“ synchronisiert.
Florian Hilleberg: Sie haben bereits selbst schon mehrfach vor der Kamera und auf der Theaterbühne gestanden. Was gefällt ihnen persönlich besser? Die Arbeit vor der Kamera, auf der Bühne oder hinter dem Mikrofon?
Martin Sabel: Ich habe jetzt acht Jahre „Bühne“ hinter mir, und auch wenn meine Freude am Theater noch längst nicht erloschen ist, und ich dieser Form des Schauspiels ewig treu bleiben werde, habe ich meine Tätigkeiten auf diesem Gebiet in letzter Zeit zugunsten meiner aktuellen Arbeiten als Sprecher mehr und mehr zurückgeschraubt. Ich gehöre zu den Schauspielern, die der Umgang mit Wort und Text immer mehr gereizt hat als zum Beispiel Tanztheater.
Also, um die Antwort auf den Punkt zu bringen: IM MOMENT reizt mich am meisten die Arbeit am Mikrofon.
Florian Hilleberg: Ich selbst stelle es mir schwierig vor, eine Rolle zu spielen, wenn man nur den Text vor Augen hat. Was empfinden Sie als schwerer? Die Arbeit als Schauspieler oder als Sprecher in einem Hörspiel/ Hörbuch?
Martin Sabel: Ich will es mal so ausdrücken: Wenn der Text gut geschrieben ist (und das war er glücklicherweise meistens) dann gibt es keine Probleme. Ist er schlecht geschrieben, hat man als Sprecher / Schauspieler sowieso keine Chance.
Als „gut geschrieben“ bezeichne ich einen Text, der authentisch und wahrhaftig ist - einen Dialog oder Monolog der sich im wahren Leben genau so ergeben könnte, wie er geschrieben ist - also einen Text, der nicht konstruiert wirkt, keine für die Handlung notwendigen Informationen „an den Haaren“ herbeizieht und es vermeidet die sprechenden Personen durch willkürlich wechselnde Charakteristika unglaubwürdig zu machen.
Ist ein Text also in diesem Sinne „gut geschrieben“, so findet sich darin alles, was ich für das Ausfüllen der Rolle benötige von selbst, egal ob die Rolle einfach und gradlinig gestrickt ist oder komplexe Entwicklungen durchmacht.
Natürlich ist es ein Vorteil, bei der Arbeit einen Dialogpartner zur Seite zu haben, um mit ihm gemeinsam den Text zu beleben (auf der Bühne und vor der Kamera geht es ja nicht anders, beim Sprechen ist es eher die Ausnahme), aber wenn Text, Rolle und Regieanweisungen klar sind, so ist das getrennte Aufnehmen zweier Dialogpartner im Endprodukt nicht mehr zu erkennen
Florian Hilleberg: Gibt es eine Rolle, ob gespielt oder gesprochen, die Ihnen besonders viel Spaß machte und die Sie immer wieder übernehmen würden?
Martin Sabel: Oh ja! Die meisten Rollen die ich spielen/ sprechen durfte, haben mir sehr viel Spaß bereitet. Es liegt aber wohl in der Natur der Sache, dass die Freude um so größer war, desto mehr Freiheit ich bei der Gestaltung der Rolle hatte, und je mehr Ecken und Kanten eine Rolle hat, desto weiter sind die Grenzen dieser Gestaltungsfreiheit – desto mehr kann man aus ihnen machen.
Also, als Kaskaras oder Masoj wäre ich jederzeit wieder zu haben :-) (leider sind ja beide „momentan“ tot :-( ) Aber auch die gar nicht böse aber dafür humorvoll-schlagfertige Figur des Geisterjägers Delaware St. John in der gleichnamigen Computerspielserie habe ich gerne gesprochen und würde mir wünschen, dass die Serie fortgesetzt wird (vielleicht auf einem höheren technischen Niveau).
Florian Hilleberg: Welche Rolle wäre Ihr persönlicher Traum, was oder wen würden sie am liebsten spielen?
Im Hörspielbereich haben Sie ja jetzt vor allem in Fantasy-Produktionen mitgewirkt. Gibt es ein Genre, das Ihnen am meisten zusagt?
Martin Sabel: Neben dem Fantasy-Genre bin ich dem Horror/ Mystery–Sektor sehr zugetan. Eine Horrorproduktion hat die besten Möglichkeiten, auch Elemente anderer Genres mit einzubeziehen (Krimi, Fantasy, etc.) und dabei ein Höchstmaß an Spannung zu produzieren.
Es ist ja kein Geheimnis mehr, dass die bösen, arroganten und zumeist mächtigen Antagonisten mir sehr liegen. Ich habe es genossen, sie zu spielen und freue mich darauf, den einen oder anderen auch noch zukünftig zu sprechen (Kaskaras ist noch lange nicht am Ende :-) ). Aber neben solchen Unsympathen wie Kaskaras, Masoj oder Gorga würde mich auch der Typ „gestrauchelter, vielleicht psychisch labiler aber dennoch sympathietragender Underdog“ reizen. Situation: Job weg, Frau weg und dann wird es noch schlimmer – jemand, der viel flucht, immer mal wieder auf die Fresse fällt aber immer wieder aufsteht und durchhält. So eine Art John McLane oder (um mal eine sehr bekannte Hörspielfigur als Beispiel zu nennen) so eine Art Steven Burns mit etwas weniger Ernsthaftigkeit und dafür einer gehörigen Portion Galgenhumor.
Florian Hilleberg: Mit der Rolle des Zauberers Masoy aus den DRIZZT-Hörspielen und als Finsterling des neuen Hörspiels HAND OF GOD, sind sie mittlerweile auch den Hörspiele-Fans bekannt. Welche Hörspiel/ Hörbuch-Produktion steht als nächstes bei Ihnen auf dem Programm?
Martin Sabel: Zum einen wird die Legend-Serie erfreulicherweise fortgesetzt (wie gesagt: Kaskaras gibt so schnell nicht auf). Ich will aber im Moment noch nicht zu viel zum Inhalt der Trilogie verraten.
Außerdem arbeite ich mit Peter Lerf an unserem nächsten Projekt: Eine zehnteilige Fantasy-Hörspielserie mit dem Namen „Dragonbound“. Dort spreche ich übrigens eine Rolle, die man als das genaue Gegenteil von Kaskaras und Konsorten bezeichnen könnte – Typ „sympathischer Trottel“. Die erste Folge wird voraussichtlich Anfang 2008 erscheinen.
Florian Hilleberg: Hatten Sie Schwierigkeiten sich mit den Charakteren zu identifizieren bzw. Sie angemessen zu sprechen? Anmerken konnte man Ihnen jedenfalls nichts ;-)
Martin Sabel: Vielen Dank für das Kompliment, aber die Texte waren einfach gut geschrieben :-)
Florian Hilleberg: Wie bereiten Sie sich auf Ihre Rollen vor?
Martin Sabel: Ich lese die Drehbücher.
Der Rest ergibt sich meistens auf den Proben (am Theater) bzw. durch „Angebote machen und mit der Regie besprechen“ (im Tonstudio).
Wenn zum Projekt oder zur Rolle Filmvorlagen oder dergleichen existieren („Romeo und Julia“, „Schweinchen namens Babe“), bin ich im Vorwege schon mal auf youtube, google oder in meiner Videothek unterwegs.
Florian Hilleberg: Die Serie DRIZZT ist ja bekanntlich nach den Romanen des Schriftstellers R.A. Salvatore entstanden. Lesen Sie die Bücher, wenn Sie Rollen übernehmen, die eine literarische Vorlage besitzen?
Martin Sabel: Wenn es Vorlagen gibt, beschäftige ich mich schon mit ihnen.
Speziell bei Drizzt hatte ich mir vor den Aufnahmen die Comicvorlagen vorgenommen.
Florian Hilleberg: Martin Sabel, ich bedanke mich für das Interview und wünsche Ihnen viel Erfolg für die Zukunft und hoffe Sie bald wieder in einem Hörspiel hören zu dürfen.
Martin Sabel: Gern geschehen!
Die Fragen stellte Florian Hilleberg