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Wetzlarer Tage der Phantastik

zur Bibliothek Zum 28. Mal führte die Phantastische Bibliothek in Wetzlar von 11. Bis 14. September 2008 die Tage der Phantastik durch. Es handelt sich dabei um ein literarisches Symposium, das durch den Oberbürgermeister der Stadt Wetzlar Wolfram Dette eröffnet wurde. Alljährlich wird seit 1983 als Höhepunkt des Symposiums mit durchaus wissenschftlichen Anspruch der »Phantastikpreis der Stadt Wetzlar« verliehen. In diesem Jahr ging der Preis an den österreichischen Schriftsteller Robert Schneider für seinen Roman »Die Offenbarung«, erschienen im Aufbau Verlag Berlin.
Die_Offenbarung.jpg Was gibt es zu Robert Schneider zu sagen? Er wurde 1961 in Bregenz geboren, studierte Komposition, Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte in Wien. Bekannt sowie international erfolgreich wurde der Autor mit dem Roman »Schlafes Bruder«, der auch verfilmt wurde. Heute ist Robert Schneider als freier Schriftsteller tätig.
Worum handelt sein Roman »Die Offenbarung«? Ein Naumburger Organist findet am Heiligabend des Jahres 1992 im morschen Gehäuse der Kirchenorgel ein unbekanntes Werk des Komponisten und Musikers Johann Sebastian Bach. Für Jakob Kemper ein Jahrhundertfund, der ihn aber regelrecht aus der Bahn wirft. Je genauer der eigenbrötlerische Musikforscher und Organist die Melodien analysiert, desto Unerklärlicheres trägt sich zu. Angstphantasien mischen sich mit Größenwahn. Denn die Partitur birgt ein Geheimnis: Sie ist nicht allein Musik, sondern vermag Erinnerungen an Vergangenes, Verdrängtes und Zukünftiges zu beschwören. Jakob Kemper ist davon überzeugt, dass Bach eine Art kosmisches Gesetz entdeckt hat, an dem die Seele des Menschen gesunden kann. Noch hält er seinen Fund geheim. Als die Herren von der Bachgesellschaft auf den Amateur-Forscher aufmerksam werden, nimmt die Geschichte einen rasanten Lauf.
Wer die Werke von Robert Schneider kennt, wird »Die Offenbarung« als spannende Lektüre empfinden.

Diesjähriges Thema der »Wetzlarer Tage der Phantastik« war »Planet Erde – Ökologische Themen in der Science Fiction«. Eine durchaus interessante und aktuelle Thematik. In der Einladung hieß es unter anderem:

»… So wollen auch diese Wetzlarer Tage der Phantastik wieder durch ihren interdisziplinären Charakter die Verbindung zwischen Realität und Phantasie herstellen, eben zwischen vor der Zukunft warnender Literatur und die Realität extrapolierender Naturbeobachtung, zwischen dem Verfassen von Geschichten und dem aktiven Eintreten für unsere Welt. Bei kaum einem anderen Sujet sieht man so deutlich, wie realitätsnah die Science Fiction in Wirklichkeit ist …«

Einige Eckpunkte des Symposium:

Als erster Redner trat Prof. Dr. Hans Peter Ziemek, Universität Gießen, zu »Nachrichten aus einer anderen Welt – Visionen und Bilanzen eines Lebensraumes« auf. Grundelemente seines Vortrages bildeten das Element Wasser, die sich darin befindlichen Lebensformen sowie literarische und wissenschaftliche Visionen über aquatische Lebensräume.

Drei Wetzlarer Abgeordneten des Hessischen Landtages – Hans-Jürgen Irmer (CDU), Elke Künholz (SPD) und Mürvet Öztürk (Bündnis90/Grüne) – nutzen in einer Podiumsdiskussion Gelegenheit, ihre realpolitischen Positionen darzustellen, um mit ihnen gemeinsam die Frage zu erörtern, ob die Verantwortung für unseren Planeten nicht bereits vor unserer Haustür beginnt und was die Region für die Welt tun kann – als engagierter Blick in die Zukunft von der Realität aus gesehen.

Martin Wambsganß, Universität Tübingen, wartete mit Überlegungen zu Problemen positiver Utopien in Zeiten globaler Katastrophen auf. Basierend auf Norman Spinrads Roman »Eine Welt dazwischen« schnitt der Redner die Thematisierbarkeit realer und aktueller ökologischer Projekte in phantastischem Erzählen an und forderte eine Leidenschaftlichkeit für gute Unterhaltungsromane zum Thema ein. Denn platte Schwarz-Weiß-Szenarien oder der gute Supermann können unsere heutigen klimatischen Probleme nicht lösen. Etwas mehr Realismusbezug ist vonnöten.

Friedhelm Schneidewind, Schriftsteller, Journalist und Verleger, referierte zum Thema »Der Mensch als Schöpfer seiner selbst – Nano- und Gentechnologie in der modernen Science Fiction«. Die wichtigsten und gewagtesten Spekulationen, die Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens sowie mögliche gesellschaftliche Folgen für das Verständnis von Persönlichkeit und Identität waren Schneidewinds Schwerpunkte.

Prof. Dr. Wolfgang Biesterfeld sprach zum Thema »Anders leben im Exil – Überlegungen zur Kolonie in der Science Fiction«. Seinen Ausführungen berührten die Varianten der Thematik Kolonie unter anderem bei Eric Frank Russell, Cyril Judd, E.C. Tubb, Robert Silverberg und behandelte Friedrich Dürrenmatts Hörspiel »Das Unternehmen der Wega«, in dem vor dem Hintergrund des Kalten Kriegs die Entwicklung einer Strafkolonie zum Modell politisch und ökologisch alternativen Lebens und ihre letztliche Vernichtung durch die Heimatwelt vorgeführt wird.

Der Vortrag von Christian Schobeß, Rundfunk Berlin Brandenburg, hatte »Staatsdoktrin und Lebenswirklichkeit – Umweltthemen, Lebenswelten und Weltentwürfe in der Science Fiction Literatur der DDR und in osteuropäischen Werken« zum Thema. Foetschritt, Wissenschaft und Technik waren das Hauptanliegen für die damaligen Staatsführungen. Umweltprobleme wurden ignoriert. Nach und nach griffen aber einige Autoren dieses Thema in ihren Werken auf.

Schwerpunkt des Referats von Gabriela Wenke, Mitarbeiterin der Phantastischen Bibliothek, war die Erkenntis, dass von der Wissenschafts-gläubigkeit in der Kinder- und Jugendliteratur der 50er und 60er Jahre über den immer größer werdenden Pessimismus der letzten Zeit heute der Ruf unserer Kids immer lauter wird: Hört auf, die Welt zu zerstören!

Es ist schon etwas Besonderes, Phantastisches, was die Wetzlarer Tage der Phantastik dem interessierten Publikum bieten. Schade, dass in diesem Jahr nur wenige Teilnehmer anwesend waren. Vielleicht wird es nächstes Jahr besser, wenn anlässlich des 150. Todestages von Bettina von Arnim das Thema »Frauen-Romantik« der Schwerpunkt ist.

zum Haus Wissenswertes zur Phantastischen Bibliothek Wetzlar:

Im September 1989 öffnete die Phantastische Bibliothek Wetzlar ihre Pforten und ist mittlerweile die weltweit größte öffentlich zugängliche phantastische Bibliothek. Sie sammelt alles, was in den phantastischen Literaturgenres

- Science Fiction
- Fantasy
- klassische Phantastik
- Horror
- Utopie/Staatsroman
- Reise-und Abenteuerliteratur
- Märchen, Sagen und Mythen in deutscher Sprache erschien, einschließlich der entsprechenden Sekundärliteratur.

Der Buchbestand umfaßt derzeit rund 166000 Titel.

Spezialsammlungen:

- klassische deutschsprachige Phantastik
- Reise- und Abenteuerliteratur
- Heftromane nach 1945 (Science Fiction, Fantasy, Horror)
- utopisch-phantastische Literatur der DDR
- litauische Literatur in Originalsprache und deutscher Übersetzung
- internationale Science Fiction in litauischer Sprache
- russische Literatur in Originalsprache und deutscher Übersetzung
- Literaturen der mittel-und osteuropäischen Länder
- documenta-Sammlung 1984
- Amateurzeitschriften
- Zeitungsausschnitte
- Autorenarchiv

Ausleihzeiten:

montags bis donnerstags
14.00 bis 18.00 Uhr
mittwochs 9.00 bis 12.00 Uhr
Beratung und Gruppenbesuche: nach Vereinbarung

Phantastik-Preis:

Seit 1983 wird im Rahmen der Wetzlarer Tage der Phantastik alljährlich der "Phantastik-Preis der Stadt Wetzlar" vergeben und in einer Feierstunde vom Oberbürgermeister dem Preisträger überreicht. Hierzu hat der Oberbürgermeister eine vierzehnköpfige Jury aus Wetzlarer Bürgern (Bibliotheken, Buchhandel, Leser, Stadtverwaltung, Presse und Rundfunk) ernannt, die zwar eine enge Beziehung zur Literatur haben, aber weder elitäre Literaturkritiker sind noch Autoren oder Herausgeber, so daß dieser Preis näher am Publikumsgeschmack liegt, als das bei den meisten anderen Literaturpreisen in Deutschland der Fall ist. Diese Jury wählt aus dem Angebot der in den jeweils vorangegangenen zwölf Monaten erschienenen Bücher das ihrer Ansicht nach beste aus.
Das Buch muß nach den Preisrichtlinien in deutscher Sprache geschrieben, als Originalveröffentlichung jeweils zwischen dem 1. April des Vorjahres und dem 31. März des laufenden Jahres erschienen und natürlich den phantastischen Genres (Science Fiction, Fantasy, Phantastik, Utopie, Horror, Reise- und Abenteuerliteratur, Märchen oder Sagen/ Mythen) zuzurechnen sein.
Der Preis ist mit 4.000 Euro datiert.

Träger des "Phantastik-Preises der Stadt Wetzlar" waren in den vergangenen Jahren:

- 1983 Wolfgang und Heike Hohlbein: »Märchenmond« (Ueberreuter)
- 1984 Frederik Hetmann: »Wagadu« (Signal)
- 1985 Johanna und Günter Braun: »Der x-mal vervielfachte Held« (Suhrkamp)
- 1986 Bernd Kreimeier: »Seterra« (Goldmann)
- 1987 Hubert Mania: »Scintilla Seelenfunke« (Rowohlt)
- 1988 Sigrid Heuck: »Saids Geschichte« (Thienemann)
- 1989 Herbert W. Franke: »Hiobs Stern« (Suhrkamp)
- 1990 Rafik Schami: »Erzähler der Nacht« (Beltz & Gelberg)
- 1991 Carl Amery: »Das Geheimnis der Krypta« (List)
- 1992 keine Preisvergabe
- 1993 Hanna Johansen: »Über den Himmel« (Hanser)
- 1994 Susanne Kaiser: »Von Mädchen und Drachen« (Suhrkamp)
- 1995 Gerd Heidenreich: »Die Nacht der Händler« (Piper)
- 1996 Bernhard Kegel: »Das Ölschieferskelett« (Ammann)
- 1997 Harald Gerlach: »Windstimmen« (Aufbau)
- 1998 Hansjörg Schneider: »Das Wasserzeichen« (Ammann)
- 1999 Alban Nikolai Herbst: »Thetis. Anderswelt« (Rowohlt)
- 2000 Gunter Gross: »Der Gedankenleser« (Schneekluth)
- 2001 Michael Wallner: »Manhattan fliegt« (Reclam)
- 2002 Jürgen Lodemann: »Siegfried und Krimhild« (Klett-Cotta)
- 2003 Zoran Drvenkar: »Sag mir, was du siehst" (Carlsen)
- 2004 Cornelia Funke: »Tintenherz« (Dressler)
- 2005 Walter Moers: »Die Stadt der träumenden Bücher« (Piper)
- 2006 Gert Loschütz: »Dunkle Gesellschaft« (Frankfurter Verlagsanstalt)
- 2007 Thomas Glavinic: »Die Arbeit der Nacht« (Hanser)
- 2008 Robert Schneider: »Die Offenbarung« (Aufbau Verlag Berlin)

Der Beitrag basiert auf den Phantastischen Bücherbrief, Ausgabe 497, von Erik Schreiber.

© Erik Schreiber

 

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