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Interview mit Heide Solveig Göttner

im Gespräch mit Heide Solveig Göttner

Heide Solveig Göttner GS: Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Heide Solveig-Göttner: Das Gänsehaut-Feeling beim Lesen – das ist schuld! Die Begeisterung für spannende Geschichten und bewegende Schicksale hat mich schon als Kind gepackt. Als junge Leserin blieb ich am Ende eines Romans oft mit dem Gefühl zurück, dass ich gerne mehr über die Protagonisten und deren Welt erfahren hätte. Irgendwann fing ich an, die Fäden weiterzuspinnen – zunächst mit den Figuren, die ich aus Büchern kannte; später wurden dann eigene Ideen daraus. In meinem Studium (Anglistik) setzte ich mich noch einmal intensiv mit der Frage auseinander, was ein gutes Buch ausmacht. Auf diesem Weg entstand der Entschluss, es selbst als Autorin zu versuchen.

GS: Woher nimmst du die Ideen und verarbeitest du beim Schreiben persönliche Erfahrungen?

Heide Solveig-Göttner: Ideen springen mich manchmal regelrecht an: ein Satz aus der Zeitung, eine Bemerkung von einem Freund, ein Erlebnis auf einer Reise – und schon sprudeln die Bilder. Als Fantasy-Autorin lese ich auch ganz gezielt Mythen und Märchen aus aller Welt und verwende einzelne Elemente in meinen Texten. Persönliche Erfahrungen spielen dagegen kaum eine Rolle. Ich verpasse den Figuren höchstens den einen oder anderen Charakterzug von mir.
Dann gelingt es mir beim Schreiben leichter, mich in sie hineinzuversetzen.

GS: Wie sieht ein ganz normaler Arbeitstag bei dir aus?

Heide Solveig-Göttner: Um neun Uhr morgens den Computer hochfahren und los geht’s. Ich schätze mich glücklich, wenn ich bis zum Nachmittag ungestört durcharbeiten kann, aber ich habe natürlich auch andere Verpflichtungen. Außerdem wartet die übliche Büroarbeit auf mich: Briefe beantworten, Termine organisieren, Steuererklärung usw. Wenn ich fit bin, schreibe ich abends weiter. Leider bin ich kein Nachtmensch; deshalb kommt das nur manchmal vor.

GS: Was machst du in deiner Freizeit?

Heide Solveig-Göttner: Lesen – natürlich! Ansonsten suche ich einen sportlichen Ausgleich zum Sitzen am Schreibtisch. Ich koche gern, gehe auf Konzerte, ins Kino, oder mein Freund und ich machen Ausflüge in der Region. In Freiburg und Umgebung bieten sich viele Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung. Mindestens einmal im Jahr auf Entdeckungsreise gehen – auch das darf nicht fehlen.

GS: Welche Musik hörst du gern?

Heide Solveig-Göttner: Mein Lebensgefährte ist Musiker – es kommt am Wochenende manchmal vor, dass er sechs Stunden Klavier spielt, und ich sitze sechs Stunden am Computer und höre ihm gleichzeitig zu – wunderbar! Ansonsten höre ich alles querbeet. Ich mag viele Stilrichtungen, besonders aber Rockmusik, klassische Bands wie Marillion, Toto usw.

GS: Was liest du gerade und welches sind deine Lieblingsbücher?

Heide Solveig-Göttner: Orhan Pamuk, der neue Nobelpreisträger, steht ganz oben auf meiner Leseliste. Ausgesprochene Lieblingsbücher habe ich nicht; ich lasse mich gern immer wieder aufs Neue begeistern. Faszinierend fand ich aber immer schon Bücher, die Realität und Phantastisches vermischen, magischen Realismus beispielsweise oder Bücher, die vor einem anderen kulturellen Hintergrund geschrieben wurden und ein anderes Weltbild voraussetzen, als es in unseren Breiten der Fall ist.

GS: Wer ist dein Vorbild und wer oder was hat dich besonders zu deinem Roman inspiriert?

Heide Solveig-Göttner: Mein Bezug zur Fantasy entstand durch Autorinnen wie Ursula K. LeGuin, C.J. Cherryh oder Ann McCaffrey. Deshalb nenne ich sie manchmal scherzhaft meine „Patinnen“.
Ich habe aber keine ausdrücklichen Vorbilder, denn es würde mich zu sehr einengen, wenn ich mir vornähme, zu schreiben wie diese Autorin oder jener Autor. Grundsätzlich habe ich großen Respekt vor Erzählern, die es verstehen, den Leser mitzureißen und emotional zu berühren.

GS: Auf dem Klappentext deines Buches wirst du verglichen mit Marion Zimmer Bradley und Anne McCaffrey. Mit wem würdest du dich selber vergleichen und welchen Namen möchtest du in solchem Zusammenhang nicht auf einem deiner Bücher lesen?

Heide Solveig-Göttner: Ein solcher Vergleich ehrt mich natürlich sehr, vor allem weil die „Priesterin der Türme“ mein erster Roman ist. Ich denke, es hat damit zu tun, dass ich ebenfalls versuche, episch zu schreiben, d.h. mit einer gewissen Bandbreite an Charakteren und einem großzügig angelegten Plot, der in einer komplexen Welt spielt. Ich persönlich scheue Vergleiche jedoch eher – jedes Buch hat seinen eigenen Charakter und sollte für sich selbst sprechen.

GS: Hat sich dein Leben seit dem Erscheinen des Buches verändert oder hast du dich selbst verändert?

Heide Solveig-Göttner: Mein Leben hat sich verändert, absolut! Es ist einfach großartig, dass sich mir jetzt die Chance bietet, einen lang gehegten Traum zu verwirklichen. Manchmal sage ich spaßeshalber, mir ergehe es jetzt wie den Figuren in einem Roman, die in eine völlig neue Welt vorstoßen, wo das Abenteuer ihres Lebens auf sie wartet. Das muss man auskosten!

GS: „Die Priesterin der Türme“ ist das erste Buch der Trilogie „Die Insel der Stürme“. Wie in einem Interview mit Erik Schreiber zu lesen ist, beziehst du dich da schon auf eine ganz bestimmte Insel. Bitte beschreibe diesen Zusammenhang doch noch einmal unseren Lesern.

Heide Solveig-Göttner: Ja, die „Insel der Stürme“ hat eine konkrete Vorlage, nämlich Sardinien. Einmal gefällt mir diese Insel wegen des Klimas und der malerischen Landschaft; meine Welt sollte genauso lebendig und farbenfroh werden. Am meisten faszinieren mich aber die archäologischen Besonderheiten auf Sardinien: Nuraghen nennt man die komplexen Turmbauten aus der Bronzezeit, an die Gräber und Brunnen angeschlossen sind. Es ist eine beeindruckende fremde Kultur, über die man bis auf wenige Funde fast nichts weiß. Es hat mich sehr gereizt, mir diese Welt voller Leben vorzustellen.

GS: In „Die Priesterin der Türme“ lebt und leidet der Leser mit den drei Protagonisten mit. Und die Handlung baut sich um ein Kind auf. Warum ein Kind?

Heide Solveig-Göttner: Eine zentrale Frage phantastischer Literatur lautet: Was ist Magie?
In meinem Roman verkörpert ein Kind die Magie, und zwar sowohl in ihrer schönen, ‚zauberhaften’ Form wie auch in ihrem gefährlichen Aspekt. Die erwachsenen Protagonisten müssen lernen, mit der kleinen Lillia zurechtzukommen – und das bedeutet: mit den zauberischen Kräften, die sie verkörpert. Ihre Art von Magie ist etwas Flüchtiges, etwas Zerbrechliches; man muss sich um sie bemühen, um sie werben, und es gelingt niemandem, sie einfach für die eigenen Zwecke zu benutzen. All das lässt sich an einem Kind wunderbar darstellen. Lillia entzieht sich den Erwachsenen durch ihren Eigensinn immer wieder; der Zugang zu ihr erfolgt eben nicht durch das „Ergreifen des magischen Schwerts“ oder des Rings. Denn in dem kleinen Mädchen lebt die Magie – im wahrsten Sinn des Wortes!

GS: Du hast die Charaktere der Protagonisten anhand der Handlung sehr detailliert herausgearbeitet. Wusstest du am Anfang schon genau, dass Amra, Gorun und Jemren sich so entwickeln werden?

Heide Solveig-Göttner: Ja. An den Charakteren habe ich lange gearbeitet, denn sie stellen zentrale Aspekte ihrer Welt dar: Gorun verkörpert die stolze und bisweilen starrsinnige Kriegertradition des Südens, Jemren den verschlossenen, ja unzugänglichen Norden, und an Amra wiederum zeigt sich das geheimnisvolle magische Wissen ihrer Welt. Jede Figur weist sowohl Stärken als auch Schwächen auf, aber es handelt sich nicht nur um individuelle Merkmale – in den drei Protagonisten zeigen sich die Vorzüge und Nachteile ihrer jeweiligen Kultur.
Im ersten Band der Trilogie prallen diese Missverständnisse zunächst unmittelbar aufeinander; die Figuren tappen buchstäblich durch die Wüste – durch die kulturelle Wüste nämlich, die durch die Langen Kriege zwischen dem Norden und dem Süden entstanden ist. Die wichtigste Frage lautet: Schaffen die Protagonisten es, diese Missverständnisse zu überwinden? Und wenn ja, auf welche Weise? Dieser Schritt ist entscheidend für den Zugang zu der Art von Magie, die durch die kleine Lillia dargestellt wird.

GS: Es ist sehr schwierig in deinem Buch, zwischen gut und böse zu unterscheiden. Da ich annehme, dass das beabsichtigt war, nun natürlich die Frage: Warum?

Heide Solveig-Göttner: Diese Frage berührt ein weiteres Hauptmotiv von Fantasy: Der Gegensatz von Gut und Böse liegt fast allen Werken des Genres zugrunde. Wie im Märchen muss das Böse überwunden werden, um das gestörte Gleichgewicht der Welt wieder herzustellen.
Was aber geschieht, wenn das Böse nicht eindeutig an einer Figur oder einer Gruppe festzumachen ist? Wenn eine klare Unterscheidung überhaupt unmöglich ist, weil jede Seite ihren Beitrag zu dem Konflikt leistet – sowohl im guten wie im schlechten Sinn?
In einem solchen Fall genügt es nicht, den Widersacher zu besiegen. Die Protagonisten können sich nicht länger auf die bewährten Handlungsmuster verlassen; sie müssen nach neuen Lösungen suchen – genau in diese Lage wollte ich die Figuren bringen. Gorun beispielsweise kommt mit seiner kriegerischen Strategie an keiner Stelle weiter. Er muss sich erst zu einer anderen Haltung durchringen, bevor er Antworten erhält.
Mein Ausgangspunkt war ein Konflikt zwischen Kulturen – zwischen dem Norden und dem Süden ebenso wie zwischen den Menschen und dem wilden Ziegenvolk. Einen solchen Konflikt legt man selten durch ausgedehnte Schlachten bei: Das ist das Thema der Trilogie.

GS: Das Ende des ersten Buches deutet auf den Beginn einer neuen Handlung hin. Was kannst du uns darüber schon verraten? Werden Amra, Gorun, Jemren und Lillia den Leser bis zum Schluss begleiten?

Heide Solveig-Göttner: Selbstverständlich! Wie oben bereits geschildert, bilden die Hauptfiguren auch die politischen und kulturellen Verhältnisse auf der Insel ab. Ihre Beziehung zueinander und zum magischen Kind ist von entscheidender Bedeutung für den Ausgang der Geschichte. Die drei Helden haben also noch allerhand Abenteuer und Erkenntnisse vor sich – so viel sei schon einmal verraten!

GS: Auch du musst als Autorin mit jeder Menge Kritik leben. Wie reagierst du darauf?

Heide Solveig-Göttner: Ich bin in der glücklichen Lage, dass mein erster Roman von den meisten Lesern und Rezensenten sehr positiv aufgenommen wurde. Das wohlwollende Echo gehört für mich zu den besten Erfahrungen in diesem Jahr und bestärkt mich natürlich in meinen Überlegungen zu dem Projekt. Grundsätzlich bin ich für jede Art von konstruktiver Kritik dankbar, weil sie mir Punkte aufzeigt, an denen ich mich weiterentwickeln kann. Das halte ich für ausgesprochen wichtig.

GS: Wie sehen die Zukunftspläne der Autorin Heide Solveig Göttner aus?

Heide Solveig-Göttner: Die beiden Folgebände „Der Herr der Dunkelheit“ und „Die Königin der Quelle“ nehmen jetzt erst einmal eine zentrale Stellung in meiner Planung ein. Schließlich bietet mir der Piper-Verlag einen Einstieg in die Welt der Bücher, wie ich ihn mir nicht besser wünschen kann, und man trägt mit mir als Newcomerin auch ein gewisses Risiko. Für mich leitet sich daraus die Verpflichtung ab, die bestmögliche Arbeit zu leisten. Was darüber hinaus an Ideen entsteht, halte ich in Exposés fest und werde es zu gegebener Zeit sicher in die Tat umsetzen.

GS: Welches Buch hättest du gern geschrieben?

Heide Solveig-Göttner: Meins! Nein, ganz im Ernst: Die Trilogie von der „Insel der Stürme“ bedeutet mir persönlich sehr viel, und ich schätze es, dass ich die Freiheit habe, das Thema nach meinen Vorstellungen zu gestalten. Ich gehe mit großem Spaß an die Sache heran – das ist eine wunderbare Ausgangslage.

GS: Gibt es einen Autor, der dich nicht lange zu einem gemeinsamen Roman überreden müsste?

Heide Solveig-Göttner: Ich fürchte, was das Schreiben angeht, bin ich eher Solistin. Es gibt natürlich Kollegen, mit denen ich in lebhaftem und kreativem Austausch stehe, insbesondere im Hinblick auf das Schriftstellerdasein. Dazu gehören in erster Linie Thomas Finn und Christoph Hardebusch.
Für diese Begegnungen bin ich sehr dankbar, denn ich habe viel gelernt.

GS: Ich habe dich ja auf der BUCON kennen gelernt. Was verbindet dich damit?

Heide Solveig-Göttner: Veranstaltungen wie die BUCON, die Feencon oder das Dreieicher Rollenspieltreffen bieten mir die Gelegenheit, meine Texte vor einem Fantasy-begeisterten Publikum zu präsentieren und in der Diskussion gleich eine Rückmeldung zu bekommen. Da gab es tolle Erlebnisse, und ich freue mich schon sehr auf das kommende Jahr!

GS: Hast du irgendeinen Bezug zum Heftroman? Eine Lieblingsserie vielleicht?

Heide Solveig-Göttner: Tut mir leid, da muss ich passen. Ich bin eine ausgesprochene Bücher-Liebhaberin!

GS: Welchen guten Rat kannst du zum Thema Schreiben geben? Was ist dein Erfolgsrezept?

Heide Solveig-Göttner: Sich selbst treu bleiben. Denn nur wenn man hinter seinen Ideen steht, gelingt es auch, andere zu überzeugen.

GS: Wenn es noch etwas gibt, was du den Lesern unbedingt sagen möchtest, dann kannst du das hier tun:

Heide Solveig-Göttner: Das ist eine schöne Gelegenheit, um einen Dank auszusprechen an alle, die mich in diesem ersten Jahr als Autorin begleitet haben. Einen Dank für das Vertrauen, das mein Verlag in mich setzt; für die Freundschaften, die entstanden sind; für die vielen Einladungen, Gespräche und Begegnungen. Und einen Dank an alle, die sich für das Medium Buch begeistern können!

GS: Ich danke dir ganz herzlich für das Interview und wünsche dir alles Gute.

Die Fragen stellte Anke Brandt.

Mehr über Heide Solveig-Göttner in den Wunderwelten!

 

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