Ich weiß gar nicht warum, aber ständig fragt jemand nach, wie es mit den Bücherbriefen begann. Zuerst kam Roger Murmann und bat mich für einen kleinen Con einen Vortrag über den Bücherbrief zu halten. Der Vortrag kam so gut an, dass kurz danach Birgit Fischer mich bat, den Vortrag noch einmal, diesmal auf dem SFCD-Con, zu halten. Und nun bat mich Anke Brandt, etwas dazu zu schreiben.
Alles begann damit, dass ich lesen lernte. Da staunt ihr. Und dann gab es in unserem Haushalt nicht genügend Geld für Jugendbücher. Dafür aber eine Leihbücherei. Mit meiner Schwester las ich immer ein Buch gemeinsam. Da ging es letztlich darum, wer zuerst die Seite gelesen hatte und umblättern durfte. Dieser Wettkampf im Lesen brachte mich dazu, ein Schnellleser zu werden. Meine ersten Bücher waren natürlich Märchen und Sagen. Aus dem Bereich der Science Fiction kam nicht etwa Perry Rhodan zu mir, sondern Astronaut Mike Mars von Donald A. Wollheim und selbstverständlich Jules Verne als der Klassiker schlechthin. Und was hat das mit dem Bücherbrief zu tun? Nichts.
Später begann ich, mich mehr mit Fantasy - einer sehr sparsamen Literaturform damals, es gab nicht so viel - zu befassen und dann mit Horror. In Dan Shockers Fantastic Club gewann ich die ersten Kurzgeschichten-Wettbewerbe. Dies hatte zur Folge, dass ich meinen eigenen Club gründete. Den Club für phantastische Literatur. Das war bereits 1975 und damals der erste Club, der sich mit Phantastik im Allgemeinen beschäftigte. Zur damaligen Zeit gab es Science Fiction Clubs und Horror-Clubs und beide mit ein wenig Fantasy. Langsam nahm der Gedanke, ein eigenes Fanzine heraus zu bringen, Gestalt an. Ich versuchte, Leute aus Kassel zu finden, die mitmachen würden. Etwa Hans Klipp, Rolf Michael und Werner Kurt Giesa vom Club Antares. Aber auch Swen Papenbrock, Andreas Gross und Johannes Unnewehr. Rolf und Werner wurden Autoren, Swen Zeichner bei Perry Rhodan. Andere Mitglieder gründeten ihre eigenen Clubs und daraus entstanden wieder andere Projekte. In Marburg gab es den Horrorclub Marburg, der den Grundstein legte für die heute noch bestehenden Marburg-Cons. Oder auch die Gründer des Buchmessecons. Keine Angst, ich will jetzt nicht für mich in Anspruch nehmen, der Geburtshelfer all jener Aktionen zu sein. Man kannte sich damals mehr und näher als heute. Über das Internet kommt man sich schneller näher, aber von Angesicht zu Angesicht klappt es heute seltener.
Dann kam das Magazin lands of dark shadows auf den Markt. Din A 4 -Format, gelben Umschlag, gezeichnet von Swen Papenbrock und heute nur noch bei Sammlern zu finden. Auf der Rückseite hatten wir die Werbung für den Perry Rhodan Con 1980 in Mannheim. Natürlich waren wir auch dort. Bereits die zweite Nummer bekam statt dem englischen Titel den deutschen Titel und das DIN A 5 Format, zweispaltig geschrieben, wie ein Heftroman und natürlich illustriert. Hier begann das Leben des phantastischen Bücherbriefes, weil von uns die ersten regelmäßig geschriebenen Buchbesprechungen erschienen. Hier begannen auch meine Kontakte zu den Verlagen und zu Zeichnern und Autoren. Die ersten Interviews, damals noch per Brief geführt oder auf den unterschiedlichsten Cons, die nie mehr als 30 Leute besuchten, erschienen im Land derdunklen Schatten. Das Fanzine war für mich eine Plattform, alles Mögliche auszutesten. So gab es Themenfanzines oder solche, die nur von weiblichen Mitgliedern gemacht wurden. Die Diskussion über die Gleichberechtigung war damals im vollen Gang.
Mit dem Verlust der Mitglieder, die nach und nach kein Interesse mehr hatten, besaß ich kein Material für ein Fanzine. Blieben die Buchbesprechungen und das Heft wurde umbenannt. Die Geburt des Phantastischen Bücherbriefes fand in der ersten Hälfte der 80er Jahre unter diesem Namen statt. Erschienen die ersten Fanzine nur alle drei Monate, so veränderte ich die Erscheinungsweise des Bücherbriefes gleich auf monatlich.
Zuerst hatte ich nur wenige Bücher zu besprechen, weil ich nicht viel Zeit hatte zum Lesen (Scheidung, Unterhaltsgeld zahlen, Joblos, etc.) Von daher war es nicht verwunderlich, dass ich mich eher damit beschäftigte, mich irgendwie über Wasser zu halten.
Ich zog innerhalb Deutschlands um. Zum Beispiel nach Karlsruhe. Dort kam ich in Kontakt mit Comic-Zeichnern und es wurde ein Comic-Stammtisch gegründet.
Beim Querfunk, dem freien Radio in Karlsruhe, hatte ich eigene Sendungen. Unter anderem den Schockwellenreiter oder Quer durch die Nacht, wo ich sehr viele phantastische Themen einbrachte. Eine Live-Sendung mit Jungs, die Lovecraft vertonten, Interviews mit Autoren, Musikern und anderen mehr.
Auch über den Comic-Stammtisch kam ich als Akteur zur Ausstellung Elvira bitte melde mich (kein Schreibfehler).
Die ersten Interviews, nach denen ich gefragt wurde, führte ich Ende der 1970er Jahre. Im Bücherbrief selbst kamen sie erst später, ebenso die Themenbücherbriefe. Ich wollte und will immer noch etwas Neues machen, von dem ich weiß, es hat noch niemand als Fanzine umgesetzt.
Mit dem Umzug nach Darmstadt entwickelte sich auch der Bücherbrief weiter. Ich gründete den Darmstädter Spät Lese Abend, um meinen Interviewpartnern die Möglichkeit zu geben, auch ihre Bücher, nicht nur mir, vorzustellen. Inzwischen hat sich der Darmstädter Spät Lese Abend verselbständigt. Es kamen mehr Autoren als erwartet.
Zurück zum Bücherbrief. Seit dreißig Jahren versuche ich Bücher vorzustellen und zu bewerten. Letzteres will ich gern als meine Meinung verstanden wissen. Natürlich gab es Probleme. Ich schreibe immer auf, wie viele Seiten der Roman hat, nicht das Buch. Da gab es dann eine Dame, die sich darüber aufregte, dass ich die leeren Seiten am Ende des Buches, immerhin sechs Seiten, nicht mitgezählt hätte. Oder der Autor, der behauptete, ich hätte das Buch schlecht gemacht und dem ich schreiben musste, dass ich nicht das Buch schlecht gemacht hätte. Das Buch war gut, nur der Inhalt ließ zu wünschen übrig. Doch im Großen und Ganzen gab es keine Auseinandersetzungen, die in Streit ausuferten. Andererseits hat es mich auch gefreut, als ich von einem Übersetzer einen langen Brief erhielt, in dem er sich über meine Buchbesprechung lobend äußerte.
Ein Lob macht natürlich viel Spaß, spornt an. Ich werde also weiter machen mit dem Bücherbrief, auch mit Sonderbücherbriefen. Ich würde gern mehr Interviews führen, doch hapert es da meist an den sprachlichen Barrieren. Zurzeit habe ich einige Interviewanfragen, leider ist es aber auch so, dass nicht-deutsche Autoren sich nicht gerade als sehr auskunftsfreudig zeigen. Ich muss sagen, dass ich gut die Hälfte der Interviewanfragen in den Wind schreiben kann. Mehr Erfolg habe ich, wenn ich versuche, über die Verlage ein Interview zu erhalten.
Wen ich gerne interviewt hätte, wäre Frederick Hetmann gewesen. Doch als ich ihn anschreiben wollte, erfuhr ich, dass er ein paar Tage zuvor gestorben war.
Interessante Gespräche und Interviews hatte ich mit Herbert W. Franke und mit Wolfgang Jeschke. Ein Interview mit Ursula K. LeGuin hatte ich schon länger ins Auge gefasst. Weil aber Sascha Mamczak im Science Fiction Jahr 2008 eins mit ihr geführt hat, werde ich darauf verzichten. Und wer noch? Michael Moorcock wäre interessant, David Weber, John Meaney, Max Frei und andere mehr. Die Liste ist sehr lang.
Bei dieser Wunschliste fragt man sich, wie ich zu den Autoren komme? Bei den deutschen Autoren ist das nicht weiter schwer. Über meinen Spät Lese Abend melden sie sich bei mir oder ich lasse die Kontakte über die Verlage laufen. Es gibt aber auch Autoren, die kennen Autoren, die kennen ... Auf diese Weise kommt eines zum anderen. Ich finde es jedenfalls sehr schön, mit vielen Menschen Gedanken austauschen zu können.
Jetzt müsste nur noch jemand kommen und sagen: Ich stelle dich ein. Dein Job? Bücher lesen, Interviews führen, Besprechungen schreiben.
Aber das ist leider ein Wunschtraum.
© Erik Schreiber