
Klangwelten

Musikerkurzbio- und Diskografien - Tamara Danz
von Wolfgang Brandt

Einige Gedanken zum 13. Todestag der Rocklady
»Meine Uhr ist eingeschlafen. Ich hänge lose in der Zeit. Ein Sturm hat mich hinaus getrieben, auf das Meer der Ewigkeit … Gib mir Asyl hier im Paradies, hier kann mir keiner was tun …«
Wer im Berliner Stadtbezirk Friedrichshain unterwegs ist, wird sie sicher schon einmal durchquert haben: Die Tamara-Danz-Straße, gegenüber dem Mauerrest, »East Side Gallery« genannt, an der Ecke Mühlenstraße, wo auf dem Anschutz-Areal Entertainment und Events toben. Auf der Brache zwischen altem Postbahnhof und Warschauer Brücke wurde am 16. November 2006 im Beisein des Bezirksstadtrates für Stadtentwicklung und Bauen in Friedrichshain-Kreuzberg, Franz Schulz, und der Band »Silly« mit Sängerin Anna Loos eine neue Straße nach der ehemaligen Frontfrau von »Silly« benannt. Ein Zusatzschild, wie es bei manch anderen Straßen zu sehen ist, bedarf es hier nicht: Vielen ist Tamara Danz noch in Erinnerung und wird es sicherlich auch bleiben.
Tamara war unumstritten die Rocklady Nr 1 der ehemaligen DDR, wurde auch als die »Tina Turner des Ostens« bezeichnet. Obwohl sie sieben Mal als »Beste Rocksängerin des Jahres« ausgezeichnet wurde, sah sie stets ihre musikalischen Leistungen im Verbund mit ihrer Band. Ohne diese hätte Tamara Danz ihre Anerkennung nicht erreicht. »Das mit Silly isses eigentlich, da ist einfach so ein Lebensgefühl«, lautete ihre Liebeserklärung an die Band.
»Ich habe einen russischen Namen, mit drei A«, so stellte sich die Tamara Danz der 1983 dem Publikum im Dresdner Kulturpalast vor. Davor kannte man die Band als »Familie Silly« mit Tamara Danz ( Gesang), Thomas Fritzsching (Gitarre), Mathias Schramm (Bassgitarre), Ulrich Mann (Keyboard), Manfred Kusno (Keyboard) und Michael Schafmeier (Schlagzeug) eher als Ulkband, mit Persiflagen auf internationale Hits.
Die um 1980 auch in der DDR registrierte Neue Deutsche Welle sowie New Wave und New Romantic erweiterten das Spektrum maßgeblich, sodass sich auch »Silly« zu neuen Tönen entschloss. Man trennte sich von Ulrich Mann und Manfred Kusno. Dafür kam in die Band Rüdiger Barton (Gruppe Magdeburg, City). Den Umbruch der Band machte Werner Karma, Texter für zahlreiche Rockbands, perfekt: »So 'ne kleine Frau,und so 'ne große Lust, und hat schon Kinder dreie, und immer noch kein' Frust, und hat schon so gelitten, und immer noch so'n Mut, und hat so schlaffe Titten, und hat so'n heißes Blut…« gehörten nach Meinungen der Kulturkritiker wohl eher auf die Strafbank als auf die Bühne. Doch geht es in diesem Lied über die Sehnsucht, über die Gier nach Glück einer kleinen, einfachen jungen Frau, die im Leben schon einiges durchgemacht hat, um soziale Aspekte. Der Song »So 'ne kleine Frau« ist für meine Begriffe einer der besten Texte, die Werner Karma für Tamara und Silly geschrieben hatte.
1984 stieg Michael Schafmeier aus und wurde durch Herbert Junck (Hansi Biebl Band, NO 55) ersetzt. 1987 ging Mitbegründer Mathias Schramm. Für ihn kam Hans-Jürgen Reznicek (Veronika Fischer und Band, Pankow) und als sechster Mann wurde Uwe Haßbecker (Stern Meißen) engagiert.
Tamara Danz kam aus einem nach den damaligen Maßstäben guten Elternhaus, wohnte in ihrer Kindheit in Münchehofe unweit von Berlin. Die Mutter war Kindergärtnerin, der Vater Maschinenbauingenieur, später Handelsrat im diplomatischen Dienst. Die Frontfrau wollte nie im Rampenlicht stehen, scheute es bei Konzerten und versuchte sich im Schatten der Scheinwerfer zu verstecken. Sie war sehr zurückhaltend, teilweise misstrauisch, bewahrte sich aber ihren Berliner Charme. Tamara war aber auch rebellisch, hatte eine Stickwut auf den »Scheinsozialismus« in der ehemaligen DDR und auf die ablehnende Haltung von westdeutschen Plattenfirmen, die von Ostrock nichts wissen wollten, da die Texte der Band »Silly« nicht in ihr Konzept passten.
Es war ihre Kraft, nicht aufzugeben, weiterzukämpfen, auch wenn alle gegen einen sind. Es war ihr bewährtes Rezept, das in all den Krisen funktionierte: an sich glauben, weiterarbeiten, auf bessere Zeiten hoffen. Tamara Danz zog sich immer wieder aus dem Sumpf, und das Verblüffende ist, dass sie dabei so attraktiv, ja, so hübsch blieb, als wäre nie etwas passiert.
Es ist ein hübscher kleiner Friedhof in Münchehofe, auf dem Tamara Danz ihre letzte Ruhe gefunden hat. Uwe Hassbecker und Erich Danz haben für sie einen guten Platz an der Friedhofsmauer ausgesucht. Noch immer kommen an manchen Wochenenden Freunde, Bekannte und vor allem Fans der Rocklady und legen Blumen und Gebinde auf ihr Grab. Und so wird es auch am 22. Juli an ihrem 13. Todestag sein.
»Wenn die Sonne scheint, bevor es wieder Herbst wird,
steig ich ins Auto und fahr noch mal raus.
Im Babysitz strahlt meine kleine Tochter
und neben ihr, da blüht ‘n Blumenstrauß.
Heut geh ich fremd und denk an eine Andre.
Die wartet an der Ausfahrt der B 1.
Meiner Tochter sag ich: Eine Tante,
und: Guck bloß mal wie die Sonne scheint.
Das Schlummerdorf am Weg heißt Münchehofe.
So klein, dass man‘s zumeist in Ruhe lässt.
Der Wind harft durch die Friedhofspforte,
hier liegt Tamara Danz und schläft zu fest.
Ein leises Lied weht über‘n weißen Sand …« |
| (City: »Tamara« aus dem Album »Silberstreif am Horizont« 2003) |
Quellen:
Bernd Lindner: DDR-Rock & Pop, KOMET Verlag GmbH Köln, 2008
© W. Brandt
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