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Interview mit Martin Barkawitz

im Gespräch mit Martin Barkawitz


 Martin Barkawitz Martin Barkawitz wurde am 22. Februar 1962 in Hamburg geboren. Nach der Mittleren Reife kaufmännische Ausbildung. Nach diversen Jobs (u. a. als Werbetexter und Handlanger auf dem Bau) sowie Phasen der Arbeitslosigkeit auf dem Zweiten Bildungsweg Studium der Literaturwissenschaft und Soziologie in Osnabrück – ermöglicht durch die Friedrich-Ebert-Stiftung. Abgeschlossen mit der Note „sehr gut“. Seit 1997 freier Autor (u. a. für „Jerry Cotton“, „Professor Zamorra“, „Torn“ u. v. a. m.). Ausführliche Bibliographie unter www.barkawitz.de.vu.

GEISTERSPIEGEL: Wie bist du zum Romanschreiben gekommen?

Martin Barkawitz: Ich habe ja Literaturwissenschaft und Soziologie studiert, wobei das Thema meiner Magisterarbeit John Sinclair war. Das hat Bastei natürlich interessiert und ich wurde zu einem Gespräch mit dem damaligen Cheflektor Rainer Delfs eingeladen. Bei dieser Gelegenheit lernte ich nicht nur mein Idol Helmut Rellergerd (Jason Dark) persönlich kennen, sondern konnte auch meinen Wunsch anbringen, selbst Heftromanautor zu werden. Rainer Delfs riet mir, es doch einmal mit Cotton zu versuchen. Ich schrieb mehrere Exposés, von denen der damalige Cotton-Lektor Joachim Honnef eines als brauchbar beurteilte. Daraus wurde meine erste Veröffentlichung: „Kugeln für die Country Queen“, das war Nr. 2098 der Cotton-Erstauflage.

GEISTERSPIEGEL: Hast du privat selbst Roman(heft)e gelesen oder liest sie noch immer?

Martin Barkawitz: Ja, ich bin mit Romanheften aufgewachsen! Meinen ersten Cotton habe ich mit 12 Jahren gelesen. Damals gab es noch den Slogan: Nichts ist spannender! Nun, auf mich traf das voll zu. Ich hatte bis zu dem Zeitpunkt noch nie etwas Packenderes gelesen, noch nicht mal Karl May kam da mit.
Selbstverständlich lese ich immer noch Romanhefte. Das kommt auch meinen Seh/Lese-Gewohnheiten entgegen. Ein Romanheft zu lesen dauert in etwa so lange wie einen Film zu sehen, nämlich 90-100 Minuten. Das ist eine Zeitspanne, die ich gerne in eine spannende Story investiere. Mir fehlt die Geduld, um dickleibige und mehrbändige Wälzer zu lesen. Das ist vielleicht auch eine Spätfolge meines Studiums. ;-)
Aktuell lese ich gerade den tollen „Mystery“-Roman „Hexenbrut“, den mein Freund Stefan Krüger geschrieben hat. Sehr empfehlenswert!

GEISTERSPIEGEL: Hast du einen persönlichen Lieblingsautoren – wenn ja, welchen (oder einen Lieblingsroman)?

Martin Barkawitz: Helmut Rellergerd, ganz eindeutig. So ein Lebenswerk wie John Sinclair zu schaffen – das sollen ihm andere Unterhaltungsautoren erst einmal nachmachen. Insbesondere in Sachen Arbeitsdisziplin kann er ein echtes Vorbild für nachfolgende Autorengenerationen sein. Auch G. F. Unger bewundere ich sehr. Und Werner Kurt Giesa.

GEISTERSPIEGEL: Was sind deine Hobbys?

Martin Barkawitz: Ich schaue mir gerne Filme an, vorwiegend Action, Romantikkomödien oder Bollywood-Streifen. Außerdem gehe ich zwei Mal pro Woche zum Eisenpumpen in die Muckibude. Für die etwas eleganteren Bewegungen ist der wöchentliche Tango-Tanzabend vorgesehen, wobei ich noch nicht sagen kann, ob ich jemals über das Anfänger-Stadium hinauskomme; frag’ mich in fünf Jahren noch mal...

GEISTERSPIEGEL: Wie kamst du zur „Jerry Cotton“-Serie?

Martin Barkawitz: Das habe ich bei der ersten Frage ja schon angerissen. Joachim Honnef sagte nach meinem ersten Cotton: „Noch zwei, drei solche Romane – und ich nehme Sie ins Cotton-Team auf.“ Ich habe dann wohl ganz gute Arbeit geleistet, denn wenig später wurde ich Cotton-Autor, was ich offiziell bis heute bin.

GEISTERSPIEGEL: Wie bist du auf die Idee zur Cotton-Figur Annie Geraldo gekommen?

Martin Barkawitz: Cotton war ja zumindest früher eine sehr realistische Serie. Darum habe ich auch viel über das FBI gelesen, um mehr inhaltlichen Background zu bekommen. So erfuhr ich von dem Regierungsprogramm, verstärkt Frauen und Mitglieder ethnischer Minderheiten bei der US-Bundespolizei einzustellen. Das war natürlich eine Steilvorlage für Annie, die als Puertoricanerin beide Eigenschaften in sich vereinigt. Außerdem fehlte mir einfach eine quirlige Frau im Cotton-Team. June Clark und Ruby O’Hara waren ja immer eher zurückhaltend, jedenfalls im Vergleich zu Annie. Annie war auch immer hervorragend für Undercover-Einsätze gut, ob nun als Putzfrau oder als Straßenhure. Soll vielleicht June Clark im Haus vom Mafiaboss die Böden wischen [Anmerkung d. Redaktion: Einen solchen Undercover-Einsatz mit Annie gab’s übrigens in Jerry Cotton Heftroman 2144: „Der Teufel, die Toten und wir“]? Schon mal in den USA eine weiße Reinigungskraft gesehen? Da kommt wieder der typische Cotton-Realismus zum Tragen.

GEISTERSPIEGEL: Annie ist eine sehr facettenreiche Figur gewesen. Hat sie dabei Wesenszüge von dir abbekommen? Wie kamst du gerade auf die Idee, Annie eine Kung-Fu-Kämpferin sein zu lassen?

Martin Barkawitz: Wesenszüge von mir? Nö. Annie ist ja ein richtiges Temperamentbündel, während ich ein typischer Hamburger Stockfisch bin. Wenn ich eine Romanfigur wäre, würden sich die Leser zu Tode langweilen. Aber das ist eben der Unterschied zwischen Wirklichkeit und Roman – in der Story können die Charaktere gar nicht extrem genug sein, und man sollte sie als Autor durch ein Wechselbad der Gefühle hetzen.
Parallelen zwischen Annie und mir gibt es nur, was die soziale Herkunft angeht. Sie ist Arbeiterklasse, ich auch. Annie konnte nur mit Hilfe des Staates New York studieren, ich durch ein Stipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung. Na ja, und Kung Fu habe ich selbst auch mal gemacht, allerdings nur ein halbes Jahr lang. Dann erlitt einer meiner Kameraden eine ziemlich grässliche Verletzung. Wenn ich das gewesen wäre, hätte ich monatelang nicht schreiben können. Da habe ich dann aus Angst die Brocken hingeschmissen, obwohl ich den Sport immer noch super finde.

GEISTERSPIEGEL: Bedauerlicherweise verstarb Annie in Heft 2502. Hätte es von deiner Seite nicht irgendeine Möglichkeit gegeben, dies zu verhindern?

Martin Barkawitz: Nein.

GEISTERSPIEGEL: Du hast in den vergangenen Jahren bei vielen Romanserien und -reihen diverser Genres mitgeschrieben. Welches Genre davon gefiel dir am meisten und an welcher Serie hattest/hast du den größten Spaß mitzuschreiben?

Martin Barkawitz: Ich mag alle Genres. Das ist kein dummer Spruch. Ich schreibe auch gerne Heimatromane, wenn ich in der Stimmung dafür bin. Und ich bedaure es, dass ich noch keinen Adelsroman und Arztroman produziert habe. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Angebote habe ich jedenfalls. Den größten Spaß hatte ich natürlich an „Kripo Hamburg“, weil ich die Serie nicht nur konzipiert, sondern auch allein geschrieben habe. Ich glaube, davon träumt jeder Heftautor. Leider musste sie nach Band 12 eingestellt werden, aber du kennst ja die Probleme des Heftmarktes. Außerdem tröste ich mich damit, dass andere Serien gar nicht über Band 1 hinausgekommen sind.

GEISTERSPIEGEL: Wieso erscheinen zurzeit keine Cotton-Romanhefte mehr von dir? Wird sich das in nächster Zeit wieder ändern? Wenn nicht: Wird es mal wieder ein Cotton-TB von dir geben?

Martin Barkawitz: Ich bin mit Herrn Dr. Marzin so verblieben, dass ich ihm wieder ein Exposé anbiete, wenn mir etwas einfällt. Das gilt sowohl für Hefte als auch für TBs. Momentan habe ich leider keine zündende Cotton-Idee, weil ich in so viele andere Projekte eingebunden bin. Beispielsweise erscheint im Januar im Ueberreuter-Verlag mein erstes Jugendbuch „Nachts kommt der Schattenmann“ unter dem Pseudonym Nicolas Grave. Ich habe hier auch noch Aufträge für weitere Jugendbücher, die abgearbeitet werden müssen, außerdem Verpflichtungen gegenüber Kelter und Cora...
Aber wie ich höre, schreiben momentan nur erstklassige Autoren für Cotton, weil Herr Dr. Marzin viel Wert auf Qualität legt. Daher mache ich mir um die Serie gar keine Sorgen.

GEISTERSPIEGEL: Deine Romane wurden bzw. werden unter etlichen Sammel- und Einzelpseudonymen veröffentlicht. Macht es dir nichts aus, dass dein richtiger Name dabei meist weitgehend ungenannt bleibt?

Martin Barkawitz: Nein. Wen das stört, der darf keine Hefte schreiben.

GEISTERSPIEGEL: Gibt es einen Roman von dir, von dem du sagen würdest: das ist mein Bester?

Martin Barkawitz: So etwas sollen die Leser entscheiden. Wenn es nach dem positiven Leserecho geht, dann ist es wahrscheinlich die Annie-Geraldo-Triologie. So wurde es mir damals jedenfalls von Verlagsseite mitgeteilt.

GEISTERSPIEGEL: Stichwort Serienschwund: Du schreibst hauptberuflich – kann man davon heute überhaupt noch leben?

Martin Barkawitz: Ich lebe doch! Nein, ernsthaft: Ich sehe meine Zukunft als Autor optimistisch. Wie sich der Heftmarkt entwickelt, das muss man abwarten. Aber ich schreibe ja noch andere Sachen. Zum Beispiel sind von mir über 1000 Wahre Geschichten und Erlebnis-Berichte für solche Zeitschriften wie „Meine Wahrheit“, „Meine Lebenslüge“ und „Wahre Geschichten“ erschienen. Meine Lieblingsstory aus meiner eigenen Feder war: „Alle Männer starren auf meine riesigen Brüste!“ – Bei der Geschichte waren natürlich die Illustrationen das Beste...
Jetzt habe ich noch mit den Jugendbüchern angefangen, mal sehen, wie es da weitergeht ... Außerdem habe ich noch andere Sachen laufen, aber ich äußere mich öffentlich nicht über ungelegte Eier.

GEISTERSPIEGEL: Macht das Schreiben noch immer Spaß?

Martin Barkawitz: Mal mehr, mal weniger. Man muss eben jeden Tag mindestens vier Stunden tippen, aber man ist ja nicht immer in Höchstform. Wenn es mir mal schlecht geht, denke ich an Helmut Rellergerd. Der zieht sein Pensum auch durch, und wenn die Welt untergeht.

GEISTERSPIEGEL: Wie kamst du zur „Professor Zamorra“-Serie?

Martin Barkawitz: Der Verlag suchte einen Co-Autor. Nach anfänglichen Schwierigkeiten habe ich sehr gut mit Werner Kurt Giesa zusammengearbeitet, den ich immer noch für einen Top-Autor halte. Aber wie du weißt, wurde ich ja von den Zamorra-Lesern „rausgewählt“. Zum Glück bekam ich zu der Zeit das Angebot von Omnia, „Kripo Hamburg“ zu machen. Da fiel mir der Abschied nicht schwer. Wie heißt es doch so schön: Für jede Tür, die sich schließt, öffnen sich zwei neue.

GEISTERSPIEGEL: Hat es einen bestimmten Grund, dass deine Magisterarbeit von John Sinclair handelte?

Martin Barkawitz: Ja. Literaturwissenschaftliche Magisterarbeiten handeln normalerweise von Büchern, die niemand liest und die niemand versteht. In den Siebzigerjahren und Achtzigerjahren gab es mal eine kurze Phase in der Germanistik, wo Lesestoffe untersucht wurden, die Otto Normalverbraucher geschmökert hat. Über Jerry Cotton wurden damals auch diverse wissenschaftliche Arbeiten geschrieben. Aber über John Sinclair gab es eben noch nichts, außer einem kümmerlichen Aufsatz in einer Fachzeitschrift. Zum Glück hatte ich in Dr. Rolf Düsterberg einen kritischen, aber einfühlsamen Betreuer für meine Arbeit gefunden. Für meine empirische Untersuchung habe ich dann mehrere 100 Sinclairs gelesen.

GEISTERSPIEGEL: Vielen Dank für das Interview!

Martin Barkawitz: Ich danke auch.

Das Interview wurde geführt von Martin Palm

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