
Filmwelten - Stars des Films

Ein unangepasster Charakterschauspieler wurde 100
“Er hat den aufrechten Gang geprobt - in den Konzentrationslagern ebenso wie während der Zeit des Exils, auf der Bühne Brechts wie in den Filmen, in denen er sein Gesicht nicht versteckte.“
An seinem hundertsten Geburtstag hatte er die Qual der Wahl: zwischen mehreren Filmen, darunter "Kuhle Wampe", und einer Ausstellung über sein Leben. In jedem Fall wurde Erwin Geschonneck selbst in der Akademie der Künste in Berlin erwartet, die ihn mit dem umfangreichen Programm ehrte. Der Ostpreuße, der als KPD-Mitglied in die Sowjetunion emigrierte und dort 1939 an die Gestapo ausgeliefert wurde, spielte an Theatern wie dem "Berliner Ensemble" und in DEFA-Filmen. "Nackt unter Wölfen", "Jakob der Lügner" oder "Das kalte Herz" zählen zu den bekanntesten Streifen.
Erwin Geschonneck wird am 27. Dezember 1906 in Bartenstein in Ostpreußen als Sohn eines Flickschusters geboren. Ein Jahr nach seiner Geburt stirbt die Mutter, und der Vater zieht mit ihm und den beiden Geschwistern nach Berlin, in den Kiez um die Ackerstraße. Auf Wunsch des Vaters beginnt er eine Banklehre, wird aber 1923 entlassen und schlägt sich anschließend als Hilfsarbeiter, Hausdiener und Bürobote durch.
Bald schließt sich der junge Geschonneck der Arbeitersportbewegung an. In Reinhold Schünzels Film "Das Mädchen aus der Ackerstraße" erhält er 1920 eine Statistenrolle, fliegt aber aus der Crew, als er die Rolle so nicht akzeptieren will. 1929 tritt er in die KPD ein. Er singt in Arbeiterchören, spielt in Theatergruppen sowie an Erwin Piscators "Junger Volksbühne". 1930 wirkt Geschonneck als einer von 4.000 Arbeitersportlern in Slatan Dudows legendärem Film "Kuhle Wampe" mit. Bertolt Brecht schreibt mit am Drehbuch, Hanns Eisler komponiert die Musik.
Unter dem Namen Erwin Gösch schließt er sich einer Truppe junger jüdischer Schauspieler an, die in Tanzsälen spielt. Dort ist er Beleuchter, Darsteller und Souffleur. Nach der Machtübernahme der Nazis 1933 geht Geschonneck mit seinen jüdischen Schauspielerkollegen in Exil nach Polen, wo er ein Jahr später verhaftet und in die Tschechoslowakei abgeschoben wird. In Prag steht er 1934 John Heartfield Modell für dessen Fotomontage des ans Hakenkreuz Gefesselten.
Ende 1934 geht Geschonneck in die Sowjetunion, wo Gustav von Wangenheim mit emigrierten Schauspielern ein Deutsches Theater eröffnen will, was aber letztlich an den sowjetischen Behörden scheitert. 1938 – auf dem Höhepunkt der stalinistischen Säuberungen – arbeitet Geschonneck an einem deutschsprachigen Theater in Odessa. Dort wird er zur Geheimpolizei NKWD bestellt und aus der Sowjetunion ausgewiesen. Dank der Hilfe von Freunden in Moskau wird er nicht an Nazideutschland ausgeliefert, sondern kann in die Tschechoslowakei zurückkehren. Dort schließt er sich der Freien Deutschen Spielgemeinschaft Prag an. Er inszeniert eine antifaschistische Agitprop-Show und spielt seine erste Rolle in einem Brechtstück – den Arbeiter Pedro in "Die Gewehre der Frau Carrar". Als die deutsche Wehrmacht in die Tschechoslowakei einmarschiert, taucht Geschonneck unter. Beim Versuch, über Polen nach London zu fliehen, wird er 1939 von der SS verhaftet und ohne Prozess ins Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt.
1940 ins KZ Dachau verlegt, wird Geschonneck Stubenältester, später Blockältester. Er arbeitet in der illegalen Widerstandsorganisation des Lagers mit und versucht, durch Einstudieren von Theaterstücken die Moral seiner Mithäftlinge zu stärken. Ab 1944 im KZ Neuengamme in der Nähe von Hamburg, wird Geschonneck bei der Evakuierung des Lagers auf dem ehemaligen Passagierdampfer "Cap Arcona" in der Lübecker Bucht eingesperrt. Am 3. Mai 1945 wird das mit 4.000 KZ-Häftlingen besetzte Schiff durch britische Bomber versenkt. Erwin Geschonneck gehört zu den 350 Überlebenden. - 1981 verarbeitet Lothar Bellag die Ereignisse in seinem Fernsehfilm "Der Mann von der Cap Arcona", in dem Geschonneck die an seine Biografie angelehnte Hauptrolle spielt.
Nach Kriegsende arbeitet er in Hamburg in einer Kommission zur Entnazifizierung von Künstlern mit. Ida Ehre engagiert ihn an die Kammerspiele. Dort spielt er von 1946 bis 1948 in 20 Inszenierungen, so unter anderem 1947 in der Uraufführung von Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür". Er arbeitet beim Nordwestdeutschen Rundfunk als Hörspielsprecher und übernimmt kleinere Rollen in diversen Filmproduktionen, so in Helmut Käutners erstem Nachkriegsfilm "In jenen Tagen" und Wolfgang Liebeneiners "Liebe 47".
1949 geht Geschonneck nach Ostberlin, zunächst ans Deutsche Theater, bevor ihn Bertolt Brecht und Helene Weigel ans Berliner Ensemble holen, wo er als Knecht Matti in Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti" auch über Deutschland hinaus bekannt wird. Ab 1951 spielt er außerdem den Feldprediger in "Mutter Courage und ihre Kinder" sowie den Pedro in "Die Gewehre der Frau Carrar". Da ihm jedoch die Routine der täglichen Wiederholung auf der Bühne nicht behagt, verabschiedet er sich Ende der 1950er Jahre von der Bühne, abgesehen von einigen Gastspielen wie 1959 in Rostock als Macheath in der "Dreigroschenoper".
Bereits 1949 hat Geschonneck den Motes in Erich Engels "Biberpelz"-Verfilmung gespielt. Nun übernimmt er zahlreiche Rollen bei der DEFA, mit der er einen Vertrag über zwei Hauptrollen im Jahr abschließt. Bald wird er zu einem der beliebtesten Darsteller seiner Generation in der DDR. Zu seinen großen Filmen zählen "Das Beil von Wandsbek" (1951), in dem er den braven Familienvater gibt, der ohne Skrupel Auftragsmorde für die Nazis ausführt, und "Sonnensucher" (1958), wo er einen unorthodoxen Kommunisten spielt, der sich gegen engstirnige Parteisekretäre durchsetzt. Während diese beiden Produktionen einige Jahre in der DDR Aufführungsverbot haben, feiert die Komödie "Karbid und Sauerampfer" (1963) Erfolge, in der er sich als Arbeiter Kalle in Schwejkscher Manier im Zonenalltag Nachkriegsdeutschlands durchschlängelt, um sieben Fässer Karbid zu besorgen. Das Spektrum seiner Rollen reicht vom dämonischen Holländermichel im Märchenfilm "Das kalte Herz" (1950) über den KZ-Häftling Krämer in "Nackt unter Wölfen" (1962), den Heiratsschwindler Ewald Honig in "Ein Lord am Alexanderplatz" (1966/67) oder den Ghettofriseur Kowalski in "Jakob der Lügner" (1974) bis hin zum skurrilen Opa in "Asta mein Engelchen" (1980).
Geschonneck ist ab 1967 Vizepräsident des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden und seit 1969 Ordentliches Mitglied der Akademie der Künste in Ost-Berlin. Er erhält zahlreiche Preise, darunter viermal den Nationalpreis der DDR, 1985 den Kunstpreis der DDR sowie in der Bundesrepublik 1993 den Deutschen Filmpreis für sein Lebenswerk. Nach der Wende wirkt er 1995 noch einmal in einem Fernsehfilm mit. In "Matulla & Busch" spielt er den Bewohner eines westdeutschen Seniorenheims, der unerwartet ein instandbesetztes Haus in Ostberlin erbt. Unter der Regie seines Sohnes Matti kann der 89-Jährige dabei noch einmal sein komödiantisches Talent unter Beweis stellen.
Er kann nicht mehr gut hören und gut sehen, aber er singt noch seine Küchenlieder. Nunmehr im Liegen und für sich. Beim Fernsehen beschränkt sich sein Interesse auf Gesundheitsmagazine. Morgens holt seine Frau das Neue Deutschland und die Berliner Zeitung aus dem Briefkasten. Dann arbeitet er sich mit einer starken Lupe durch raschelndes Papier. Er braucht auch seine tägliche Lektüre in den Marx-Bänden und liest Biografien und Sachbücher - zum Beispiel Lotte Lenya und Kurt Weill, Die Wagners, Carola Stern, Heinz Rühmann, Günter Gaus, Einstein, Der Vatikan und Hitler, Markus Wolf, Theodor Brugsch. Das alles steht neben seinem Bett. Erwin Geschonneck will immer noch wissen, was Leute in verschiedenen Zeiten gedacht haben. Aus vielen Menschengeschichten und eigener Erfahrung ergibt sich, was man über die Welt denken kann.
Textquellen:
www.defa-sternstunden.de
www.filmportal.de
Bildquelle:
www.dpa.de
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