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Werkstattberichte

Zu Besuch im ...

Schon immer wollte ich mir das Kriminalpanoptikum in Aschersleben/Sachsen-Anhalt anschauen. Endlich hat es geklappt. Während eines Kurzaufenthaltes in der geschichtsträchtigen Stadt, welche als Ascegereslebe im »Codex Eberhardi« 753 erstmals erwähnt wurde, begab ich mich zum besagten Ort des Geschehens. Schon von Weitem hebt sich das rote Backsteingebäude von der restlichen Umgebung ab.
Als ein Knecht wegen Diebstahls am 18. Juni 1896 hier eingeliefert wurde, nutzte die Stadt das Gebäude als Gerichts- und Untersuchungsgefängnis. Bis zum 30. Januar 1982 blieb dieses Gefängnis in Betrieb. Danach blieb es leer und geriet allmählich in Vergessenheit. Erst im Jahr 2003 sanierte die Stadt nach einem Entwurf der Wittenberger Architektin Maria Pinardi das historische Gebäude.
Das Gerichtsgefängnis wurde am 18. Juni 1896 das erste Mal erwähnt, als ein Knecht wegen Diebstahls dort eingeliefert wurde.
In modernerer Zeit bezeichnete man das Gerichtsgefängnis dann als Untersuchungsgefängnis. Das Gebäude blieb bis zum 30. Januar 1982 als Untersuchungsgefängnis in Betrieb. Danach blieb es leer stehen. Am 30. Juni 2003 wurde das Kriminalpanoptikum im Erdgeschoss des ehemaligen Gerichtsgefängnisses eröffnet.

Ein jeder kennt berühmte Gauner und Spürnasen wie Sherlock Holmes, Mackie Messer, Al Capone und Derrick. Meistens stammen sie aus der Feder klug kombinierender Krimi-Autoren. Im Ascherslebener Kriminalpanoptikum ist dies jedoch anders. Hier ist alles echt – die Geschichten und die Requisiten.

In einer als Büro, Empfang und Kasse eingerichteten ehemaligen Zelle empfing mich Herr Steffen Claus – auch als »Wachtmeister Pfiffig« bei den Kids bekannt – sehr freundlich. Nach Entrichtung meines Oboluses von 1 Euro und 50 Cent für die Fotogenehmigung gab mir Herr Claus einen kleinen Überblick über das Gebäude sowie über die Schwerpunkte des Kriminalpanoptikum. Kriminalgeschichte, kuriose Kriminalfälle, Kriminalfotografie, Gefängnismilieu, Sammlung von Tatwerkzeugen, Entwicklung der Polizeiausrüstung und Kriminaltechnik, Fesselsammlung, mittelalterliche Rechtspraxis, Sammlung von Folterinstrumenten sowie kriminalpräventive Beratung sind Hauptthemen der Ausstellung.
Anschaulichkeit wird im Kriminalpanoptikum Aschersleben groß geschrieben. Viele Raritäten kann der geneigte Besucher hier vorfinden. Und für die Kids rundet eine Sammlung historischer Räuber- und Gendarm-Handpuppen die Ausstellung ab.

Im größten Raum der Ausstellung fiel mir ein großer Koffer auf. Was hat dieser für eine Geschichte, um sich hier dem Besucher zu präsentieren?
Welches Geheimnis hatte er einst verborgen? Ein Informationsblatt lüftet dieses.

Auf dem Dachboden des Krankenhauses in Sterzing stand jahrelang unberührt ein großer Koffer. 1901 fand man eines Tages darin einen zur Mumie vertrockneten weiblichen Leichnam. Die Tote war die seit 1895 vermisste Marie Holzmann. Sie wurde seinerzeit im Krankenhaus behandelt, galt als menschenscheu und hatte sich in einem Anfall von Geistesgestörtheit in den Koffer verkrochen, dessen Deckel sich von selbst schloss und die Unglückliche einsargte.

Ein weiterer Ausstellungsgegenstand weckte meine Aufmerksamkeit. Einem Schaufensterpuppentorso wurde ein Leinenhemd übergestreift. Dazu gab mir Steffen Claus folgende Anekdote:

»In Erfurt hingen zwei Diebe in einem Hemd«

Als um 1563 in Erfurt ein Dieb, der ein schönes Hemd anhatte, aufgehängt wurde, näherte sich des Nachts ein anderer Dieb dem Galgen. Just stieg er auf den Galgen und entwendete der Leiche das schöne Hemd und streifte es sich über. Doch die Strafe folgte auf dem Fuße. Noch in der selben Nacht wurde er erwischt und zum Tode durch den Strang verurteilt.

Etwas mulmig wurde mir zumute, als ich den Raum mit den mittelalterlichen Folterinstrumenten betrat. Von Arm-, Bein-, Daumen-, Handgelenk- und Beinschrauben, über Zangen, mit denen vor allem an Nasen, Fingern, Zehen und Brustwarzen gezwickt wurde, Ketten, Peitschen, Halseisen oder -geige bis hin zum Richtschwert zeugen davon, wie unmenschlich die Gerichtsbarkeit des Mittelalters war.

Recht anschaulich und »hautnah« konnte ich mir in der nächsten Zelle über die Haftbedingungen ein Bild machen. Wenn man schon »einsitzen« muss, sollte man sich auch in der Knastsprache auskennen. Einige Beispiele gefällig? Kein Problem.


Den Adler machen - mit ausgestreckten Armen und gespreizten Beinen an der Wand stehend durchsucht werden
Bazille - Inhaftierter, der Mitgefangene verrät
beten - an den Händen gefesselt sein
eintopfen - einen Gefangenen in die Zelle einschließen
gekotzt haben - eine Aussage gemacht
Klavier spielen - Fingerabdrücke abgeben
Knochenkoffer - Bett im Haftraum
auf Luft sitzen - unschuldig inhaftiert sein
Mauke - Haftpsychologe
Speisekarte - Liste der Vorstrafen

Auf dem Weg in den Keller erklärte mir Herr Claus einige Dinge über Fingerabdrücke.
Jeder Mensch hat ein völlig individuelles Fingerbild. Selbst eineiige Zwillinge können anhand ihrer Fingerbilder eindeutig unterschieden werden. Die einzelnen Merkmale eines Fingerbildes wie Gabelungen, Schleifen und Wirbel nennt man Minutien. Diese Minutien bleiben während des ganzen Lebens unverändert und werden deshalb für den Vergleich herangezogen.
Dabei sind folgende Merkmale für die Unterscheidung wichtig: Breite der Papillarlinien, Verlauf der Linien, Schleifen, Wirbel, Ellipsen, Spiralen, Knotenpunkte, Gabelungen, Linienenden und Inseln.
Steffen Claus ließ auch mich
»Klavier spielen«. Und hier ist der Beweis, dass ich mit meinem Fingerabdruck zu den circa 15 % der Menschen gehöre, die ein seltenes Fingerbild haben. Mist aber auch, wieder ein besonderes Merkmal mehr für mich. Mit einem »Berufsverbrecherleben« wird es somit nichts.

Irgendwie war die Zeit viel zu schnell vorüber. Ein kurzer Blick noch in eine Strafzelle. Diese war für Untersuchungshäftlinge gedacht, die gegen die Gefängnisordnung verstießen und keine Garantie gaben, sich korrekt zu verhalten. Der Insasse musste die Zeit im Stehen verbringen. Lediglich zur Nachtruhe wurden Bretter und eine Matte mit Decke verausgabt, damit er sich eine Schlafgelegenheit schaffen konnte. Die Notdurft wurde in einem Eimer verrichtet. Kontakte zu anderen Gefangenen waren streng untersagt. Der Insasse durfte keiner Beschäftigung nachgehen.

Hier noch einige Impressionen aus dem Kriminalpanoptikum:

Wer sich für skurrile kriminelle und kriminale Literatur interessiert, dem kann ich folgende Lektüre empfehlen:

Kriminelle und Kriminale

Kuriose Kriminalfälle werden im ersten Teil des Buches aufgerollt. Anschließend sind die Ermittler, die Kriminalen, gefordert, einige ihrer ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden freizugeben.
Passagen einer alten "Criminal-Zeitung" und Polizeiberichte mit Sensationen und wundersamen Begebenheiten runden das Bild ab ...

ISBN: 3-932863-42-9
144 Seiten, 77 Abbildungen
Preis: 12,80 €
Kriminal-Panoptikum Band II

Das Kriminal-Panoptikum filtert besonders jene Kuriositäten, Begebenheiten und Histörchen aus der unendlichen Kriminalgeschichte, die sonst eher nebensächlich sind, hier aber gebündelt ein informatives, interessantes und unterhaltsames Anschauungsmaterial liefern, mit dem noch heute manche Gaunerei entlarvt und vereitelt werden kann. Dieses Panoptikum vergangener Zeiten wird so zum unterhaltsamen Lehrbuch heute immer notwendiger werdender Kriminalprävention. Erfolgreiche Ganoventricks haben Generationen überdauert und werden weitervererbt, sofern sie noch funktionieren, solange man Dumme dafür findet. Das, was ihm Erfolg verspricht, gehört zum Repertoire des Ganoven, das Alter der Täuschung spielt dabei überhaupt keine Rolle ...

ISBN: 978-3-86634-280-4
388 Seiten
Preis: 19,85 €
Die Welt will betrogen sein

In diesem Buch geht es kreuz und quer durch die Kriminalgeschichte, heitere Gaunereien, Pleiten, Pech und Pannen bei "Räuber und Gendarm" sowie Aberglaube und "schwarzer Humor" werden aufgetischt. Das Buch ist ein Pitaval der besonderen Art.

ISBN: 3-932863-56-9
64 Seiten, 15 Abbildungen
Preis: 5 €
Die Austreibung des Teufels

Steffen Claus hat eine Auswahl an Ereignissen zusammen gestellt, die durchweg überlieferten Tatsachen entsprechen. Heitere Gaunereien sowie Aberglaube garantieren eine vergnügliche Lektüre.

ISBN: 3-932863-62-3
64 Seiten, 15 Abbildungen
Preis: 5 €
Die nackte Frau im Schrank

In diesem Buch geht es kreuz und quer durch die Kriminalgeschichte, heitere Gaunereien, Pleiten, Pech und Pannen bei "Räuber und Gendarm" sowie Aberglaube und "schwarzer Humor" werden aufgetischt. Das Buch ist ein Pitaval der besonderen Art.

ISBN: 3-932863-56-9
64 Seiten, 15 Abbildungen
Preis: 5 €

© W. Brandt

 

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