Würfelspiele
Das Würfeln oder Knobeln ist das älteste Glücksspiel der Welt. Der "Knobel", ein sechsseitiger Körper aus Elfenbein, Knochen, Stein oder Holz, trug schon bei den alten Ägyptern die Ziffern eins bis sechs so angeordnet, dass sie gegenüberliegend zusammengezählt sieben ergaben. Er war offensichtlich so wertvoll, dass er in 4.000 Jahre alten Gräbern gefunden wurde.
Nicht nur im alten Ägypten, im Orient und in Indien kannte man Würfel. Auch die Griechen waren leidenschaftliche Würfler, und sie schrieben die Entstehung des Würfels dem der Mythologie entstammenden Erfinder Palamedes zu. Der römische Kaiser Claudius schrieb gar eine Abhandlung über das Würfeln.
Die fallenden Würfel haben aber nicht nur bei den Griechen und Römern sprichwörtliche Bedeutung erlangt. Sie blieben das gesamte Mittelalter hindurch beliebt und entfalteten auch weiterhin sprachbildende und geistesgeschichtliche Kraft.
Die Wahrscheinlichkeitsrechnung, die Du vielleicht schon aus der Mathematik kennst, begann mit dem Studium des Würfelspiels. Man wollte endlich genau wissen, wie denn nun die Chancen für Gewinn und Verlust stehen. Wie oft würfelst Du die richtige Zahl? Auch interessant: Das französische Wort "hazard" für den Zufall entstammt dem arabischen "az-zahr", und das bedeutet - oh Wunder - so viel wie Spielwürfel!
Das „reine“ Würfelspiel (Würfel sind alleiniger Gegenstand des Spiels in unterschiedlicher Anzahl) zählt zu den ältesten bis heute praktizierten Glücksspielen, deren Ausgang vom Zufall abhängig ist. Mit Hilfe archäologischer Funde, Bild- und Textquellen kann das Würfelspiel 5000 Jahre zurück datiert werden. Verbreitet war es bereits im antiken Mittelmeerraum. Tacitus berichtet über die Germanen, dass sie „das Würfelspiel ... in voller Nüchternheit ... wie ein ernsthaftes Geschäft“ betreiben. Und weiter: dass „ihre Leidenschaft im Gewinnen und verlieren ... so hemmungslos [ist], dass sie wenn sie alles verspielt haben, mit dem äußersten und letzten Wurf um die Freiheit und ihren eigenen Leib kämpfen“.
Im Mittelalter war das Würfelspielen in der gesamtem Bevölkerung verbreitet, d.h. nicht nur Bauern und Schausteller spielten, sondern auch Geistliche, Adel und Bürger, Frauen gleichermaßen wie Männer. Gewürfelt wurde stets um einen Gewinn, der zunächst aus Sachwerten bestand, dann ab dem 9. Jahrhundert mit der zunehmend Ausweitung des Münzwesens, sind Geldgewinne nachweisbar.
Spielorte der Unterschicht waren öffentliche Bereiche wie das Wirts- und Gasthaus, Jahrmärkte und andere Feste. Bürger und Adel spielten meist in den sich allmählich ausbildenden Spielhäusern, bei Hof, auf Bällen oder in privaten Räumen.
Die hohen Einsätze und die Risikobereitschaft, die oft aggressiven Reaktionen auf ein verlorenes Spiel, führten schließlich immer wieder zu Verordnungen und Verboten. Mit der „lex alearis“ untersagten die Römer das Würfelspiel. König Ludwig IX. verbot 1255 seinen Beamten das Würfelspiel und die Anfertigung von Würfeln. Von den Edikten reglementiert wurden soziale Gruppen, die Spielzeiten und die Höhe des Einsatzes. Sie galten in der Regel nur für eine bestimmte Region. Bei der Durchsetzung spielte der gesellschaftliche Stand der Spieler und Spielerinnen eine große Rolle.
In der mittelalterlichen Bildtradition taucht eine Figur für das Spiel mit dem Zufall auf, die dem Schachspiel entnommen ist. „Ribaldus“, eigentlich der Bauer im Schachspiel, gilt als Synonym des Spielers. Seine Attribute sind drei Würfel, die er mit der linken Hand in die Luft wirft. Zeichen dafür, dass er zum Spiel bereit ist. Er symbolisiert eine Randfigur der Gesellschaft und zählt zu den Spielern, Seiltänzern und Spaßmachern. Der Würfler bzw. der Spieler war der Obrigkeit ein Dorn im Auge. Sie sahen die Unterschicht vom Würfelspiel verführt, bereit ihren gesamten Besitz, das Wenige was sie hatten, samt Frau und Kind zu verspielen. Weitere Folgeerscheinungen der Spielleidenschaft waren für sie übermäßiger Alkoholgenuss, gewalttätige Auseinandersetzungen und “Gotteslästerung“, wie Schwüre auf das Spiel oder „tätliche“ Angriffe auf christliche Symbole, z.B. Bespucken des Kruzifix. Geistliche verdammten das Spiel in ihren Predigten als „Teufelsspiel“.
Mittelalterliche Illustrationen zeigen die Spieler häufig in Gesellschaft des Teufels – dem damaligen Zeichen nicht gottgefälligen Lebens. Der Spieler selbst wird nicht selten in einem Narrenkostüm porträtiert. Aber auch Literaten
beschäftigten sich mit dem Glücksspiel. Bekannte und anonyme Dichter beschrieben in ihren Erzählungen, Dramen etc. verschiedene Würfelspiele und -turniere. Wilhelm Hauff schildert in seinem Märchen „Das kalte Herz“ wie sein Protagonist der Spielleidenschaft verfällt und damit letztlich sein Unglück heraufbeschwört.
Das Spiel mit dem Glück faszinierte die Menschen derart, dass sie den Ausgang des Spiels nicht mehr den Zufall überlassen wollten. Im späten 15. Jahrhundert begann man die Gewinnchancen zu berechnen und versuchte das Fallen des Würfels nach seiner Wahrscheinlichkeit zu analysieren.
Nach Aufkommen der Spielkarten galt es jedoch zunehmend als unfein mit Würfeln zu spielen. Grafiken und Gemälde des 17. und 18. Jahrhunderts zeigen überwiegend Bauern, Handwerker und Soldaten beim Würfelspiel, die Landesherren werden seltener bei diesem Spiel dargestellt. Das Würfelspiel war nicht mehr standesgemäß. Mit dem Aufkommen der staatlich betriebenen Casinos wurden Karten- und Roulettespiele wichtiger.
Text- und Bildquellen:
Ulbricht, Ingrid: Die Verarbeitung von Knochen, Geweih und Horn im mittelalterlichen Schleswig. Karl Wachholtz Verlag Neumünster, 1984
www.janeden.org
© Copolymer