Machinarium
Es ist eine Welt, wie wir sie NICHT kennen. Eine Welt der Roboter, der dampfenden Maschinen und auch des langsamen Verfalls. Mitten in dieser Welt steht eine Stadt, ein hoch aufragender Moloch, auf den wir von Ferne blicken. Seltsame mechanische Vögel schweben herum, die Ebene, die vor uns liegt, sieht aus wie ein Schrottplatz. Einen Klick später sieht man einen Frachter aus der Stadt herausfliegen und über dem undurchdringlichen Chaos an Eisen und Schrott ein paar Teile abwerfen. Eines dieser Teile lebt jedoch ... Und so beginnt das Abenteuer.
In bester Adventure-Manier steuert man den kleinen Roboter Josef, dessen Name das ganze Spiel über nicht genannt wird (aber auf der Verpackung angegeben ist). Zunächst muss der kleine Automat sich seine eigenen Teile wieder zusammensuchen. Ohne überhaupt zu wissen, was die Aufgabe sein wird, die ihn erwartet, macht sich Josef auf den Weg zurück in die Roboterstadt. Dabei muss er viele Rätsel lösen, Gegenstände kombinieren, Schalter- und Verschieberätsel machen, Labyrinthe durchqueren, bestimmte Aufträge erfüllen – und manchmal auch ganz ungewöhnliche Wege gehen. Zum Beispiel durch Lüftungen und Abwässerkanäle. Weiter und weiter bewegt er sich durch die Stadt. Dabei erleben wir in eingeblendeten Denkblasen, was sich in der Vergangenheit zugetragen hat. Da ist eine fiese Dreierbande von mechanischen Bösewichtern, die plant, den Wohnturm des alten und weisen Bürgermeister-Robots in die Luft zu sprengen! Und auch schon vorher hatten die anderen Roboter unter den drei mechanischen Rowdys zu leiden, die einem jeden Spaß verderben. Außerdem halten sie Josefs Freundin gefangen, die zu andauernder Küchen- und Putzarbeit verdammt ist. Klar, dass Josef versuchen muss, sie und die gesamte ihm bekannte Welt zu retten!
Dabei sagt der kleine Kerl kein Wort. Überhaupt spricht in »Machinarium« niemand wirklich. Einzig ein unverständliches Quäken kommt aus einem herumstehenden Radio, und die Charaktere, mit denen man interagieren kann, grunzen nur unwillig oder klappern zustimmend. Und das mit voller Absicht. Denn alle Emotionen, die »Machinarium« hervorruft, werden über den hervorragenden Soundtrack transportiert, über das feine Sounddesign der Effekte und über die wohl dosierten kleinen Denkblasen. Der kleine Robot in seiner teils hilflosen, teils melancholisch wirkenden Art tut sein Übriges, dass man als Spieler fast schon das Bedürfnis hat, ihm einfach helfen zu müssen.
»Machinarium« ist ein beeindruckendes Spiel. Und das liegt nicht nur an der rührenden Geschichte, dem hervorragenden Sound- und Grafikdesign und der niedlichen Hauptfigur. Das Spiel, das selbst auf älteren Rechnern unter 2 GB Prozessor und weniger als 1 GB Arbeitsspeicher beinahe ohne spielerische Verluste läuft, besinnt sich auf die ursprüngliche Seele grafisch orientierter Point-and-Click-Adventures. Das Inventar des Roboters ist stets übersichtlich und nicht überfrachtet, die Grafik ist nicht anspruchsvoll in den technischen Anforderungen, aber in ihrem postapokalyptisch-comicartigem Stil und seinen liebevoll gestalteten Details eine Ausnahmeerscheinung. Die Hintergründe des Games sind dabei handgezeichnet, viele kleine Spielereien wurden animiert, und die Steuerung ist sehr einfach. Josef kann sich, einer Ziehharmonika gleich, zusammenstauchen und ausdehnen. Das ist sehr wichtig, denn so kann er auch höher gelegene Gegenstände erreichen und unter Hindernissen hindurchkriechen. Außer dem bereits erwähnten Inventar ist das schon alles. Ansonsten läuft der Roboter auf Klick an die Stelle des Spielbildschirms, an die man ihn dirigiert, und bedient die Schalter und Knöpfe, die man ihm auf die gleiche Weise angibt. Etwas gewöhnungsbedürftig ist dabei, dass man bei Gegenständen, mit denen interagiert werden kann, direkt mit der Figur daneben stehen muss, sonst passiert nichts. Bei anderen Adventures kann man solche Spielzüge auch starten, wenn man etwas weiter entfernt steht. Die Figur begibt sich dann selbstständig dorthin, wo etwas getan werden muss. Das ist hier anders.
Technisch ist das Spiel, wie bereits erwähnt, nicht anspruchsvoll. Ein älterer Rechner kommt mit dem komplett in Flash animierten (!) Game noch gut zurecht, auf neueren Maschinen läuft es allerdings teils etwas schneller, die Bewegungen wirken aber ebenso flüssig, selbst wenn sie minimal schneller abgespielt werden. Die Hintergründe wimmeln vor animierten Details, die Spielewelt wirkt trotz ansonsten statischer Hintergründe lebendig. Die handgearbeitete Grafik erinnert dabei ein Klassiker-Games wie das in einem ähnlichen Setting angesiedelte »Beneath a steel sky«, bis heute eines der Lieblingsspiele des Autoren dieser Zeilen. Die zahlreichen Spiel-Szenen sind kreativ gestaltet, ebenso wie die Rätsel, deren Schwierigkeitsgrad teils doch knackig ist. Allerdings haben die Spielemacher für daran Verzweifelnde eine Lösung eingebaut. Nach einem kleinen Minigame kann man sich eine ins Spiel integrierte Komplettlösung ansehen, die – jeweils für den aktuellen Screen – angibt, wie man weiterkommt. Allerdings muss man das Minigame jedes Mal, wenn man die Lösung aufrufen will, noch einmal spielen. Für Gegner kurzer Arcade-Sequenzen wird das zur Herausforderung – zumal man im Spieleverlauf auch noch seine Fähigkeiten bei einer »Space Invaders«-Variante unter Beweis stellen muss.
Ein weiteres Detail, das zum Spielgenuss erheblich beiträgt, ist der fantastische Soundtrack von Tomás »Floex« Dvorák. Sein teils vom Nu-Jazz und Funk inspirierter Sound, der ebenfalls Chiptunes-Elemente enthält und alles mit außergewöhnlich instrumentierter elektronischer Musik vermischt, ist schon allein das Erleben der »Machinarium«-Spielewelt wert. Er erinnert in seinen weichen und mysteriösen Momenten teilweise an den atmosphärischen Soundtrack von der Soderberg-Verfilmung des Lem-Romans »Solaris«.
Die Macher von »Machinarium« nennen sich Amanita Design und sind eine tschechische Spieleschmiede, die mit derzeit weniger als zehn Mitarbeitern (noch) klein und unabhängig ist. Sie haben mit ihren Browsergames »Samorost 1 + 2« für Aufsehen gesorgt, und so konnten sie, mit Unterstützung von »Daedalic Entertainment«, die als Produzent fungierten und 2009 mit Spielehits wie »Edna bricht aus« und »The Whispered World« für Überraschungserfolge im Adventure-Sektor sorgten, »Machinarium« als erstes »abendfüllendes« Game verwirklichen. Das brachte dem Spiel bereits im Voraus den Preis des Independent Games Festival 2009 ein. Völlig zurecht, wie man auch an den weiteren Spielen von »Amanita Design« feststellen kann, die man beinahe alle kostenlos auf der Homepage der Spieleschmiede www.amanitadesign.com spielen kann.
Aber Vorsicht! Hat man einmal damit angefangen, ist es schwer, sich da wieder loszureißen. 
Da das Spiel inhaltlich etwas kurz geraten ist (Spielzeit, je nach Erfahrung mit Adventures zwischen 8 – 12 Stunden), hat man es mit vielen Extras ausgestattet. Neben einer Extra-CD mit dem Soundtrack als Audio-Version in hervorragender Qualität findet man auf der Spiele-CD die Vollversion des Spieles »Samorost 2«, welches als Download sonst ein paar Euros kostet. Mit einem ähnlichen Spieleprinzip wie »Machinarium« und ebenso toller Grafik und schönem Sound ausgestattet, ein kurzes, aber lohnendes Vergnügen. Außerdem liegt der Packung noch ein Din-A3-Poster des »Machinarium«-Covers bei.
Wer jetzt neugierig geworden ist, dem sei die Internetseite www.machinarium.de ans Herz gelegt. Dort gibt es eine Demo zum Spiel, einen Patch, Wallpaper, Hörproben des Soundtracks, Trailer und Screenshots. Falls man sich dann dazu entschließen sollte, das gesamte Spiel zu kaufen, sind die rund 30 Euro, die dafür fällig sind, für jeden Adventure-Freund hervorragend angelegt.
Produktinformationen:
Entwickler: Amanita Design, Tschechien
Produzent: Daedalic Entertainment
Erscheinungsdatum: 27. Oktober 2009
Preis: ca. 30 Euro
Systemanforderungen:
Windows XP/Vista bzw. MacOS 10.4 (Tiger) oder besser
1,6 GHz Prozessor mit 1GByte RAM
400 MB Festplattenspeicher
1.024 x 768 Bildschirmauflösung (1.280 x 800 empfohlen)
Maus, CD-ROM-Laufwerk, Soundkarte
Übrigens, die Pressemeldung zum Spiel schickte der Produzent »Daedalic Entertainment« auf grünem Lochstreifenpapier mit über DOS per Nadel-Drucker gedruckter TXT-Datei. Ein toller Retro-Look-Einfall und damit Platz 1 für meine interne Top-Liste der kreativen Öffentlichkeitsarbeit im Jahr 2009.
© Sascha Vennemann