Marcus Reichard wurde 1968 in München geboren. Er studierte Psychologie in Konstanz, war Komponist und Musiker in verschiedenen Bands. Heute lebt er in der Schweiz, wo er als Psychologe arbeitet. Das Siegel der Finsternis ist sein erster Roman und Auftakt zu einer großen Fantasy-Trilogie.
Quelle: www.algarad.com
: Hallo Herr Reichard, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, uns unsere Fragen zu Ihrem Roman „Das Siegel der Finsternis“ zu beantworten. Bevor wir aber zum Buch kommen, stellen Sie sich unseren Lesern doch bitte ein wenig vor. Uns interessiert vor allem, wie Sie zum Schreiben gekommen sind.
Markus Reichard: Hallo und vielen Dank für die Möglichkeit zum Interview! Zu meiner Person: Ich bin vierzig Jahre alt, in München geboren und lebe seit ein paar Jahren in der Schweiz, wo ich hauptberuflich als Psychotherapeut arbeite.
Ich habe schon recht früh mit dem Schreiben begonnen. In meiner Jugend – ich war ungefähr Zwölf - las ich die letzten Seiten von Tolkiens „Herr der Ringe“ und war maßlos enttäuscht, dass es keine Fortsetzung gab. Also entschloss ich mich, meine eigene Fantasy-Welt zu kreieren, die ich Algarad nannte. Seitdem habe ich diese Welt ständig weiterentwickelt, so dass sich an der ursprünglichen Geschichte und am Gesamtkonzept vieles geändert hat. Aber ich habe auf diese Weise den Vorteil, auf einer mittlerweile recht durchdachten Historie aufbauen zu können.
: In meiner Rezension habe ich die Vermutung aufgestellt, dass Tolkiens „Herr der Ringe“ Ihren eigenen Roman doch sehr geprägt hat. Was sagen Sie selbst dazu?
Markus Reichard: Wie ja in meinen Eingangsworten schon angedeutet, war der „Herr der Ringe“ eine wichtige Inspiration. Aber auch die alte Star Wars-Trilogie (die auch stark von Tolkien inspiriert ist) hat mich damals beeinflusst, ebenso wie die Erdsee-Romane von Ursula K. LeGuin.
: Die Parallelen zum Herrn der Ringe sind auf alle Fälle nicht zu leugnen. Sie bedienen sich der Elemente, die die „Tolkiensche“ und damit die High-Fantasy ausmachen. Was fasziniert Sie selbst genau an diesem Subgenre der Fantasy?
Markus Reichard: Mich faszinieren zunächst mal die klassischen Rahmenbedingungen, die das Subgenre der High-Fantasy ausmachen. Ich liebe es, über mehrere Bände hinweg eine epische Geschichte zu erzählen. Das gibt mir die Möglichkeit, die Entwicklung mehrerer Charaktere ausführlich zu verfolgen, was in einem einzelnen Buch nur schwer möglich ist. Zum anderen ziehen die Helden in der High-Fantasy meist in eine Quest: Sie gelangen an die unterschiedlichsten Orte und Schauplätze, kommen mit den verschiedenen Kulturen in Berührung. All dies lässt mir als Autor viele Freiheiten und gibt spannenden Stoff für die Handlung.
Außerdem wird in der High-Fantasy eine mittelalterlich begründete Kultur zugrundegelegt, in der Technik nur eine geringe Rolle spielt. Mystische Kräfte bestimmen das Leben, und die Figuren sind in ihrem Handeln und Denken stärker voneinander abhängig, dadurch auch stärker aufeinander bezogen. Ich empfinde High-Fantasy als eine Rückkehr zu tiefsitzenden menschlichen Werten, vielleicht auch eine Rückkehr zu einer Einfachheit im Leben, die in unserer hektischen Welt nur noch schwer zu erreichen ist – eine Art „mentale Insel“, auf die ich mich gerne zurückziehe.
: In der High-Fantasy wird fast jeder Autor oder jede Autorin mit Tolkien verglichen. Wie gehen Sie damit um?
Markus Reichard: Ich glaube, dass die Vergleiche mit Tolkien auf den Buchrücken und in den Werbetexten meistens hinken und von den Verlagen oft für Marketing-Zwecke gebraucht (oder missbraucht) werden. Natürlich schmeichelt es einem Autor, wenn ein ernstgemeinter und positiv konnotierter Vergleich zum Meister des Genres der High-Fantasy gezogen wird. Aber Tolkien hat etwas Ursprüngliches geschaffen, etwas Einzigartiges, das zwar Grundlage für die Arbeit vieler anderer Autoren geworden ist, das man meiner Meinung nach aber nicht übertreffen kann. Er hat einen Standard gesetzt, von dem aus nachfolgende Autoren nun ihre Geschichten in eine eigene Richtung weiterentwickeln können. Man muss nur aufpassen, dass man nicht zum Tolkien-Klon avanciert.
: Eine Frage zu einem anderen Genre, was halten Sie von dem derzeitigen Boom in der All Age Fantasy? Wollten Sie mit dem „Siegel der Finsternis“ vielleicht „dagegen“ schreiben um zu zeigen, hey, es gibt auch noch andere Fantasy?
Markus Reichard: „All Age“ bedeutet wohl, dass viele verschiedene Altersgruppen das Buch lesen oder lesen können. Ich glaube, dass „Das Siegel der Finsternis“ sowohl jüngere als auch ältere Leser ansprechen kann. Ich habe während des Schreibens nicht speziell darauf geachtet, bestimmte Themen einzubinden oder zu vermeiden, um bestimmte Zielgruppen anzusprechen oder auszuschließen. Ist das „Siegel der Finsternis“ nun „All Age Fantasy“ oder nicht? Ich kann die Frage nicht wirklich beantworten und überlasse die Entscheidung meinen Lesern und Rezensenten. Es war jedenfalls keine bewusste Entscheidung, mein Buch innerhalb oder außerhalb eines bestimmten Trends zu verfassen.
: Sie haben eine eigene Welt – Algarad – erschaffen, die sehr viel Potential für weitere Romane enthält. Im ersten Buch lernen wir schon einige Handlungsorte kennen, die sehr anschaulich beschrieben sind. Hatten Sie für Algarad ein „geografisches Vorbild“?
Markus Reichard: Ursprünglich war Algarad als ein zusammenhängender Kontinent konzipiert. Irgendwann vor Jahren entschloss ich mich, ein anderes „feeling“ in die Handlung einzubringen, das bis dato nur wenige Fantasy-Autoren schufen: Ich verlegte die Geschichte in ein Inselreich, in dem das Meer und die Schifffahrt einen hohen Stellenwert hat. Dies stellte mich vor gewisse Herausforderungen; die Akteure konnten sich nicht einfach ohne Hilfsmittel von Punkt A nach B bewegen, sie brauchten Boote und Schiffe. Das bedeutete, dass ich beim Schreiben und der Entwicklung der Geschichte sehr präzise vorgehen musste, um die Figuren nicht in eine Sackgasse zu führen, wenn plötzlich keine Fortbewegungsmittel vorhanden waren.
Ein geografisches Vorbild für Algarad habe ich nicht. Ich selbst verbringe Urlaub gerne am Meer und speziell auf Inseln, so dass sich meine Vorliebe für diese Plätze gut mit den Geschehnissen in Algarad in Übereinstimmung bringen lässt.
: Und wie sieht es mit den Protagonisten aus? Gibt es da Parallelen zum „wirklichen“ Leben, die Ihnen dabei geholfen haben, sie so anschaulich zu charakterisieren?
Markus Reichard: Durch meine Arbeit als Psychotherapeut habe ich erfahren, dass wir alle viele verschiedene Persönlichkeitsanteile in uns tragen. Da gibt es den Helden, den Trickser, den Dämon, den Narr, den Magier usw. Dies sind Energien, die der Schweizer Psychoanalytiker C.G. Jung „Archetypen“ nannte. Ich glaube, meine Protagonisten sind im besten Fall ein Ausdruck dieser „inneren Anteile“ eines jeden Menschen. Insofern mag es Parallelen zum „wirklichen Leben“ geben.
Aber jede äußere Ähnlichkeit lebender Personen mit dem Waldgeist Urisk oder dem Fisk-Hai Dex ist rein zufällig!
: Erzählen Sie uns doch bitte, wie Ihre Recherchearbeit für den Roman aussah. Mich interessieren auch hier wieder die geografischen Besonderheiten z.B. die Sache mit dem Strudel und dem Höhlensystem unter dem Meer. Alles erfunden oder könnte ich Tenan bedenkenlos auf so einer Reise begleiten?
Markus Reichard: Recherche betrieb ich hauptsächlich im Bereich der Seefahrerei. Die Protagonisten bewegen sich viel zu Wasser, so dass ich mich mit Segelschiffen, Entfernungen, Geschwindigkeiten und entsprechenden Fachausdrücken aus der Seefahrerei beschäftigte.
Was das Höhlensystem: hier gibt es keine realen Vorbilder. Der Weg unter dem Meer entsprang der Notwendigkeit, die Protagonisten tiefer (im wahrsten Sinn des Wortes) in die schicksalsträchtige Vergangenheit Algarads zu führen und klarzumachen, dass die Inseln vor tausend Jahren eine andere Gestalt hatten und durch eine ungeheure magische Katastrophe fast zerstört wurde.
Der Strudel von Arnom Gath, der in das Reich der Fisk-Hai führt, hat durchaus einen realen Hintergrund. Es gibt eine Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe, in der das Phänomen eines gewaltigen Wasserwirbels beschrieben wird, der ganze Schiffe verschlingt. Die Größe des Strudels entspringt sicher der Phantasie Poes, aber den Malstrom bei den Lofoten, der Ausgangspunkt für seine Geschichte war, gibt es tatsächlich. Der Moskenstraumen ist ein Gezeitenstrom zwischen den Lofoten-Inseln Moskenesøy und Værøy in Norwegen. Charakteristisch für den Strom sind starke Wasserwirbel. Ich war allerdings selbst noch nicht vor Ort.
: Wie lange hat es von der Idee bis zum Erscheinen des Buches gedauert und wie ist es eigentlich zu einer Veröffentlichung beim Verlag Hoffmann und Campe gekommen? Mit Hoffmann und Campe verbinde ich Namen wie Siegfried Lenz oder Loki Schmidt, aber Fantasy ist mir dort bisher noch nie aufgefallen.
Markus Reichard: Nachdem meine Schreibwut nach den ersten Anfängen zugunsten meines Interesses für Musik erstmal abnahm und lange Jahre danach nur ab und zu aufloderte, begann ich ungefähr im Jahr 2001 wieder, konzentriert im Universum Algarads zu schreiben. Irgendwann meinte mein damaliger Musikverleger, die Story, die ich schrieb, sei interessant und ich solle versuchen, sie zu veröffentlichen. Also verschickte ich Exposees und Leseproben. Meine Agentin Nina Arrowsmith begeisterte sich für den Stoff und stellte sehr schnell den Kontakt zum Verlag Hoffman und Campe her. Ich hatte das Glück, dass man dort die Sparte Fantasy neu ins Verlagsprogramm einführen wollte. Es gab zwar bei Hoffmann und Campe schon immer Titel mit phantastischem Inhalt, aber noch nicht explizit in diesem Genre. Man kann also sagen, ich war zur rechten Zeit am rechten Ort. Vom Vertragsabschluss bis zur Veröffentlichung vergingen aber nochmal fast zwei Jahre, da ich an der Geschichte noch einiges kräftig veränderte.
: Kapitän Harrid verliert Mannschaft und Schiff. Er schwört mehrfach, seine Männer nicht im Stich zu lassen. Wird die Suche Bestandteil der Trilogie oder planen Sie da vielleicht eine eigenständige Geschichte?
Markus Reichard: Viele Nebenstränge gäben durchaus Stoff für eine eigene Geschichte her. Auch im Falle Harrids habe ich daran gedacht. Mir erscheint jedoch wichtig, den Helden Tenan im Fokus zu haben und auf seinen Reisen zu begleiten, um seine Entwicklung verfolgen zu können. Aber Harrids Suche nach seiner Mannschaft wird in Band zwei und drei eine Rolle spielen, die eng mit den Hauptgeschehnissen verknüpft sein wird. Kapitänsehrenwort!
: Bei Fantasyromanen lege ich großen Wert darauf, dass die Namen der Protagonisten und Handlungsorte einfach und damit gut zu merken sind. Auch hier muss ich wieder auf Tolkien zurückgreifen, denn er zeigte, dass es möglich ist, außergewöhnliche und doch einprägsame Namen zu kreieren. Auch Sie haben dieses Problem zumindest für meinen Geschmack bestens gelöst. Mit welchen Schwierigkeiten sahen Sie sich bei der Wahl der Namen konfrontiert?
Markus Reichard: Nordisch oder asiatisch klingende Namen sprechen mich besonders an, auch die walisische Mythologie gibt da einiges her. Ein guter Name spiegelt für mich die Atmosphäre eines Schauplatzes oder die Charaktereigenschaften einer Person wieder. Ich schaffe die Namen, indem ich sie mir laut vorsage, damit sie möglichst gut klingen. Außerdem habe ich bei Namen automatisch auch Farbeindrücke vor mir. Dabei drücken Vokale wie „u“ eher eine finstere Stimmung aus, „a“ hat eher etwas Helles (was jedoch auch bedrohlich sein kann), „e“ ist bei mir mit der Farbe Grün assoziiert, „i“ mit Rot, „o“ mit Gelb... Wem das alles etwas fremd vorkommt, der möge sich mit dem Begriff der Synästhesie beschäftigen. Im Internet gibt es einige spannende Seiten dazu.
: Können Sie uns schon einen kleinen Ausblick geben, wie und wann es mit Tenan und seinen Freunden weitergeht?
Markus Reichard: Momentan stecke ich mitten im Schreibprozess für den zweiten Band, der voraussichtlich 2010 erscheinen wird. Tenan hat seine erste Mission beendet, wenngleich auch nicht ganz mit dem gewünschten Erfolg. Vieles liegt im Unklaren. Was passiert mit der schwimmenden Festung Garadin? Wird Tenan seine Heimatinsel Gondun wiedersehen? Was wird aus dem Siegel der Finsternis?
Tenan wird in dem kommenden Band mehr über Dinge erfahren, die bisher verborgen waren, und vieles davon wird bedrohlich für ihn sein. Und er wird vor Entscheidungen gestellt und mit dunklen Mächten konfrontiert, die seinen Weg beeinflussen könnten.
: Habe ich eine wichtige Frage vergessen? Dann haben Sie hier die Möglichkeit, den Lesern noch das zu sagen, was Ihnen wichtig ist.
Markus Reichard: Ich werde versuchen, meine Homepage www.algarad.com wenigstens einmal pro Monat mit neuen Inhalten anzureichern und freue mich auf viele Besucher!
: Ich danke Ihnen ganz herzlich für das Interview und wünsche Ihnen alles Gute und weiterhin viel Erfolg mit dem „Siegel der Finsternis“.
Die Fragen stellte Anke Brandt.