Shinwa on Board - Ein Besuch auf der Gorch Fock (II)
Die »Gorch Fock« in der Kieler Förde - Photo © Felix Koenig
Da liegt sie nun hautnah vor mir, das für mich schönste Segelschulschiff der Welt: Das SSS »Gorch Fock« (II).
Gesehen habe ich sie schon öfters, diese Drei-Mast-Barke, die am 23. August 1958 in Hamburg bei Blohm & Voss vom Stapel lief. Nur wenige Monate vorher, genauer gesagt am 24. Februar 1958 war die Kiellegung gewesen und am 17. Dezember 1958 ist die »Gorch Fock« offiziell in Dienst gestellt worden.
Die »Gorch Fock« ist das zweite Segelschulschiff mit diesem Namen, die erste »Gorch Fock« war 1933 ebenfalls bei Blohm & Voss gebaut worden und ist nach dem Zweiten Weltkrieg in die Sowjetunion gegangen. Dort fuhr sie unter dem Namen »Tovarishch«, ebenfalls als Segelschulschiff für die sowjetische Marine. Heute liegt sie wieder unter dem Namen »Gorch Fock« in Stralsund und dient dort als Museumsschiff.
Die »Gorch Fock« (I) in Stralsund - Photo © Klugschnacker
Neben der »Gorch Fock« (II), die zwar nach den alten Plänen gebaut wurde, aber etwas kleiner ist, sind auch ihre Schwesternschiffe der Gorch-Fock-Klasse als Schulschiffe unterwegs. Das sind neben der »Gorch Fock« für die Deutsche Marine, die »Eagle« (ehemals »Horst Wessel«) für die Coast Guard der USA, die »Sagres« (III) für Portugal und die »Mircea« für Rumänien. Das Schwesterschiff »Herbert Norku«s ist 1947 im Skagerrak (Nordsee) versenkt worden.
Ich bin gebürtige Schleswig-Holsteinerin und habe einige Jahre in Kiel gelebt, nur 400 Meter von dem Liegeplatz der »Gorch Fock« entfernt. Diese Bark gehört zu Kiel und zu Schleswig-Holstein wie der Michel zu Hamburg. Unsere Nachbarstadt ist übrigens die Patenstadt für die »Gorch Fock« (II).
Wer einmal in Kiel ist und hört, dass die »Gorch Fock« von einer langen Reise zurückkehrt, dem empfehle ich einen Besuch der Kieler Förde am Hindenburg Ufer. Es ist jedes Mal ein Tamtam mit Blaskapelle der Marine, mit Fernsehsender, Journalisten der diversen Zeitungen, der Angehörigen der Marie und natürlich mit den vielen, vielen Schaulustigen, die sich jedes Mal einfinden.
Ab und an hat man sogar das Glück und kann die »Gorch Fock« besichtigen, zum Beispiel zur Kieler Woche beim Open Ship. An dem Tag stehen übrigens alle Schiffe der Bundeswehr offen, die sich gerade im Hafen befinden. Und auch die Schiffe der ausländischen Gäste kann man besuchen, mit Ausnahme der amerikanischen und russischen.
»Du freust dich wie so ein rollender Keks!«
Meine Schwester steht neben mir, beide schauen wir die Masten hoch. Boah, denk ich bei mir, um da hochzukommen, muss man schwindelfrei sein. Groß- und Vortopp liegen etwas über 45 Meter über der Wasserlinie, der Besantopp 40 Meter. Nein, Höhenangst darf man hier nicht haben, vor allem bei rauer See stelle ich mir das ganz schön heftig vor.
Wir gehen an Bord und das Erste was mir auffällt, ist die Hängematte, die zur Ansicht aufgehängt worden war. Ein Offizier bestätigt mir, dass diese Hängematte bequem ist und auf jeden Fall praktischer als eine stehende Koje, also ein Bett. Vor allem für den Rücken und vor allem bei schwerem Seegang.
Die Hängematte, die für die Besatzung und Offiziersanwärter gedacht sind. Tagsüber werden sie zusammengebunden und abends in zwei Etagen aufgespannt.
So mancher Neuling fühlt sich die ersten Tage in der Hängematte unwohl, verrät mir ein Offizier, erst später auf hoher See finden sie die Vorteile heraus. Wenn das Schiff krängt (sich zur Seite legt), kullert alles davon. Ich lege mich zur Probe rein. Klasse Teil, ich will auch so ein Ding!
Meine Schwester hingegen grinst die ganze Zeit und rollt manches Mal gespielt genervt mit den Augen. »Du freust dich wie so ein rollender Keks«, sagt sie zu mir, und ja, ich fühle mich auch wie ein Kind, das endlich seinen größten Wunsch erfüllt bekommt.
Das Steuerrad der »Gorch Fock«, vorne sieht man den Kompass.
Das Steuerrad der »Gorch Fock« ist gut besucht, jeder will sich photographieren lassen. Es ist schon beeindruckend, wenn man sich vorstellt, dass dieses Steuerrad trotz der modernen Technik an Bord auch bei schwerer See besetzt ist.
Das Notsteuerrad der »Gorch Fock«
Die Schiffsglocke - Sie wird jeden Tag poliert und auf Vordermann gebracht.
Die Tagelage - Im Hintergrund seht ihr die »Frankfurt am Main«, ein Versorgungsschiff der Bundesmarine.
Der Rundgang auf der »Gorch Fock« ist leider viel zu sSchnell zu Ende. Ich könnte mich stundenlang hier aufhalten. Zum Glück werde ich im nächsten Jahr, wenn sie aus ihrer Werftzeit kommt, hier etwas mehr Zeit haben. Von Weitem sieht dieses Schiff schon majestätisch aus und auch wenn es noch größere Segler gibt, wie die »Krusenstern« und die »Sedov« und noch weitere schöne wie die »Alexander von Humboldt« (bekannt aus der Becks Werbung), so kann man nach einem kurzen Besuch durchaus feststellen, warum die »Gorch Fock« als Königin unter den Seglern gilt.
Nach dem Untergang der »Niobe« 1932, ebenfalls ein deutsches Segelschulschiff, und der »Pamir 1957« war es nicht sicher gewesen, ob sich die Bundesrepublik wieder ein Segelschulschiff leistet, weil die Unterhaltskosten für einen Segler enorm hoch sind. Aber in der Zwischenzeit weiß man und es bestätigt sich immer wieder, dass die »Gorch Fock« mehr und bessere Arbeit leistet als so mancher Diplomat. Und auch bei den zahlreichen Regatten segelt die »Gorch Fock« an der Spitze mit.
Denkmal für die 1932 untergegangene »Niobe« und ihrer Besatzung auf dem Nordfriedhof von Kiel.
Die Taufe der »Gorch Fock«
Am 23. August 1958 steht Ulli Kinau, die Nichte des norddeutschen Schriftstellers Johann Kinau, der seine Werke unter dem Namen »Gorch Fock« veröffentlichte, als Taufpatin vor dem weißen Schiffsrumpf auf der Ehrentribüne. Daneben ihr Vater, ebenfalls Schriftsteller. Auf Plattdeutsch hält er seine Rede vor einer gespenstischen Kulisse. 1958 ist Hamburg immer noch vom Krieg gezeichnet. Viele Gebäude sind bei den 38 Luftangriffen beschädigt oder dem Erdboden gleichgemacht worden. Auch auf der Werft von Blohm & Voss kann man Ergebnisse des Krieges noch sehen. Mehr als 1200 Sprengbomben und noch viel mehr Brandbomben sind auf dem Gelände abgeworfen worden. Und rund um der »Gorch Fock«, die gleich dem Wasser entgegenlaufen soll, klaffen Bombentrichter und stehen verbrannte Ruinen.
»… wir freuen uns alle sehr, dass das kein Schiff mit Atomraketen ist …«, sagt der Bruder des Namensgeber in seiner Rede auf platt. Dass man den Krieg noch sehen kann, interessiert jetzt keinen. Die Hymne erschallt und wird vom Tuten der Schiffe im Hafen übertönt. Und Ulli Kinau spricht hier allen aus der Seele, als sie sagt:
»Überm Leben steht der Tod, aber überm Tod steht wieder das Leben!«
Die »Gorch Fock« an ihrem Liegeplatz in Kiel.
Wer war Johann Kinau alias Gorch Fock?
Das Schiff »Gorch Fock« kennt jeder, aber den Dichter Gorch Fock kennen nur noch wenige. Schade eigentlich, denn der Mann hat erstklassige Geschichten geschrieben und sein Buch »Seefahrt ist Not!« ist ein recht interessanter Roman, an dem damals kein Jugendlicher - vor allem die Jungen - vorbeikamen. Allerdings ist dieser Roman für die heutige Jugend wohl eher nichts und auch schwer zu lesen. Ähnlich wie viele andere Schriftsteller und Dichter wurde auch Gorch Fock von den Nationalsozialisten missbraucht und man weiß heute, dass seine Nachlassverwalterin die kritischen Stimmen in seinen Werken gestrichen hatte, um es für die Nazis attraktiver zu machen. Ähnlich passierte dies übrigens auch mit den Werken von Nietzsche.
Während des Ersten Weltkrieges wurde Johann Kinau eingezogen und wechselte 1916 auf eigenen Wunsch vom Heer zur Marine, wo er als Ausguck auf dem Kreuzer »SMS Wiesbaden« Dienst tat. In der Seeschlacht im Skagerrak ging er mit der »Wiesbaden« unter, seine Leiche wurde später in der Nähe von Göteborg gefunden und auf der kleinen Insel Stenholmen beigesetzt.
In einem Brief von der Front schrieb Johann Kinau folgenden Satz: »Der Jüngling geht wegen des Kampfes in den Kampf, der Mann wegen des Friedens.«
Seefahrt tut Not! beim Gutenberg-Projekt http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=670&kapitel=1#gb_found
Auch das Segelschulschiff »Gorch Fock« ist ein Botschafter des Friedens …
Photos:
Alle Photos © by Cornelia Sibilitz, außer:
»Gorch Fock« unter Segeln in der Kieler Förde © by Felix Koenig
»Gorch Fock« (I) in Stralsund © by Klugschnacker
Literatur:
Wildberg, Roland: Gorch Fock - 50 Jahre Schulschiff der Deutschen Marine. Edition Maritim. Bielefeld 2008
Links:
Die Werke von Gorch Fock (Johann Kinau) beim Gutenberg Projekt
http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=670&kapitel=1#gb_found
Homepage der »Gorch Fock«
http://www.esys.org/gofo/
Homepage der Besatzung der »Gorch Fock«
http://www2.gorchfock.de/
Post an die »Gorch Fock« kann man hierhin schicken:
German Sailing Vessel Gorch Fock
c/o Harbour Master
Mit besten Dank an die Mannschaft der »Gorch Fock«, die mir viele Fragen beantwortet hat.
© Cornelia Sibilitz